Tagesarchiv für den 2. Januar 2011

The sam procedure as last year?

2. Januar 2011

Das Verletzungspech ist dem HSV seit einigen Jahren treu – warum sollte es 2011 anders werden? Nur weil ein neues Jahr begonnen hat? Ich erinnere mich noch an den Januar 2010. Damals hieß es auch: „Wenn alle verletzten Spieler zurück sind, dann haben wir eine großartige Mannschaft, dann haben wir noch alle Chancen . . .“ Und was war? Die Verletzten blieben noch länger verletzt – oder sie fanden nie so richtig Anschluss an das Team. Und es gab weitere Verletzte. Dinner for one – oder: The same procedure as last year? Diesmal ist Dennis Diekmeier der Unglücksrabe, der Verteidiger musste eine Nachoperation an der Ferse über sich ergehen lassen und fällt mindestens weitere vier Wochen aus. Das fängt doch herrlich an, oder?

Obwohl: Mit dieser Schreckensnachricht wollte ich eigentlich gar nicht beginnen. Das hatte ich mir morgens noch, als ich aus dem Bett stieg, fest vorgenommen. Eine andere Nachricht hatte mich mehr bewegt, und die hat eigentlich kaum etwas mit dem HSV zu tun: Ralf Rangnick ist für mich schon jetzt der Trainer des Jahres. Der Mann hat Rückgrat. Super, sensationell, einfach nur großartig. Der kündigt an, bei einem Verkauf seines Spielers Luiz Gustavo gehen zu wollen, Hoffenheim verscherbelt den Brasilianer – und Rangnick setzt seine Worte in die Tat um, er geht tatsächlich.

Hut ab, Herr Rangnick!

Es gab (natürlich?) schon die ersten Anrufe und Mails bei mir. Und die Frage? Fragt Ihr Euch nicht wirklich, oder? „Wäre Rangnick nicht auch einer für den HSV?“ Selbstverständlich wäre er das, aber das ist doch JETZT nicht die Frage! Der HSV hat sich gerade, es sind für mich gefühlt nur Sekunden vergangen, für eine weitere Zusammenarbeit mit Armin Veh ausgesprochen, jedenfalls bis zum Saisonende, und dann verbietet es sich doch geradezu, jetzt von einer Verpflichtung Rangnicks zu sprechen oder zu schreiben. Träumen dürft Ihr ja, aber was soll das helfen? Rangnick wird nicht bis zum Sommer 2011 auf dem Markt bleiben . . .

Womit ich irgendwie bei Armin Veh gelandet wäre. Aus Euren Reihen gab es ja etliche Fragen und fast noch mehr Vorwürfe, dass ich nicht auf Eure Themen (und Fragen) eingehe. Das habe ich ganz bewusst gemacht, das gebe ich zu, denn der Sturm, oder besser der Orkan, der nach den 20 Millionen hier entfacht worden war, der gab mir doch etwas zu denken. Ich wollte ganz einfach nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Auch wenn Miss Murphy (sie heißt jetzt nur noch die „Unerbrittliche“) es immer wieder versucht hat, mich aus der Reserve zu locken. Ein sinnloses Unterfangen. Ich werde zu diesen finanziellen Dingen nicht mehr auch nur ein Wort verlieren, Ihr seid die Experten, Ihr habt die Antworten darauf (gegeben) – und Ende. Sonst gibt es hier eine Diskussion, bei der wir uns im Kreise drehen werden – endlos. Muss nicht sein. Ich ärgere mich ohnehin, dieses heiße Eisen angefasst zu haben, Ihr werdet diesbezüglich sicher am 9. Januar und auch danach genügend Aufklärung erfahren. Und im Sommer und im Sommer danach werden wir alle ganz genau wissen, wie es um den HSV (finanziell) steht. Also: Ich warte ab, Ihr solltet es auch tun. Oder weiterhin untereinander die Diskussion suchen.

Armin Veh ist da ein anderes Thema. Ich habe den Trainer oft gelobt und noch mehr verteidigt, und dazu stehe ich auch. Ich halte Veh für einen guten Trainer. Erst recht vor dem Hintergrund, wer vorher in Hamburg trainiert hat. Unter Veh trainiert die Mannschaft anders, besser, engagierter – und vor allem: Sie steht nicht nur, sie bewegt sich auch. Vorher hätten die Spieler im Training zunehmen können, weil ihnen Märchen erzählt wurden. Jetzt ist Bewegung dabei. Da friert kein Spieler mehr bei minus 15 Grad am Rasen fest, da wird etwas getan. Das allein halte ich nach der Saison 2009/2010 für einen großen Vorteil und für einen großen Gewinn. Und; Schon allein deswegen ist Armin Veh auch ein guter Trainer für mich.

Was nicht heißen soll, dass er nicht auch Fehler ha. Und nicht auch Fehler gemacht hat. Das steht ohne Frage fest. Aber: Welcher Trainer macht denn keine Fehler? Nennt mir bitte einen. Möglichst einen, der nicht von Blau-Weiß 96 Schenefeld, vom SV Börnsen oder vom Post SV Schwerin kommt. Selbst der große Ernst Happel hat Fehler gemacht. Die Kunst ist es als Verein dann, damit umzugehen, damit zu leben. Und ich kann mit den Fehlern von Veh immer noch bestens leben. Und sei es nur aus dem einen Grund, dass ich weit und breit keinen sehe, den der HSV an Vehs Stelle bezahlen könnte. Mit einer Ausnahme, diese Ausnahme habt Ihr beim letzten Matz-ab-Treffen getroffen (nicht Gert „Charly“ Dörfel), aber an die will der Klub leider noch nicht so recht ran. Ich hoffe für ihn, dass sich demnächst ein anderer Verein an ihn erinnern wird (zuerst hatte ich an Hoffenheim gedacht, gebe ich zu), denn der Mann kann echt etwas (mehr).

Zurück zu Veh: Was macht er im Training? Ich gebe auch das zu: Groß Spielzüge üben ist nicht. Das mag der so und der andere so sehen. Es wird trainiert, und Veh ist seit 20 Jahren Trainer. Spielzüge üben ist nicht die Sache eines jeden Trainers. Der Vorgänger von Veh ließ Spielzüge üben. Und die begann immer – logisch – hinten, mit dem Aufbau. Aber was ich dabei nie verstehen konnte: Da wurde der ball immer wieder in die Breite gespielt, von links nach rechts und von rechts nach links. Und genau das sah man dann auch im Spiel. Erinnert Ihr Euch? Natürlich nicht in den ersten drei Monaten. Da spielte und stürmte die Mannschaft noch aus einem Guss. Aber dann, als es kälter wurde, dann klappte das nicht mehr so. Und dann sah man auch nichts mehr von diesen einstudierten Spielzügen. Nur dieses langsame und permanente Hinten-herum-Spielen, das war immer zu erkennen.

Aber ich will ja nicht über den Vorgänger schreiben, sondern über den jetzigen HSV-Coach. Veh sah in meinen Augen schlecht aus, als er mit dem „falschen“ System in die Saison ging. Mladen Petric rechts, das ging gar nicht, da hatte sich der Trainer in eine Idee verrannt, die gar nichts brachte – und die schlicht falsch war. Das ist Punkt eins. Der zweite Punkt: 4:3:2:1 oder 4:4:2? Auch da lag Armin Veh zunächst daneben (mit dem 4:3:2:1). Erst als es Verletzungen hagelte, sah sich der Trainer genötigt, davon abzuweichen. Die Frage, die er uns jetzt (heute) stellen könnte, die ist die: „Und? Was hat es gebracht?“ Stimmt. Der Unterschied war eher lächerlich gering. Und dennoch halte ich das 4:4:2 immer noch für das für den HSV besser geeignetes System – weil mehr Ordnung im Spiel ist.

Diese beiden Punkte sind wohl die gravierenden Fehler Vehs. Aber er hat sich auch noch kleinere Dinge geleistet. Heiko Westermann zum Kapitän zu ernennen (und David Jarolim abzusetzen!) halte ich immer noch für absolut falsch, aber das ist (auch) „Geschmackssache“. Ze Roberto in der Not zu oft hinten links zu bringen, das halte ich immer noch für absolut richtig, aber damit muss ich nicht unbedingt richtig liegen. Viele (Experten?) sagen ja auch, dass man sich für hinten links auch einen Mann „hätte schnitzen“ können. Entweder Robert Tesche, oder Tomas Rincon, oder Lennard Sowah, oder Gerrit Pressel aus der Zweiten. Ist wohl auch was dran. Zumal wenn man daran denkt, dass einem Ze Roberto hinten links die Lust am Spielen total vergangen ist . . . Aber hinterher ist man immer klüger.

Was ist noch negativ an Armin Veh? Jonathan Pitroipa in Mönchengladbach auf die „Zehn“ zu stellen, das halte ich heute noch für einen der größten Witze der Vereinsgeschichte, aber na gut, es hätte ja auch was werden können. Oder doch nicht? Nee, nee. eher wohl nicht! Dazu kommen noch Vehs „fatalistische Aussagen“, die er dann und wann so von sich gibt. Das hört sich dann so an, als würde das alles, was im Moment, um ihn herum, um den Volkspark und überhaupt mit dem HSV passiert, nicht so recht tangieren. Ich behaupte aber, dass das Vehs Art ist. Schon immer gewesen ist. Er ist ein lockerer Typ, er trägt oftmals sein Herz auf der Zunge, er sieht viele Dinge ganz und total relaxt, lässt auch einige Sachen nicht so richtig an sich ran, wie es vielleicht ein anderer Trainer zulassen würde – aber er ist ganz sicher auch nicht nur „so nebenbei“ Fußball-Lehrer. Armin Veh ist ein eher ruhiger Mensch, was ja nicht verkehrt ist.

Was mich deswegen umso mehr überrascht: Es ist dem Trainer bislang nicht gelungen, aus dieser Truppe eine Einheit zu formen. Das ist zwar anderen auch nicht gelungen, aber immerhin hatte Armin Veh schnell erkannt, dass diese Mannschaft keine verschworene Gemeinschaft ist. „Das ist eine schwere Aufgabe, vielleicht meine Hauptaufgabe“, hat Veh einst im Herbst gesagt. Eine weitreichende Erkenntnis, doch umgesetzt hat er es bislang noch nicht. Auch wohl deshalb, weil diese Spieler auch jene Eigenschaft besitzen, die der Trainer hat: Sie lassen das alles gar nicht so richtig an sich ran. Weil dort Stars unterwegs sind, die auch darauf pochen, Star zu sein: „Ich bin ich, ich bin wichtig, und was oder wer danach kommt, das ist mir schlicht egal.“

Natürlich ist es eine der Hauptaufgaben eines Trainers, aus dem vorhandenen Kader eine Einheit zu stricken, aber dazu gehören eben auch Spieler, die das zulassen. Und weil es davon beim HSV – ich meine sagen zu dürfen: ganz sicher – zu wenige Spieler von dieser Art gibt, deswegen ist Veh (und nicht nur er) damit auch bislang gescheitert. Und ob er es jemals schaffen wird, wage ich auch zu bezweifeln. Was nicht am Trainer liegt, ganz klar,

So, und bei diesen negativen Dingen – was spricht denn für den Trainer Veh? Er ist in meinen Augen ein absoluter Fachmann, ihm kann keiner etwas vormachen, er durchschaut alles. Wirklich alles. Er kann ein Spiel „lesen“, er kann besser auswechseln als sein Vorgänger (ist das positiv?), er ist für seine Spieler eine Respektsperson. Ob im Training oder im Spiel. Ruud van Nistelrooy hat ihn im Trainingslager mit Sir Alex Ferguson (ManU-Trainer-Legende) verglichen. Und ich habe aus der Mannschaft heraus noch kein böses Wort über den Coach gehört, es hat sich noch kein Spieler darüber (hinter vorgehaltener Hand) darüber ausgeweint, dass der Trainer „ein Blinder“ ist. Was ich dabei aber nicht verschweigen will: Im Innenleben der Arena gibt es durchaus einige Stimmen, die in etwa so klingen: „Veh hat ganz einfach keinen Plan . . .“ Was mich daran erinnerte, dass Armin Veh vor dem Spiel in Freiburg (0:1) über seinen SC-Kollegen Robin Dutt verriet: „Er ist einer derjenigen Kollegen in der Liga, die einen Plan haben . . .“ Das sagt einer, der keinen Plan hat? Das glaube ich nicht.

Ich denke eher, dass Armin Veh auch viel Pech gehabt hat. Die vielen, vielen Verletzungen. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen. Nur noch so viel über Armin Veh, so wie ich ihn zwischen den Spielen kennen gelernt habe: Nett, höflich, umgänglich, sympathisch, menschlich – der Mann der passt ganz einfach. Was zudem noch zu erwähnen ist: Ich habe auch noch keinen meiner Hamburger Kollegen über Veh fluchen oder meckern oder schimpfen oder abpesten hören. Weder auf die Art, noch auf eine andere Art.

Aber: Da ich nicht darüber zu entscheiden habe, ob Armin Veh Trainer des HSV bleibt, bleiben soll, bleiben darf – dürft und sollt nun Ihr entscheiden.

Armin Veh ist auf jeden Fall heute (mit großer Verspätung) mit der Mannschaft von Fuhlsbüttel aus nach Dubai geflogen. Ohne Dennis Diekmeier, ohne Joris Mathijsen, Mladen Petric, Collin Benjamin und Lennard Sowah, das große Missverständnis des HSV 2010. Diese Spieler werden hier in Hamburg von Reha-Trainer Markus Günther bewegt. Für Günter ist ein neuer Reha-Coach mit nach Dubai, der Mann heißt auch Günter, aber nur mit Vornamen. Danach folgt der Name Kern.
Der HSV testet am Dienstag (17.30 Uhr) gegen den Al-Wasi-Club Dubai.

So, das war es von mir in kurzen Zügen. Ich verabschiede mich an dieser Stelle, nicht ohne mich aber für die vielen, vielen Genesungswünsche zu bedanken. Die taten gut, alle Wünsche zum neuen Jahr taten unheimlich gut – danke, danke, danke. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Frau M. war ebenso krank wie ich. Nicht, um es mal beim Namen zu nennen, weil wir Silvester „gesoffen“ haben, sondern weil wir am Tag danach Fisch (der etwas schlechteren Art) zu uns genommen hatten. In unserem Falle gibt es Zeugen über Zeugen, die beeiden können, das ich nichts Alkoholisches zu mir genommen habe – außer um Mitternacht an einem Glas Sekt zu nippen. Zwölf Leute saßen in einem Restaurant an meinem Tisch, zehn haben mich deshalb bedauert, weil ich NICHTS getrunken habe. Jetzt kann ich aber auch gleichzeitig alle beruhigen, die mir unterstellen möchten, ein Abstinenzler zu sein: Fast eine Flasche Whiskey drei Abende zuvor hatten meine Lust auf Alk auf Null sinken lassen . . . Fazit: Es war keine Alkohol-Vergiftung, sondern wohl echt der Fisch.

Aber, das wollte ich eigentlich gar nicht so ausführlich berichten: Ihr werdet im Monat Januar ohne mich auskommen müssen, das wollte ich mitteilen. Ich hatte 2010 keinen Urlaub, der ist mir nun genehmigt worden, so dass ich „Matz ab“ in die bewährten Hände von Markus „Scholle“ Scholz legen darf. Bitte geht pfleglich mit ihm um, passt alle auf „Matz ab“ fein auf, so dass der Blog nicht abgleitet – und wenn Kritik, dann bitte, bitte nicht unterhalb der Gürtellinie. Bitte.

Nochmals alles Gute für Euch, für Eure Lieben und für den HSV in 2011.

Vielen Dank für das gemeinsame 2010. Ihr seid klasse! Und: Wir bleiben die Alten? Wir bleiben die Alten!

16.43 Uhr

PS: Nachdem ich die ersten Kommentar gelesen habe, lasst mich bitte noch eines zu Armin Veh sagen: Ich habe seit dem Stabwechsel von Ristic auf Happel hier ALLE Trainer erlebt. Um mal auf die Neuzeit zu kommen: Veh ist ein Trainer wie Huub Stevens oder wie Martin Jol, nicht besser und nicht schlechter. Wenn ich hier seine Fehler aufgezählt habe dann doch nur, weil es mir sonst doch von allen Seiten um die Ohren geflogen wäre, dass ich das alles viel zu nachsichtig betrachte (a la Trochowski – aber wie man es macht, macht man es verkehrt!). Ich habe also alles aufgezählt, was in meinen Augen falsch gelaufen ist (oder sein könnte) – aber falsch lief, das könnt Ihr mir ruhig glauben, auch bei ALLEN anderen HSV-Trainern reichlich.
Ergänzt um 19.18 Uhr