Tagesarchiv für den 11. Januar 2011

…und alles wird besser! Schon auf Schalke?

11. Januar 2011

Der Anfang ist gemacht. Tag eins nach der Wahl ist medial abgearbeitet – und er macht Hoffnung. Keine neuen Schaumschläger, keine populistischen Kommentare der Gescheiterten – und der am Sonntag „abgewatschte“ HSV-Boss gibt sich versöhnlich. Bernd Hoffmann spricht sogar von einer Befreiung, die diese Wahl für ihn darstellt, denn „alle politischen Spielchen dürften jetzt vorbei sein“ und „die Gegner sitzen jetzt nicht mehr im eigenen Verein, sondern in Bremen und Hoffenheim“. Nun will ich nicht nach dem Haar in der Suppe suchen, aber wo waren die Gegner denn vorher im Verein? Im Aufsichtsrat oder meinte Hoffmann die vier Neuen, die sich zuvor als Kritiker seiner Arbeit hervorgetan hatten?

Nun denn, sei es drum – denn jetzt wird alles gut. Daran glaubt der Vorstandsvorsitzende. Und daran wollen auch wir nur zu gern glauben. Ich möchte es mal nicht den x-fach gegengelesenen und korrigierten Interviews schulden, sondern Hoffmann selbst eine gewisse Einsicht unterstellen. Er hat erkannt, dass er sich nicht mehr gegen alle stellen kann, ohne mit einschneidenden Konsequenzen zu rechnen. Er scheint erkannt zu haben, dass er sich eine zeitlang zu weit vorgewagt und in Arbeitsfeldern gewildert hat, die er qualitativ nicht optimal bedienen konnte. Und er sucht den Schulterschluss. „Im HSV gibt es viele unterschiedliche Meinungen und Gruppen. Wir haben alle gelernt, dass wir mehr aufeinander zugehen müssen, um diese unterschiedlichen Interessen zu bündeln.“

So sehr ich mir wünsche, dass diesen Worten die entsprechenden Taten folgen, so sicher bin ich, dass die politischen Spielchen noch lange nicht vorbei sind. Im Gegenteil. Noch immer gibt es von niemandem ein klares Bekenntnis pro oder contra Sportchef Bastian Reinhardt und im November steht die Vertragsverlängerung Hoffmanns an. Ein Thema, das zur ersten echten Prüfung für den Aufsichtsrat wird. Zudem werden sich beide Seiten (Hoffmann und seine Gegner) in den nächsten Wochen und Monaten erst mal langsam neu positionieren. Keiner will am Ende derjenige sein, dem Destruktivität vorgeworfen werden kann. Alle tasten sich erst mal ab. Ein Schulterschluss im Sinne des Vereins ist sicher nicht gänzlich ausgeschlossen, er scheint aber eher unwahrscheinlich. Ich behaupte sogar, dass in der einen oder anderen Angelegenheit Opposition aus Prinzip betrieben werden wird. Denn die Fronten zwischen Hunke und Co. und ihrem Ersten Vorstand sind aktuell (noch?) eindeutig zu verhärtet.

Aber egal. Bis zum ersten Theater ist noch ein wenig Zeit. Zeit, sich den wirklich wichtigen Dingen des Tagesgeschäftes Fußball zu widmen. Und das ist und bleibt die Mannschaft. Die hatte heute wieder neben dem Stadion Training. Und dabei fehlten ein paar Spieler. Mladen Petric zum Beispiel. Der Kroate, bei dem nur eine geringe Hoffnung auf das Schalke-Spiel bestand, wird am Sonnabend zum Rückrundenauftakt sicher fehlen. Veh: „Wenn alles normal läuft, steigt er nächste Woche ins Mannschaftstraining ein.“ Glücklicherweise hat sich Ruud van Nistelrooy pünktlich zum Start in die 35-Punkte-Rückrunde, wie ich die zweite Halbserie in Anlehnung an Hoffmanns Forderung nennen möchte, stark zurückgemeldet. Und mit Änis Ben-Hatira dürfte auch der zweite Offensiv-Ausfall Paolo Guerrero abzufangen sein. Denn während der Peruaner ob seiner Achillessehnenprobleme heute nur im Kraftraum arbeitete und für die Schalke-Startelf laut Veh „eher keine Alternative“ ist, lobte der Trainer den auch in meinen Augen auffälligsten Spieler der zugegebenermaßen sehr kurzen (und nur mäßig aussagekräftigen) Wintervorbereitung. Veh ging sogar so weit, dass er dem vor der Winterpause guten Trochowski wegen Ben-Hatira einen Platz auf der Bank voraussagte. „Troche ist auf der Sechs hinter Jarolim. Er wird sich gedulden müssen. Und Änis hat sehr gut gearbeitet, gut gespielt. Es gibt für mich keinen Grund, Änis gegen Schalke nicht zu bringen.“

Eine weise Entscheidung, wie ich finde. Und damit möchte ich nicht auf das inflationäre Fordern nach jungen Spielern aufspringen, sondern einfach den Mut Vehs loben, reine Leistung zu belohnen. Ben-Hatira galt zu Saisonbeginn als Spieler, den Veh partout nicht wollte. „Ich habe ihn nicht auf dem Zettel“, so der Coach im Sommertrainingslager in Längenfeld. Für Ben-Hatira, dem zu Karrierebeginn eine größere Karriere als seinem einstigen U-21-Nationalmannschaftskollegen Mesut Özil vorausgesagt worden war, lief nicht. Gar nichts. Sogar die Versuche, ihn anderweitig unterzubringen, scheiterten. Selbst ein längeres Probetraining beim FSV Mainz konnte deren Trainer Tuchel nicht überzeugen. Womit Ben-Hatira nur noch der lange Weg über das Regionalliga-Team blieb. Und von seinen Hirngespinsten geläutert, nahm der dribbelstarke Linksfuß die Herausforderung an. Er spielte stark, wurde immer wieder mal mit ins Profitraining einbezogen – und er überzeugte letztlich auch Veh. Jetzt zeigte er in seinen wenigen Minuten vor der Winterpause gute Ansätze und spielte gegen Ajax und zuvor Al-Wasl richtig stark. Das Schalke-Spiel ist dafür nur die logische Belohnung. Und vielleicht der Durchbruch des gerade einst mit 17 zum HSV gewechselten Berliners, der über sich selbst sagt: „Ich habe große Träume gehabt und mich darin verloren. Ich dachte, ich wäre weiter, als ich es war. Aber jetzt weiß ich, dass ich noch einen weiten Weg habe.“ Und dieser beginnt auf Schalke. Für Ben-Hatira, der heuer gerade 22 Jahre alt ist und dementsprechend noch viel Zeit für einen weiten Weg hat.

Nicht ausreichend Zeit bleibt indes Joris Mathijsen. Der Niederländer hatte auf sein Comeback gegen Schalke gehofft, allerdings schon am Wochenende befürchtet, dass es (noch) nicht reichen wird. Die Bestätigung lieferte heute Trainer Armin Veh. „Für Joris wird es nicht reichen.“ Dafür setzt der HSV-Trainer auf Gojko Kacar. Der Serbe wird gegen Schalke in der Innenverteidigung auflaufen. „Gojko hat ein gutes Stellungsspiel, er spielt die Bälle klug in die Räume. Und er hat ein gutes Kopfballspiel.“ Allerdings hat auch Veh erkannt, dass es gegen Ajax Abstimmungsprobleme gab. „Das ist klar. Es war das erste Spiel für die beiden zusammen. Aber gerade deswegen wird auf Heiko (Westermann) viel Verantwortung zukommen. Er wird Gojko führen müssen.“

Wer jetzt von Euch eine neue Diskussion um Kacar erwartet, den muss ich enttäuschen. Ich bleibe dabei, dass seine maximal durchschnittliche Leistung gegen Ajax zu 80 Prozent dem Umstand geschuldet war, dass er diese Position professionell noch nie gespielt hat und Abstimmungsprobleme hier völlig normal sind. Dem Serben war auch anzumerken, dass er seine Sicherheit noch nicht gefunden hat. Aber, und da mag ich mich geirrt haben, er versteckt sich nicht sondern scheint gewillt, den Kampf anzunehmen. Der sensible Ex-Herthaner hat sich seine Hinrunde und die daraus resultierende (oft sehr heftige) Kritik zu Herzen genommen. Er hat sich gerade zwei Tage Winterpause – den 24. und 25. Dezember – gegönnt. Und diese Tage hatte er auch nur deshalb frei, weil hier alle HSV-Physios weihnachtsfrei hatten. Heute setzte sich Kacar zu uns. Und er wirkte motiviert. Ok, das muss er auch sein als Profi, ganz klar. Aber ich meine, er wirkte heute mutiger als sonst, er war positiv motiviert – endlich mal richtig zuversichtlich. Und er sagte: „Ich bin topfit.“ Das hat er bisher noch nicht gesagt, seit er beim HSV war. Und ganz ehrlich, das war er bisher auch noch nicht.

Doch auch für ihn wird Schalke ein Neubeginn. Oder besser: eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, denn Gojko, der sich nach eigenem Bekunden in seiner neuen Wohnung in Winterhude endlich richtig eingelebt hat, offenbarte ein Geheimnis. „Ich habe in der Jugend immer Innenverteidiger gespielt. Jahrelang. Aber ich war meinem ersten Profitrainer zu offensiv eingestellt, weil ich immer mit nach vorne wollte, um Tore zu schießen. Deshalb hat er mich umfunktioniert. Seitdem bin ich Mittelfeldspieler.“ Damit war er auch sehr glücklich – allerdings gefällt ihm auch seine neue (alte) Rolle. „Solange ich zentral spiele, ist mir alles recht.“ Selbst der größer gewordene Druck macht ihm nichts aus. „Im Mittelfeld konnte ich mich immer noch auf drei, vier Leute hinter mir verlassen, wenn ich mal einen Fehler gemacht habe. Jetzt ist nur noch der Torwart hinter mir. Ich bin mir der Verantwortung meiner neuen Position absolut bewusst.“ Dass die Premiere mit Raul und Huntelaar gleich zwei absolute Hochkaräter als Gegenspieler für ihn bereithält – für den „neuen Kacar“ kein Thema. „In der Bundesliga sind alle Stürmer stark.“

Demnach auch die des HSV. Und offensiv hat Veh tatsächlich endlich wieder mehr Auswahl. Wie oben beschrieben. Dazu gesellt sich aber noch die Personalie Elia. Der Niederländer galt als potenzieller Abgang. Er konnte bis auf die ersten fünf Spiele der Saison 2009/2010 kaum wirklich überzeugen. Und er gilt als schwieriger Typ. Genaueres hierzu hatte ich Euch bereits berichtet. Aber all das soll jetzt vergessen sein. Elia bleibt, er wird immer besser – und Trainer Armin Veh setzt auf den 23-Jährigen. „Eljero ist vielleicht ein Spieler, den man anders behandeln muss, als andere.“ Wohlwissend, wie schmal der Grat seiner Aussage ist, legte Veh nach: „Ich will ihn jetzt stützen. Ich setze auf ihn.“

Und das ist gut so. Elia ist – und bei dieser Meinung bleibe ich, egal wie viele Tattoos sich der Kindskopf stechen lässt – einer der ganz wenigen Spieler mit der gewissen Portion Extraqualität im HSV-Kader. Veh sowie sein Vorgänger Labbadia hatte dem Außenstürmer sogar das Potenzial zugestanden, in einer irgendwann in einem Atemzug mit Größen wie Robben und Ribéry aufgezählt zu werden – und dem stimme ich zu. Elia hat das gewisse Extra in seinem Spiel. Er ist immer in der Lage, mit einem Trick oder einer Aktion ein Spiel zu drehen. Er spielt spektakulär, und er verfügt über herausragendes Offensiv-Potenzial. Das hat er bislang zweifellos zu selten gezeigt. Aber genau deshalb stützt Veh ihn jetzt so massiv. Denn Veh weiß, dass Elia ein Schlüssel zu einer besseren Rückrunde sein kann. Auch wenn er sich selbst dafür das eine oder andere Mal auf die Lippen beißen muss.

Verlierer dieses Szenarios ist ganz klar Marcell Jansen. Heute sah ihn Veh nicht nur hinter Elia sondern auch noch nicht bei 100 Prozent. Schwieriger für Jansen ist allerdings die Tatsache, dass Jansen bei Veh massiv an Boden verloren hat. Veh war es sauer aufgestoßen, dass Jansen wochenlang und somit deutlich länger als Veh es nachvollziehen konnte, mit einem gebrochenen kleinen Zeh ausgefallen war. Und daraus hatte Veh kein Geheimnis gemacht. Auch nicht Jansen gegenüber. Immer wieder hatte er seinen verletzten Spieler gefragt, ob eine schmerzstillende Spritze nicht vorerst reichen würde. Der sympathische Linksfuß verneinte. Sehr zum Unmut Vehs.

Ebenso klar hatte der HSV-Coach zuletzt den Druck auf Sportchef Bastian Reinhardt erhöht, als er wiederholt einen neuen Innenverteidiger forderte. Inzwischen, nach einem intensiven Austausch mit Reinhardt, backt auch Veh kleinere Brötchen. „Wenn der Markt keinen Spieler mit einer langen Perspektive hergibt, könnte uns auch ein erfahrener Mann kurzfristig helfen“, so Veh, nachdem Wunschspieler Matthias Jaissle bei Hoffenheim seinen Vertrag zu verdoppelten Bezügen verlängerte und Chelsea sich noch nicht dazu durchringen konnte, seinen Nachwuchsverteidiger Bruma abzugeben. Allerdings ist Veh zuversichtlich, in Kacar eine gute Alternative zu haben. Zudem wird kommende Woche auch Mathijsen wieder eingreifen können.

Sportlich stehen somit alle Zeichen auf Besserung. Zumal auch Veh Fehler zugibt. Zwar könne er mit der gleichen Formation wie gegen Ajax, aber nicht mit der gleichen Taktik antreten. Dafür würde Schalke zu viel Druck entwickeln. Allerdings zeigte sich Veh geläutert von seinen krassen Taktikwechseln. Zu offensiven Partien waren (offensiv) fast teilnahmslose Spiele gegen St. Pauli und Gladbach gefolgt. Veh gibt zu: „Das hat nicht funktioniert. Wir werden auf Schalke sicher offensiver auftreten. Aber wir müssen ein gesundes Mittelmaß finden.“ Ein Mittelmaß, das den HSV aus selbigem herausholt.

Alle Weichen dafür sind gestellt – vereinspolitisch wie sportlich. Jetzt wird es Zeit, den großen Worten auch Taten folgen zu lassen. An allen Fronten. Klar. Aber ganz ehrlich, jetzt haben wir wochenlang über eine Wahl gesprochen. Die ist jetzt vorbei. Und mir würde ein Sieg auf Schalke vorerst genügen, um endlich wieder guter Laune zu haben.

In diesem Sinne: Nur der HSV.

19.42 Uhr