Tagesarchiv für den 26. Januar 2011

Jarolim bricht Lanze(n) für van Nistelrooy

26. Januar 2011

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den 31. August 2010. Da saß ich zuerst bei schönstem Sommerwetter auf der Tribüne des Hoheluftstadions und sah mir den netten Kick des HSV gegen Oberligameister SC Victoria an. Ein faires Spiel, das der HSV am Ende mit 5:1 gewann. Alle waren zufrieden. Lediglich Mladen Petric hatte damals Probleme, weil ihm der Verein aus verschiedenen Gründen die Freigabe für den VfB Stuttgart verweigerte, mit dem er sich schon auf einen Vierjahresvertrag geeinigt hatte. Für ihn eine ähnliche Situation, wie heute bei Ruud van Nistelrooy. „Man merkt ihm schon an, dass er traurig ist“, sagt Petric über seinen Sturmkollegen. Allerdings will sich der Kroate ansonsten nicht weiter zu van Nistelrooy äußern.

Dafür aber David Jarolim. Der Tscheche, der am Sonnabend in Nürnberg bei seinem Ex-Klub voraussichtlich wieder neben Zé Roberto beginnen wird, bricht eine Lanze für van Nistelrooy. Oder sind es sogar zwei, drei? „Wahrscheinlich hat ihn Real Madrids Trainer José Mourinho persönlich angerufen – das nimmt jeder Spieler anders wahr, ich habe dafür Verständnis.“ Jarolim sieht in der Angelegenheit kein Problem. Der Mittelfeldspieler glaubt nicht daran, dass sich van Nistelrooy ob seiner Verärgerung hängenlässt. „So ist der nicht. Der war von der ersten Sekunde an hier absolut Profi. Ruud hat von Beginn an bis heute immer alles gegeben.“ Bestes Beispiel dafür sei das Schalke-Spiel gewesen. „Da war er fast schon auf dem Heimweg und macht am nächsten Tag das entscheidende Tor gegen Schalke. Nein, bei Ruud ist das sicher eine ganz besondere Situation. Aber er ist ein Typ komplett ohne Starallüren, er ist ein Familienmensch und verhält sich bei uns immer tadellos. Er wird uns in der Rückrunde weiterhelfen.“

Dabei hatte van Nistelrooy heute in einem Interview mit der spanischen Zeitung „Marca“ keinen Hehl daraus gemacht, dass er enttäuscht über die Entscheidung des HSV war. Der geplatzte Deal zu seinem Ex-Verein, bei dem er von Sommer 2006 bis Januar 2010 unter Vertrag stand, sei „ein großes Ärgernis. Gegen die Fans, meine Mitspieler oder den Trainer kann ich nichts sagen. Es war der Verein, der die Entscheidung getroffen hat. Ich habe den HSV inständig darum gebeten, es mir zu erlauben, meinen Traum zu erfüllen. Aber nun bleibe ich in Hamburg, auch wenn mein Herz für Madrid schlägt.“ Worte, die nicht unbedingt den Gedanken aufdrängen, dass van Nistelrooy darauf brennt, sich für den HSV aufzuopfern.

„Solche Sätze fallen schon mal, wenn man so emotional ist wie Ruud im Moment. Aber die zählen oft nur zwei Tage.“ Aber dennoch können solche Stimmungslagen – gerade von den Führungsspielern – innerhalb einer Mannschaft das Klima verschlechtern. Ob er als Führungsspieler das Gespräch mit van Nistelrooy suchen werde? Jarolim lacht und verneint: „Das brauche ich nicht, so ist Ruud nicht. Ich glaube sogar, dass er jetzt befreiter ist als vorher. Vielleicht nicht hundertprozentig zufrieden, aber er wird es akzeptieren und wieder alles geben. Er ist wieder voll auf den HSV fokussiert.“ Jarolim betont, dass sich van Nistelrooy innerhalb der Mannschaft und bei ihm einen besonderen Status erarbeitet hat: „Das wäre bei einem Spieler, der schon seit Jahren hier ist eine andere Nummer – dem würde ich wahrscheinlich eine aufs Maul hauen. Aber hier mache ich mir keine Sorgen. Im Gegenteil.“

Dennoch scheint eine wichtige Nachricht in der Causa van Nistelrooy/Real Madrid bei den Spielern angekommen zu sein. „Es ging hier nicht um einzelne Parteien“, sagt Jarolim, „es ging für Ruud nicht gegen den HSV oder umgekehrt. Ich glaube, der Verein hat gesehen, dass Ruud fit ist und uns weiterhelfen kann. Und er hat mit der Entscheidung ein Zeichen gesetzt, dass es so nicht geht, wenn man einen Vertrag hat.“ Und das sei auch gut so.

Stimmt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Außer, dass Ruud heute im Training engagiert dabei war. Zwar konnte er sich beim 1:1 im kurzen Abschlussspiel nach einer Laufeinheit nicht als Torschütze eintragen (Für A traf Pitroipa – Guerrero traf für die Reservisten), aber er gefiel durch Einsatz. Ebenso wie Mladen Petric, der im Reservistenteam zu den Besseren zählte.

Apropos, nur, weil es heute auffiel: zuletzt hatte ich immer wieder geschrieben, dass der HSV auch von der Bank aus mit mehr Qualität als in der Hinrunde aufwarten kann. Und wenn Ihr Euch das heutige B-Team anseht, werdent Ihr mir wahrscheinlich Recht geben: Drobny – Benjamin, Mathijsen, Stepanek (Besic fehlte), Jansen – Tesche, Trochowski – Choupo-Moting, Guerrero, Torun – Petric. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese B-Elf auch im Bundesliga-Alltag eine gewichtige Rolle spielen könnte.

Aber egal, zurück zur Realität. Und da fehlte heute nur noch Guy Demel. Der Ivorer, der in den letzten Tagen an Grippe gelitten hatte, absolvierte heute eine Sondereinheit im Kraftraum und soll morgen voraussichtlich wieder ins Training einsteigen. Dafür war Pitroipa wieder dabei und rückte auf die Position im rechten Mittelfeld. David Jarolim ersetzte derweil wie erwartet Piotr Trochowski auf der zweiten Sechs neben Zé Roberto. Am auffälligsten aber – neben der wie gewohnt perfekten Schusshaltung Trochowskis (das musste sein ;-) – agierten ausgerechnet die beiden Akteure, bei denen noch über einen kurzfristigen Verkauf sinniert wird: Choupo-Moting (1. FC Köln ist interessiert) und Torun (der VfB Stuttgart hat Interesse). Der Erstgenannte erhielt von Trainer Armin Veh inzwischen grünes Licht für einen Wechsel, während Torun bleiben soll. Allerdings gab es heute keine neuen Angebote.

Dafür mal wieder neue, unnötige Baustellen. Diesmal weder von mir erfunden noch vom Aufsichtsrat produziert, diesmal meldete sich Klaus-Michael Kühne zu Wort. Und das sehr kritisch. „Gerade von der sportlichen Seite war das Management nicht so, wie sich das gehört für einen Spitzenverein“, sagte der Logistik-Unternehmer im Hörfunksender NDR 90,3. Der HSV müsse sein Image verbessern, „um wieder attraktiv für Top-Spieler zu werden“. Und Kühne ging sogar noch weiter. Der 73-Jährige kritisierte öffentlich die vielen Verletzten und hatte per Ferndiagnose auch schon die Lösung parat, die zahlreiche studierte Mediziner und Sportwissenschaftler in Hamburg nicht ergründen konnten. Die Schuld läge „in der ärztlichen Betreuung und in den Trainingsmethoden“.
Aha. Na dann. Hätte Kühne das mal in der Hinrunde schon verraten…
Zudem kritisierte der Investor, der HSV hätte sich beim Thema Rafael van der Vaart weiter strecken müssen. Kühne träumt, wie er sagt, nach wie vor von einer Rückkehr des Mittelfeldstars. Dem HSV fehle ein Regisseur, so Kühne.
Kühne mag ja Recht haben. Und auch ich würde mich freuen, wenn Rafael wieder beim HSV aufzieht. Aber die Frage, die sich mir stellt: Warum kauft Kühne van der Vaart nicht für den HSV? Er selbst wiederholte auch heute wieder, dass es ihm bei der 12,5-Millionen-Investition nicht darum ging, Geld zurückzubekommen. Im Gegenteil, er selbst rechnet nach eigener Aussage nicht mal mehr damit. Und schon im Sommer hatte der selbsternannte HSV-Fan immer wieder von einer Rückholaktion des Niederländers gesprochen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemand beim HSV dagegen wehren würde, wenn van der Vaart fremdfinanziert Tore für den HSV schießen würde.
Obwohl, das muss hier noch mal erwähnt werden, Bruno Labbadia 2009 davon sprach, van der Vaart würde nicht in sein System passen. Der Spieler selbst nahm es damals mit Verwunderung zur Kenntnis. Er soll sogar enttäuscht und beleidigt gewesen sein. Und ein Jahr später, im vergangenen Sommer, erinnerte sich der Niederländer daran. Allerdings, um hier mal den HSV in Schutz zu nehmen, die Hamburger hatten nie wirklich eine Chance. Sie hatten vorsichtig bei Rafael vorgefühlt und erfahren, dass sie ob des verpassten internationalen Wettbewerbes trotz der emotionalen Verbundenheit van der Vaarts nicht erste Wahl seien.
Das Zeitfenster für den HSV für mögliche Verhandlungen soll sich eh auf ganz wenige Tage beschränkt haben. Schließlich hatte sich bereits der FC Liverpool gemeldet. Neben einem opulenten Gehalt gab es dort internationalen Fußball 2010/2011. Dass es am Ende doch Tottenham wurde lag an Real Madrid. Die hatten sich mit den gebotenen 18 Millionen Euro Ablösesumme der Liverpooler nicht anfreunden können. Als es dann kurz vor Toresschluss plötzlich den Rückzug des FC gab und sich Tottenham meldete, waren den Madrilenen die dann gebotenen zehn Millionen Euro lieber als nichts zu bekommen. Das Ganze spielte sich übrigens tatsächlich am allerletzten Tag der Transferperiode ab, womit sich der Kreis des heutigen Blogs schließt. Denn der war am 31. August 2010, als der HSV 5:1 gegen Victoria gewann. Und Mladen Petric meckerte.
Aber das ist Schnee von gestern. Heute steht Petric laut Veh vor der besten Rückrunde seiner Karriere. Der Spieler selbst ist wieder glücklich beim HSV und die Mannschaft gewinnt. Auf und neben dem Platz.

In diesem Sinne: hoffen wir, dass die Mannschaft ihre Form konserviert – und sich das Umfeld dem Niveau endlich anpasst.

19.40 Uhr

P.S.: Achtung, bitte vormerken! Am 18. März ist es wieder soweit. Ab 19 Uhr feiern wir in der Raute das nächste “Matz-Ab“-Treffen. Je mehr Blogger kommen, desto schöner! Der Gastgeber Dieter und ich freuen uns auf Euch!