Tagesarchiv für den 5. Januar 2011

Veh will Jaissle – Reinhardts Bewährungsprobe

5. Januar 2011

Sie hatten Böses erwartet, als morgens um sieben der Wecker ging. Doch erneut hielt Trainer Armin Veh nicht Wort. Wie schon gestern vor dem Spiel, wo aus einer lockeren Einheit zwei hammerharte Trainingseinheiten mit abschließenden zwölf 150-Meter-Sprints wurden. Allerdings dürfte sich heute kein Spieler darüber geärgert haben. Denn für heute waren morgens eine normale und mittags eine härtere Konditionseinheit angekündigt. Doch aus der harten Einheit wurde ein lockerer Waldlauf, dem die Einladung von Hauptsponsor Emirates auf der künstlichen Palmeninsel „The palm“ folgte. Ein eher geruhsamer Tag.

Aktive Erholung nennt der Sportler sowas – allerdings, wovon erholen? Die 45 Minuten, die bis auf Rincon und Besic (beide spielten durch) alle gestern gegen Al-Wasl spielten, waren sicher nicht so anstrengend, dass eine Pause nötig wäre. Allein Vehs Blick verriet – so meine Kollegen – dass auf die Spieler in den nächsten Tagen noch mehr als genug Arbeit warten würde und diese dezente Ruhephase nötig sein würde. „Das Spiel hat uns deutlich aufgezeigt, woran wir noch arbeiten müssen“, so Veh, der endlich auch präzise wurde und Probleme im Mittelfeld anprangerte: „Bei uns gehen die Bälle zu schnell durchs Mittelfeld“, so der HSV-Coach, der dies allgemein auch auf die Hinrunde bezog, „da müssen wir besser defensiv arbeiten.“

Womit er das ansprach, was wir hier schon am Anfang der Saison befürchtet hatte. Damals hatten wir hier darüber diskutiert, ob der HSV mit seinen Technikern vielleicht zu spielerisch würde. Ob da im defensiven Mittelfeld nicht einer fehlt, der dem Gegner Angst á la Nigel de Jong einflößt. Mit Zé Roberto und David Jarolim standen und stehen zwei sehr ballsichere Spieler bereit, aber keiner von beiden ist ein echter „Aufräumer“, einer, der im Mittelfeld dazwischenhaut und des Gegners Spielfluss unterbricht. Damals wurde auch Tomas Rincon ins Spiel gebracht – aber der Venezolaner, dem ich in Sachen Willen und Einsatz nie etwas vorwerfen würde, ist einfach zu schwankend in seinen Leistungen. Rincon wirkt oft überehrgeizig und macht dadurch nicht selten entscheidende Fehler. Zudem ist er offensiv nahezu komplett wirkungslos.

Hier also sieht Veh besonders viel Arbeit auf den HSV zukommen. Und da auch Kacar eher offensive Akzente denn gewonnene Defensivzweikämpfe zu seinen Stärken zählt, kann das nur bedeuten, dass hier personell nachgebessert wird. In den letzten beiden Jahren nach de Jong galt immer mal wieder Mark van Bommel als einer der Kandidaten, über die sich die HSV-Führung ernsthaft unterhielt. Allerdings ist der Niederländer sicher nicht mehr das, was man als perspektivische Verpflichtung bezeichnen kann. Vielmehr muss der HSV auch hier das Profil „Jung, gut und Verstärkung mit Perspektive“ anlegen. Schon jetzt im Winter?

Klöar ist, es steht viel Arbeit für Bastian Reinhardt an. Denn dieses Profil ist das wahrscheinlich am schwierigsten zu findende. Es dürfte Reinhardts Bewährungsprobe. Denn erstmals ist er hauptverantwortlich für Transfers. Und während weiter minütlich auf einen neuen Innenverteidiger sowie mit einem Millionenangebot für Eljero Elia aus Wolfsburg gewartet wird, stehen zudem die Gespräche mit den Spielern an, deren Verträge auslaufen.

Und während bei Zé Roberto und Ruud van Nistelrooy in erster Linie die Spieler entscheiden, ob sie noch ein Jahr bleiben und sich der Klub bei Frank Rost noch immer nicht festlegen kann, scheint die Lage bei Linksverteidiger Dennis Aogo nahezu geklärt zu sein. Dem Nationalspieler liegt bereits seit Dezember ein unterschriftsreifer Vertrag bis 2015 vor, der seine Bezüge auf rund 1,8 Millionen Euro per anno verdoppeln würde. „Die Gespräche waren gut“, so Aogos Berater Gordon Stipic, der von „noch letzten zu klärenden Details“ spricht. Und auch Aogo selbst glaubt an eine baldige Einigung. „Sobald alles besprochen ist, könnte plötzlich schnell gehen.“ Sollte dem so sein und Aogo diesen Vertrag unterzeichnen, wäre das ein sehr guter Deal. Denn Linksverteidiger, zumal so junge und gute, sind in Deutschland rar.

Die weitaus schwierigere Geburt dürfte der ausstehende Innenverteidiger werden. „Er ist ein junger, guter Spieler mit Perspektive“, hatte Veh über den Wunschkandidaten Matthias Jaissle gesagt – und damit zu 100 Prozent das vom Vorstand mit ihm abgestimmte Anforderungsprofil umrissen. Und dem Vernehmen nach sind die Gespräche mit dem U-21-Nationalspieler afgenommen. Veh vorsichtig: „Ich finde ihn gut, aber konkret spreche ich erst über Spieler, die bei uns unter Vertrag sind.“

Für die, die jetzt die Statistik bemühen und warnen wollen, hier die Kurz-Vita: Jaissle absolvierte seine fußballerische Jugend im höheren Bereich beim VfB Stuttgart, wechselte von dort als 19-Jähriger gen Hoffenheim. Nach dem Bundesliga-Aufstieg der TSG vor zweieinhalb Jahren zählte er zu den absoluten Stammspielern. Im März 2009 zog sich der zweikampfstarke Abwehr-Mann im Spiel gegen Hannover einen Kreuzbandriss sowie im November 2009 einen Meniskueinriss zu und feierte nach einem Kurzauftritt Ende Oktober 2011 erst am letzten Hinrundenspieltag gegen Wolfsburg (2:2) sein Comeback in der Startelf. Zuvor hatte Jaissle bereits dreieinhalb Spiele (einmal in der 46. Minute ausgewechselt) für Hoffenheims „Zweite“ in der Regionalliga absolviert.

Jaissle gilt als zweikampstark, als Riesentalent – und als cool. Wenn ich meinem Stuttgarter Kollegen glauben darf, zählt der 22-Jährige zur unaufgeregten Sorte. Jaissle sei ehrgeizig und eher introvertiert. Allerdings sagte Hoffenheims Pressesprecher Markus Sieger heute im Trainingscamp in La Manga: „Es gibt keinen Kontakt zum HSV.“ Aber das sagen alle – eigentlich auch immer. Wie bei uns auch Reinhardt über Elia und den VfL…

Zudem, das sickerte jetzt durch, hat Reinhardt auch die Gespräche mit seinem designierten und letztlich doch abgelehnten Sportchef Roman Grill aufgenommen. Inhalt: Die Vertragsverlängerung von Piotr Trochowski. Der Hamburger, der über Silvester fünf Tage mit hohem Fieber flach lag und bislang im Trainingslager pausierte bzw. gestern und heute nur eingeschränkt trainierte, soll nun doch bleiben. Nachdem der Nationalspieler, der im Übrigen hier nicht mehr diskutiert wird als HSV-intern, zuletzt mit starken Leistungen auffiel, haben sich die Verantwortlichen dazu entschlossen, den auslaufenden Vertrag zu verlängern. Zu Beginn der Hinrunde galt dies noch – so war es zumindest von beiden Seiten zu hören – als eher unwahrscheinlich. Aber ok, auch hier müssen wir abwarten. Wie schnell sich ein Blatt wenden kann, haben wir ja nicht zuletzt bei der Personalie Armin veh gesehen.

Und nun zum Ende hin noch etwas anderes. Ich habe mit Interesse Eure Diskussion über mögliche Aufsichtsratsbesetzungen mitverfolgt. Und auch ich bin mir sicher, dass Eiche ein geeigneter Kandidat wäre. Allerdings stimme ich auch ihm selbst zu, dass es vielleicht etwas intimere Kenner der Szene gibt.
;-)

Aber Spaß beiseite.

Hundertprozentig sicher bin ich mir, dass alle, die Interesse an der Gestaltung des Vereines haben, am Sonntag spätestens um 11 Uhr im CCH erscheinen sollten (ausgenommen natürlich die, die nicht Mitglied im HSV oder eben einfach verhindert sind). Denn, das ist wie bei jeder anderen Wahl auch, wer nicht wählt, unterstützt die, über die er sich Vorher wie nachher aufregt. Es darf auch nicht sein, dass (wir) Ihr hier über Jahre diskutiert und Ideen entwickelt und sie nur im entscheidenden Moment am entscheidenden Ort nicht sagt: Bei der Jahreshauptversammlung. Wer eine Meinung hat, und das scheint hier bei allen so zu sein, der sollte sie kundtun. Ob mit Wortbeitrag oder Stimmzettel. Und das auch wenn es vom Verein keine kostenlosen HFV-Tickets (finde ich übrigens eine gute Idee – könnte über eine Steigerung des Mitgliedsbeitrags kompensiert werden) gibt.

Seid dabei, diskutiert mit, stimmt mit ab – und gestaltet!

Einen schönen Abend Euch allen!

19.27 Uhr