Tagesarchiv für den 2. Februar 2011

Mit einem Sieg für viel Freude sorgen

2. Februar 2011

„Epi, Epi, Epi – du musst kommen, schnell.“ Schrecksekunde beim Vormittagstraining des HSV. Ruud van Nistelrooy hatte Torwart Tom Mickel voll mit dem Stiefel im Gesicht getroffen, der 21-Jährige ging blutend zu Boden und der Niederländer rief ganz aufgeregt nach Physiotherapeut Uwe Eplinius. Der kam angelaufen und führte den verletzten und stark blutenden Keeper sofort in die Kabine. Die Diagnose hörte sich dann nicht gerade prickelnd an: Drei Platzwunden auf der Stirn, zwei mussten genäht, die andere musste geklebt werden. Aer wie heißt es doch so schön im Volksmund: „Einen schönen Menschen entstellt nichts.“ Oder so ähnlich.

Es klingt wieder arg dramatisch, wenn es um das HSV-Training geht, aber es war wieder eine „ganz normale“ Einheit. Wieder eine wie immer; so grau wie der Tag. Nach der Aufwärmphase gab es eine Übung, in der das Passspiel geschult wurde. Das wird auch bei einem Kreisklassen-Verein so gemacht. Bei den Profis macht es die Menge, denn jede Ballberührung soll den Spieler ja bekanntlich stärker machen. Mal wurde der Ball angenommen und mit dem anderen Fuß gepasst, mal wurde er im Direktspiel weiter befördert. Danach folgte ein Spielchen über die Hälfte des Platzes – ohne Tore. Und da ich weiß, dass hier einige Trainer immer mal die eine oder andere Anregung dankbar aufnehmen, möchte ich diese Übung einmal genau schildern:
In der Mitte stand ein Spieler mit neutralem Hemd, und auf den Außenlinien (zwei) stand jeweils ein Spieler – also drei neutrale Spieler. In den jeweiligen Hälften (zwei) standen sich fünf gegen fünf gegenüber, die mussten den Außenspieler anspielen, danach den Ball zum neutralen Mann in der Mitte bringen – und dann durfte sich die andere Mannschaft versuchen, „ihren“ Außenspieler anzuspielen. Gelang das, war das so zu werten wie ein Torerfolg. Die Übung wurde von Co-Trainer Michael Oenning geleitet.

Zum Abschluss folgte eine Art Turnier: Drei Mannschaften über die Hälfte des Spielfeldes auf zwei Tore. Jeweils ein Team pausierte am Rande. Alles absolut unspektakulär. Auffällig dabei, wie sehr sich „Vater“ Ruud und sein „kleiner Son“ suchten, beide waren auch für das erste Tor des Tages zuständig: Südkorea legte zur Mitte, die Niederlande vollendete. Ein besonders schönes und schlitzohriges Tor erzielte van Nistelrooy danach noch per Hackentrick, wäre eine Kamera dabei gewesen, wäre es eventuell das „Tor des Monats“ geworden – und das gegen Frank Rost. Der, ganz nebenbei, ärgerte sich natürlich wieder bei jedem Gegentor bis an seine Schmerzgrenze. Herrlich! Aber das spricht ja auch für den Ehrgeiz des Keepers, der jedes Spiel gewinnen will. Aus diesem Holz müssten viele HSV-Spieler mehr geschnitzt sein.

Während die Kiebitze am Rande (und wir Journalisten) froren, schwitzte doch der eine oder andere HSV-Profi ob der Laufeinheiten. Ich aber dachte so bei mir: Wann hast du eigentlich mal einen HSV-Spieler gesehen, der nach einer Trainingseinheit auf Händen und Füßen in die Kabine kroch, weil er so völlig alle war, absolut fix und fertig? Ganz ehrlich, ich habe keinen einzigen Fall gefunden. Ich erinnerte mich spontan nur an Felix Magath. Als der als HSV-Trainer mit seiner Mannschaft in Leogang (Österreich) war, lief er nach dem Training mit der Mannschaft allein auf einen „Zweitausender“. Ich weiß wirklich nicht, wie hoch der Berg war, ich weiß nur, dass ich es vorher für Wahnsinn erachtete, dass sich der gute Felix da hoch quälen wollte – im Laufschritt. Der Coach fragte vorher noch, ob jemand mit wolle, aber es meldete sich keiner (natürlich nicht!). Also im Alleingang. Oder besser im Alleinlauf. Als Magath wieder ins Hotel kam, da kroch er wirklich nur so zur Tür herein. Wie einst beim Hamburg-Marathon, als er die letzten Meter fast besinnungslos ins Ziel geführt werden musste (wer erinnert sich noch?).

In Magaths damaliger Verfassung war aber meines Wissens schon seit Jahrzehnten kein HSV-Profi mehr. Und ich erinnerte mich an zweierlei Dinge: Damals, unter Branko Zebec, übergaben sich die Spieler fast reihenweise während des Trainings, weil sie laufen, laufen, laufen und laufen mussten. Was ja letztlich nicht zu ihrem Nachteil war, denn, die meisten werden es noch wissen, unter Zebec begann die zweite große Ära des HSV. Heute aber ist eine solche Schinderei nicht mehr zeitgemäß, denn heute wird ja doch mehr wissenschaftlich trainiert.

Übrigens: Nach dem Passspiel ging Guy Demel, der ja aus dem Nürnberg-Spiel leicht gezerrt hervorging, in die Kabine. Eine Vorsichtsmaßnahme, damit er am Sonntag auf jeden Fall zum Einsatz kommen kann. Bis zum Ende blieb Eric-Maxim Choupo-Moting auf dem Rasen, konnte sich dabei aber nicht in den Vordergrund spielen. Ich fragt mich an diesem Vormittag, wie lange „Choupo“ wohl noch im Volkspark trainieren wird? Nach wie vor bemüht sich ja der 1. FC Köln um den Nationalstürmer Kameruns, und ich denke auch, dass sich dieser Kampf lohnen wird. Für mich wird Choupo-Moting doch noch wechseln, denn eigentlich ist doch alles noch rechtzeitig gefaxt worden – bis auf diese ominöse dritte Seite, die völlig schwarz war. Aber da müsste doch die DFL ein Einsehen haben, ich frage mich ohnehin, warum die Herren in Frankfurt bis zum Freitag Zeit benötigen, um diese Sache zu entscheiden. Aber gut, es ist so wie es ist.

Und wenn ich gerade bei Nürnberg und dieser peinlichen 0:2-Pleite war: Heute kam Marcell Jansen noch einmal auf diesen Kick zu sprechen, und der Nationalspieler hatte dabei eine andere, für mich höchst interessante Sichtweise zu bieten: „Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum jetzt alle so auf das Nürnberg-Spiel schimpfen, wenn man ehrlich ist, dann muss man auch die vorherigen Spiele in Gladbach und gegen Frankfurt schon kritisch sehen. In diesen Spielen war es ja auch nicht so, dass wir uns eine Torchance nach der anderen heraus gespielt haben, oder dass wir da so gut gespielt haben. Da wurde aber nichts gesagt, getreu dem Motto: wir haben gewonnen. Dann ist ja okay.“ Marcell Jansen weiter: „Dann aber nach dem Nürnberg-Spiel wird gejammert, und das finde ich nicht okay. Natürlich sind wir besser geworden, das haben der Trainer und sein Team auch gut gemacht und gut hinbekommen. Es war, ganz klar, eine Verbesserung da, aber es war trotz allem nicht so, dass wir so grandios gespielt haben, dass man zum Nürnberg-Spiel fragen kann: Was ist denn da nun wieder passiert? Das wäre mir zu einfach. Auf Schalke haben wir ein ordentliches Spiel gemacht, aber man muss auch sagen, dass Schalke nicht so gut war – und andere Mannschaften haben auch gegen Schalke gewonnen. Meiner Meinung nach muss man das alles schon realistisch einschätzen.“

Sehr, sehr richtig. Herr Jansen. Der noch anfügte: „Klar haben wir auf Schalke gewonnen, aber das war ganz normal für uns – bei unserem Kader. Klar haben wir gegen Frankfurt gewonnen, aber der Eintracht haben sechs oder sieben Spieler in der Abwehr gefehlt. Dann muss es unser Anspruch sein, gegen einen so dezimierten Gegner zu gewinnen. Kar wissen wir, dass wir Fehler in Nürnberg gemacht haben, aber ich möchte jetzt auch nicht alles schlecht reden. Ich finde nur, dass man diese Spiele als Ganzes sehen muss, und nicht nur das Spiel in Nürnberg. Das ist mir zu einfach. Wir müssen uns nun gegenseitig hoch pushen, um mit einem Sieg dran zu bleiben. Wir müssen damit am Sonntag anfangen.“

Hoffentlich bekommt Jansen nach diesen ehrlichen und klaren Worten keinen internen Ärger (mit Kollegen, den Trainern oder/und dem Vorstand). In meinen Augen hat er nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesprochen, für mich bekäme Marcell Jansen für seine sehr gute Analyse und seine absolute Offenheit eine klare Eins – und setzen! Denn ich sehe das ganz genau so. Um mal Farbe zu bekennen.

Das müssen (oder sollten) die HSV-Spieler am Sonntag übrigens alle. Es geht um die Vorherrschaft, die fußballerische Vorherrschaft in dieser Stadt. Obwohl die für fast alle HSVer wohl – Derby hin, Derby her – ja ohnehin geklärt sein dürfte. Aber nach dem 1:1 im Hinspiel könnte St. Pauli ein Sieg dazu dienen, sich inoffizieller Stadtmeister nennen zu dürfen. „Wenn man dieses eine Spiel sieht, dann könnte so mancher Fan so denken, aber wenn man die Vergangenheit sieht, dann kann man HSV und St. Pauli ja gar nicht vergleichen“, sagt David Jarolim. Der Tscheche weiter: „St. Pauli kennt in Europa keiner, wir haben jahrelang international gespielt . . .“

„Jaro“ aber spricht dennoch nicht schlecht über den kommenden Gegner, denn er sagt auch: „Ich weiß, dass St. Pauli eine gefährliche Mannschaft ist. Die sind in der Lage, jeden zu schlagen. Ich habe die zweite Halbzeit des Hoffenheim-Spiels von denen gesehen, Hoffenheim ist eine sehr unangenehme Mannschaft, aber St. Pauli hat gegen die sehr gut gespielt. Wir müssen auf jeden Fall aufpassen, die sind auswärts fast besser als zu Hause, die spielen auf Konter, spielen sehr aggressiv – und dazu kommen dann auch die eigenen Gesetze eines Derbys.“

Grundsätzlich weiß David Jarolim, was bei dieser Partie auf dem Spiel steht: „Mit einem Sieg können wir für viel Freude bei den HSV-Fans sorgen, wir können ihre Laune deutlich verbessern – darum geht es.“ Bleibt zu hoffen, dass das auch alle Kollegen von Jarolim so sehen, dass sie wissen, um was es in diesen 90 Minuten geht. St. Pauli wird sich, weil es immer so ist, zerreißen, wird um jeden Grashalm kämpfen und wird laufen, beißen, strampeln, kämpfen und bis zur letzten Sekunde zur Sache gehen. So war es immer, darauf müssen sich die HSV-Herren auch diesmal gefasst machen. Wer das nicht weiß, der wird sich an diesem heißen Tanz nicht erfreuen können, denn wenn man einmal verpasst hat, in ein solches Spiel zu finden, dann wird es später wohl kaum noch einmal gelingen.

Den letzten klaren Derby-Sieg des HSV gab es übrigens am 19. April 2002, da wurde St. Pauli durch Tore von Bernardo Romeo (2), Martin Groth und Nico Hoogma 4:0 besiegt. Alle anderen Ergebnisse der Neuzeit waren da schon ein wenig knapper. Die Gesamtbilanz sieht den HSV aber noch weit vorn: Acht Siege, sechs Unentschieden, eine Niederlage. Die gab es 1977, ich saß auf der Südtribüne – einen solchen Tag möchte ich – bitte, bitte – nicht noch einmal erleben (müssen).

Am Donnerstag wird im Volkspark um 15 Uhr für das Derby geübt.

PS: VIelen Dank für die vielen, vielen Willkommens-Grüße, die haben mich sehr gefreut.

18.36 Uhr