Tagesarchiv für den 1. Februar 2011

Veh: “Mit Freude und Spaß ins Derby”

1. Februar 2011

Ze Roberto traf das Schienbein von Eric-Maxim Choupo-Moting, Joris Mathijsen hielt gegen Mladen Petric ganz kräftig drüber, ein Wunder, dass da nichts passierte, Gojko Kacar bremste Paolo Guerrero hart an der Grenze der Legalität, David Jarolim legte Ruud van Nistelrooy flach – es ging zur Sache im Volkspark. Die richtige Einstimmung auf das Derby? Von rosa Röckchen jedenfalls war am Vormittag nichts zu sehen und nichts zu merken, es herrschte emsige Betriebsamkeit. Dabei war das Training weder übertrieben hart, noch war es besonders intensiv. Es war, so möchte ich es einmal formulieren, es war wie immer. Auch wenn ich nun einen Monat lang kein einziges HSV-Training gesehen habe. Es waren alle Spieler angespannt bei der Sache, in meinen Augen zu angespannt – mir fehlt da ganz einfach auch ein wenig Spaß. Den hatten wir am Rande, als Guerrero in bester Harnik-Art den Ball aus zwei Metern am Tor vorbei schoss. Zur Ehrenrettung des Peruaners sei allerdings gesagt: Es handelte sich dabei nur um ein Ein-Meter-Tor.
Gelacht wurde trotz allem herzhaft.

Aber, wie gesagt: am Rande. Auf dem Rasen habe ich an diesem Tag nicht ein Lachen entdecken können, nicht einmal ein Lächeln. Ein gutes Zeichen? Werten wir es einmal als ein solches. Was mich aber doch ein wenig nachdenklich machte: Es gingen an diesem Dienstag einige Spieler kopfschüttelnd vom Platz. Und das nicht deshalb, weil ihnen selbst nichts gelungen war, sondern vielmehr wohl deshalb, weil einigen anderen Kollegen nicht viel geglückt war. Wobei ich noch schildern möchte, was heute trainiert wurde: Nach der Aufwärmphase wurde zwischen den Strafräumen ohne Tore gespielt. Erst direkt, später freies Spiel. Dabei gab es dann auch diese eingangs geschilderten Zweikämpfe. Ich erinnerte mich während des Geschehens an die gute alte HSV-Zeit. Die erste gute HSV-Zeit: Damals ließ Trainer Günther Mahlmann genau dieses Spielchen immer und immer wieder üben, aber er teilte meistens die Spieler, die gegeneinander spielen, kämpfen und laufen sollten, ein. Ein wirkungsvolles Unternehmen, das das Zweikampfverhalten schulte, die Ballsicherheit und die Ausdauer. Mahlmann ließ diese Übung auch meistens über den ganzen Platz laufen – da gab es dann riesige Räume, die zugelaufen werden mussten. Wer dabei nicht an „seinem Mann“ klebte, der bekam den verbalen Ärger der Kollegen zu spüren.
Zurück zu diesem Morgen. Zur Abwechslung gab es auch noch ein Spielchen auf jeweils drei Ein-Meter-Tore. Es gab dabei nicht allzu viele Treffer, den ersten konnte Ruud van Nistelrooy für sich verbuchen.

Am Rande des Trainings unterhielten wir Kollegen uns derweil auch über die Zukunft des HSV. Und dabei geisterte auch der Name Ilkay Gündogan bei uns herum. Der 21-jährige Nürnberger Mittelfeldspieler soll ganz oben auf der nächsten Wunschliste des HSV stehen, und das würde in meinen Augen auch Sinn machen. Erstens braucht der HSV frisches und junges Blut, zweitens gehört Gündogan für mich zu den ganz, ganz großen Talenten im deutschen Fußball. Zudem weiß ich, dass zum Beispiel Thomas von Heesen, der einst Nürnberg trainierte, unglaublich viel von Ilkay Gündogan hält – und ich wiederum halte sehr viel vom Fußball-Experten von Heesen. Aber das möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.

Ausdrücklich möchte ich aber noch einmal auf das Wechsel-Theater von Eric-Maxim Choupo-Moting zurückkommen. Dumm gelaufen. So könnte die Zeile dafür lauten. Trainer Armin Veh, der heute seinen 50. Geburtstag feiert (nochmals herzlichen Glückwunsch!), beurteilte es so: „Zum Glück hat damit der HSV nichts zu tun, uns trifft keinerlei Schuld. Ansonsten: Ich weiß zwar nicht, wer da am Werke war, aber es müssen Amateure gewesen sein . . .“ Wohl wahr. Ein Ding aus dem Tollhaus. Oder aus dem Irrenhaus. Armin Veh wurde gefragt, ob darüber auch in der Kabine geflachst wurde, aber er wusste es nicht. Vielleicht wurde ja auch nur ein wenig „gefaxt“. Am Dienstag soll es (das Motingsche Faxgerät) ja wieder funktioniert haben . . .

Aber ernsthaft geht es nun weiter. Wobei ich noch einmal auf die „rosa Röckchen“ zurückkommen möchte. Die hatte Frank Rost ja nach dem 1:1 im Hinspiel vermisst, weil es damals keinerlei Derby-„Stimmung“ (und Einstellung?) auf dem Rasen gegeben hatte. Diesmal scheinen es die HSV-Profis ein wenig professioneller angehen zu wollen, denn die berühmten Zweier-Interviews (zwischen einem HSV- und einem St.-Pauli-Profi), die die Zeitungen immer wieder gerne abdrucken, die wird es wohl nur in ganz seltenen Einzelfällen geben. Bis auf Heiko Westermann, der sich wohl mit dem Pauli-Kapitän treffen muss, wurde fast alles abgeblasen. Und das ist auch in meinen Augen ganz gut so.

Jetzt kommt es nur noch darauf an, wie den HSV-Spielern die richtige Einstellung für diese 90 Minuten vermittelt werden kann. Die Stimmung unter den Trainings-Kiebitzen heute war denkbar schlecht. Ich würde es mal so sagen: Jeder zweite HSV-Fan traut seiner Mannschaft nicht mehr über den Weg, sie winken ab und sehen einfach nur noch schwarz. Ich weiß das deshalb so genau, weil mein HA-TV-Kollege Axel Leonhard fast alle anwesenden HSV-Fans (es war auch ein Werderaner darunter!) fragte, ob sie ihm einen Grund in die Kamera verraten würden, warum der HSV denn am Sonntag das Derby gewinnt. Jeder zweite HSV-Fan (mindestens) winkte frustriert ab: „Ich weiß nicht einen Grund . . .“ So geht es. Einer sprach von einem etwas anderen Duell: „Da spielen Bürokraten-Kicker gegen solche, die Herz und Leidenschaft mitbringen.“

„Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass St. Pauli Favorit für dieses Spiel ist. Ich finde das schön, wenn wir nicht die Favoriten sind“, sagt Armin Veh über die Skepsis in der Stadt, die der HSV zurzeit wohl ertragen muss. Veh hatte zuletzt in Nürnberg ja von einem „Rückfall in alte Zeiten“ gesprochen, aber da muss ich ihm, wenn es auch schwer fällt, widersprechen. Den Rückfall in alte Zeiten hatte ich schon im Frankfurt-Spiel (gegen die B-Mannschaft der Eintracht) registriert, denn da hatte der HSV (immerhin doch!) ganz drei gute Torchancen.

Zurück zur Favoritenrolle am Sonntag. Armin Veh sagt: „Ihr sei der Meinung, St. Pauli ist Favorit – ich bin nicht der Meinung.“ Und: „Wenn wir am Sonntag nicht heiß sind, dann haben wir den Beruf verfehlt. Dann können wir das Tor hier zumachen. Wir wollen in unserem Stadion die Mannschaft sein, die agiert. Wir müssen wesentlich mehr tun als zuletzt in Nürnberg, wir müssen agieren, nicht nur reagieren, nicht nur warten auf Konter. Wir sind hier zu Hause, es ist unser Stadion. Wir wollen das Spiel machen, wir wollen dominieren.“ Hoffentlich fallen die Worte des Trainers auf fruchtbaren Boden . . . Ich habe Armin Veh gefragt, wie er es denn schaffen will, dass seine Spieler mit Herz in diese Partie gehen? Der HSV-Coach wird lautstark: „Wir haben auf Schalke mit Herz gespielt, wir haben auch gegen Frankfurt, selbst wenn es lange Zeit nicht so ausgesehen hat, mit Herz gespielt. Jetzt haben wir mal kein Herz gehabt – ich weiß aber auch nicht, wie oft St. Pauli kein Herz gehabt hat.“ Dann wird Veh noch resoluter: „Wenn man in diesem Spiel kein Herz zeigt, dann hat man keines. Dann hat man keines. Und dann macht es auch keinen Sinn. Derby-Zeit gegen St. Pauli, ausverkauftes Stadion – wenn man da kein Herz zeigt, dann tut es mir leid . . .“ Zum Schluss fügt Armin Veh noch an: „Wir dürfen den Druck nicht zu groß werden lassen, wir müssen mit Spaß und Freude bei der Sache sein, wir müssen mit Spaß zeigen, wer die Nummer eins in der Stadt ist.“

Der Druck aber ist da – so oder so. Denn auch Veh weiß: „Wenn wir eine Chance haben wollen, noch oben mit rein zu kommen, dann sollten wir dieses Spiel gewinnen. Diese 90 Minuten werden ganz wichtig für uns sein.“

Das sehen Alle so. Die vom Volkspark und die vom Millerntor. Beim HSV dürfte Joris
Mathijsen wieder dabei sein, denn Gojko Kacar ist ja für ein Spiel gesperrt, und Guy Demel, der am Mittwoch wieder ins Training einsteigen soll (leichte Zerrung), ist noch nicht wieder ganz so weit. Bei Mathijsen wird es darauf ankommen, wie er die Woche über trainieren kann – am vergangenen Sonntag hätte er nach eigenem Bekunden noch nicht spielen können. Nun wird sich zeigen, wie er die Verletzung überstanden hat.

Die Frage, die ich zudem habe: Was wird aus Jonathan Pitroipa? Der Wirbelwind aus der Hinrunde hängt ein wenig durch, zeigte auch in diesem (heutigen) Training nicht viel (wie Eljero Elia zum Beispiel auch). Kommentar Veh zu „Pit“: „Jeder kann einmal durchhängen, ich gehe davon aus, dass er diese Tal auch wieder durchschreitet.“ Für das „Eichhörnchen“ könnte Änis Ben-Hatira rechts zum Zuge kommen, auch wenn er zuletzt in Nürnberg (wie alle) nicht groß in Erscheinung trat. Aber Dauerläufer Ben-Hatira, der junge Mann, der spielen UND kämpfen kann, hat noch einen Bonus für einen Platz in der Startformation. Kommentar Veh: „Den hat er sich erarbeitet, so leicht fliegt er nicht raus.“

Da auch Ruud van Nistelrooy drin bleiben wird (Veh: „Ich habe nicht vor, ihn rauszunehmen“), obwohl er zuletzt wenig zeigte, und da Mladen Petric wieder in die Mannschaft zurück will, dürfte aus diesen beiden Spielern das Sturm-Duo gebildet werden. Pech für Guerrero, Pech für Pitroipa, Pech auch für Piotr Trochowski, sie werden wohl auf die Bank „dürfen“.

Zum St.-Pauli-Spiel rückt auch der endlich wieder genesene Marcell Jansen wieder einmal in den Fokus, und auch Heung Min Son ist vom Asien-Cup zurück. Heute lief der Koreaner nur, er fühlt sich fit und hofft, am Sonntag im Kader zu sein. Kurios: Am Montag geht es für ihn schon wieder in die Türkei, dort wartet das nächste Länderspiel auf ihn. Son trifft dann auf Tunay Torun, der erstmalig im A-Kader der Türken steht.

Und, zum Schluss des ersten Tages im Februar 2011: Der Fast-Kölner Choupo-Moting muss sich nun in den kommenden Wochen ganz, ganz weit hinten anstellen. Armin Veh dazu: „Im Sommer läuft sein Vertrag aus, er weiß jetzt schon, dass er nicht verlängert wird – und Choupo muss besser sein als die, die hier sind und die auch hier bleiben werden.“ Das aber dürfte ein äußerst schwieriges Unterfangen werden für den Stürmer, der keine Faxe(n) machen kann.

Am Mittwoch wird wieder um 10 Uhr für das St.-Pauli-Spiel geübt.

Vielen Dank möchte ich an dieser Stelle “Scholle” sagen, denn er hat nicht nur einen Monat lang sehr gut gearbeitet, sondern auch überaus tapfer durchgehalten. Super, Scholle!

17.27 Uhr