Tagesarchiv für den 4. Januar 2011

Wigan will Elia – HSV bleibt ruhig und siegt 3:2

4. Januar 2011

Der Hammer! Wigan Athletic will Eljero Elia! Die Engländer haben sogar ein offizielles Angebot für den Niederländer beim HSV eingereicht. Ob der HSV nachdenkt? Nein. Denn, und das versuchte Sportchef Bastian Reinhardt mit dem Mindestmaß an Respekt zu erklären, der Premier-League-Klub will Elia ausleihen. „Da haben wir nicht wirklich drüber nachdenken müssen.“

Dementsprechend war Elia dann auch dabei. Dabei bei einer Premiere, deren Wert allein der Sport1-Moderator künstlich versuchte hochzutreiben. Der HSV müsse trotz Führung noch deutlich mehr machen. Die Hamburger müssten trotz neun Wechsel in der Halbzeit auch im zweiten Spielabschnitt den FC Al-Wasl an die Wand spielen. Fünf bis zehn Tore Unterschied hätten es sein müssen. So zumindest klang es von meinem Kollegen des Sportsenders. Und, ganz ehrlich: er lag komplett daneben. Ich scheue Kollegen-Schelten, aber das war schon etwas penetrant.

Denn, und da pflichte ich Armin Veh bei, dieser Test nach einem Tag Training kann kein Maßstab sein. Nicht für ein Frühformbarometer und lange nicht, um die Qualität der Mannschaft zu beurteilen. Dieses Spiel darf als nicht mehr denn Bewegungstherapie betrachtet werden, als Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen.

Zudem war der HSV die eindeutig bessere Mannschaft. In der ersten Halbzeit hatten die Hamburger gefühlt 80 Prozent Ballbesitz. Dabei wirkten sie, das muss man zugeben, nicht wirklich frisch. Dennoch waren sie torgefährlich, erzielten zwei Treffer durch Paolo Guerrero und einen Elfmeter von Ruud van Nistelrooy (8. Und 25. Minute) und mussten lediglich einen Elfmeter der Marke Schiedsrichtergeschenk für Al-Wasl hinnehmen. Dass die Führung nicht noch höher ausfiel, lag vor allem an der mangelhaften Chancenauswertung sowie der fehlenden Frische gen Ende der ersten Halbzeit.

Doch auch dieses Manko wussten Westermann und Co. durch hohe Ballsicherheit zu kaschieren. Hätte – der im Übrigen am fittesten wirkende – Jonathan Pitroipa seine Gelegenheiten besser genutzt, wäre die Partie sicher schon zur Halbzeit entschieden, nachdem auch Elia über links sowie Zé Roberto in der Zentrale immer wieder Tormöglichkeiten kreierten. Insbesondere der Brasilianer schien bemüht, seinen Liebeserklärungen an den HSV aus dem Winter sportlich Taten folgen lassen zu wollen. Immer wieder sah er – wie bei seiner Vorarbeit zu Guerreros 1:0-Führung die Lücken und öffnete mit klugen Pässen das Spiel.

Und während die Defensive quasi beschäftigungslos blieb, wusste auch Ruud van Nistelrooy, der gestern noch kürzertreten musste (wollte?) zu gefallen. Nicht nur, dass er geschickt den Elfmeter zum 2:0 herausholte (24.), ihn sicher verwandelte. Er wirkte auch sonst ballsicher. Er schirmte die Torfabrik immer wieder geschickt ab, um den besser postierten, nachrückenden Mittelfeldspieler zu bedienen. Hätte sich Elia nicht ab der 35. Minute in ein Privatduell mit seinem Gegenspieler Ahmed ergeben, er allein wäre für ein, zwei Tore gut gewesen. So aber bleib es beim 2:1 zur Halbzeit. Und keiner musste unzufrieden sein.

Nachdem Veh in der zweiten Hälfte neun Neue brachte (nur Rincon rechts und Besic innen in der Viererkette blieben), kam ein Bruch ins Spiel. Und das, obwohl sich der m. E. immer besser werdende Änis Ben-Hatira zusammen mit dem defensiven Mittelfeldpart David Jarolim um Ordnung im Spiel bemühte. Allerdings wirkte das Team, in dem auch Amateur Gerrit Pressel als Linksverteidiger reinkam, zu verspielt. Tunay Torun als Spitze und Choupo-Moting über rechts liefen immer wieder in zu lange Dribblings und nahmen so das Tempo aus den Angriffen. Trotzdem hätte Tesche nach einem Freistoß von Ben-Hatira das 3:1 machen können. Nein, er hätte es machen müssen, als er völlig freistehend nach aus vier Metern am Ball vorbeitrat.

Ansonsten verflachte die Partie. Erst ein verunglückter Kopfball von Rincon, der den überraschten Besic am Fuß traf, sorgte für das 2:2 durch Mahir. Anschließend schien Al-Wasl tatsächlich so etwas wie Offensive zu entwickeln, aber bis auf eine kleine Unsicherheit blieb Drobny schadlos.

Dass dies am Ende auch für den HSV galt, dafür sorgte Marcell Jansen, der bei seinem Debüt auf links unauffällig blieb – aber eben nur bis zur Schlussminute, in der er maßgeblich am 3:2-Siegtreffer beteiligt war. Den steuerte der für mich aktivste und beste Mann der zweiten Halbzeit bei: Änis Ben-Hatira (90. + 3).

Das Beste am ganzen Spiel war für mich allerdings, dass es keinen neuen Verletzten gab. Nur Piotr Trochowski, der an einer leichten Grippe leidet, fällt aktuell aus. Aus Hamburg ist zu hören, dass sowohl Mathijsen als auch Petric sehr gute Fortschritte amchen und man mit beiden zum Rückrundenauftakt am 15. januar auf Schlake rechnen darf. Zudem zeigten die jungen Nachwuchsleute wie Pressel, Ben-Hatira, Besic (obwohl er zweimal unglücklich an Gegentoren beteiligt war) und Torun gute Ansätze, während die zuletzt oft schwankenden Granden van Nistelrooy und Zé Roberto sogar ein gutes Spiel machten. Zudem scheint Kacar endlich fit werden zu können. Im Vergleich zum Sommer, in dem er immer das eine oder andere Kilo zu viel auf den Rippen hatte, ist er jetzt ob des Trainings in der Winterpause fit. Er spielte sicher nicht überragend, aber er versuchte mehr. Das war ein guter Ansatz und ein Funken Hoffnung nach der (auch verletzungsbedingt) für ihn kräftig missratenen Hinrunde.

Und auch der Rest scheint fit. Zumindest so fit, wie es die Mannschaft am zweiten Tag der Vorbereitung sein kann. Auch wenn das bei Sport1 anders gesehen werden mag…

Zuvor am Tag hatte Marcell Jansen für Gesprächsstoff gesorgt, nachdem herausgekommen war, dass sein Jugend-Mannschaftskollege und Freund Rene Schnitzler als damaliger St. Pauli-Akteur für das Verschieben von fünf Spielen 100000 Euro Bestechungsgelder angenommen hatte. Schnitzler ist bekennend spielsüchtig, hat das vergehen offen in einem Spiegelbericht zugegeben und gesagt, er habe das Geld angenommen aber nie Spiele manipuliert. „Rene ist verrückt“, so Jansen, „bei dem wundert mich nichts. Ich bin eigentlich nur froh, dass er überhaupt noch lebt.“

Allerdings, wenn ein St.-Pauli-Spieler schon das interessanteste Thema des Tages ist, dann ist echt nicht viel los. Und es bleibt zu hoffen, dass der HSV diese Ruhe in Dubai nutzt. Zumal, nachdem Wolfsburgs Edin Dzeko angeblich mit Manchester City einig ist und nicht wenige erwarten, dass dieser angebliche 35-Millionen-Wechsel auch in der Bundesliga das Transferkarussell anschieben wird. Denn trotz des fehlenden Angebots und der fehlenden Nachfrage weiß auch Reinhardt, dass der VfL Wolfsburg grundsätzlich interessiert ist an Elia. Darauf angesprochen winkte er heute wieder ab und wirkte leicht genervt. „Die Situation jetzt ist eindeutig, da machen wir uns keine Gedanken.“ Allerdings musste auch der Sportchef seinen wiederholten Dementis beifügen: „Fußball ist nicht vorhersehbar. Im Fußball weiß man nie.“ Hoffen wir, dass alles bleibt wie es ist. Und alle bleiben wo sie sind. Insbesondere Elia.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine ruhige Nacht!

Bis morgen!

20 Uhr