Tagesarchiv für den 10. Januar 2011

Protest allein macht noch nichts besser

10. Januar 2011

Das Fieber ist hartnäckig. Aber ich bin härter. Zumindest versuche ich es. Denn die Geschehnisse verlangen nach einem neuen Blog.

Also, los geht’s.

Über zehn Stunden debattierten die Mitglieder am Sonntag, doch die Diskussionen sind damit längst nicht beendet. Im Gegenteil: sie werden noch monatelang anhalten. Hier im Forum scheint sich mehrheitlich Verärgerung über das Wahlergebnis breitzumachen. Hunke, Ertel, Klüver und Erhardt scheinen nicht Eure erste Wahl zu sein. Das ist okay. Jeder darf seine Meinung haben. Aber genauso sollte jeder die Meinung der anderen akzeptieren. Zumal ich nicht wirklich nachvollziehen kann, weshalb hier die Supporters als niveaulos beschimpft werden. Haben sie nicht letztlich nur das gemacht, was ihnen die Satzung zugesteht und ihre Kandidaten gewählt? Ich weiß, was Ihr grundsätzlich mit Eurer Kritik zum Ausdruck bringen wolltet, aber das ist Demokratie. Und das Wahlergebnis ist für mich weniger das Ergebnis irgendwelcher fehlgeleiteter Fangruppen denn der Protest gegen die bisherige Vereinsführung.

Es war weniger eine Wahl für die vier neuen Räte, es war vielmehr eine Protestwahl gegen Bernd Hoffmann und Co. Immer wieder wurde Transparenz gefordert, immer wieder mahnten die Mitglieder in den letzten Jahren an, in die Entscheidungen mit einbezogen oder zumindest ausreichend informiert zu werden. Vergebens. „Gutsherrenart“ wurde Bernd Hoffmann angelastet, seine Vereinsführung stieß bei den Mitgliedern trotz guter Konzernergebnisse auf zunehmenden Widerstand. Doch der Klubboss durfte sich der Unterstützung der Aufsichtsräte sicher sein. Das wog ihn in Sicherheit. Bis jetzt. Bis sich die Basis widersetzte und die Opposition wählte.

Was so klingt, als dass ich es gut finde, ist alles andere als das. Ich ärgere mich über immer neue Baustellen, die selbst geschaufelt werden. Auch dieser Ärger war vermeidbar. Bernd Hoffmann, den man sicher nicht lieben, aber allemal für seine Verdienste um den Klub schätzen sollte, hat zu lange ignoriert, was ihm von allen Seiten entgegenschlug: Protest. Bernd Hoffmann hat sich den Ruf des Alleingängers erarbeitet, er hat sich nie von dem Image des Machtmenschen lösen können. Das ging lange gut. Zumal der sportliche Erfolg da war. Allerdings hat ihm der Machtkampf mit Dietmar Beiersdorfer ebenso nachhaltig geschadet wie die undurchsichtige Umsetzung des Kühne-Deals. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Fast noch dramatischer war allerdings das Erscheinungsbild des bisherigen Aufsichtsrates in den letzten Jahren. Die Räte wirkten, als seien sie stets schlecht informiert und voller Gottesvertrauen dem ersten Vorsitzenden gegenüber. Spätestens als im Sommer bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung wegen des Kühne-Deals ein Rat zugab, erst den Deal abgesegnet und anschließend durchgelesen zu haben, worüber er überhaupt abgestimmt hatte. Das war peinlich und passte in die eh sehr aufgeheizte Stimmung zwischen den Mitgliedern und ihrer Vereinsführung.

Jetzt haben wir das Theater. Eine Protestwahl! Und wie es das Wort schon sagt, ist hierbei nicht die Vernunft ausschlaggebend, sondern viel Emotionalität. Zu viel vielleicht. Die nächsten Monate werden zeigen, inwieweit dieser Verein so viel Uneinigkeit verkraftet. Denn, um hier auch mal für Klubboss Bernd Hoffmann eine Lanze zu brechen, seine Wege mögen umstritten sein, aber sie waren bislang zumeist sehr erfolgreich. Und da halte ich es so, wie früher beim Fußball: Der Kapitän gibt auf dem Platz die Taktik vor. Und er trägt die Konsequenzen fürs Ergebnis. Aber sobald zwei Fraktionen auf dem Platz versuchen, das Sagen zu haben, wird es schiefgehen. Und genau das befürchte ich. Denn die größte Gefahr für den HSV ist, dass sich künftig Aufsichtsrat und Vorstand gegenseitig blockieren. Sollte das passieren, verlieren wir. Alle.

Aber ich versuchs mal mit einem (naiven) Blick voraus. Warum sollte sich Bernd Hoffmann nicht schon in den nächsten Tagen mit dem neuen Aufsichtsrat zusammensetzen? Warum sollte er nicht die Zeichen der Zeit erkannt haben und den Schulterschluss suchen? Klar ist, dass er etwas machen muss. Allein seine Ergebnisse werden nicht langen, um seine bevorstehende Vertragsverlängerung durchzusetzen. Warum also sollten sich nicht alle Herren, zumal die aus der Fanmitte, künftig allein in der Sache identifizieren? Denn letztlich werden nicht nur die vier Vorstände am Gesamtergebnis gemessen, sondern auch der Aufsichtsrat. Und das sollte den Herren Hunke, Ertel, Klüver und Erhardt auch in der Stunde ihres großen Triumpfes bewusst sein.

Noch dramatischer als das Wahlergebnis ist allerdings der Umgang mit Bastian Reinhardt. In seinem ersten Jahr als Sportchef muss sich Basti mit Widerständen auseinandersetzen, wie sie noch keinem Sportchef entgegengeschlagen sind. Es gibt quasi kein Gremium, das nicht Kritik an ihm zu äußern hat. Warum aber haben zwölf Aufsichtsräte und drei Vorstände nach zwei Jahren Suche ihn dann überhaupt zum Sportchef gemacht? Haben sie etwa einen Schnellschuss gelandet? Assessment-Center waren zuvor angesetzt, die Kandidaten wurden inhaltlich geprüft, privat überprüft. Es wurde keine Gelegenheit ausgelassen zu betonen, dass bei der Suche nach einem neuen Sportchef nicht, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen werden sollte.

Und plötzlich sind sich alle einig, dass hier zu wenig sportliche Kompetenz vorhanden ist? Wenn das so ist, dann gibt es genau zwei Lösungen.

1. Reinhardt wird sofort von seinem Amt entbunden und ein neuer Sportchef installiert. Das erspart viel zermürbende Illoyalität. Allerdings wäre diese Lösung für mich gleichzusetzen mit der Forderung, dass alle, die einst für Reinhardt stimmten, mit ihm ihr Amt aufgeben. Denn sie würden mit Reinhardts Entlassung ihre eigene Unfähigkeit zugeben.
2. Alle Beteiligten sprechen ihrem Sportchef die maximale Unterstützung zu und vertrauen auf sein Urteil.

Klar ist, eines von beiden muss passieren. Nichts anderes funktioniert. Dieser Klub muss endlich aufhören, an jeder Ecke Besserwisser zu produzieren, die Unruhe hereintragen. Wo wäre der HSV denn, wenn er vor acht Jahren nicht plötzlich dem jungen und unerfahrenen Dietmar Beiersdorfer vertraut hätte? Damals stand der Klub sportlich so dar wie heute. Im Mittelfeld der Liga. Allerdings waren sich damals alle einig, dies ändern zu wollen. Mit allen Mitteln. Die Kernzutat von damals aber scheint heute den meisten abhanden gekommen zu sein: Vertrauen.

Darauf hoffe ich. Auch wenn das naiv klingt.

In diesem Sinne: bis morgen. Hoffentlich dann ganz ohne Fieber und mit erfreulicheren Themen.