Tagesarchiv für den 24. Januar 2011

Schulterschluss – aber bitte an allen Fronten!

24. Januar 2011

+++++aktualisiert mit einem Hinweis auf eine neue Internetseite am Textende+++++

Endlich mal nichts. Einfach nur Fußball. Wenn auch nur von den Reservisten, denn die Stammspieler hatten heute frei. Aber eben einfach, ohne Streit. Und nur Fußball. Kein neues Fass wurde geöffnet, dafür waren die ein, zwei geschlossenen Baustellen deutlich erkennbar. Van Nistelrooy bleibt endgültig. Darauf hat sich Vorstandsboss Bernd Hoffmann nochmals klar festgelegt. Und Bastian Reinhardt ist der neue, alte starke Mann im sportlichen Bereich. Das hat Aufsichtsratsboss Ernst-Otto Rieckhoff in den letzten Tagen nach der Absage aller Absagen von Matthias S. wiederholt betont. Und das hat die Aussprache mit Trainer Veh am Sonnabend nochmals bestätigt. Ergebnis des Gesprächs war, dass Hoffmann verkündete, „es war ein konstruktives Gespräch. Ich denke, dass solche Probleme nicht mehr auftreten.“ Zuvor hatte Veh Reinhardt als vermeintlich noch zu unerfahren betitelt – und sich so dessen Verärgerung zugezogen. „Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln. Ich verlange, dass miteinander nicht übereinander in der Öffentlichkeit gesprochen wird.“

Mahnende Worte, die an Veh gerichtet waren. Und Worte, die Teamplayer Veh verstanden haben wird. Denn auch der Trainer weiß, dass es jetzt nicht nur für Reinhardt darum geht, seine eigene Position zu stärken. Auch alle Beteiligten müssen ihren Sportchef, der durch das linke Spiel des quasi einzig Titelfähigen Fußball(-lehr)ers Deutschlands (Sammer am Sonntag bei Sky 90 bescheiden: „Den letzten Titel haben wir mit U-Teams geholt. Den letzten Nationalmannschaftstitel mit dem Spieler Sammer. Und der letzte persönliche Titel ging – glaube ich – auch an mich“) in seiner Autorität geschwächt worden war, unterstützen. Denn, und das ist für mich eine der Lehren des Wochenendes: Loyalität und Ehrlichkeit sind zwei Attribute, auf die man im Profifußball nicht mehr zählen darf – und wenn man sie wie beim HSVer Reinhardt doch mal vorfindet, sollte man sie mit allen Mitteln schützen und stützen.

Zumal klar ist, dass der HSV kurzfristig keinen neuen starken Mann präsentieren kann. Wie auch? Welcher Manager der ersten Kategorie will sich selbst nachsagen lassen, eigentlich nur als zweite Wahl geholt worden zu sein, nachdem ganz (Fußball-)Deutschland mitbekommen hat, wie der sich selbst als so geradlinig beschreibende, aber seit dieser Posse als wankelmütig geltende Sammer den HSV mit fadenscheinigen Begründungen gelinkt hat. Nein, der HSV hat keine Auswahl.

Aber der HSV hat eine Alternative.

Er kann Reinhardt zum großen Gewinner machen. Besser: Reinhardt kann sich mit den richtigen Entscheidungen in den nächsten Wochen selbst zum Gewinner aufschwingen. So wie einst Dietmar Beiersdorfer dürfte auch er als Manager-Novize jetzt die Zeit haben, die er braucht, um beim HSV etwas zu bewegen. Wie bereits erwähnt, stehen 21 Personalentscheidungen zur neuen Saison an. Zuzüglich derer, die neu dazukommen. Da wäre es fahrlässig, den sportlichen Entscheidungsträger nicht mit allen Kompetenzen auszustatten und ihn mit allen Mitteln zu stärken. Was er daraus macht, ist dann wiederum in seiner Verantwortung.

Es muss endlich die Harmonie her, die lange Zeit gefehlt hat. Was alle Entscheidungsträger der Mannschaft im Laufe der Hinrunde vorgeworfen haben, wird den Klub-Oberen jetzt von eben jenen vorgelebt: Geschlossenheit. Die Mannschaft präsentiert sich in der Rückrunde in sich gestärkt. Zwei Siege, null Gegentore. Selbst die viel diskutierte personelle Lücke in der Innenverteidigung wurde beachtlich gut geschlossen – und das ausgerechnet mit Gojko Kacar, der von vielen schon in der Hinrunde als Fehleinkauf abgeschrieben worden war. Kurzum: es läuft. Sportlich.

Hier im Blog wurde vereinzelt von einer „Jetzt-erst-recht“-Situation geschrieben. Und ich glaube, damit liegen wir goldrichtig. Das Fundament ist mit zwei Siegen aus zwei Spielen gelegt. Es sind drei Punkte auf Mainz und den Europa-League-Rang, nur vier Punkte auf Hannover, das einen Champions-League-Quali-Rang belegt. Und es sind auch „nur“ sechs Punkte auf Bayer Leverkusen und den zweiten Rang, der zur direkten Teilnahme an der Champions League berechtigt. Und jetzt geht‘s zuerst auswärts zum 1. FC Nürnberg und anschließend kommt der HSV-Pflichtsieg in die Imtech-Arena: der FC St. Pauli. Soll heißen, hier sind – bei allem Respekt vor den Gegnern – tatsächlich wieder sechs Punkte drin. Zumindest bin ich mir sicher, dass das der Anspruch der Spieler samt Trainerteam ist. Und da parallel Hannover und Leverkusen sich gegenseitig im direkten Duell die Punkte abnehmen, könnte der Anschluss an die oberen Ränge noch enger geknüpft werden. Ein Szenario, das vor wenigen Wochen noch weniger Leute dem HSV zugetraut hatten.

Aber ok, ich gerate hier ins Träumen. Bleiben wir bei der Realität. Die Chance ist groß.

So groß wie lange nicht. Der am Freitag noch angeschlagen wirkende Rieckhoff hat den selbst ernannten Sonnenkönig des DFB am langen Sonntag argumentativ ins Abseits gestellt (Respekt!) und das öffentlich am Freitag noch arg angekratzte Bild des HSV den Umständen entsprechend maximal möglich regeneriert. Reinhardt erhielt vom Aufsichtsrat die Absolution und verpflichtete sich selbst mit starken Worten zu noch stärkerem Auftreten. Und selbst der Disput von Veh und Reinhardt wurde diplomatisch beendet. Und innerhalb der Mannschaft herrscht Aufbruchstimmung. Die Defensive hat die lange vermisste Sicherheit wiedergefunden, das Mittelfeld wird wieder von einem erstarkten Zé Roberto geführt. Die Außenstürmer Elia und Pitroipa werden zunehmend stärker und hinter der einzigen Spitze Ruud van Nistelrooy trumpft mit Änis Ben-Hatira ein Spieler auf, der eben noch komplett abgeschrieben war und jetzt wahrscheinlich am heißesten von allen ist. Zudem kehren mit Marcell Jansen und Joris Mathijsen schon in Nürnberg zwei Spieler der Kategorie Leistungsträger zurück, während sich Mladen Petric so zurückgemeldet hat, wie ihn alle kennen und sich ihn wünschen: als Torschütze. Vor zwei Wochen hatte ich geschrieben, es sei endlich wieder „mehr Qualität vorhanden – auch auf der Bank“. Dieser Zustand gilt immer noch. Sogar mehr denn je.

Wir können alle zufrieden sein, uns mit den Umständen arrangieren und vielleicht am Ende doch noch den Erfolg einfahren, den wir uns am Saisonanfang erhofft hatten.

Stellt sich mir und wie ich in etlichen Beiträgen und Emails bekundet bekam auch einigen von Euch noch die Frage, wie wir hier miteinander umgehen wollen. Ich habe lange mit mir gerungen, es hier überhaupt zu erwähnen, aber letztlich wurde ich dazu von verschiedenen Leuten bewogen, denen der Blog ähnlich stark am Herzen liegt wie mir.

Was hier speziell am Sonnabend im Blog geschrieben wurde, wirft ein ganz schlechtes Bild auf diesen Blog. Ich werde mich hüten, einzelne Namen oder anonyme Nicks zu nennen. Aber die Beschriebenen werden sich angesprochen fühlen. Und dass sich einige von Euch bei meinen Vorgesetzten und bei Dieter als Blogvater beschweren, ist – und das meine ich auch so – Euer gutes Recht. Allerdings erschließt sich mir in diesem Fall der Grund dafür nicht. Denn, mir vorzuwerfen, ich sei kein HSVer mehr und würde nur noch als Journalist schreiben, ist kein Vorwurf. Natürlich bin ich Journalist! Und ich schreibe auch nicht für den HSV sondern bin ein Angestellter des Axel Springer Verlages. Und in dieser Funktion bin ich HSV-Berichterstatter. Dass ich seit ich denken kann Anhänger des HSV bin, darf in dieser Funktion nur dann eine Rolle spielen, wenn es mir den Blick fürs Wesentliche nicht vernebelt.

Soll heißen: wenn beim HSV Murks gemacht wird, recherchiere ich die Hintergründe und nenne das Übel beim Namen. Damit Ihr informiert seid. Meine Aufgabe ist, Euch so früh es geht mit einem Maximum an Hintergrundinformationen und Erklärungen zu versorgen. Das gilt selbstredend auch für den Fall, das beim HSV Erfreuliches passiert. Dann lobe ich die Mütter/Väter des Erfolges.

Aber ich werde hier nicht die rosarote Brille aufsetzen und weggucken, wenn mal etwas nicht passt. Wie am Sonnabend. Da ergab sich, dass ein verärgerter Reinhardt ein ernstes Gespräch mit Veh ankündigte. Zu lesen zuerst hier im Blog.

Und was passiert?

Ich werde von einigen von Euch als „Brandstifter“ und „Schmuddeljournalist“ beschimpft. Immer wieder wurde ich sogar aufgefordert, mich zu entschuldigen, weil ich die „Ente“ um eine Sammer-Verpflichtung aufgeschrieben hatte. Dass dies keine Ente war, und neben mir auch zwölf Aufsichtsräte sowie der Vorstand sicher davon ausgingen, dass alles klar geht, ist klar. Und weshalb hier alle Berichterstatter sowie die Verantwortlichen falsch lagen, dürfte spätestens seit Sammers Auftritt am Sonntag und den Beteuerungen des HSV-Aufsichtsrates allen klar sein.

Gleiches gilt für den Streit zwischen Veh und Reinhardt. Wieder wurde ich als Unruhestifter beschimpft. Dass sich sogar HSV-Boss Hoffmann zu einer Aussprache genötigt sah und das Thema öffentlich in allen Medien behandelt wurde, dürfte geklärt haben, dass das im Blog beschriebene definitiv ein relevanter Vorgang war. Den habe nicht ich erfunden, produziert oder gar heraufbeschworen – der ist vom HSV und seinen Protagonisten höchstselbst produziert worden. Ich habe Euch lediglich über diesen Vorgang informiert. Und das wie im Fall Sammer eben einfach nur zuerst. Obwohl die Kollegen von Mopo und Bild zugegebenermaßen den gleichen Informationsstand hatten – dem schnellen Medium Internet sei Dank.

Fazit: ich werde nie beanspruchen, immer richtig zu liegen. Ich werde aber immer für mich beanspruchen, das aufzuschreiben, was beim HSV passiert. Ob‘s angenehm ist oder nicht. Wer damit nicht klarkommt, den bitte ich darum, dem Blog fernzubleiben und denjenigen freie Fahrt zu lassen, die sich auch inhaltlich mit dem HSV auseinandersetzen wollen.

Zum Glück sind die hier deutlich in der Überzahl.

In diesem Sinne: Lasst uns nicht nur vom HSV den Schulterschluss aller erwarten, lasst ihn uns zuallererst selbst praktizieren.

20 Uhr

P.S.: Noch ein guter Tipp in eigener Sache:

Ab sofort könnt Ihr Euch auf www.abendblatt.de auch über den Fußball in der Türkei informieren. Entwickelt hat die Website Engin Sakarya, ein Schüler aus Billstedt. Dessen Vater Vasif, seit 1971 in Hamburg, hat früher auf Kurzwelle nach Nachrichten über den türkischen Fußball gekurbelt. Jetzt haben die beiden die Seite “TRgol.de” gebaut. TR ist das Länderkennzeichen für die Türkei, gol bedeutet auf Türkisch “Tor”. Natürlich dürft Ihr hier keine perfekte und total aktuelle Website erwarten. Engin macht das alles in seiner knappen Freizeit. Mich begeistert aber dieses Projekt. Es ist für mich ein Musterbeispiel für Integration. Da macht sich einer richtig Arbeit, damit der Fußball aus seiner Heimat hierzulande mehr Aufmerksamkeit erfährt. Derzeit hat er übrigens einen echten Knüller auf seiner Startseite. Thomas Doll spricht über seiner Erfahrungen als Trainer in der Türkei. Wenn Ihr lesen wollt, was unser Thomas zu sagen hat, klickt einfach auf www.abendblatt.de/tuerkeifussball. Ihr findet den Reiter “Türkischer Fußball” auch auf der Sportseite auf www.abendblatt.de. Viel Spaß!