Tagesarchiv für den 16. Januar 2011

Der Verein ist größer als das Schicksal einzelner

16. Januar 2011

Zum Glück tangiert‘s die Spieler nicht. Die hatten heute beim Auslaufen an der Imtech-Arena allen Grund, glücklich zu sein. Das 1:0 auf Schalke darf als Grund herhalten, nach all dem Negativen der Hinrunde endlich wieder etwas Optimismus zu leben. Die Mannschaft hat sich selbst gezeigt, dass sie als Einheit funktioniert. Wenn eben alle so mitarbeiten, wie gegen Schalke. Da hat’s gepasst. Kacar hat die Innenverteidigung verstärkt, ihr Sicherheit verliehen. Änis Ben-Hatira ist für fünf gelaufen und hätte ohne Anpassungsprobleme so in die begeisternd aufspielende BVB-Boygroup gepasst. Eljero Elia hat endlich mal wieder Begeisterung gezeigt. Er hat mannschaftsdienlich wie lange nicht mehr gespielt. Und vorn hat Ruud van Nistelrooy das gemacht, was er am besten kann: zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu stehen.

Allerdings, und darauf müssen wir vorbereitet sein, kann sich im Laufe dieser Woche eine Menge verändern. Am Dienstag spricht der Aufsichtsrat erstmals in seiner neuen Konstellation – und hat dabei eine wegweisende Entscheidung zu treffen: er muss über das Gesamtpaket Sammer entscheiden. Das wiederum wird entscheidend sein, wann und wie über die derzeit wohl zweitwichtigste Personalie beim HSV entschieden wird: Ruud van Nistelrooy. Dem liegt nicht nur ein offizielles Angebot Real Madrids vor, der Angreifer hat sich intern auch klar geäußert, das Angebot unbedingt wahrnehmen zu wollen. Allein Trainer Armin Veh, (Noch-)Sportchef Bastian Reinhardt und Vorstandsboss Bernd Hoffmann lehnten van Nistelrooys Wunsch bislang ab. Und obwohl van Nistelrooy sich mit der Absage nicht zufrieden geben will und sein Berater hinter den Kulissen fleißig an dem Wechsel werkelt, funktionierte es auf Schalke. Nach dem Spiel ließ van Nistelrooy durchblicken, dass er dem HSV sehr dankbar ist, für alles, was in den letzten zwölf Monaten für ihn gemacht wurde. Aber er machte noch deutlicher, dass er gehen will. Real Madrid sei mehr als ein Klub, Real Madrid sei der einzige Klub, der in seinem Kopf etwas verändert. Und leider hat sich Real Madrids Trainer Jose Mourinho klar zu van Nistelrooy geäußert. „Wir brauchen dringend einen Stürmer. Und ich wäre sehr glücklich, wenn dies Ruud van Nistelrooy ist“, lässt sich der Portugiese wiederholt zitieren. Und man muss kein Hellseher sein, aber bislang hat Real Madrid noch immer bekommen, was sie wollten.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Matthias Sammer derjenige sein wird, der diese Personalie entscheidet. Er wird, sofern alles wie bisher erwartet verläuft, der neue Sportchef beim HSV. Und der ehemalige Meistertrainer sowie Europameister wird seinen neuen Sportchefposten mit einer heiklen Entscheidung beginnen müssen. Wobei, ganz ehrlich, einem Sammer traue ich allemal zu, dass er auch einem Weltklassefußballer wie van Nistelrooy dessen Grenzen aufzeigt. Und zwar so, dass Ruud van Nistelrooy kurz mault und sich dann wieder ums Toreschießen für den HSV kümmert.

Aber ok, uns bleibt nicht viel als abwarten. Abwarten, wer Sportchef wird, abwarten, ob Real sein lächerliches Null-Euro-Angebot nachbessert. Und abwarten, wie sich Ruud van Nistelrooy künftig verhält. Nicht wenige rechnen damit, dass der Torjäger seine Forderung mit allen Mitteln durchsetzen wird. Allerdings wird HSV-intern gern das Beispiel von Rafael van der Vaart herangezogen, der sich einst im Valencia-Trikot ablichten ließ und seinen Wechsel nach Spanien mit allen Mitteln und Drohungen durchzusetzen versuchte. Damals habe sich das Ganze auch nach einer Woche wieder erledigt.

Aber ich behaupte, diese beiden Geschichten sind absolut nicht vergleichbar. Denn van der Vaart wusste, dass er noch genügend Zeit haben werde, seine Ziele zu verwirklichen. Immerhin war er 2007, als das alles passierte, gerade erst 24 Jahre alt. Ruud van Nistelrooy hingegen ist 34, hatte sich schon fast damit abgefunden, nie wieder auf die ganz große Fußballbühne zurückzukehren. Auch wenn er im Januar 2010, als er die Gespräche mit dem damaligen HSV-Trainer Bruno Labbadia und Hoffmann führte, sagte, er wolle sich beim HSV noch mal für einen ganz großen europäischen Spitzenklub empfehlen. Damals glaubte allerdings niemand nicht mehr wirklich an das große Comeback des heute 34-Jährigen. Heute werden wir alle eines Besseren belehrt.

Und van Nistelrooy weiß, welch Riesenglück die Verletzung Higuains für ihn darstellt. Real wäre nie auf die Idee einer Rückholung gekommen, wäre der Argentinier gesund. Van Nistelrooy weiß auch, dass er nicht die erste Wahl ist. Er weiß, dass die Tatsache, dass er sogar in der Champions League spielberechtigt wäre, ein wichtiges Argument für ihn und gegen Stürmer anderer Topklubs war. Und? Es stört ihn nicht. Im Gegenteil. Van Nistelrooy sieht die große Chance, endlich einen Titel zu gewinnen. Real Madrid zählt immerhin – wie jedes Jahr – zu den Topfavoriten der europäischen Königsklasse.

Ich muss ehrlich gestehen, in mir schlagen zwei Herzen. Zum einen sehe ich die große Chance, ein Lebenswerk mit einem Titel abzurunden nur in Madrid. Nur bei den Königlichen, für die Ruud schon dank der guten Mitspieler ganz sicher unvermindert treffen würde, kann eine der größten Fußballkarrieren der letzten 20 Jahre das verdiente Ende finden: den Champions-League-Titel.

Allerdings bin ich es leid, dass Verträge nichts mehr zählen. Wieso erlauben sich Fußballprofis, immerhin überdurchschnittlich hochbezahlte Arbeitnehmer, trotz eines unterzeichneten Vertrages von Wechselwünschen zu sprechen. Ich gehe sogar so weit, dass ich Geldstrafen für richtig empfinde. Spieler pochen immer auf die Einhaltung der Vereinbarungen, sie nehmen Gehaltserhöhungen nur zu gern und selbstverständlich an. Und dann – das gilt natürlich nicht für alle – dreht sich alles von einer auf die nächste Sekunde. Eben noch das Wappen auf dem Trikot als Liebesbeweis beim Jubeln geküsst, ist es in der nächsten Sekunde der nächste Klub, bei dem der Spieler XY schon IMMMER spielen wollte. Ganz ehrlich: Bullshit! Spieler lassen sich private Massagebehandlungen für die Ehefrau, ein Auto, ein Haus, Monatsrationen Windeln und was weiß ich nicht alles in ihre Verträge setzen. Verträge sind ihnen in der Verhandlungsphase so unglaublich wichtig. Für alle. Und wehe, die kleinste Kleinigkeit wird nicht eingehalten! Dann schlagen die Spieler Alarm, stehen beim Chef auf der Matte und pochen auf ihr gutes Recht.

Allerdings, sobald sie selbst anderswo mehr Vorteile für sich wähnen, zählt alles nichts mehr. Dann werden selbst langfristige Verträge, für deren Einhaltung sie sich vorher Handgelder im siebenstelligen Bereich haben zahlen lassen, nichtig. Und wehe, man hat kein Verständnis für sie…

Ich bleibe dabei: ich verstehe Ruuds Wunsch. Vielleicht würde ich auch sop denken. Und wenn es einen auch für den HSV akzeptablen Weg gibt, diesen Wunsch zu erfüllen – sofort! Allerdings erwarte ich von dem Niederländer auch, dass er sich zu 100 Prozent der Entscheidung des Klubs unterwirft. Alles andere ist inakzeptabel. Zumal van Nistelrooy auch ein Vorbildrolle innehat.

Und dabei ist jede Begründung ok, die der HSV anbringt. Aktuell hat der HSV auch gar keine Wahl, als nein zu sagen. Mladen Petric ist noch nicht wieder bei 100 Prozent, Son beim Asien-Cup und Paolo Guerrero weiterhin an der Achillessehne verletzt. Der HSV kann es sich einfach nicht erlauben, in der sportlich schwierigen und wichtigen Phase der Saison ein unnötiges – und das ist es aus HSV-Sicht – Risiko einzugehen. Das Wohl des Vereins muss immer über dem des einzelnen stehen. Egal ob der einzelne in der F-Jugend spielt oder Ruud van Nistelrooy heißt.

Aber ok. Was heutzutage ist schon noch normal? Hannover ist Tabellenzweiter, Mainz Dritter und Freiburg Sechster. Demba Ba streikt und Bauer sucht Frau ist bei RTL ein Quotenhit – da passt es doch fast schon, wenn Real Madrid mitten in der Saison Ruud van Nistelrooy verpflichten will – für lau….

In diesem Sinne: Nur der HSV!

18.58 Uhr