Tagesarchiv für den 13. Januar 2011

Endlich wieder Qualität – auch auf der Bank!

13. Januar 2011

Als Armin Veh heute den Presseraum betrat, staunte er nicht schlecht. Der Saal war so gut gefühlt wie sonst nur bei großen Neuvorstellungen. „Ich dachte schon, es sei was los“, entfuhr es dem HSV-Trainer, ehe fast schon enttäuscht nachsetzte: „Aber ok, es folgt ne Ehrung. Ich dachte schon, unser Spiel interessiert so.“ Tut es. Trotz der Ehrung (BW Ellas, Süderelbe und Rantzau erhielten den Vereins-Ehrenamtspreis in Höhe von 10000 Euro) war das beherrschende Thema auf der PK natürlich der Rückrundenauftakt gegen Schalke. Denn für den HSV geht es am Sonnabend (18.30 Uhr) auf Schalke darum, die schwache Hinrunde vergessen zu machen. 35 Punkte aus 17 Spielen hatte Vorstandsboss Bernd Hoffmann auf der Jahreshauptversammlung am Sonntag gefordert.

Die ersten drei davon sollen gegen die zuletzt besser werdenden Königsblauen eingefahren werden. So sieht es zumindest Veh. „Schalke hat viele Neue einzubauen gehabt, das hat seine Zeit gedauert. Deshalb haben sie am Ende der Hinserie ihre Ergebnisse geliefert. Sie sind stärker als zu Saisonbeginn.“ Das wiederum ist der HSV auch. Glaubt Veh. „Es sind wichtige Spieler zurückgekommen“, so der HSV-Trainer, „und andere sind fitter als in der Hinrunde.“ Wozu der Coach ganz klar Ruud van Nistelrooy zählt. „Ruud macht in den letzten 14 Tagen sogar einen besseren Eindruck als nach der Sommervorbereitung. Er hat alle Einheiten mitgemacht.“

Auch die heutige. Und bei der patzte der ansonsten so treffsichere Niederländer. Zuerst traf er in den zwei Trainingsspielen nicht aus dem Spiel heraus, dann scheiterte er noch mit einem Elfmeter an Jaroslav Drobny, den Jonathan Pitroipa (absolvierte eine starke Einheit!) herausgeholt hatte. Und auch insgesamt schien Ruud heute abgelenkt. Oder einfach nur genervt? Bei der Pressekonferenz sollte Ruud den Ehrenamtspreis überreichen. Dafür holte ihn HSV-Sprecher Jörn Wolf aufs Podium. Und Jörn stellte ihm auch gleich eine sportliche Frage. Das allerdings gefiel Ruud van Nistelrooy nicht. ER antwortete abgehackt, in kurzen Sätzen. „Ob ich fitter bin? Das müssen andere beurteilen.“ Und als ihn eine Kollegin fragte, ob er sich denn besser als in der Hinrunde fühle, konterte Ruud: „Ich dachte, ich bin zur Ehrung des Ehrenamtes hier, nicht zu meiner PK.“ Erst nachdem Jörn den leicht bockigen Niederländer überredet und meine Kollegin ihre Frage wiederholt hatte, antwortete Ruud.

Was er nachmittags auf dem Trainingsplatz zeigte, war dann allerdings nicht so, wie viele nach den Lobeshymnen vermutet hätten. Aber vor allem war es nicht so, wie er sich das selbst vorstellt. Im A-Team als einzige Spitze unterwegs, hatte er kaum Szenen. Immer wieder wurde er schon bei der Ballannahme gestört, scheiterte mit Dribblings, spielte zu ungenaue Pässe und nach vorn brachte van Nistelrooy gerade zwei Torschüsse zustande. Naja, und eben einen verschossenen Elfmeter. Allerdings muss man dazusagen, dass van Nistelrooy an Drobny scheiterte. Der Tscheche kennt das Elferverhalten von Ruud besser als die meisten. Denn mit dem Tschechen hat Ruud irgendeinen Contest laufen, für den beide nach jedem Abschlusstraining gegeneinander Elfmeter schießen. Kurios daran: eigentlich gewinnt immer van Nistelrooy. Er trifft mehr. Und er hält mehr Elfmeter von Drobny als umgekehrt.

Egal wie, ich mache mir da eh keinen Kopf. Van Nistelrooy ist einer der coolsten Bundesligaprofis. Der wird sich am Sonnabend pünktlich wieder auf 100 Prozent hochgefahren haben (und dann auch treffen!). Zumal das Spiel gegen Schalke auch für ihn etwas Besonderes ist. Es werden viele Niederländer zugucken, das Spiel wird in den Niederlanden live gezeigt, da mit ihm, Elia und bei S04 Huntelaar gleich drei Nationalspieler auf dem Platz stehen. „Aber auch so ist das Spiel ein sehr gutes Spiel“, weiß Ruud um die Qualität des nächsten Gegners, bei dem er besonders vor einem großen Respekt hat: vor Raul. „Wir haben zusammen bei Real Madrid gespielt, er ist mein bester Fußballkumpel“, freut sich van Nistelrooy auf das Wiedersehen mit Schalkes Linksfuß.

Allerdings gibt es auch beim HSV einen Linksfuß, auf und über den sich van Nistelrooy derzeit besonders freut: Änis Ben-Hatira. Der Youngster harmonierte zuletzt mit „Van the man“ hervorragend. Und dem Halbmarokkaner attestierte Veh heute noch mal eine starke Hinrunde bei der zweiten Mannschaft, starke Trainingsleistungen bei den Profis sowie sehr gute Auftritte in den Wintertests. „Er hat hart gearbeitet und sich seine Chance verdient“, so der HSV-Trainer heute. Dann wieder zusammen in einer Mannschaft mit van Nistelrooy – was ich (nicht wirklich ernst gemeint) als Hauptursache für van Nistelrooys heutigen Hänger und somit als weiteres gutes Omen werte. Denn im Trainingsspiel zehn gegen zehn wechselte Ben-Hatira ins B-Team, damit es aufging. Irgendwie muss ich es mir ja hindrehen, damit es wieder was Gutes hat…

Wer sich das Trainingsspiel heute angesehen hat – außer Gravesen, Benno und mir waren das noch eine handvoll Irrer, die sich gern erkälten wollten – der staunte nicht schlecht. Zum einen, weil Jonathan Pitroipa mit seinen Gegenspielern machte, was er wollte. Der Burkinabe zog groß auf! Zum anderen, weil Zé Roberto doppelt traf. Aber am meisten staunten die Kiebitze – auch wir drei – über Piotr Trochowski. Der hier nicht wirklich wohlgelittene Mittelfeldspieler kam mit den schwierigen Bodenverhältnissen bestens klar und zimmerte mit der ihm eigenen Schussttechnik einen Ball nach dem anderen gefährlich aufs Gehäuse von Frank Rost. Der hat mir übrigens mal sein Leid geklagt, als er sich über Trochowskis raffinierten Schüsse („die flattern mehr als andere“) beklagte. Allerdings blieb Rost wie immer mehrheitlich erster Sieger – den Sieg fürs B-Team im abschließenden Spiel auf zwei Tore (zuvor wurde auf vier Tore 3:3 gespielt) aber besorgte dann doch der zum Reservisten degradierte Deutsch-Pole mit einer abgefälschten Bogenlampe.

Und nachdem sich gestern schon die rechte HSV-Seite als die aktivere hervorgetan hatte, bestätigten Jonathan Pitroipa und Guy Demel das heute. Wobei ich insgeheim hoffe, dass unser Problemkind, Wunderstürmer und Hoffnungsträger Eljero Elia am Sonnabend alles das freisetzt, was er aktuell im Training einzusparen scheint. Und das ist ne Menge! Bei Schalkes unterbesetzter rechter Abwehrseite bietet das bei Kontern und Angriffen eine große Chance.

Klar ist dagegen, dass Eljero Elia bleibt. Das hatte Veh schon am Anfang der Winterpause gesagt. Und er fühlte sich heute bestätigt. „Wo ist er denn?“, fragte Veh rhetorisch als Antwort auf die Frage, ob der HSV noch mal schwach werden könne. „Er ist doch hier oder? Na also. Er bleibt auch hier“, so Veh weiter. „Allerdings“, fügte Veh nach einer kurzen Pause hinzu, „es sei denn, er geht. Im Fußball kann man doch nichts ausschließen. Klar ist aber, dass wir nicht vorhaben, noch irgendeinen Spieler gehen zu lassen.“ Wie auch? Ist doch immer noch kein neuer Innenverteidiger gefunden, der Kader somit weiter alles andere als überfrachtet. Auch wenn es nächste Woche – da setzt Veh auf die Rückkehr von Mladen Petric und Joris Mathijsen – schon deutlich besser aussieht.

Aber noch mal zur Innenverteidigersuche. Da tut sich der HSV schwer. Bruma ist noch nicht vom FC Chelsea loszueisen, Jaissle hat bei Hoffenheim verlängert und die sportliche Perspektive als ausschlaggebend genommen. Eine angesichts seiner Gehaltsverdoppelung ebenso scheinheilige wie ohrfeigende Aussage des Kraichgauers.

Allerdings, woran liegt’s, dass der HSV nichts findet? Zum einen, das bestätigen alle Mitwirkenden, gibt der Markt derzeit nicht her, was der HSV sucht: einen jungen Innenverteidiger mit Perspektive. Zum anderen aber blockiert sich der HSV mal wieder selbst, indem er seinen handelnden Sportchef fast täglich mit neuen Gerüchten schwächt. Wer soll denn einen Bastian Reinhardt in seinem ersten Jahr als Sportchef in den Verhandlungen ernst nehmen, wenn dieser selbst von denen in Frage gestellt wird, die ihn vor einem guten halben Jahr selbst installierten? Nein, das funktioniert nicht. Natürlich nicht. Hier muss der HSV schnell etwas ändern. Aber das hatten wir ja schon.

Zum Ende noch etwas erfreuliches: Als sich die Mannschaft heute gegen 16.08 Uhr auf dem Weg zu ihren obligatorischen Auslaufrunden machte, gab es keinen neuen Verletzten. Womit wir nicht nur auf dem Platz sondern endlich auch wieder auf der Bank mit Qualität aufbieten können. Denn voraussichtlich ist das unsere Ersatzbank: Drobny, Jansen, Trochowski, Besic, Rincon, Tesche und Choupo-Moting. Dazu kommen nächste Woche noch Mladen Petric, Joris Mathijsen und Paolo Guerrero. Ich finde, das klingt gut. Sehr gut sogar.
Auf jeden Fall gibt es mir ausreichend Anlass, auch heute noch optimistisch gen Schalke zu blicken.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

19.24 Uhr