Tagesarchiv für den 25. Januar 2011

Der Konkurrenzkampf hinterlässt Spuren

25. Januar 2011

Endlich rückt das Sportliche wieder in den Fokus. Es zählt nur noch die Partie in Nürnberg. Dafür suchte Trainer Armin Veh vor dem Training am Vormittag noch einmal das Gespräch mit Ruud van Nistelrooy, um sich nach seinem Befinden zu erkunden, nachdem der HSV das Thema Real Madrid und den Wechsel seines Topstürmers endgültig für erledigt erklärt hatte. Sehr zum Ärger des Niederländers, dem nachgesagt wird, er hätte sogar einen Teil der Ablösesumme selbst zahlen wollen, nur um sich den Wunsch Madrid zu erfüllen. Dennoch ist sich Veh auch nach dem Gespräch sicher, dass Ruud seine Leistung uneingeschränkt bringen wird. Der HSV-Coach sieht das finale Nein des HSV zu einem Transfer sogar als eine Art Befreiung für seinen Angreifer an und meint, der Torjäger kann mit der Gewissheit hier bleiben zu müssen jetzt sogar besser leben als weiterhin im Unklaren zu sein. Wer allerdings das heutige Vormittagstraining gesehen hat, der könnte anderer Meinung sein: Van Nistelrooy traf teilweise das leere Tor nicht und scheiterte mehrfach an Drobny. Zudem ließ er sich zu einer harten Grätsche gegen Torun hinreißen, mit dem er ja in der Kabine schon mal aneinander geriet. Purer Frust!

War van Nistelrooy einfach nur unkonzentriert? Oder doch unmotiviert? Oder hat er einfach nur einen schlechten Tag gehabt?

Ich hoffe, dass der Auftritt heute Morgen wirklich seiner Enttäuschung geschuldet war. Ähnlich wie seine Trainingsleistung vor knapp zwei Wochen, als er erstmals vom Real-Angebot und der Absage des HSV gehört hatte. Damals legte Ruud eine Einheit hin, die lebloser kaum sein konnte.

Ich glaube allerdings nicht, dass ihm das gegen Nürnberg auch noch anzumerken sein wird. Dafür ist van Nistelrooy zu sehr Profi. Vielleicht läuft es ja sogar ähnlich wie vor zwei Wochen, als er auswärts gegen Schalke das Siegtor beisteuerte. Fehlende Wertschätzung beim HSV wird Ruud jedenfalls nie vorhalten können. Immerhin betonte Veh noch mal, dass bei ihm zwar jeder Spieler seine Chance bekäme, aber ein fitter Ruud van Nistelrooy immer gesetzt sei. Trotz allem ließ van Nistelrooys Berater Rodger Linse durchblicken, dass sein Schützling den Vertrag im Sommer nicht verlängern wird. Schön zu sehen: Trotz allen Frusts, beim Trainingsturnier am Nachmittag war van Nistelrooy dann wieder der alte Ruud – und er eröffnete den Torreigen. Auch sonst ging es im Training heute richtig gut zur Sache: Gojko Kacar und Eljero Elia wirkten hochmotiviert, versuchten viel – und bekamen beide ordentlich auf die Socken. Beide konnten aber nach kurzer Schmerzpause weitermachen.

Wieder mitmachen konnte Joris Mathijsen. Und der Niederländer meckerte und dirigierte schon wieder, als sei er nie weggewesen. Lauter war eigentlich nur Frank Rost, der den wieder genesenen Marcell Jansen lautstark anpackte. Dieser hatte zuvor seine Mitspieler kristisiert, nachdem sie erneut leichtfertige Fehlpässe fabriziert hatten. Allerdings hatte Jansen seine Rechnung ohne Rost gemacht. Von dem bekam Jansen zu hören, er sollte mal ganz ruhig sein, wo er doch nur drei Mal im Monat auf dem Trainingsplatz stehe. „Komm doch her mit deiner lauten Klappe“, entgegnete Jansen. Der Disput ging erst über den halben Platz, ehe sich Jansen im Sprinttempo in Richtung Rost begab und mit einer angedeuteten Kopfbewegung auf Rost zulief – Veh unterbrach das Spielchen und schickte die gesamte Mannschaft eine Runde um den Platz zum Abkühlen.

Was erst sehr heftig aussah, versuchten sowohl Veh als auch Jansen nach dem Training zu relativieren: „Ist doch gut, wenn mal n bisschen Spannung aufkommt“, sagte der Linksfuß. Und Recht hat er: Lieber kurzzeitig voller Adrenalin, als leblos auf dem Platz wie so einige Male bei der ganzen Mannschaft in der Hinrunde gesehen. Ein Indiz für einen funktionierenden Konkurrenzkampf ist auch, dass es im Training auch mal etwas rauer zur Sache geht. Körperlich wie verbal.

Der HSV ist sportlich weiter auf Kurs. Bestes Beispiel dafür war Marcell Jansen, der anstatt sich in Wortgefechten zu ergeben, die beste Antwort gab und seinem Keeper beim Spielchen dafür einige einschenkte. Sehr zum Ärger von Rost, den nicht nur das zur Weißglut trieb. Beim Sechs-gegen-Sechs haderte der Torwart immer wieder mit den Abwehrspielern seines jeweiligen Teams, bis ihm der Kragen platzte „Sag mal bist du besoffen?“, giftete er in Richtung eines Abwehrspielers (Kacar oder Stepanek? War nicht zuzuordnen…) – woraufhin der Trainer die Einheit mit den Worten „Gut trainiert, Jungs“, endgültig beschloss.

Nicht dabei war heute Demel. Der Ivorer musste die Einheit wegen einer Grippe ausfallen lassen, soll aber für das Spiel gegen Nürnberg zur Verfügung stehen. Ebenfalls nicht dabei war Pitroipa, der sich noch mit seiner Oberschenkelverletzung aus dem Frankfurt-Spiel herumplagt. Auch er soll am Sonnabend wieder zur Verfügung stehen. Und während Demel trotz des vernünftigen Auftritts von seinem Vertreter Tomas Rincon am vergangenen Freitag als gesetzt gilt, deutete Veh an, auf Pitroipas Position mehrere Alternativen zu haben. So wie sich der HSV-Trainer heute anhörte, könnte die Mannschaft in Nürnberg ein leicht verändertes Gesicht bekommen: immerhin scharrt niemand geringeres als Mladen Petric mit den Hufen.

Und Veh würde den Kroaten nach dessen starken 45-Minuten-Auftritt gegen Frankfurt nur zu gern unterbringen. Und sollte Pitroipa auch morgen nicht voll trainieren können, könnte ich mir vorstellen, dass der Trainer Petric in der Spitze neben van Nistelrooy aufstellt und Ben-Hatira auf die rechte Seite rückt. Wie zuletzt gegen Frankfurt in Hälfte zwei. Denn Veh betonte heute noch mal, dass die beiden für ihn als Doppelspitze durchaus funktionieren können. „Bis Oktober habe ich gebraucht, um Mladen klarzumachen, dass er mehr Laufarbeit leisten muss, aber jetzt hat er es verinnerlicht. Wenn wir schnelle Außenspieler haben, ist das ein Topduo.“ Bis auf die vermutete Rückkehr von Jarolim als zweiten Sechser neben Zé Roberto wird sich der Rest der Startelf wohl nicht verändern, denn sowohl Mathijsen als auch Guerrero und Benjamin kommen aufgrund ihres verletzungsbedingten Rückstandes lediglich für die Bank in Betracht – und auch das sei nach Aussage des Trainers noch lange nicht gewiss.

Die Konkurrenzsituation verschärft sich also wieder, was dem Team im Endeffekt eigentlich nur gut tun kann. Zumindest scheint das bislang der Fall zu sein. Eine Gefahr sieht Veh allein in der überbesetzten Offensive, weshalb er jetzt offiziell grünes Licht für einen Wechsel eines Angreifers in der Winterpause gegeben hat. In Frage kommen dafür nur Tunay Torun und Eric Maxim Choupo-Moting. Und wenn man mitbekommt, wie positiv sich Veh auch heute wieder über den jungen Türken geäußert hat („Ich habe nie geglaubt, dass er so stark ist“), dürfte es wohl den Kameruner treffen. Bei dem jungen Angreifer könnte der HSV eine Option auf Verlängerung des im Sommer auslaufenden Vertrages ziehen, müsste allerdings im selben Moment auch das Gehalt anheben. Und dem Vernehmen nach will die Klubführung das nicht. Soll heißen: Entweder ein neuer Interessent gibt ein passendes Angebot für Choupo ab oder der 1. FC Köln bessert sein angemeldetes Interesse an dem 21-Jährigen nach. Klar ist: In beiden Fällen würde der HSV seinen jungen Angreifer ziehen lassen, während Veh im Fall Tesche sein Veto eingelegt hat. Hannover 96 wollte den defensiven Mittefeldspieler verpflichten, doch der Trainer will ihn als defensive Alternative unbedingt behalten. Zumal Veh defensiv noch immer Nachbesserungsbedarf sieht. Veh wollte eigentlich noch eine weitere Defensivkraft für seinen Kader haben, doch der Verein hat seinem Coach jetzt mitgeteilt, keinen Spieler mehr im Winter verpflichten zu wollen/können.

Glücklich scheint der Coach darüber nicht, aber er nimmt die Entscheidung hin. „Wenn niemand auf dem Markt ist, können wir eben auch keinen holen.“ Allerdings birgt das Szenario eine Gefahr. Kacar ist sicherlich zu loben, allerdings hat der Serbe auf der Position des Innenverteidigers gerade mal zweieinhalb Spiele gemacht – gegen Amsterdam mäßig, gegen Schalke stark und gegen Frankfurt nicht zu bewerten. Ihn jetzt schon als 1-A-Alternative zu kategorisieren, halte ich für verfrüht. Allerdings kehr mit Mathijsen „Mr. Zuverlässig“ zurück, weshalb ich die größte Baustelle weiterhin hinten rechts sehe: Demel muss bei diesem Kader ja fast schon jedes Spiel machen. Und er spielt das mal recht, mal schlecht. Rincon (obgleich zuletzt sehr ordentlich) und Tesche haben immer wieder bewiesen, dass das nicht ihre Position ist. Und mit Benjamin ist leider nicht verlässlich zu planen, da er immer wieder verletzt ist. Eben leider genau so wenig wie mit Dennis Diekmeier, der verletzungsbedingt weiterhin auf sein Debüt beim HSV warten muss.

Der HSV hat auch heute wieder zwei Mal trainiert, wie schon häufiger in der Rückrunde. Und das scheint sich auszuzahlen: Beim Blick auf die Datenbanken wird ersichtlich, dass die Mannschaft im Schnitt einen Kilometer mehr läuft als noch in der Hinrunde. Einen wesentlichen Teil dazu beigetragen hat mit Sicherheit der von den Spielern für seine harten Konditionseinheiten „gehasste“ wie gelobte Fitnesstrainer Günter Kern. Aber auch die neue Konkurrenzsituation scheint den Spielern Beine zu machen. Keiner darf sich seiner zu sicher sein, hinter jedem Spieler scharrt ein Konkurrent mit den Hufen. Ergo: Nie war man in dieser Saison nach einer schwachen Leistung schneller wieder auf der Bank als jetzt…..

Die besten Werte hat übrigens – das wird die wenigsten überraschen, die die letzten Spiele live gesehen haben – Änis Ben-Hatira. Der Junge reißt nicht nur die meisten Kilometer ab sondern macht auch die meisten Sprints. Der Deutsch-Tunesier sprach heute auch kurz mit uns und wirkte dabei trotz der letzten guten Auftritte sehr überlegt und zurückhaltend. Er habe erst zwei Spiele gemacht, das sei alles. Und zur Not würde er auch 50 Kilometer pro Spiel laufen, um der Mannschaft zu helfen. Allerdings gingen die Unruhen in Tunesien nicht spurlos an ihm vorbei, da bis auf seine Eltern und seine Geschwister seine gesamte Familie noch in dem Land leben würden. „Das habe ich immer im Hinterkopf“.

Dennoch, Änis ist und bleibt für mich – zusammen mit Kacar – die positivste Überraschung der Rückrunde. Der Junge galt 2007 als das größte Talent Deutschlands (damals sogar vor Mesut Özil), startete beim HSV allerdings schwach und galt schnell als gescheitert. Damals für meine Begriffe sogar zu schnell. Als er dann auch in Duisburg bitter scheiterte, dachte ich, das würde nichts mehr. Und ganz ehrlich, das machte mich damals traurig, weil ich Änis als 18-Jährigen gesehen hatte und mir damals sicher war, dass dieser Junge einmal ganz groß beim HSV rauskommen würde. Leider fehlte ihm damals die mentale Reife, die er jetzt endlich hat. Er hatte ein Problem, das heute auch Choupo-Moting nachgesagt wird. Und ganz ehrlich: ich hätte nichts dagegen, wenn Choupo in zwei, drei Jahren wieder zum HSV zurückkehrt und ähnlich aufdreht.

In diesem Sinne: Bis morgen.

19.15 Uhr