Tagesarchiv für den 15. Januar 2011

1:0 – Ruud lässt uns jubeln – zum letzten Mal?

15. Januar 2011

Ich bin ein Blinder! 3:1 hatte ich getippt. Nur 1:0 ist es geworden. Ich lag falsch. Und das sowas von gern. Denn das 1:0 war ein guter Auftakt. Genau das, was ich mir vorher erhofft hatte. Neues Selbstvertrauen sollten sich Frank Rost und Co. in Gelsenkirchen holen – und wenn ich die Spieler richtig verstanden habe, hat das funktioniert. „Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht“, freute sich Rost. Dass es letztlich Ruud van Nistelrooy ist, der das Spiel entscheidet, hatte ich – ganz ehrlich -, nach dem ganzen Theater der letzten zwei Tage nicht erwartet. Ich hatte befürchtet, Ruud wäre mit dem Kopf bei Real Madrid. Ich hatte befürchtet, er würde heute Dienst nach Vorschrift abliefern.

Und so begann es auch. Dass alle Augen auf ihn gerichtet waren, wusste er. Ruud van Nistelrooy war sich im Klaren darüber, dass durch das Wechseltheater besonders seine Spielweise interpretiert würde. Und es war ihm egal. Gut so, mag man da sagen, soll er sich bloß nicht einschüchtern lassen. Aber in diesem Fall war es nicht gut. Zumindest nicht, was Ruud in den ersten 45 Minuten ablieferte. Ich muss zugeben, ich weiß es nicht zu 100 Prozent, aber wenn ich mich nicht irre, hatte der Niederländer in der 39. Minute seinen ersten Ballkontakt. Und selbst wenn er vorher schon einen oder zwei hatte, er hatte insgesamt nahezu keinen Einfluss auf das Spiel.

Ganze acht Ballkontakte waren es für Ruud nach 45 Minuten. Das wiederum lag auch daran, dass Jonathan Pitroipa einen Querpass zu tief ansetzte. Und daran, dass ein Eckball unerwartet unberührt durch den Sechzehner an seinen Oberschenkel rauschte. Nachdem sich Guy Demel in der zweiten Minute von Edu hatte ausspielen lassen und Huntelaar nur ob des falschen Timings freistehend per Kopf verzog, war es der HSV, der das Heft in die Hand nahm. Ungewohnt (und umso erfreulicher) sicher im Defensivverbund – Kacar machte eine starke Partie – hatte das Team von Trainer Armin Veh knapp 70 Prozent Ballbesitz. Das allein schießt keine Tore, klar – aber es zeigt auf, wie beide Teams eingestellt waren. Schalke wollte kontern, der HSV machte das Spiel.

Und das machten van Nistelrooy und Co. insgesamt sehr ordentlich. Und sie hätten in Führung gehen können. Nein: MÜSSEN! Aber in einem Moment schwerer geistiger Umnachtung setzte der quirlige Pitroipoa in der 12. Minute zur Schwalbe an. Und das, obwohl er S04-Keeper Neuer schon ausgespielt hatte. Sportchef Bastian Reinhardt brachte es in der Halbzeit auf den Punkt: „Wenn er sowas macht, darf er sich auch nicht wundern, wenn er mal einen wirklichen Elfmeter nicht bekommt. Das geht gar nicht!“

Recht hatte Reinhardt. Auch als er sagte, dass es ein gutes Spiel des HSV bis dahin war, dem nur das Tor zur Führung fehlte. Denn der nicht ganz so auffällig wie zuletzt, aber allemal gut spielende Änis Ben-Hatira (9.) scheiterte nur an der Fußspitze Neuers, während der heute ganz starke Kacar, der zweimal in höchster Not retten konnte, mit seinem Kopfball an Schalkes Moritz scheiterte, der auf der Linie klären konnte. So blieb es beim für Schalke durchaus schmeichelhaften 0:0 zur Halbzeit.

Und dann war er da. Doch wieder. Geweckt aus seiner spanischen Liebesromanze, schädelte er (über den Umweg Oberarm) eiskalt ein. Guy Demel hatte sich über rechts gut durchgesetzt und eine abgefälschte Flanke auf den zweiten Pfosten gebracht. Hier stand van Nistelrooy und hatte wenig Mühe (mit dem Oberarm), in der 52. Minute die längst verdiente Führung herzustellen.

Van Nistelrooy war wieder da. Auferstanden, entgegen allen bösen Vermutungen, er würde sich künftig aus Protest verweigern. Der Niederländer erbrachte den Nachweis, weshalb er zu den größten Weltstars der letzten 20 Jahre zählt. Und er wirkte plötzlich voller Leben. Er bot sich an, forderte Bälle und war sogar sauer, wenn er mal einen Pass nicht bekam. Ruud war wieder der HSVer, der bei den eigenen Fans das höchste Ansehen genießt – und der den Gegnern Respekt einflößt. „Ruud wird nicht abgegeben“, wiederholte sich Reinhardt nach dem Spiel bei jedem, der ihn nach dem bestätigten Angebot Real Madrids fragte. Und ganz ehrlich, ich würde Basti nur zu gern glauben….

Aber zurück zum Spiel. Schalke musste nach dem 0:1 mehr machen. Und sie versuchten es auch. Allerdings sprang dabei nichts heraus. Zum einen, weil sie bis auf Farfan offensiv quasi unbesetzt waren (wo bitte waren die so hoch gelobten Raul und Huntelaar??), zum anderen, weil der HSV defensiv ganz stark agierte. Bis auf van Nistelrooy arbeiteten bei jedem S04-Angriff alle HSV-Spieler defensiv. Und diesmal standen sie gut. Westermann hatte Kacar führen sollen, so zumindest hatte es Veh gefordert. Aber wer den Serben heute das erste Mal gesehen hat, der wird denken, dass Kacar immer Innenverteidiger spielt. Der Serbe wirkte zweikampfstark, stand immer wieder goldrichtig und spielte die Bälle so kontrolliert hinten raus, wie es der HSV lange nicht mehr getan hatte. Kurzum: das war richtig gut. Dass neben Kacar auch Westermann gewohnt zweikampfstark agierte und Demel sowie Aogo (gegen einen guten Farfan!) sicher spielten, rundete das starke defensivverhalten der Veh-Elf ab.

Und, einmal angefangen mit Komplimenten, muss auch das defensive Mittelfeld, das durch die fünfte Gelbe Karte für David Jarolim am kommenden Freitag gegen Frankfurt leider wieder umbesetzt werden muss, genannt werden. Leider, weil Zé Roberto und Jarolim sehr gut standen, die Mitte dicht machten und bei den eigenen Angriffen immer wieder als Anspielpunkte und Ballverteiler zur Verfügung standen. Stark auch, welche Wege Ben-Hatira hinlegte. Der Junge hatte offensiv nicht so viele Szenen wie gegen Ajax – und er macht alles richtig. Denn er brachte sich maximal ein, schleppte Bälle, klärte im Mittelfeld und lief, als gäbe es kein Morgen. Auch deshalb durfte er 90 Minuten auf dem Platz bleiben. Und ich könnte wetten, dass er das auch am kommenden Freitag sein wird, wenn nichts Außergewöhnliches passiert.

Eljero Elia und Jonathan Pitroipa sind in der Lobhudelei noch unbedacht. Bei Pitroipa muss das auch so bleiben. Dafür war die Szene mit der Schwalbe einfach zu blind. Allein aus Protest werde ich nicht erwähnen, dass er mit seinen schnellen Vorstößen immer für Gefahr sorgte und sein Gegenspieler Schmitz zu den genervtesten Menschen in der Veltins-Arena avancierte. Pitroipas Pendant auf links, Eljero Elia, spielte heute nicht spektakulär – dafür aber mannschaftsdienlich. Wie Ben-Hatira erkannte auch der Niederländer, dass heute andere Dinge gefordert waren und arbeitete defensiv gut mit.

Wie sonst, wenn nicht mit Ruud van Nistelrooy möchte ich diesen Blog der Freude beschließen. Real Madrid sei der einzige Klub, der ihn zum Umdenken bewegen könnte, sagt der Niederländer nach dem Spiel. „Ich hoffe, dass wir in den nächsten Tagen Deutlichkeit bekommen.“ Inwiefern? Ob er gehen will? „Das machen jetzt die Berater“, umschiffte Ruud geschickt seine Liebesbekundungen für Real Madrid. Und auch wenn man es ihm ansehen konnte, das Fernweh nach Madrid, heute will ich darüber nicht mehr nachdenken. Heute will ich mich über den Sieg freuen.

In diesem Sinne, ich streiche die ersten drei der insgesamt 35 Striche an meiner Tafel ab. Sauber! Und ich gehe jetzt ein Bier trinken. Oder zwei. Ich glaube, ich werde dabei auch das eine oder andere Mal auf Ruud anstoßen und ein letztes, verzweifeltes Stoßgebet gen Himmel schicken. Den Inhalt lasse ich hier mal ungenannt.

Ihr wisst es eh alle.

Einen wunderschönen Abend. Uns allen! Und bis morgen…

20.48 Uhr