Tagesarchiv für den 27. Januar 2011

Angebot für Paolo – und Respekt vor dem FCN

27. Januar 2011

Das dürfte hier bei dem einen oder anderen für Jubel sorgen: Paolo Guerrero hat ein Angebot eines anderen Klubs. Genau genommen, das eines englischen Klubs, vom FC Fulham. Aber, um hier auch gar keine falschen Hoffnungen zu wecken, das Angebot ist schon so gut wie abgelehnt. Der Premier-League-Klub, der den HSV in der vergangenen Saison im Halbfinale aus der Europa League schmiss, wollte den Peruaner ausleihen, der HSV dachte auch kurzzeitig darüber nach. Auch Trainer Armin Veh, der sich im Sommer noch betont stark gemacht hatte für eine Vertragsverlängerung Guerreros. „Ich finde Paolo nach wie vor erstklassig, daran hat sich nichts geändert“, sagt Veh. „Aber er war verletzt und ist nicht so richtig zurückgekommen. Aber er braucht Spielpraxis – und das ist bei uns momentan eben schwer. Momentan haben Ruud, Änis und Mladen die Nase vorn.“

Oha. Guerrero vor dem Abflug?

Eher nicht. Denn nachdem Veh betonte, seinen einstigen Lieblingsstürmer sowieso nicht verkaufen zu wollen, sondern maximal auszuleihen, zog der Klub nach und nahm Wind aus der Geschichte. Die Wahrscheinlichkeit, so war zu hören, sei nie groß gewesen und eher gesunken denn gestiegen. Vielmehr scheint ein Abgang Choupo-Motings, den neben dem FC Köln auch Premier-League-Klub West Bromwich haben will, wahrscheinlicher. „Ich hab eklar gesagt, dass wir vorn noch einen abgeben können“, sagt Veh, der sich zu den Spekulationen ansonsten nicht weiter äußern wollte. Wann er dort eine Entscheidung erwartet? Veh mit einem Lächeln: „Spätestens am 31. Januar.“ Klar, denn da endet die Transferperiode.

Sollte sich vorher was ergeben, wird Veh den betroffenen Spieler nicht mehr nominieren. Dafür reichte auch, dass der Spieler konkrete Verhandlungen mit einem anderen Klub aufnimmt. Anders als zuletzt bei Ruud van Nistelrooy, der sich im heutigen Training stark erholt präsentierte. Der Niederländer flachste mit seinen Kollegen, er grätschte, lachte, kämpfte – und er traf. Kurzum: Ruud van Nistelrooy trotzte der lauter gewordenen Kritik an seinem Verhalten mit sportlicher Leistung.

Und, so natürlich es ist, Kritik an van Nistelrooy zu äußern, für den sportlichen Erfolg am wichtigsten ist, wie die Mannschaft damit umgeht. Und da scheint es keinerlei Probleme zu geben. Im Gegenteil. Nach David Jarolims Plädoyer gestern stieß heute Zé Roberto ins gleiche Horn. „Jeder Spieler träumt von Real Madrid. Ruud hat dort drei Jahre gespielt, ist emotional. Zumal man in seinem Alter so ein Angebot maximal einmal im Leben bekommt. Ich kann ihn verstehen“, so der Brasilianer, der seinerseits von Januar 1997 bis Juni 1997 bei den Königlichen kickte. „Aus der Emotion heraus sagt man so Sachen. Das passiert uns doch allen mal. Aber dann ist auch gut, dann kommt auch schon der Verein – und mit dem hat er einen gültigen Vertrag. So einfach ist die Sache dann.“ Zumal sich der Mittelfeldspieler sicher ist, dass sein Kollege wieder voll mitzieht. „Das macht er schon seit Tagen“, so Zé, „das Thema ist jetzt auch durch und Ruud wieder zu 100 Prozent bei uns. Dafür ist er Profi genug. Wer ihn im Training sieht, kann das bestätigen. Da ist Ruud voll dabei – er trifft und tritt wieder wie früher“, so Zé Roberto mit einem Lächeln.

Was uns das Ganze sagen soll? Erstens, Ruud lässt sich nichts anmerken und uns bleibt die Hoffnung auf einen Stürmer in Bestform erhalten. Und zweitens, was mir im Hinblick auf das Nürnberg-Spiel besonders Hoffnung macht, Zé Roberto ist wieder fit. Mental wie körperlich in Topform. Das sagt er zumindest selbst. Einen Wechsel im Winter habe er nie vorgehabt, er werde seinen Vertrag bis Saisonende trotz der Angebote aus Brasilien und den USA (bekanntermaßen der FC Santos und Red Bull New York) erfüllen. Zé: „Ich bleibe auf jeden Fall bis Vertragsende im Sommer. Und ich werde helfen, dass wir unser Ziel noch erreichen.“ Das da heißt Europa League. „Wenn wir unser jetziges Engagement beibehalten, schaffen wir das.“ Denn im Gegensatz zur Hinrunde, wo viele Verletzte die Laune innerhalb der Mannschaft immer wieder runterzogen, ist jetzt Optimismus eingekehrt. „Wir haben alle wieder mehr Spaß, im Training und im Spiel. Das merkt man.“

Vor allem bei ihm. Zé Roberto zählt für mich trotz seiner 36 Jahre noch immer zu den entscheidenden Spielern im Team. Wie gegen Frankfurt. Hat der Brasilianer Lust, lenkt und entscheidet er in einigen Fällen die Partien. Das Gegenteil zeigte er in den letzten Monaten allerdings auch. Zu oft sogar. Alles passé? Zé: „Ja, ich bin fitter als in der Hinrunde.“ Warum? Nur weil der HSV mit Günter Kern einen neuen Fitnesstrainer hat? „Oh ja, Günter ist schon etwas älter und bringt viel Erfahrung mit. Auch wenn wir bei ihm immer nur laufen müssen – das bringt was. Und das merken alle.“

Und einmal dabei, kommt Zé Roberto ins Schwärmen. Er will den Traumstart. Wie ich heute gelesen habe, würde ein dritter Sieg zum besten Rückrundenstart seit 1967/68 (damals unter Trainer Kurt Koch) reichen. „Wir sind alle fokussiert auf das Spiel in Nürnberg. Das und anschließend das Derby müssen wir gewinnen, dann sind wir wieder richtig nah dran“, fordert Zé Roberto, „und wenn wir uns von Spiel zu Spiel orientieren, schaffen wird das auch.“

Optimistische Worte. Sehr optimistische sogar. Doch trotz der großen Zuversicht konnte sich Zé bislang noch nicht dazu durchringen, seinen Vertrag in Hamburg zu verlängern. Im Gegenteil, die meisten rechnen weiterhin mit einem Abgang des vielleicht fittesten 36-Jährigen der Liga. „Ich werde mich in den nächsten ein, zwei Monaten entscheiden“, kündigte Zé heute an und beteuerte, dass seine Entscheidung nicht mit dem Abschneiden des HSV zusammenhängen würde. „Die Tabelle ist egal. Auch Geld spielt keine Rolle. Ich weiß, was ich brauche, um in der Bundesliga zu spielen.“ Womit der Brasilianer die Physis anspricht. Ob er da bei sich Zweifel hat? „Nein, ich bin fit für Deutschland.“ Zumindest körperlich. Denn geistig, so mein über die letzten Monate gesammelter, komplett subjektiver Eindruck, scheint sich der gute Zé eher mit einem etwas ruhigeren, weniger anstrengenden Karriereende zu beschäftigen. Leider.

Aber auch hier gilt ¬- wie schon bei Choupo und Paolo – abwarten.

Das wiederum fällt Mladen Petric in der Regel schwer. Zumindest wenn das bedeutet, dass er zuerst auf der Bank Platz nehmen muss. Eben so, wie gegen Frankfurt und aller Voraussicht nach auch zunächst in Nürnberg. Petric’s Reaktion? Im Training drehte der Kroate heute wieder auf. Wie schon gestern und vorgestern. „Er ist wirklich unheimlich präsent“, lobte auch Veh die Leistung des Linksfußes in dieser Trainingswoche. Ob Petric schon 90 Minuten spielen könnte? Veh: „Vielleicht nicht 90, aber sicherlich schon 70 Minuten.“ Dennoch beließ Veh seinen Torjäger in den Trainingsspielen in der B-Elf.

Zumal Veh davor warnte, in Nürnberg zu offensiv aufzutreten. „Ich habe sie im Pokalspiel gegen Schalke gesehen und fand sie stark. Das war eine Niederlage, die sie nicht zurückwerfen muss. Im Gegenteil, daraus können sie positives ziehen:“ Auch körperlich glaubt Veh trotz der 120 schweren Minuten nicht an einen Nachteil für den FCN: „Das Spiel war am Dienstag. Von Dienstag bis Sonnabend – das geht. Was sollten sonst die sagen, die donnerstags und sonnabends spielen…?“

Veh nimmt die Partie bei den Franken nicht leicht. Im Gegenteil. Das 1:1 aus der Hinrunde ist ihm eine Warnung – wobei der HSV-Coach insbesondere seinem FCN-Pendant Dieter Hecking großen Respekt zollt: „Dieter kriegt das immer gut hin. Schon als er in Hannover Trainer war, war es immer schwer. Er lässt seine Mannschaften immer tief stehen und kontert erstklassig.“ Worte, die Veh übrigens auch warnend vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt aussprach. Und da gewann der HSV weitgehend ungefährdet.

Ein gutes Omen?

Warum nicht? Ich hoffe es, halte mich aber lieber an den Fakten. Und die sagen aus, dass die Mannschaft das Theater um Ruud van Nistelrooy sehr gut verkraftet hat. Gleiches gilt für das Trainerteam und scheint auch für Ruud zu gelten. Zudem meldeten sich heute Marcell Jansen und vor allem Guy Demel zurück, was Veh dazu veranlasste, aus seiner Startelf kein Geheimnis mehr zu machen: „Wir werden wohl so beginnen, wie zuletzt auf Schalke.“

Demnach ist sportlich alles im Lot. Fast alle Spieler – nur Diekmeier und Castelen fehlen weiterhin – stehen wieder zur Verfügung. Veh hat die Qual der Wahl – und ist froh darüber: „Ich freue mich über die Bank.“ Bester Beweis für sein Luxusproblem ist, dass er Joris Mathijsen, obwohl dieser wieder voll im Training steht, gegen Nürnberg noch nicht mal nominieren wird.

Und selbst das Sammer-Theater mit dem unrühmlichen Ende scheint die Klubführung eher zu einen denn zu entzweien.

Klingt alles ganz gut, oder?

In diesem Sinne, bis morgen!

18.52 Uhr

P.S.: Bei der Konterübung im heutigen Training bestachen nicht nur Ruud und Petric – in der Abwehr wusste Gojko Kacar einmal mehr zu gefallen.