Monatsarchiv für Januar 2011

…schärfere Töne vor dem Derby + Choupo bleibt…

31. Januar 2011

++++++ Choupo wechselt nicht, er bleibt in Hamburg+++++++

So oft wie sein Handy heute in der einen Stunde klingelte, klingelt meins am ganzen Tag. Und ich zähle mich schon zu den Viel-Telefonierern. „Da wollen einige noch auf den letzten Drücker was haben“, scherzte Bastian Reinhardt heute Vormittag, als er sich unseren Fragen stellte. Immerhin war dort auch noch offen, was aus Choupo-Moting würde, den bis zuletzt der 1. FC Köln und Premier-League-Klub West Bromwich umworben hatten. Aber zu dieser Personalie am Ende hoffentlich mehr.

Bastian Reinhardt wirkte den Umständen entsprechend gelassen. Er drückte gefühlte 300 Anrufe in den rund 60 Minuten mit uns unbeantwortet weg und schien trotz des letzten, eigentlich für seine Hektik bekannten Transfertages extrem entspannt zu sein. Mit einem einfachen Hintergrund: die Personalie Choupo lag nicht mehr in seinen Händen und gekauft werden sollte niemand mehr. Obwohl Trainer Armin Veh jüngst seinen Wunsch wiederholt hatte, für die Innenverteidigung, in der Gojko Kacar für seine Rote Karte aus Nürnberg ein Spiel Sperre aufgebrummt bekam, noch einen Neuen gebrauchen zu können. „Wir wollten wenn nur einen holen, der uns auch perspektivisch verstärkt. Und der Markt gibt eine solche Verstärkung nicht her“, erklärte uns Reinhardt.

Also auch nicht Ochs, den Frankfurt ob eines Millionen-Lochs im Etat verkaufen will/muss?

„Nein“, so Reinhardt, „Ochs ist ein guter Spieler, ganz klar. Aber er ist für uns nicht machbar.“ Soll heißen: zu teuer. Rund sechs Millionen Euro sollen die Hessen als Ablösesumme aufgerufen haben, woraufhin nur noch Schalke mitbot. Allerdings mussten sich auch die sich immer wieder überraschend solvent gebenden Gelsenkirchener irgendwann geschlagen geben. Ochs bleibt in Frankfurt.

Und das ist die neue Chance für den HSV! Denn das Frankfurter Eigengewächs hat für den Sommer eine festgeschriebene Ablösesumme von drei Millionen Euro im Vertrag. Hier wird derjenige das Rennen machen, der am Ende am meisten Handgeld bietet – ohne Ochs zu nah treten zu wollen, aber so funktioniert das Geschäft Fußball-Bundesliga nicht nur bei ihm.

Also abwarten. Ein wenig Hoffnung bleibt uns entsprechend wenigstens für die neue Saison, dass der HSV nach 20 Spielen ohne Diekmeier und ebenso vielen mehr oder weniger schwachen Spielen seiner Vertretungen (Rincon, Tesche, Demel) die Baustelle Rechtsverteidiger behebt. Denn hier besteht Handlungsbedarf. Das wollte Reinhardt zwar nicht öffentlich sagen, aber seine Gestik verriet, dass auch er es so sieht.

Womit ich bei einem generell schwierigen Thema bin. Denn seit einigen Wochen laufen beim HSV schon die Planungen für die kommende Saison. 20 Spielerverträge laufen aus, hinzu kommen die auszuhandelnden Verträge mit Neuzugängen. Ich will jetzt gar nicht erst das Fass aufmachen, dass bzw. ob Reinhardt durch die ganze Sammer-Posse so geschwächt wurde, dass er diese Aufgabe nicht mehr optimal ausfüllen kann. Im Gegenteil: Bastian Reinhardt ist der Sportchef – das ist der Status Quo. Punkt. Und Reinhardt gibt sich betont selbstbewusst („Das ist meine Aufgabe, ich soll sie ausführen und ich werde das schaffen“). Nein, viel schwieriger empfinde ich, dass der HSV noch immer nicht geklärt hat, wer in der kommenden Saison die sportliche Leitung beim HSV hat, denn Armin Vehs Vertrag läuft aus. „Wir werden uns mit dem Trainer zu gegebener Zeit zusammensetzen“, so die kurze Antwort des Sportchefs. Ob er es nicht als suboptimal ansieht, wenn zuerst die Mannschaft und anschließend der Trainer bestimmt werden? Immerhin ist es der Trainer, der mit der Mannschaft zusammenarbeiten und sein Konzept umsetzen soll. „In Zukunft werden wir als Verein mehr über seine Spieler bestimmt. Der Verein entscheidet, wer geholt und wer abgegeben wird. Aber da sind die Unterschiede zwischen den Trainern und ihren Systemen eh nicht so gravierend.“

Dafür aber dürfte es, sollte sich der HSV von Veh trennen, eine deutlich verringerte Auswahl an Kandidaten geben. Denn es wird sicher nicht nur ein Trainer am Ende seinen Kader lieber selbst (zumindest maßgeblich) zusammenstellen wollen. Immerhin wird er am Ende am Abschneiden gemessen.

Nun denn, bis der Trainer 2011/2012 feststeht, kümmern sich Reinhardt und seine Scoutingabteilung Christofer Clemens sowie Michael Schröder um die Kadergestaltung.

Und die sehen nur noch zwei, drei Spieler mit auslaufenden Verträgen vor, deren Verbleib in Hamburg gewünscht ist. „Das war vor dem Nürnberg-Spiel noch anders, da waren es deutlich mehr“, scherzt Reinhardt. Etwas ernster wird Reinhardt dann, auf Namen wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy und Frank Rost angesprochen. Während er bei den ersten beiden „Oldies“ die Zukunft ziemlich offen sieht, hatte der HSV zuvor zumindest bei Rost immer von dessen letzter Saison gesprochen, dafür mit Jaroslav Drobny sogar den designierten Nachfolger bereits verpflichtet. Doch jetzt scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Zumindest deutet Reinhardt das an. Ob er sich vorstellen kann, mit Rost zu verlängern? „Ich kann mir vieles vorstellen“, umgeht Reinhardt eine direkte Antwort, um dann doch klarer zu werden: „Frank ist ein wichtiger Faktor innerhalb der Mannschaft. Ich werde mit ihm darüber sprechen.“ Obwohl der HSV Rost bereits vor sechs Monaten dessen Karriereende in Hamburg angedeutet hatte? Reinhardt: „Ja, Frank hatte sich zuletzt ja auch anders geäußert, dass er weitermachen will.“

Im Gegensatz zur Kaderplanung werden die täglichen Probleme noch komplett mit Veh, Oenning und Co. besprochen. So auch die Minusleistung in Nürnberg, die Reinhardt an Ungeduld und einer schwachen Offensive festmachte. „Wir haben in der ersten Halbzeit die Ordnung defensiv gehabt. Das war wie zuvor auf Schalke und gegen Frankfurt gut. Aber wir haben irgendwann völlig unsere Ordnung verloren. Das war in den ersten beiden Spielen der Rückrunde auch nicht überragend, aber da haben wir Geduld gehabt und irgendwann ein Tor gemacht. Diesmal hatten wir offensiv keinen Handlungsplan, da waren keine Automatismen zu erkennen. Wir hatten gegen Nürnbergs Kampf und deren läuferischen Aufwand keine Mittel. Hier haben wir taktisch ganz sicher noch Nachholbedarf.“

Oha. Ein Vorwurf, den sich Mannschaft und Trainer gleichermaßen anheften dürfen.

Auch insgesamt scheinen vor dem zweiten Derby der Saison andere, schärfere Töne beim HSV angeschlagen zu werden. Verantwortlich dafür ist nicht allein das schwache Nürnberg-Spiel, sondern vielmehr auch das glückliche 1:1 aus dem Hinspiel am Millerntor. „Wir wissen, dass wir mit einem Sieg gegen St. Pauli eine deutlich positivere Grundstimmung reinkriegen können“, plädiert Reinhardt, der sich an zu wenig Motivation im Hinspiel erinnert: „Wir werden jetzt keinen Böller in der Kabine zünden oder dergleichen“, sagt Reinhardt, „aber ich werde mit den Trainern darüber sprechen, was wir vor diesem wichtigen Spiel noch anders machen können. Da müssen alle brennen.“

Angst, mit seinen Kampfaufforderungen vielleicht zu viel Feuer in das eh schon brisante Stadtderby reinzubringen, hat Reinhardt nicht. „Im Hinspiel war es ein Kuschelkurs, der vor dem Hintergrund der Übergriffe auf dem Altonaer Bahnhof auch angebracht war.“ Zur Erinnerung: Damals hatten HSV-Fans St.-Pauli-Anhänger attackiert. „Aber das haben wir diesmal nicht. Jetzt steht ein Spiel an, das vielleicht das wichtigste Spiel der Saison ist. Es geht um die Vormacht in Hamburg. Das Spiel müssen wir gewinnen.“

Worte. Bislang sind es nur Worte. Und das bleibt so, bis am Sonntag das Spiel abgepfiffen ist.

Hoffentlich denken alle – nein, das ist völlig naiv. Hoffentlich denken wenigstens die Spieler, die auflaufen so, wie Bastian Reinhardt es sich wünscht. Dann hätten sie höchstwahrscheinlich auch keine Probleme mit dem kleinen Nachbarn…

Und zum Schluss noch eine gute Nachricht: Dieter ist wieder da! Ab Dienstag, dem Beginn des kürzesten Monats im Jahr, sitzt der Hausherr gut erholt wieder an seinem Schreibtisch und informiert Euch über den täglichen Wahnsinn im Volkspark. Mir bleibt bis zu meiner nächsten Vertretung nur noch übrig, mich bei Euch für den tollen Januar zu bedanken. Ihr habt mir viele neue Standpunkte nähergebracht, mich mit Euren Posts sehr gut unterhalten und den einen oder anderen sehr interessanten Denkanstoß gegeben. Es gab berechtigte Kritik, etwas weniger berechtigte und sogar das eine oder andere sehr nette Lob. Ich für meinen Teil hatte jedenfalls einen Riesenspaß mit Euch und freue mich – auch für ihn! – schon auf Dieters nächsten Urlaub!

In diesem Sinne: Nur der HSV! Und auf bald!

Euer Scholle

P.S.: Bei Choupo gibt es noch keine Entscheidung. Was bedeutet, dass der FC Köln raus ist – denn die Kölner hätten bis 18 Uhr zuschlagen müssen. Anders ist dies bei West Bromwich, die Engländer haben noch bis 24 Uhr Zeit, den Kameruner von der Transferliste zu nehmen. Sollte hier noch was passieren, werde ich diesen Artikel noch mal updaten (cooles Wort…)!

P.P.S.: TV-Tipp: Heute Abend sind Bastian Reinhardt und St. Paulis Sportchef Helmut Schulte bei HH1 in der Sendung „Rasant“ ab 20.15 Uhr zu Gast. Könnte interessant werden.

Immer mehr Fragen – immer weniger Antworten…

30. Januar 2011

Mich tröstet das nicht. Keine Werder-Niederlage oder dergleichen ersetzt ein gutes Spiel des HSV. Und während es bei mir eigentlich immer unmittelbar nach einem schwachen Spiel am schlimmsten ist und die Zeit die eine oder andere Wunde heilt, ist es diesmal andersrum. Mich nervt, dass der HSV seine Chance so fahrlässig liegengelassen hat. Und zu allem Überfluss habe ich mir vorhin auch noch Stuttgart angesehen, das eine ganz bittere Niederlage gegen alles andere als starke Freiburger zu verkraften hat. Und obwohl die Schwaben durch den Abstiegskampf insgesamt sicherlich noch größere Sorgen als wir haben, muss ich sagen, dass ich als VfB-Fan zumindest heute weniger sauer wäre, denn als HSVer. Denn die Schwaben wollen wenigstens, die arbeiten Fußball, die kämpfen. Sie scheitern – wie Harnik vor dem leeren Tor – immer wieder an sich selbst, aber sie versuchen es wenigstens. Ihnen kann man mangelnde Qualität anlasten, aber nicht, dass sie sich verweigern.

Genau diesen Vorwurf müssen sich allerdings die HSV-Profis für den unwürdigen Auftritt gegen schwache Nürnberger gefallen lassen.

Hier im Blog herrscht, das ist deutlich an Euren Kommentaren zu erkennen, tiefer, festsitzender Frust. Zu viel Kredit hat sich der HSV in den letzten 18 Monaten verspielt, als dass so eine Niederlage als Ausrutscher hingenommen wird. Und ganz ehrlich, es war auch diese Saison nicht der erste derartig lust- und emotionslose Auftritt. Insofern sind nahezu alle Eure Vorwürfe berechtigt. Die Frage ist allerdings, warum ist das so? Wieso werden bei dem immer wieder berechtigt hoch gelobten Kader inzwischen schon Spieler hervorgehoben, weil sie einfach nur eine Menge Kilometer abreißen? Sind unsere Ansprüche schon so niedrig? Warum gibt’s beim HSV zum Beispiel keinen Maik Franz (den sehe ich gerade wieder auf dem Platz, wie er Idrissou mit zweifelhaften Methoden entnervt)? Oder zumindest einen, der die Mannschaft wachrüttelt – egal, ob durch sportliche oder verbale Impulse? Oder erreicht der Trainer samt seinem Team nicht die Mannschaft?

Fragen, auf die es Antworten zu finden gilt, wenn man in der kommenden Saison nicht neuerlich enttäuscht werden will.

Allerdings, und deswegen habe ich es gestern noch vorsichtig formuliert, noch habe ich die Hoffnung, dass sich die Mannschaft über ihre fußballerische Qualität über die letzten 14 Spiele hinwegrettet – und dann der nötige Umbruch eingeläutet wird. Damit der HSV in seinem Kreativbereich nicht mehr allein von der Tagesform des immer launischer werdenden Zé Roberto abhängig ist. So sehr ich den Brasilianer schätze, er geht mir zu oft einfach mit unter. Er war in Nürnberg zweifellos noch der Einäugige unter den Blinden – aber eben auch nicht annähernd so mitreißend, wie man es von einem Mann seiner Qualität erwarten darf. Gleiches gilt für einen Ruud van Nistelrooy. Real Madrid hin oder her.

Ich erspare es mir und Euch, jetzt hier auf alle Spieler einzeln einzugehen. Dabei würde auch sehr wenig Positives herumkommen. Aber eben auch nichts, was wir an dieser Stelle nicht schon hundert Mal gesagt haben. Allein der Gedanke daran, ermüdet schon…

Nein, es bringt nichts. Wir müssen uns mit der Situation arrangieren. Und die besagt, dass am kommenden Wochenende das vielleicht brisanteste Spiel der Saison ansteht: das Derby gegen St. Pauli im eigenen Stadion. Hier ein Sieg und alle Gemüter dürften sich wieder etwas beruhigen. Zumindest bis zum nächsten „Rückfall in alte Zeiten“, wie Trainer Armin Veh das Nürnberg-Spiel beschrieb.

Allerdings: „Alte Zeiten“? Wie kommt Veh auf „alt“?

Das Nürnberg-Spiel hatte ich in der Hinrunde gefühlt jedes zweite Wochenende. Da hatte sich abgezeichnet, dass diese Mannschaft in sich nicht einig ist. Die Qualität jedes einzelnen werde ich auch heute nicht in Frage stellen. Die ist da. Aber nach den beiden Arbeitssiegen gegen Schalke und Frankfurt hatten viele – auch ich – gehofft, dass die Mannschaft über Erfolge gefestigter wird. Vergebens?

Der Mannschaft fehlen auf jeden Fall die Ideen. Gegen Mannschaften, die sich hinten reinstellen gelingt quasi nichts. Das war in der Hinrunde so – das ist es auch jetzt. Schalke wollte mitspielen – und das Spiel wurde interessant. Aber schon Frankfurt war zäh, für die Mannschaft wie den Betrachter. Der HSV schafft es einfach nicht, sich gegen destruktiv agierende Teams Torchancen zu erarbeiten. Die Außen funktionieren offensiv momentan nicht, ein Elia beispielsweise war gegen die Franken bei nicht mehr als 20 Prozent dessen, was er kann und beim HSV nicht zeigt. Pitroipa überrascht weniger die Gegner als sich selbst. Flanken kommen von beiden nicht – womit ein Ruud van Nistelrooy in der Mitte hängt. Wie es besser geht, hat zuletzt Ben-Hatira gezeigt, der mit aller Macht versuchte, nahezu jeden Ball auf den ehemaligen Welttorjäger zu spielen.

Aber ok, neben den Außen gibt es noch das zentrale Mittelfeld, das zwar defensiv vernünftig arbeitet, aber offensiv nahezu wirkungslos ist. Zé Roberto deutet zwar immer wieder an, was er drauf hat, aber er zeigt es nie komplett. Er füttert uns an und lässt uns dann verhungern. Warum auch immer.

Etwas Leid taten mir gestern Westermann und Kacar. Beide hatten die klare Ansage, alles wegzuräumen, und wenn dies mit Befreiungsschlägen passiert. Und sie erfüllten ihre Aufgaben in der ersten Halbzeit ordentlich, obwohl Guy Demel altgewohnte Schwächen im Stellungsspiel zeigte. Der Ivorer zeigte auf, dass es fast fahrlässig von der Vereinsführung ist, auf dieser Position bislang nichts unternommen zu haben. So fiel das erste Gegentor, so werden leider auch noch mehr fallen, wenn sich der verletzungsanfällige Demel nicht plötzlich schwer verbessert.

Apropos Rechtsverteidiger: Ochs wechselt zu Schalke 04. Ein Typ, der als loyal und vorbildlich in Sachen Einstellung zählt und außergewöhnlich konstant sein hohes Niveau hält. Warum also kommt der Frankfurter nicht zum HSV? Eine Frage, die ich morgen Bastian Reinhardt stellen werde. Der Sportchef stellt sich morgen unseren Fragen. Und ich verspreche, ich habe einige, die ich stellen werde und deren Antworten ich Euch morgen mitteilen werde. Denn für heute fällt mir nichts mehr ein. Ich habe immer mehr Fragen – und immer weniger Lösungsansätze. Mal sehen, vielleicht bin ich morgen schlauer…

In diesem Sinne, seid besser drauf als ich. Bis morgen!

19.45 Uhr

P.S.: Bei Choupo gibt es noch nichts Neues. Im Gegenteil, inzwischen messen die HSV-Verantwortlichen dem Szenario, dass der Kameruner bleibt, die höhere Wahrscheinlichkeit bei. Allerdings, das kann ich Euch glücklicherweise versprechen, zumindest in dieser Frage werde ich morgen eine hundertprozentig korrekte Antwort finden ;-)

90 völlig verpennte Minuten…

29. Januar 2011

Es gibt Tage, die kann man sich nicht erklären. Genau so einen hatte der HSV heute. Mit drei Siegen in Folge und dementsprechend viel Optimismus ins Frankenland gereist, wurde das Spiel komplett verpennt. Und anschließend wusste keiner so recht, warum man so lethargisch agiert hatte.

Aber der Reihe nach.

Die erste Halbzeit hätte man sich schenken können. Ich muss sogar zugeben, dass ich in der 30. Minute die Option „Konferenz“ kurz geschaltet hatte – was ich sonst wirklich nie mache. Während der HSV-Spiele gilt eigentlich immer: nichts und niemand darf stören. Handy und Festnetz bleiben ebenso wie das Klingeln an der Haustür unbeantwortet. Aber was der FCN und der HSV sich da in den ersten 45 Minuten zurechtschoben, das ließ dann doch viel Zeit für “Nebensächlichkeiten”. Gefahr, etwas zu verpassen, lief man jedenfalls nicht wirklich.

Allerdings will ich hier jetzt gar nicht anfangen, zu nörgeln. Denn in der Hinrunde hatte uns hinten genau das gefehlt, worauf Veh jetzt vermehrt Wert legt: es wird eher rustikal und schnörkellos – dafür aber umso effektiver gearbeitet. Das ist nicht immer schön, muss Aber sein. Und wenn es dann zu einer Konstellation kommt wie zuletzt mit den überaus defensiven Frankfurtern oder eben Nürnberger, die selbst im eigenen Stadion komplett auf Konter eingestellt sind, dann wird das Spiel langweilig, weil es eben logischerweise weniger Torszenen gibt.

Zwei, drei wurden es letztlich doch. In der elften Minute setzte sich Änis Ben-Hatira über links gekonnt durch und passte von der Grundlinie zurück auf Ruud van Nistelrooy. Allerdings einen Tick zu scharf für den in den ersten 45 Minuten enttäuschend schwachen Niederländer. Der war es allerdings auch, der in der 19. Minute fast das 1:0 für den HSV besorgt hätte, wäre nicht FCN-Verteidiger Simons (guter Mann!!) gerade noch mit der Fußspitze vor ihm am Ball gewesen.
Sechs Minuten später war es Änis, der diesmal über rechts flankte. Allerdings hoch, statt wie in dieser Situation erforderlich flach auf den heranstürmenden Elia, der so unter dem Ball durchlief. Erstmals in der 27. Minute kamen dann sogar die Gastgeber. Kurz. Aber gefährlich. Abiturient Mendler setzte sich am Sechzehner gegen drei Hamburger durch, aber nicht gegen Rost. Der Keeper war da und rettete.

Auf meinem Notizblock hatte ich für die29. Minute noch Ruuds ersten Torschuss und einen abgefälschten Schuss aus 18 Metern von Elia, ehe es zur nächsten echten Chance kam. Diesmal für den FCN. Dennis Aogo konnte die flache Hereingabe im eigenen Fünfer im Fallen gerade noch abwehren. Und in der 45. Minute war es Nürnbergs Stärkster, Simons, der per Direktabnahme mit der Innenseite aus 18 Metern an Rost scheiterte.

Halbzeit. Pause – für mich heute irgendwie ähnlich spannende Minuten wie zuvor auf dem Platz.

Die zweite Halbzeit versprach mehr Offensivdrang vom HSV. Trainer Armin Veh brachte Mladen Petric als zweite Spitze für den angeschlagenen und unauffälligen Jonathan Pitroipa. Und der Kroate versuchte sich gleich mit einem spektakulären Fallrückzieher zum Matchwinner aufzuschwingen. Allerdings verfehlte er das Tor ebenso deutlich, wie der HSV sein eigenes Vorhaben, den dritten Rückrundensieg. Und somit das vierte Spiel in Folge zu gewinnen.

Stattdessen kam es binnen zehn Minuten knüppeldick. Erst verschätzte sich der schwache Guy Demel bei einem Mendler-Pass, wodurch Eigler frei an den Ball kam und Rosts Parade nutzte, um einen Elfmeter herauszuholen. Wohlgemerkt: Eigler suchte das Foul, Rost bot ihm die Gelegenheit und Eigler nutze sie. Somit (leider) ein berechtigter Strafstoß, den Simons flach in die Tormitte verwandelte (59.). Und es waren keine zehn Minuten nach dem bittere 0:1 aus Hamburger Sicht gespielt, da gab’s den Gau. Erst musste Kacar nach einer aus meiner Sicht ebenso harmlosen wie unnötigen Trikotberührung beim eingewechselten Nürnberger Mak mit Rot vom Platz, dann folgte aus dem Freistoß das 0:2. Den Freistoß aus 17 Metern konnte Rost gerade noch an die Latte lenken, den Abpraller passte jedoch Simons (wer sonst?) irgendwie durch Westermanns Beine hindurch an Rost vorbei zu Cohen, der Jarolim im Rücken entschwunden war.

Die Entscheidung.

Zwar hätte der eingewechselte Guerrero in der 75. Minute freistehend vor Schäfer aus acht Metern den Anschlusstreffer besorgen können, aber er zielte zu hoch.

Was folgte waren 15 Minuten, in denen sich den überzähligen Nürnbergern Räume zum Kontern boten und der HSV fast nicht mehr stattfand.

Es fehlte dem HSV heute der Umschalter. Anfänglich wollte man den Nürnbergern das Spiel überlassen. Etwas, was die Franken bekanntermaßen nicht beherrschen. Das funktionierte auch – zumindest defensiv ließ der HSV nichts anbrennen. Allerdings fehlte der Mannschaft heute der Umschalter, der Impuls, auf die eigene Offensive zu setzen. Fast keine echte Torchance auf 90 Minuten ist gegen einen alles andere als starken, dafür aber leidenschaftlicher kämpfenden FCN zu wenig. Ein Ruud van Nistelrooy fand heute überhaupt nicht statt, Elia und Pitroipa blieben ohne offensive Szenen. Die Abwehr stand lange Zeit ungefährdet sicher, bis Demels Fehler und Rosts Foul die Niederlage einläuteten. Anschließend schwamm der HSV, ob im Mittelfeld mit Jarolim und Zé, oder im nach der Roten für Kacar verschobenen Abwehrverbund insgesamt.

Fazit: Eine ebenso unglückliche wie absolut unnötige, weil durch individuelle Fehler verschuldete Niederlage gegen Nürnberger, bei denen Simons, der Abiturient Mendler und ein kantiger wie technisch versierter Schieber die besten Spieler auf dem Platz waren.

Und für den HSV war es nicht nur ein richtig schwaches Spiel, es war auch eine besonders bittere Niederlage, weil neben den Punkten auch der Ausfall von Kacar verkraftet werden muss. Der Serbe spielte tadellos – bis zur Roten Karte, die Veh zumindest für das Derby am kommenden Wochenende gegen St. Pauli eine Entscheidung leichter macht: er wird Joris Mathijsen nicht erklären müssen, warum er nur auf der Bank sitzt…

Dennoch kann die Mannschaft jetzt zeigen, dass die Komplimente der letzten Wochen nicht falsch waren. Sie kann jetzt nach der Niederlage beweisen, welch neue Einheit sie ist und dass die Niederlage in Nürnberg nicht mehr als ein zu verkraftender Ausrutscher war. Auf eine Diskussion darüber, ob van Nistelrooy heute so schwach war, weil er Madrid nicht nur im Herzen sondern auch im Kopf trägt, verzichte ich. Es wäre falsch, hier jetzt alles in Schutt und Asche zu legen. Im Gegenteil: ich erwarte von Ruud gegen St. Pauli der Mannschaft eine Trotzreaktion. Schon deshalb werde ich nicht derjenige sein, der das zweifellos enttäuschende Auftreten beim FCN überbewertet.

Ich bin wie wahrscheinlich alle hier und beim HSV enttäuscht – aber ich bin noch lange nicht hoffnungslos.

In diesem Sinne, bis morgen!

17.45 Uhr

P.S.: Sollte es heute noch neue Entwicklungen in Sachen Verleih- oder gar Verkaufsgeschäft geben, melde ich mich natürlich zu späterer Stunde noch mal bei Euch.

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