Tagesarchiv für den 21. Januar 2011

Viele Verlierer und ein Sieger – die HSV-Mannschaft + UPDATE Ruud!

21. Januar 2011

+++++ Nach dem Spiel wurde bekannt, dass Real Madrid dem HSV telefonisch ein offizielles Angebot für Ruud van Nistelrooy unterbreitet hat. Über die Höhe der Ablösesumme schweigen sich alle Beteiligten aus. Zudem wiederholte HSV-Boss Bernd Hoffmasnn, dass man van Nistelrooy nicht abgeben werde. “Ein Wechsel ist unmöglich”, sagte Hoffmann.++++++

Großer Aufwand, wenig Ertrag. Was für die „Causa Sammer“ gilt, galt auch für das Spiel des HSV. Zumindest lange Zeit. Bis Mladen Petric die 50239 Anhänger erlöste und den HSV zumindest bis Sonnabend punktgleich an die Europa-League-Plätze heranschoss. Ein schöner Abschluss eines bis dahin mäßigen Tages. Diplomatisch ausgedrückt…

Aber bleiben wir beim Schönen, beim Fußball. Denn der hat nach dem starken 1:0 auf Schalke mit dem Sieg gegen die ersatzgeschwächten Frankfurter eine gelungene Fortsetzung gefunden. Genau genommen ist es der dritte Sieg in Folge in der Bundesliga (am 17. Spieltag wurde in Gladbach 2:1 gewonnen). Dabei bedurfte es eines Kraftaktes, einer erneut geschlossenen Mannschaftsleistung, um die drei Punkte einzufahren. Wieder waren es Attribute wie Fleiß und Teamgeist, die den Erfolg brachten. Und die Hoffnung auf eine wirklich deutlich bessere Rück- denn Hinrunde machen.

Dabei hatte die Mannschaft von Trainer Armin Veh gut begonnen. Knapp 20 Minuten wurde Pressing gespielt wie lange nicht. Nicht selten attackierten drei HSVer gleichzeitig die Frankfurter, sollten die einen ihrer gerade mal 30 Prozent Ballbesitz in der ersten Halbzeit haben. Und hätte Zé Roberto in der ersten Minute den Ball besser getroffen nach einer Flanke von Elia, oder hätte Änis Ben-Hatira in der 9. Minute den direkteren Weg zum Ball nach starkem Pass Zé Robertos gesucht – es hätte 1:0 oder gar 2:0 stehen können. So aber bestach die erste Halbzeit durch hohe Laufarbeit auf Seiten des HSV, cleverem Defensivverhalten der Frankfurter und viel Leerlauf. Dabei musste der HSV gegen Frankfurts B-Auswahl in der 35. Minute auch noch den Ausfall Gojko Kacars hinnehmen, der mit dem Ex-HSVer Alex Meier zusammengestoßen war und sich eine klaffende Platzwunde zuzog. Für den Serben kam Tomas Rincon, der die rechte Seite übernahm. Der dort bis dato gut spielende Demel rückte in die Innenverteidigung.

Und die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte. Pitroipa musste verletzt raus, für ihn kam entgegen eigener Ankündigungen Mladen Petric. Der Kroate war erst diese Woche ins Mannschaftstraining eingestiegen – zu früh für 45 Minuten, wie Veh noch gestern selbst angekündigt hatte. Dennoch machte Veh mit dem Bruch eigener Vorgaben alles richtig. Denn nach verhaltenen 20 Minuten war es der Mann mit der Nummer zehn, der einen schönen Pass des erneut sehr fleißigen Änis Ben-Hatira per Grätsche zum 1:0 in die Maschen beförderte. Eine verdiente Führung.

Was folgte waren 15 Minuten, in denen nichts anbrannte. Weder hier noch da. Verantwortlich dafür waren zum einen harmlose Frankfurter, aber vor allem eine gute Defensivleistung der Hamburger. Allen voran Elia in der ersten Hälfte, der keinen Ball verlorengab und Zé Roberto auf die gesamten 90 Minuten berechnet. Der Brasilianer arbeitete nach hinten, grätschte, gewann Zweikämpfe, bot sich permanent an und verteilte geschickt die Bälle. Symptomatisch die 86. Minute, als er bei einem Konter den langen Weg aus dem eigenen Sechzehner bis zum gegnerischen Sechzehner sprintete und den Ball bekam. Dass er diesen nicht mehr ordentlich verarbeitete sei ihm verziehen.

Erst in den letzten zehn Minuten kamen die Frankfurter annähernd gefährlich vors Hamburger Tor, in dem Rost gewohnt sicher alles entschärfte, was zu entschärfen war. Und hätte sich der HSV nicht derart viele unnötige Ballverluste (allen voran die schwachen Trochowski und van Nistelrooy) erlaubt, Armin Veh hätte nach dem Spiel rundum zufrieden sein können.

Eine echte, eine bittere Niederlage gab‘s dagegen schon im Vorfeld. Matthias Sammer sagte ab. Zu meiner Überraschung. Und zur Überraschung aller beim HSV. Ernst-Otto Rieckhoff wirkte regelrecht geschockt. „Ich habe einen trockenen Mund. Das war ja auch für mich eine Premiere“, bat der Aufsichtsratsvorsitzende nach seiner ersten außerordentlichen Pressekonferenz um Verständnis. Und der 59-Jährige machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, die schon in Verbitterung überging. „Wir waren alle sehr überrascht, nachdem wir über Wochen gute Gespräche hatten. Und wir saßen noch am Dienstag in größerer Runde zusammen. Wir waren uns inhaltlich auch einig. Sammer lag ein unterschriftsreifer Vertrag vor.“

Einzig unterschrieben wurde er nicht mehr. Und das, obwohl sich Sammer noch am Freitagmorgen einzelne Formulierungen im Vertrag umstellen ließ. Dabei soll Sammer penibel genau gewesen sein – die Lehre aus dem Debakel beim DFB, wo man ihn als Sportdirektor quasi ohne eigenes Verantwortungsfeld ließ. So zumindest dachten die HSV-Kontrolleure, die bis kurz vor 16 Uhr alle davon ausgegangen waren, dass die causa Sammer klar sei. Lediglich der Zeitpunkt der offiziellen Verkündung war noch offen.

Wie gesagt, das allerdings nur bis kurz vor 16 Uhr. „Ich war wegen eines anderen Themas bei Alexander Otto“, verriet Vorstand Oliver Scheel, „und seine Sekretärin richtete mir aus, dass Herr Otto noch ein wichtiges Telefongespräch hätte.“ Am anderen Ende war Matthias Sammer. Und mit ihm die Absage, die den HSV bundesweit schlecht aussehen lassen. Ob der HSV einen Imageschaden davonträgt? „Nein“, sagt Rieckhoff, „ich bereue nichts, wir bereuen nichts. Wenn man so eine Option auf dem Tablett serviert bekommt, wären wir doch töricht, sie nicht zu forcieren.“ Das Ende sei so nie absehbar gewesen. Im Gegenteil. Als sich Rieckhoff am Dienstag mit seinen Formulierungen weit vorwagte, waren diese mit Sammer sogar abgestimmt.

Was für ein Spiel hat der ehemalige Dortmunder Meistertrainer gespielt? Hat Sammer den HSV benutzt, um seine Position beim DFB zu stärken? Wenn ja, hat er dies mit einer Akribie und einem zeitlichen Aufwand verfolgt, der selbst für den durchtriebensten Taktiker unnormal wären. Seit Juni stand Sammer im regen Kontakt zum HSV, seither gab es immer wieder intensive Gespräche. Sammer hat sich ein Konzept für den HSV ausgedacht und dies aufwendig genau den Kontrolleuren vorgestellt. Sammer hat sogar seine Mitstreiter benannt und diese in Verhandlungen mit dem HSV geschickt. Erst gestern hatte sich dafür Vorstandsboss Bernd Hoffmann mit Miroslav Stevic in Bremen getroffen, nachdem klar war, dass der Leipziger Sportwissenschaftler Dr. Karsten Schumann mit an die Elbe wechseln würde. Auch das Aufgabengebiet Sammers war bis ins letzte Detail geklärt, das Gehalt sowie die drei Jahre Laufzeit und der Posten im Vorstand vertraglich festgehalten. „Ja, es war alles klar“, so Rieckhoff desillusioniert. Ob er glaubt, dass der DFB den Druck auf Sammer so erhöht hat, dass dieser einknickte? „Das Gefühl habe ich.“

Es nützt nichts. Der HSV hat seinen Gau, die Sportchefsuche ist wieder da, wo sie im Sommer, vor der Installation Reinhardts war. Denn, das ist klar, auch wenn Rieckhoff gestern betonte, dass Reinhardt seine Arbeit genau so weitermacht, wie bisher, ist der ehemalige HSV-Verteidiger durch die Sammer-Affäre verbrannt. Gebrandmarkt mit dem Gütesiegel „nicht ausreichend“. Noch am Dienstag hatten die Kontrolleure im Glauben an Sammers Verpflichtung ihrem amtierenden Sportchef mitgeteilt, er möge sich mal Gedanklen machen, wo er seine Rolle sieht. Man würde viel Wert auf ihn legen…

Ist klar.

Aber auch Sammer hat an dieser Geschichte Schaden genommen. Der Ruf des geradlinigen Typen hat eine Delle bekommen. Die Mutmaßungen, weshalb er in letzter Sekunde doch noch absagte sind vielfältig und geprägt von Charakterschwäche. Besonders interessant finde ich dabei die Theorie, Sammer sei nur umgefallen, weil ihn am Donnerstag Uli Hoeneß kontaktiert habe und ihm die Rolle des Cheftrainers beim FC Bayern in Aussicht gestellt hat. Dort würden die familiären Bedingungen stimmen, Sammer wohnt in München, fühlt sich sehr wohl und sein Sohn gilt als großes Talent im U-16-Nachwuchsteam des FC Bayern. Und die Liaison des FCB mit ihrem eigenwilligen und eigenmächtigen Trainer Louis van Gaal gilt gemeinhin als zweckgebunden und wenig liebevoll… Wohlgemerkt, eine Theorie mit vielen Konjunktiven….

Abwarten. Erst einmal müssen wir eine Geschichte verdauen, die keinen einzigen Gewinner, dafür eine ganze Menge Verlierer hervorgebracht hat.

22.23 Uhr

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