22. Januar 2011
Wer heute zum Auslaufen der Profis am Stadion gegangen ist, der hat vor allem eines gesehen: fröhliche Spieler. Ansonsten herrschte Ruhe. Wenig Fans, der Parkplatz vor der Geschäftsstelle war weitgehend leer. Es gab kein neues Statement Richtung Ruud van Nistelrooy. Das Einzige, was die angenehme Ruhe etwas störte, war der Nachhall der gestrigen Pressekonferenz. Denn da hatte Trainer Armin Veh zum wiederholten Male seinen alten und neuen Sportchef Bastian Reinhardt mit Einschätzungen geschwächt. Anstatt den Sportchef nach dem aufreibenden Sammer-Theater zu stützen, unterstellte Veh ihm mangelnde Erfahrung: „Er braucht Zeit, so einen Klub wie den HSV als Sportdirektor zu führen. Er ist 35, das kann er normal nicht alles bewerkstelligen.“ Worte, die die fast aussichtslose Reanimation von Reinhardts Autorität erschweren.
Da half es auch nichts, dass Dennis Aogo heute ein beachtenswertes Plädoyer für Reinhardt ablieferte. Reinhardt sei der richtige Mann am richtigen Ort und in der Mannschaft sehr hoch angesehen. „Man muss ihm die Zeit geben“, so Aogo, der überzeugt ist: „Bastian Reinhardt verkörpert genau das, was wir jetzt brauchen. Er ist jung und dynamisch. Er ist genau der Richtige für diese Position.“ Allerdings, und das war wahrscheinlich auch Aogos Antrieb für das Loblied, ist Reinhardt hinter dem Aufsichtsrat der größte Verlierer der letzten Wochen. Denn eines ist klar: dem 35-jährigen ehemaligen Innenverteidiger traut beim HSV keiner der Vereinsoberen zu, den Sportchefposten allein auszufüllen.
Am allerwenigsten Veh. Allerdings, und da lege ich mich fest, ist der HSV-Trainer nicht in der Position, Reinhardt zu kritisieren. Im Gegenteil: Reinhardt ist Vehs Vorgesetzter. Und sollte Reinhardt, der sich gestern im Sky-Interview nach dem Spiel beachtlich offensiv verkaufte, tatsächlich härter durchgreifen als zuletzt, dürfte die Personalie Veh ganz oben auf seiner Liste stehen. Reinhardt bleibt trotz der zuletzt drei Siege in Folge bei derartigen Statements seines Angestellten gar nichts anderes übrig, als ihn abzumahnen. Oder gar rauszuschmeißen. Alles andere würde seine Position und vor allem seine eh kaum noch zu reanimierende Autorität weiter schwächen.
Zumal das Ansehen Vehs beim HSV seit dem Winter in der Klubführung nicht mehr das Beste ist. Da hatte sich der Übungsleiter amtsmüde präsentiert, dies auch formuliert und später einen Rückzieher gemacht. Und auch auf die Gefahr hin, mir hier jetzt wieder neue Feinde zu machen: Dieter hatte Recht! Armin Veh galt beim HSV schon als abgehakt. Der Vorstand bastelte schon an der neuen Lösung. Dass es mit Veh nicht weitergehen würde, schien klar. Allein über die Gründe, weshalb es letztlich doch mit Veh weiterging, streiten sich die Experten heute noch. Dabei gibt es zwei Szenarien: 1. Als der Aufsichtsrat von den Vorstandsplänen erfuhr, teilte er Vorstandsboss Bernd Hoffmann mit, dass auch er seinen Hut nehmen müsste, sollte schon wieder der Trainer ausgetauscht werden müssen. Und 2., die meiner Meinung nach wahrscheinlichere Theorie: Der Aufsichtsrat legte sein Veto ein, bevor der Vorstand sich von Veh trennen konnte, weil die Personalie Sammer Anfang Januar zügiger als erwartet zu realisieren schien und man dessen Position abwarten wollte.
Warum auch immer, am Ende blieb Veh. Zum Leidwesen Dieters, weil er auf dem Tisch tanzen muss. Allerdings auch zu Dieters Freude, denn wir wissen alle, was er von dessen Trainerfähigkeiten hält.
Trotzdem folgt mir der Blogvater in der Einschätzung, dass eine Zusammenarbeit zwischen Veh und Reinhardt nicht mehr funktionieren kann. So schön unverblümte Spielanalysen sind, so authentisch Veh dadurch auch wirkt, seine zu offenen Meinungsäußerungen über seine Vorgesetzten disqualifizieren ihn. Und ich behaupte auch, dass ein Veh nach dem Spiel wusste, wie angreifbar er sich und seine Position macht, als er Reinhardt mit seiner Aussage öffentlich düpierte. Ich behaupte sogar, dass Veh trotz anderslautender Aussagen amtsmüde ist. Zumindest HSV-müde.
Der 49-Jährige war in Hamburg angetreten, um um den Titel mitzuspielen. Veh war überzeugt von der Qualität in der Mannschaft und vom großen Potenzial im Verein. Für den HSV verzichtete er auf viel Geld, das ihm noch aus seinem Angestelltenverhältnis mit dem VfL Wolfsburg zusatnd. Allerdings hielt seine Euphorie nicht lange an. Denn während ihn die Mannschaft (auch wegen zu vieler Verletzter) in der Hinrunde eines Besseren belehrte, konnte sich Veh mit seinen Wünschen im Winter nicht durchsetzen, personell nachzubessern. Zudem hat der umgängliche Trainer nach anfänglicher Harmonie inzwischen neben dem Vorstand und Aufsichtsrat selbst im eigenen Trainerstab Kritiker. Schon seit einigen Wochen soll sich nicht mehr der Cheftrainer um die Trainingsinhalte und taktischen Ansagen kümmern. Das soll sein Assistent Oenning übernommen haben, zu dem Veh ein professionelles, aber ein alles andere als vertrautes Verhältnis haben soll.
Auch mir gegenüber haben Spieler geäußert, dass sie das Gefühl hätten, Oenning wolle Vehs Job. Das allein, antwortete ich, sei ja auch legitim. Immerhin ist der HSV-Trainer einer der ranghöchsten Trainerposten in Deutschland. Den als Trainer nicht zu wollen, wäre für mich die größere Überraschung. Aber mir wurde geschildert, dass Oenning Vehs Ansagen in der Kabine und bei Mannschaftsbesprechungen intern immer wieder gegenüber den Spielern kommentiert haben soll. Immer wieder soll er gesagt haben, dass er vieles ganz anders machen würde beziehungsweise gemacht hätte. In der Mannschaft kam das bei einigen gut an, bei anderen gilt Oenning seither als illoyal.
Aber es war vor allem ein Vorgang, den auch Veh mitbekommen haben soll. Und eben einer, der in der allgemeinen Tristesse kurz vor der Winterpause zu der viel diskutierten Aussage beigetragen haben soll, als Veh darüber sinnierte, sein Amt nach dem Jahreswechsel eventuell nicht mehr anzutreten. Der Vorstand vernahm Vehs Gedankenspiele damals und entschied sich, einen Plan B zu schmieden. Der sah nicht mehr Veh als Trainer vor – aber okay, den Rest kennen wir, das hatten wir eben schon.
Allerdings könnte Plan B jetzt greifen. Denn Bastian Reinhardt kündigte an, das Gespräch mit Veh zu suchen. „Natürlich geht das so nicht“, sagte mir Basti heute, „der Trainer kann nicht immer Dinge öffentlich erklären, die zuerst einmal intern zu besprechen sind.“ Damit meinte Reinhardt vor allem die immer wieder formulierten Forderungen nach einem neuen Innenverteidiger. Schwerer wiegen jedoch die despektierlichen Einschätzungen Vehs. „Ich schätze Armin Vehs offene Art. Aber er darf es sich auch nicht zu leicht machen und immer alles öffentlich formulieren, was er denkt. Das gehört zuerst intern geklärt, bevor es öffentlich formuliert wird. So halten wir es eigentlich. Darüber haben wir auch schon gesprochen – aber darüber werden wir noch mal sprechen müssen“, so Reinhardt sauer. Ob er sich eine Zusammenarbeit mit Veh unter derartigen Voraussetzungen noch vorstellen kann?
Keine Antwort. Allerdings ein vielsagendes Schweigen….
Seine Antwort wird es nach dem nächsten klärenden Gespräch mit dem Trainer geben. Und das soll sehr zeitnah stattfinden.
Wie die Situation einzuschätzen ist? Ganz klar, als komplett unnötiges Theater. Als regelrecht dumm. Auch Veh muss sich mit Gegebenheiten arrangieren. Und das ist ihm, so schätze ich den eigentlich sehr teamorientiert denkenden Trainer ein, auch klar sein. Das muss ich in meinem Job, das müsst Ihr in Euren Jobs und das musss ein Bundesligatrainer auch – das gehört sich so. Natürlich können wir alle versuchen, intern bei den richtigen Ansprechpartnern (zumeist beim direkten Vorgesetzten) auf Missstände hinzuweisen und im besten Fall auch Lösungsvorschläge vorzutragen. Allerdings muss das intern passieren. Wie es sich für eine gute Gemeinschaft gehört. Und wie es die Verantwortlichen der Mannschaft vorleben müssen.
Und das alles nach drei Siegen in Folge. Und nach einem Bundesligaspieltag, der bislang gut für den HSV war. Immerhin sind es jetzt nur noch 17 Punkte auf Tabellenführer Dortmund
Aber im Ernst, der HSV rückt auf den sechsten Platz vor und es sind tatsächlich nur noch (zumindest solange Leverkusen nicht gewinnt) vier Punkte bis zum Champions-League-Platz und drei bis zur Europa-League-Quali. Allemal Grund genug, gute Laune zu verbreiten.
Zumal sich auch heute, trotz des bestätigten Angebots aus Madrid, nichts an der Vereinshaltung im Fall Ruud van Nistelrooy geändert hat. Der hier im Blog bereits geschilderte Gedanke, den von Real nach Mainz verliehen Adam Szalai gegen Ruud zu tauschen wurde dem HSV offiziell noch nicht vorgetragen. Zudem hat Mainz-Manager Christian Heidel heute erklärt, dass Szalai auch nach der Transferperiode in Mainz spielen wird. Aber die HSV-Verantwortlichen gehen davon aus, dass Madrid vorschlagen wird, jetzt van Nistelrooy zu bekommen und im Gegenzug Szalai ab Sommer beim HSV spielen zu lassen. Allerdings soll auch dieser Vorschlag keine Chance haben. Reinhardt: „Es ist, wie wir es immer gesagt haben: Ruud bleibt.“
Hoffentlich.
Und während ich diesen Blog online stellen will, sehe ich nicht nur Werder, wie es in Köln sang- und klanglos untergeht, sondern auch, dass sich der werte Herr Sammer geäußert hat. Er wirft dem HSV „unprofessionelles Verhalten“ vor. Es sei „der Kardinalsfehler von Herrn Rieckhoff gewesen, diesen zeitlichen Druck aufzubauen. Das war unnötig und hat die Situation sehr belastet“, so Sammer gegenüber „Bild am Sonntag“. Der DFB-Sportdirektor nannte auch familiäre Gründe für seine Entscheidung. Mit dem HSV sei „im Prinzip schon alles geregelt“ gewesen, er habe aber noch das Wochenende für Gespräche mit seiner Familie gebraucht. Doch DFB-Präsident Theo Zwanziger habe wegen der Brisanz des Themas auf einer sofortigen Entscheidung bestanden. „Deshalb habe ich mich klar zum DFB bekannt“, sagte Sammer.
Logisch! Obwohl, wartet – nein, doch nicht… Überhaupt nicht! Immerhin sagte er selbst, er sei sich mit dem HSV einig gewesen. Und erhatte über Monate Kontakt. Zu wenig Zeit, um mit der Familie alles zu klären? Ganz sicher nicht…
Sammer macht es sich sogar so einfach, den Schwarzen Peter dem HSV-Aufsichtsratsvorsitzenden Ernst-Otto Rieckhoff zuzuschieben, der sich am Dienstag sehr optimistisch geäußert hatte, Sammer zum HSV holen zu können. „Diese Äußerungen haben die geplanten zeitlichen Abläufe unmöglich gemacht und letztlich dazu geführt, dass eine schnelle Entscheidung getroffen werden musste“, sagte Sammer der „Welt am Sonntag“.
Na denn.
Und Sammer ging sogar noch weiter. Er versicherte, bei den Verhandlungen immer mit offenen Karten gespielt zu haben. „Deshalb habe ich ein reines Gewissen.“
In diesem Sinne, Euch allen einen ehrlicheren schönen Samstagabend! Bis morgen!
P.S.: Am Sonntag wird sich Sammer übrigens – ich weiß, die meisten wissen das schon, trotzdem noch mal – in der „Sky90“-Sendung nach den Sonntagsspielen erneut äußern. Ich bin gespannt!
P.P.S.: Heute konnte Marcell Jansen wieder voll mittrainieren. Auch Gojko Kacar soll trotz Platzwunde am Dienstag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.
Tags: Aogo, Jansen, Kacar, Oenning, Reinhardt, Rieckhoff, Sammer, Veh