Tagesarchiv für den 12. Januar 2011

Endlich zählts: die Bundesliga! Und eine neue Chance…

12. Januar 2011

Der HSV will den vielen starken Worten der letzten Tage gegen Schalke am Sonnabend Taten folgen lassen – das belegte das heutige Training. Nach intensiven Technikübungen folgte ein noch intensiveres Trainingsspiel. Veh beorderte mit Brügmann und Akyol erneut zwei Talente aus der Regionalligamannschaft zu den Profis (Pressel ist ja ohnehin schon länger dabei), um sein A-Team wettbewerbsgleich gegen elf Spieler (in diesem Fall Reservisten) antreten zu lassen. Und es war ordentlich Tempo in der Partie. 45 Minuten (mit zwei kleinen Pausen) ließ Veh seine Schützlinge aufeinander los und man sah am Einsatz aller, dass der Kampf um die Plätze im Kader voll entbrannt ist. Doch nicht alles dürfte dem Coach gefallen haben: Die Stammelf (Rost – Demel, Westermann, Kacar, Aogo – Jarolim, Zé Roberto – Pitroipa, Ben-Hatira, Elia – van Nistelrooy) gewann durch Tore von Pitroipa und van Nistelrooy, die sich auch jeweils als Vorbereiter einmal eintrugen, zwar mit 2:0. Die Reservisten hätten das Spiel aber ihrerseits gut und gerne gewinnen können. Torun, Choupo-Moting (nach bösem Schnitzer von Westermann) und Jansen vergaben beste Chancen. Es geschah genau das, was Veh nach dem Ajax-Kick und in einer Videoanalyse vor dem heutigen Training noch angemerkt hatte, es wurden zu viele Chancen zugelassen. „Wir dürfen nicht so viele Möglichkeiten des Gegners zulassen, daran werden wir in der Trainingswoche verstärkt arbeiten“, hatte Veh versprochen. Und seit heute weiß er, dass er morgen und Freitag noch eine Menge Arbeit vor sich hat.

Zumal die Schalker Mannschaftsicher nicht schlechter sein wird als die B-Elf des HSV. Das verriet Ex-Schalker Westermann. Der Abwehrchef hatte sich bei seinen Ex-Kollegen etwas umgehört und dabei Interessantes zutage befördert. Zum Beispiel verriet er, dass er nicht daran glaube, dass Farfan wirklich nicht zur Startelf der Gelsenkirchener gehören wird. Genauso wie er gehört haben will, dass Höwedes trotz seines Anfang des Monats erlittenen Bänderrisses gegen den HSV auflaufen wird. Die Magath-Wunderheilung in zehn Tagen? Abwarten. Der Ex-HSV-Profi kann dabei noch mit anderen seltenen Maßnahmen aufwarten: So kehrt er mit seinen Schalkern erst am Freitag aus dem Trainingslager im türkischen Belek zurück – und nur einen Tag später geht es bei 20 Grad weniger gegen den HSV. Gut, vielleicht wird die S04-Turnhalle ja ordentlich geheizt?!? Andererseits kann ich dieses Vorgehen von einem peniblen Macher wie Magath absolut nicht nachvollziehen. Und so sehr ich ihn als Fachmann schätze – so etwas gehört einfach bestraft…
Aber zurück zu dem, was wir selbst verantworten und beeinflussen können. Beim Abschlussspiel nahm Kacar wie erwartet neben Westermann den Platz in der Innenverteidigung ein, bekam aber den einen oder anderen Rüffel des Trainergespanns von der Seitenlinie zu hören. „Was machst du da, Gojko, wo treibst du dich rum“. Immer wieder musste Kacar in seine Rolle zurückbeordert und neu gestellt werden. Glänzen konnte dagegen vor allem zu Beginn des Trainingsspiels einmal mehr Ben-Hatira mit guter Übersicht und tollen Pässen. Und auch wenn er zum Ende des Trainings ein wenig abbaute, an seinem Einsatz von Beginn an besteht wohl kein Zweifel mehr. Änis selbst wollte diese Woche nicht viel sagen, sondern erst mit Taten glänzen. Er hat aus seinen Fehlern gelernt. Der Junge ist fast schon beängstigend erwachsen geworden… Obwohl, ein bisschen was hat er dann doch zum Besten gegeben: „Ich weiß ja noch nicht einmal, ob ich spiele. Aber wenn, werde ich Gas geben ohne Ende. Ich habe zuletzt immer gespürt, kein Notnagel mehr zu sein, sondern über gute Trainingsleistungen die Chance zu haben, mich anzubieten.“ Am Ziel ist er dennoch noch lange nicht. „Das ist erst der erste Schritt.“
Die sonstigen Eindrücke aus dem Training: Pitroipa war auffälliger als Elia, die rechte Seite der A-Elf war insgesamt effektiver als die linke. Etwas überraschend – aber so war es. Und Besic hatte in der B-Elf gute Szenen – er scheint sich nicht aufgegeben haben im Kampf um die zentrale Position in der Abwehr. Der Junge begeisterte mit guten Zweikämpfen und er dirigierte fleißig.
Einer der größten Besic-Befürworter ist übrigens Kapitän Westermann. Und der kam heute vor dem Training zu uns in die Presserunde. Er erzählte, dass er immer noch in Kontakt zu einigen Schalkern steht, vor allem zu Neuer und Höwedes. Aber das hatte ich eingangs dieses Blogs ja schon. Er weiß allerdings auch, wie man gegen die Königsblauen gewinnt. Die Chance gegen die Magath-Befehlsempfänger bestünde vor allem in der Schwierigkeit der Schalker, selbst das Spiel zu machen. „Wenn wir alle Räume eng machen, werden sie es schwer haben. Zudem ist die Abwehr nicht die beste, sie haben zum Beispiel derzeit keinen Rechtsverteidiger zur Verfügung.“ Was für Zyniker nach dem aktuellen HSV-Problem mit „Giiiiiii“ klingt, gilt offenbar auch für Westermanns Ex-Klub. „Dafür“, und das betonte er auch, weil es sein direktes Arbeitsfeld betrifft, „sucht der Sturm mit Raul und Huntelaar seinesgleichen in der Bundesliga.“

Gut nur, dass sich Westermann – wie gestern schon Gojko Kacar – selbst topfit fühlt. Allerdings räumte der Kapitän ein, wenn man sein Spiel gegen Amsterdam zum Maßstab nähme, könne man kaum sagen, er sei schon in der bestmöglichen Form. Er habe selbst einige Stockfehler in seinem eigenen Spiel sowie im Zusammenspiel mit seinem neuen serbischen Innenverteidiger-Kollegen erkannt. Man kann bei Westermann über alles meckern, man kann ihm viele Vorwürfe machen, aber dieser Mann hat Charakter. Der stellt sich nach jedem Spiel, der reagiert auf bittere Pfiffe gegen seine Person mit einer anschließend blitzsauberen Leistung (gegen Hoffenheim) – und er ist selbstkritisch. Gesund selbstkritisch. „Unser Job ist mit vielen Vorteilen behaftet, die wir schätzen müssen, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren“, hatte er schon bei seiner Vorstellung zu Saisonbeginn gesagt. Westermann damals: „Dazu gehört es auch, in schwierigen Zeiten die Arschbacken zusammenzukneifen und sein Ego hintenanzustellen.“ Dass er sich in allen Lagen und zu allen Themen stellt, bewies er auch heute wieder, als er einem Radioreporter noch zum Besten, dass er sich über den Dioxin-Skandal keine großen Gedanken macht und weiter Eier esse. Respekt! Das sind doch mal Informationen…

Nun gut, wir wissen alle nicht, ob das Experiment mit Westermann/Kacar gut geht, aber die beiden wirken zumindest in sich gefestigt, als seien sie sich ihrer Verantwortung bewusst. Kacar sieht die Chance, sich auf einer anderen Position als der Sechs in die Startelf zu spielen. Und Westermann ist wie immer heiß darauf, endlich mit dem HSV durchzustarten. Im Mittelfeld hat Veh die Qual der Wahl – und mit Ben-Hatira eine neue Alternative, auf die ich ebenso gespannt bin wie auf Westermann/Kacar. Was mich allerdings etwas verwundert: Beim HSV schwärmen sie alle von Schalkes Offensive mit Huntelaar und Raul. Das kann man machen. Die sind schon ne Hausnummer. Aber, um mal das eigene Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, wer offensiv mit eben jenem Ben-Hatira, Pitroipa, einem Eljero Elia und noch dazu mit einem Ruud van Nistelrooy antreten kann, sollte mehr seine eigene Stärke betonen, denn über andere philosophieren. Bei allem Respekt vor dem S04-Angriff…

Aber gut, das Schönste am heutigen Tag war, dass es der erste seit Wochen war, an dem ich nicht ein einziges Gespräch geführt habe, in dem es um Hoffmann, den Vorstand allgemein oder den Aufsichtsrat ging. Endlich, und es sind ja nur noch drei Tage, haben sich alle wieder aufs Kerngeschäft konzentriert: die Bundesliga. Ich auch. Und ich werde hier, das kündige ich schon mal an, bis einschließlich zum Anpfiff am Sonnabend um 18.30 Uhr optimistisch sein. Ich will es einfach versuchen. Weil mir alle Spieler, Trainer und sonstigen Verantwortlichen von Gesundung und Besserungen berichtet haben. Ich will einfach optimistisch sein. Frei nach dem Motto: Der HSV beginnt neu und kriegt dafür eine neue Chance. Auch wenn es meinen Beobachtungen hier und da mal widerspricht. Weil alles andere keinen Spaß macht. So habe ich das bei unserer traditionellen Abendblatt-Tipprunde übrigens auch immer gehandhabt. Bei mir hat der HSV, ob bei Pagelsdorf, Jara, Toppmöller, Doll, Stevens, Jol oder auch Labbadia in den letzten zehn Jahren jedes Spiel gewonnen – ausnahmslos. Dadurch habe ich einige Runden knapp die Geldränge verpasst – aber dafür war die Freude doppelt groß, als ich die letzten Runden gewinnen konnte. Ich verspreche Euch hiermit allerdings auch, dass diese Unvernunft spätestens mit der Analyse nach dem Schalke-Spiel beendet ist.

Übrigens: Das Spiel gegen Schalke war aufgrund der Dachschäden durch die Schneemassen der letzten Wochen bis gestern sogar noch gefährdet. Erst am späten Nachmittag kam die endgültige Bestätigung, dass gespielt werden kann – zumindest solange das Wetter so bleibt, wie es ist. Gegen den HSV werden Regencapes an die Zuschauer auf den betroffenen Plätzen verteilt, wo das Dach nicht dicht ist. Wenn es jedoch wieder schneien sollte, sind Spielabsagen bis Ende März nicht ausgeschlossen.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

20.29 Uhr

P.S.: Um mal mit einem Gerücht aufzuräumen: Dennis Aogo erhält für seine Vertragsverlängerung eine Verdoppelung des bisherigen Jahressalärs. Allerdings entspricht das längst den Taut-Vermutungen (drei Millionen Euro) sondern beläuft sich auf „nur“ rund zwei Millionen Euro per annum.