Monatsarchiv für Dezember 2010

Ein, zwei fromme Wünsche . . .

24. Dezember 2010

Ein frohes Weihnachtsfest, Ihr lieben Matz-abber, genießt die schönen Tage in aller Ruhe und Besinnlichkeit. Vielen Dank für Eure großartige und überragende Unterstützung, für Eure Treue und für die fast grenzenlose Verbundenheit zum HSV – Ihr seid wirklich ALLE SENSATIONELL !!!

Schnell noch ein herzliches Dankeschön für die vielen Weihnachtswünsche, die Ihr mir geschickt habt, auch heute konnte ich mich darüber sehr, sehr freuen – zumal Matz-abber der ersten Stunde dabei waren, die ich schon verloren geglaubt hatte . . . Toll, von Euch zu lesen und zu hören.
Danke, danke, danke – für alles. Ihr alle seid mir in den nun anderthalb Matz-ab-Jahren wie eine Groß-Familie ans Herz gewachsen!

Auch von Marcus “Scholle” Scholz soll ich Euch ganz herzlich grüßen und alles Gute zum Fest wünschen – hiermit geschehen.

So, es folgt nun noch ein kleinerer Schüttelreim. Bitte keine Reklamationen in irgendeiner Art, es ist alles nicht so ernst gemeint, es soll eigentlich nur ein wenig witzig, ironisch, flapsig und mit einem gewissen Augenzwinkern versehen sein. Wie in den Vorjahren auch. Und wer damit überhaupt nichts anfangen kann, der sollte bitte, bitte jetzt nicht mehr weiterlesen, sondern sich schon voll auf das Weihnachtsfest konzentrieren.
Feiert schön!
Nochmals alles Gute für Euch, und los geht es:

Du lieber guter Weihnachtsmann,

für Dich ist Fußball dann und wann,
bestimmt mal schön und auch ganz toll,
bei vielen Siegen wundervoll,
– nur HSV-Fans haben’s schwer,
Erfolge gibt’s schon lang’ nicht mehr,
ganz Hamburg hat viel Frust und Schmerz:
Die Spieler spielen ohne Herz,
sie sind kein Team – sie kämpfen nicht,
und Besserung ist nicht in Sicht,

drum bitt’ ich Dich von Herzen nun,
Du musst mal wieder etwas tun,
hilf uns aus dieser Not heraus,
sonst wird der Klub zur grauen Maus,
der HSV vom Rothenbaum,
schlägt zu viel Luft und zu viel Schaum,
bring’ ihn wieder ganz nach oben,
dann wird’ ich Dich immer loben,
gib’ allen wieder Lust und Mut,
auch Spaß und Freude täten gut,
gib auch Kraft in alle Haxen,
lasse Teamgeist tüchtig wachsen,
bremse Missgunst – stopp’ die Neider,
davon gibt es reichlich – leider,

setz’ die Truppe auf den Pott,
sonst ernten wir hier nur noch Spott,
pack’ die Profis bei der Ehre,
mach’ sie deutlich, die Misere,
sag’ uns’ren Jungs, was Du vermisst,
dass ihr Spiel oft kein Fußball ist,
mach’ so nun heiß und mach’ sie rund,
sei auch gemein – ganz harter Hund,
lass’ sie Deine Rute spüren,
Schluss jetzt mit den Star-Allüren,
lass’ sie springen, kämpfen, laufen,
sie soll’n stöhnen, schwitzen, schnaufen,
sie soll’n endlich alles geben,
wie im echten Fußball-Leben.

Und ganz speziell da bitt’ ich Dich,
verbess’re jeden wesentlich:

Lass’ Frank Rost die Töne treffen,
knurren, bellen und auch kläffen,
das soll er ruhig – dann und wann,
weil er das auch am besten kann,
doch er muss das gut dosieren,
muss mal loben, motivieren,
weil das die Stimmung hebt im Team,
– drum bitte assistiere ihm.

Dem „Jaro“ Drobny gib Geduld,
dass er nicht spielt – nicht seine Schuld,
seine Zeit, die wird noch kommen,
dann wird er ins Tor genommen,
er darf jetzt nur nicht verzagen,
– kannst Du ihm das weitersagen?

An Mathijsen Weihnachtsgrüße,
stell’ ihn schnellstens auf die Füße,
mit seiner Zuverlässigkeit,
gibt es kein’ Bess’ren weit und breit.

Diekmeier? Der soll genesen,
bislang ist da null gewesen,
er soll „Giiiiee“ mal Beine machen,
der Demel, der hat gut Lachen,
mit Mini-Aufwand stets dabei,
und das mit Füßen wie aus Blei,
er konnte doch mal so viel mehr –
sein Akku der scheint restlos leer,
bau’ ihn nun auf, das wäre schön,
sonst muss der „Giiiiee“ im Sommer geh’n.

Westermann, dem sollst Du sagen,
er soll Fußballstiefel tragen,
die ohne Spanner sind – ganz fein,
– beim Passen soll das besser sein;
es geht zur Not, zeig’ ihm auch das,
mit Willi Schulz’ Gedächtnispass,
zwei, drei Meter – und dann gut,
auch das erfordert oftmals Mut.

Besic – den lass’ ganz schnell reifen,
und dann nach den Sternen greifen,
solide, nüchtern – konzentriert,
ist ihm der Aufstieg garantiert.

Stärk’ Aogos Adduktoren,
er soll nie mehr draußen schmoren,
den brauchen wir, den jungen Mann,
der geht doch schneidig hier voran,
zum Glück bleibt er noch so viel’ Jahr’,
ich finde das ganz wunderbar!

Schenk’ Jansen einen harten Zeh,
ihm tut das Ding noch immer weh,
er stellt schon lang’ das Spielen ein –
das kann doch nicht Dein Wille sein,
lass’ den Linksfuß nun gesunden,
der muss sich durch Überstunden,
wieder mal in Höchstform bringen,
– Glück lässt sich doch auch erzwingen!

Lennard Sowah mach’ erwachsen,
tritt ihm ruhig auf die Haxen,
und zeig’ ihm klar und ganz gezielt,
was er sonst hier zu leicht verspielt.

Gib Ze Roberto wieder Lust,
denn er verkam zuletzt im Frust,
ihn muss man nur mächtig loben,
dann wird Ze schon wieder toben . . .

Dem Rincon zeig’ des Gegners Tor,
der kommt ja viel zu selten vor,
und schenke ihm ’nen kühlen Kopf,
er ist zu hitzig oft, der Tropf.

Dem Tesche gib’ mal „Hallo wach!“,
der hält den Ball mir oft zu flach,
mit einer Prise Temp’rament,
spielt der bestimmt ganz ungehemmt.

Dem Jarolim fehlt Spritzigkeit,
sagte Herr Veh – das tat mir leid,
schenk’„Jaro“ nun die ganze Kraft,
dass er bald wieder voll im Saft,
stets läuft und rennt, und läuft und rennt,
und weiter jeden Grashalm kennt.

Gojko Kacar lass’ trainieren,
es muss endlich was passieren,
kann doch nicht sein, dass er nicht fit,
so lahm wird er nie Kühnes Hit.

Gib „Troche“ Interview-Verbot,
durch Sprüche bringt er sich in Not,
und auch Kreisel soll er lassen,
sich mit Standards mehr befassen,
und ab und zu noch volles Rohr,
in jedem dritten Spiel ein Tor,
dann sind alle hier zufrieden –
könn’st Du diesen Plan schnell schmieden?

Castelen? Beschenk’ ihn immer,
gib ihm jeden Hoffnungsschimmer,
dass er es doch noch einmal schafft,
das wär’ doch wirklich sagenhaft.

„Choupo“ – der soll sich besinnen,
wie die Spiele heut’ beginnen:
kämpfen, ackern – alles geben,
voller Tatendrang erbeben,
nicht verbal mit Künsten protzen,
nicht nur kleckern – sondern klotzen!

Mach’ den Elia reif und schlau,
er kam nie an beim HSV,
er ist launisch und ganz eigen,
soll uns doch so viel noch zeigen,
mach’ ihm doch bitte einmal klar,
dass nie in Bestform er hier war,
da muss schon noch viel mehr kommen:
Bringeschuld – ganz strenggenommen.

Schenk „Collo“ noch ein halbes Jahr,
in dem er hier mit Haut und Haar,
den Muster-Profi geben kann –
der Benjamin, ein Klasse-Mann,
der geliebt wird, den sie achten,
den als Vorbild sie betrachten.

Gib „Pit“ vom Killer den Instinkt,
dass ihm auch mal ein Tor gelingt,
nimm’ uns’rem Dribbler mit Diplom,
vom Zappel-Philipp das Syndrom,
stärkt ihm Muskeln, schenk’ ihm Waden,
auch mehr Kraft könnt’ echt nicht schaden,
und Du wirst seh’n, Du Weihnachtsmann,
was unser „Pit“ doch alles kann!

Änis halte bei der Stange,
ich wär’ sehr dafür: noch lange,
er hat so viel an den Hacken,
wär’ so schön, könnt’ er’s noch packen.

Der “Tunay-Torun-Superstar”,
ist nun nach langer Pause da,
lass’ das Kreuzband nie mehr reißen,
auch kein and’res Band verschleißen,
Tunay soll es krachen lassen,
und sein Glück beim Schopfe fassen.

Der Ruud, das geb’ ich offen zu,
der tut mir leid – wie siehst das Du?
Der hatte Biss, der griff voll an,
und zeigte uns, was er noch kann,
doch diese Zeit, sie scheint vorbei,
bei ihm läuft nichts mehr einwandfrei,
vergangen ist ihm wohl die Lust,
er schiebt seit Wochen nur noch Frust –
kannst Du ihm was and’res suchen?
Viele werden nun laut fluchen,
doch Ruud der braucht doch einen Klub,
’nen richtig guten Fußball-Trupp,
der laufen und auch kicken kann –
er hat’s verdient, der gute Mann.

Petric, den lass’ wieder wollen,
der soll nicht mehr länger schmollen,
natürlich tat das Ding ihm weh
(er sollte ja zum VfB),
doch das muss Schnee von gestern sein,
nun heile mal ganz schnell sein Bein,
Mladen – der soll wieder schießen,
und nach Treffern Ruhm genießen,
er soll uns nach oben knallen –
sag’ ihm das, er muss es schnallen!

Und Paolo lass’ erwachen,
man, was macht der Mann für Sachen?
Der „Digge“ lässt kein Fettnapf aus,
und gibt naiv die Mickymaus,
er schmeißt, er tritt – er baut viel Mist,
er zieht ihn an – den bösen Zwist,
er gab dem Trainer nicht die Hand,
war auf dem Platz nicht mehr gewandt,
ihm fehlt seit Wochen jede Form –
und denkt vielleicht, das ist hier Norm?
Er soll ackern, knüppeln, laufen,
andernfalls: sofort verkaufen!

Den kleinen Son bring’ ganz groß raus,
dann gibt’s nicht nur von mir Applaus,
der Junge bringt doch alles mit,
der wird hier noch ein Riesen-Hit,
lass’ ihn aber nicht entschweben,
immer hübsch am Boden kleben,
er soll ganz natürlich bleiben,
hier noch lange unterschreiben,
und so erfolgreich sein wie Ruud –
das wär’ doch schon mal super-gut.

Ich glaub’ ja fest, dass ich Herrn Veh,
sobald nicht mehr in Hamburg seh’,
sein Auftrag hier, der endet nun,
er muss ab jetzt was and’res tun –
was ich mit Bedauern sehe,
aber eine Fußball-Ehe,
wird ganz oft blitzschnell geschieden –
mal im Bösen, mal im Frieden,
in diesem Fall, so nehm’ ich an,
trägt Armin Veh es wie ein Mann.

Gib der Führung, uns’ren Bossen,
die schon häufig angeschossen,
ganz dicke Nerven – wie aus Stahl,
die brauchen sie nun allemal,
am 9. Ersten kommt es dick,
da braucht der Vorstand viel Geschick,
um die Lage zu erklären –
kannst Du heut’ sie schon bescheren?

Du, lieber guter Weihnachtsmann,
fang’ nun auch gleich mit helfen an,
erfülle meine Wünsche flott,
wir müssen raus aus diesem Trott,
erfülle meine Wünsche nun,
es gibt ja noch so viel zu tun;

Gib Durchblick für den Aufsichtsrat,
der grottenschlecht und desolat,
auf Suche nach dem Sportchef war –
verloren ging dabei ein Jahr,
was diesem Klub geschadet hat –
mach’ diese Räte schon mal glatt,
sag’ ihnen mal, wie’s richtig geht,
obwohl? Ist es nicht schon zu spät?

Ja, Weihnachtsmann, hau’ jetzt schnell rein,
es soll doch Großes hier gedeihn,
sprich Tacheles, sprich alles an,
weil man es nur so ändern kann,
setz’ alle schon mal auf den Topf,
gib allen einen kühlen Kopf,
sag’ allen, wenn’s noch nicht zu spät,
dass es nur miteinander geht,
gemeinsam sind wir stark und schlau,

es grüßt ein Fan vom HSV.

(um) 12.08 Uhr

Analyse: Sturm – Guerrero enttäuschend

23. Dezember 2010

Weiter geht es mit der Hinrunden-Analyse. In der heutigen Folge ist der HSV-Angriff an der Reihe. Mit 27 erzielten Treffern liegt die Veh-Truppe oberhalb des Mittelfeldes, (nur) sechs Klubs (Dortmund ist Spitze mit 39) haben mehr Tore erzielt. An den Stürmern des HSV kann es demnach nicht liegen, dass diese Saison bislang so enttäuschend verlief. Hier nun die einzelnen Beurteilungen:

Ruud van Nistelrooy (14 Spiele, 1068 Minuten, 5 Tore): Von einem der auszog, um die Bundesliga auf den Kopf zu stellen. Ein Weltstar in Hamburg, vor einem Jahr, bei der Vorstellung des Niederländers, war hier die Hölle los. Einen solchen Medien-Andrang gab es einst bei der Verpflichtung von Ernst Happel – lang ist es her. „Van the man“ trainierte fleißig, kam nach zweijähriger Pause wieder in Form, schoss Tore – und begeisterte die Stadt und die Liga. Aber er spielte nicht nur, sondern beeindruckte auch als Mensch. Keine Spur von Arroganz, nett, höflich, fast bescheiden – einfach unglaublich. Und wenn van Nistelrooy Stellung zum sportlichen Geschehen bezog, dann gab es von ihm viel Substanzielles zu hören. Ich gebe zu, dass ich wie bei keinem anderen HSV-Spieler in der jüngeren Vergangenheit an seinen Lippen hing. Ja, und Torjäger wollte er in Deutschland werden, Schützenkönig der Bundesliga. Und was ist nun? Ruud van Nistelrooy hing zuletzt „durch“. Kaum noch Emotionen, kaum noch sein oft ansteckendes Lachen, er wirkte „leicht vergrätzt“. Schon im Frühjahr hatte ich mich öffentlich gefragt, ob sich RvN gelegentlich schon desillusionierende die Frage gestellt hat: „Mein Gott, wo bin ich hier nur rein geraten?“ Spätestens jetzt werfe ich diese Frage erneut auf. Im Sommer läuft der Vertrag des 34-jährigen Stürmers aus, ich gehe jetzt davon aus, dass es das dann auch mit Ruud van Nistelrooy in Hamburg gewesen ist. Noch eine weitere, vom Chaos durchzogene Saison, die wird er sich nicht mehr antun.
Was mich schon jetzt allerdings traurig stimmt.

Paolo Guerrero (13 Spiele, 943 Minuten, 2 Tore): Guter Start in diese Spielzeit, dann war „Flasche leer“. Zu Beginn sollte der Peruaner den Spielmacher geben, und er zeigte durchaus gute und viel versprechende Ansätze. Allgemeiner Tenor damals: „Das kann etwas werden.“ Leider wurde nicht bedacht (auch von mir nicht), dass Guerrero immer dann gut ausgesehen hatte, wenn es gegen Dorfmannschaften ging. In der Bundesliga kam dann die Wahrheit ans Tageslicht, und zwar schonungslos: Auf der „Zehn“ ging es nicht (wie von Veh erhofft), und im Angriff ging es auch nur noch bedingt. Zwei magere Törchen sind viel zu wenig. Anspruch und Wirklichkeit klaffen nicht nur bei ihm, aber auch, zu weit auseinander. Der Peruaner spielt mir viel zu körperlos, er geht nicht dorthin wo es wehtut, er arbeitet auch nicht gut für die Defensive (indem er den Gegner beim Spielaufbau stört), er ergibt sich in de Schönspielerei und lässt eigentlich alles vermissen, was er einst schon gezeigt hat (auch in Hamburg), was ihn einst auch zum FC Bayern gebracht hatte. Für mich gehört Paolo Guerrero zu den größten Enttäuschungen dieser Halbserie.

Mladen Petric (9 Spiele, 654 Minuten, 4 Tore): Viele Hamburger, Fans und Experten, sind bei der Suche nach den Gründen für diese bislang miserable Saison auf den Namen des Kroaten gestoßen. Nicht deshalb, weil Petric so krass versagt hat, nein, es geht dabei darum, dass sein Fast-Wechsel zum VfB Stuttgart für die erste große Aufregung beim HSV gesorgt hat. Offenbar sollte der Torjäger „aussortiert“ werden, denn er behauptete damals wie heute: „Ich wollte nicht weg aus Hamburg.“ Was im Umkehrschluss heißt: Der HSV hat ihn beim VfB Stuttgart angeboten. So weit das unglückliche, vielleicht auch höchst peinliche Vorspiel. Fest steht: Petric kam nie auch nur annähernd an seine Bestform heran, er war und ist zweimal schwerer verletzt – und er wirkt auch ob dieser leidigen Vorgeschichte auf mich noch immer „leicht vergrätzt“, ja sogar misstrauisch. Da muss noch unendlich viel passieren, bis dieser Zustand wieder abgestellt ist – wenn es überhaupt noch repariert werden kann. Ich habe da meine Zweifel.

Heung Min Son (7 Spiele, 387 Minuten, 3 Tore): Er kam, spielte und begeisterte. Ganz Hamburg lag im Son-Fieber. Bis er gegen Manchester City kaputt getreten wurde und eine lange Pause einlegen musste. Diese Zwangspause tat ihm nicht gut, denn irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass danach seine Leichtigkeit ein wenig auf der Strecke geblieben ist. Trotz allem: Der Südkoreaner ist nach wie vor das größte Talent des HSV – und zwar seit Jahrzehnten. Er sollte aber dennoch beizeiten geführt und gelenkt werden, damit er sich erstens seine Natürlichkeit bewahrt, und damit er zweitens den Blick für die Gemeinschaft behält. Nach seinen Toren habe ich mir gedacht, dass sein Spiel zuletzt ein wenig egoistischer geworden sei. Zwei Treffer in Hannover, aber als er kurz vor dem Abpfiff nur den Pfosten traf, da standen zwei Mitspieler in der Mitte, und die hätten diesen Ball (nach dem entsprechenden Querpass) mühelos ins Netz gebracht. Mich wunderte es damals, dass es weder im Spiel noch danach irgendwelche Proteste der Mitspieler gab.

Eric-Maxim Choupo-Moting (10 Spiele, 380 Minuten, 2 Tore): Der Nationalspieler Kameruns stand zu Saisonbeginn (ähnlich wie David Jarolim) auf der Abschussliste. „Choupo“ selbst wollte einen Stammplatz – oder freiwillig gehen. Weder das eine noch das andere trat ein, aber er kämpfte sich mit wochenlang guten Trainingsleistungen nicht nur heran, sondern auch ins Team. Da beeindruckte er sogar mich – und ich halte mich für seinen vielleicht größten Kritiker. Seine Leistungen im Training waren aber so auffällig, dass Armin Veh nicht mehr an ihm vorbei konnte. Völlig gerechtfertigt. Dann kam eine Reise zur Nationalmannschaft, dann kam Choupo-Moting mit einer Erkrankung zurück nach Hamburg (ein Hitzeschlag und seine Folgen) – und fortan saß er entweder draußen oder auf der Tribüne. Zuletzt durfte er dann doch wieder ran, aber das war dann wieder der „alte Choupo“: Nichts Halbes und nichts Ganzes. Für mich fehlte (in Mönchengladbach) die rechte Einstellung, da war kein Biss, kein Wille erkennbar, das war nur halbherzig. Und wie ein Fremdkörper. Ganz klar steht für mich fest: So wird das nichts. Jedenfalls nicht beim HSV.

Tunay Torun (2 Spiele, 138 Minuten, 0 Tore): Der Türke drehte wochenlang seine Runden am Rande des Platzes, auf dem die Mannschaft trainierte. Mit dem Trainer aber gab es nie ein Gespräch. Armin Veh sprach erst wieder mit ihm, als er für das Team-Training zur Verfügung stand. Später gab der Coach zu: „Ich kannte ihn nicht, sah ihn immer nur laufen und dachte so bei mir: Mit der Figur wird er es schwer haben im Profi-Fußball. Aber da hatte ich mich getäuscht.“ Denn der türkische U-21-Nationalspieler speckte in diesem Herbst ordentlich ab, ist rank und schlank, wirkt austrainiert – und gefiel in seinem ersten Einsatz (beim 4:2 gegen Stuttgart) mit einer außerordentlichen Fleißleistung. Der 20-Jährige lief wie einst Ivica Olic, dem auch kein Weg zu weit war. Das Gute daran – für den HSV: An dieser Leistung wird sich Tunay Torun nun messen lassen müssen. Er hat es allen deutlich gezeigt, dass er es kann, nun gibt es für ihn nur eines: mehr davon!

So, das waren die Spieler des HSV. Es folgt noch die Analyse des Trainer-Teams, des Vorstandes und des Aufsichtsrates.

Am Heiligabend allerdings gibt es davon noch nichts zu lesen, da steht die Familie (hoffentlich) im Mittelpunkt.
Da ich in den vergangenen Tagen mehrfach danach gefragt worden bin: Ja, ich habe ein paar kleine HSV-Reime zum Feste vorbereitet, es ist eine Art Tradition. Und auch wenn es nicht viele glauben können: Es gibt tatsächlich HSV-Fans, deren Kinder genau diese Verse unter dem Tannenbaum aufsagen – vor der Beschwerung. Deswegen verderbt ihnen nicht den Spaß.
Diejenigen, die darauf getrost verzichten können, möchten und wollen, bitte ich nun schon einmal rechtzeitig um Nachsicht: Macht bitte einen großen Bogen um den Matz-ab-Blog an Heiligabend, und Ihr werdet nichts (über diesen Kinderkram) zu meckern haben.

Ich wünsche allen Matz-abbern schon einmal vorab ein wunderschönes, besinnliches und stressfreies Weihnachtsfest. Und, das möchte ich auf keinen Fall vergessen: Vielen, vielen Dank für Eure Weihnachtspost für mich und für Frau M. Ich bin wirklich gerührt und tief beeindruckt, mit wie viel Mühe und mit welchen großartigen Ideen Ihr diese Post oder auch Mails verfasst und auf den Weg gebracht habt. Danke, danke, danke – Ihr seid einfach hervorragend, klasse, super. Einzigartig!

15.29 Uhr

Analyse: Mittelfeld – Pitroipa der Beste

22. Dezember 2010

„Nichts ist wie es scheint.“
Martin Jol (HSV-Trainer von 2008 bis 2009)

Das zum Thema Wendehals. Mehr möchte ich dazu nicht sagen und schreiben.
Nur so viel: Bei allen, die mich beschimpft haben, möchte ich hiermit in aller Form entschuldigen.

Zum Thema, die Analyse der Hinrunde. Heute schreibe ich, wie angekündigt, über das Mittelfeld.

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass alle Mannschaftsteile des HSV für diese schlechte bis durchwachsene Herbstrunde verantwortlich sind. Im Mittelfeld liegt aber ein ganz entscheidender Faktor, denn hier wurden die Räume selten einmal so kompakt gemacht, wie es bei Spitzen-Klubs in der Regel geschah. Und die Mischung schien mir nie zu stimmen. Armin Veh hat über Piotr Trochowski zum Beispiel einmal gesagt: „Ein richtiger Sechser wird er nie.“ Damit traf der Coach voll ins Schwarze, denn das ist auch für mich in Stein gemeißelt. Dennoch musste „Troche“ meistens auf der “Sechs“ spielen – natürlich auch, weil es an Alternativen mangelte. Aber zwei „Sechser“ wie David Jarolim und Trochowski, oder wie Trochowski und Ze Roberto – das passt in meinen Augen gar nicht. Auf die „Sechs“ gehört mindestens ein Typ wie Mark van Bommel. Also einer, der den generischen Spielern schon einmal beizeiten entschieden auf die Füße tritt. Solche Typen aber sind weder Jarolim, noch Ze Roberto noch Trochowski. Ein solcher Typ wäre Tomas Rincon, denn er geht mitunter recht rustikal zur Sache, krempelt die Ärmel hoch und fährt den Gegnern mit gestrecktem Bein in die Parade. Leider hat Rincon aber in Sachen Spielaufbau (noch) viel zu große Schwächen, so dass er keine echte Alternative war.

Kommen wir zu den Mittelfeldspielern des HSV:

David Jarolim (13 Spiele, 1075 Minuten, 0 Tore): Der Ungeliebte. „Jaro“ steht bei vielen HSV-Fans „auf dem Zettel“, auch bei Armin Veh stand er vor Beginn der Saison drauf. Abschuss war das Ziel. Aber der Tscheche kämpfte, kniete sich voll rein, überzeugte im Trainingslager jeden – auch den neuen Trainer. Der setzte „Jaro“ zwar als Kapitän ab, aber wurde ansonsten ein Fan des Dauerläufers. Ihr wisst es, ich habe oftmals darüber geschrieben: Jarolim ist meine Nummer eins beim HSV. Weil er ehrlich ist, weil er immer alles gibt, weil er vorbildlich für das Team eintritt. Ich ziehe den Hut vor „Jaro“, dass er seine Degradierung so bewundernswert wegsteckte – ich hätte es nicht gekonnt (und hätte wahrscheinlich die Konsequenzen gezogen). Dass Jarolim zuletzt nicht in Bestform war, ist natürlich auch mir nicht entgangen, aber für mich waren das Spätfolgen des Saisonstarts. Je schlechter die Mannschaft spielte, desto offensichtlicher dachte „Jaro“ wohl über seine Situation und die des Klubs nach – und deshalb wirkte er auf mich total verunsichert. Neues Jahr, die Rückrunde, neues Spiel. Jarolim wird wieder kommen – und sich zerreißen. Und wie immer vorbildlich voranmarschieren. Er ist für mich immer noch unverzichtbar, auch wenn er in Sachen Torabschluss ein „Schlumpfschütze“ ist und auch bleiben wird. Dafür ist er in Sachen Balleroberung der ungekrönte König.

Robert Tesche (4 Spiele, 271 Minuten, 0 Tore): Im Training zeigt er mitunter gute und sogar beste Ansätze, da gefällt er durch seinen präzisen und harten Schuss. Davon ist, wenn er in der Bundesliga zum Einsatz kommt, leider kaum etwas zu sehen. Fehlendes Selbstvertrauen – nennt man so etwas. Auch Tesche ist bei einigen (vielen?) HSV-Fans „unten durch“, sie trauen ihm nichts mehr zu, was ich noch nicht so ganz teilen will. Um aber einmal für eine längere Zeit Stammspieler sein zu können, müsste schon viel passieren. Nämlich eine deutliche Leistungssteigerung – unabhängig von der Anzahl der verletzten Mittelfeldspieler. Mein Typ: Energischer auftreten, mehr Initiative ergreifen, mehr Verantwortung übernehmen – und lauter werden. Dann könnte es vielleicht doch noch einmal klappen, denn ein schlechter Fußballer ist dieser Robert Tesche nicht.

Gojko Kacar (9 Spiele, 413 Minuten, 1 Tor): Das ist zu wenig. Als der Serbe verpflichtet wurde, da stöhnte der Herr Kühne zwar auf, aber ich war zufrieden. Kacar hatte bei Hertha (für mich) einige sehr gute Spiele abgeliefert, auch wenn er gegen den HSV auflief war er einer der Besten. Davon, das gestehe ich, ist seit diesem Sommer nichts mehr erkennbar. Auch deshalb, weil er nie bei 100 Prozent war. Was wohl auch an der Weltmeisterschaft lag. Aber nur die WM? War das nicht auch ein wenig die fehlende Reife, die zu lasche Einstellung? Wenn ich vom Trainer immer höre, dass ich nicht bei 100 Prozent bin, dann tue ich etwas dafür. Auch außerhalb der festgelegten Trainingszeiten: Das gab es zwar auch, aber wohl etwas zu selten, denn sonst hätte Kacar doch irgendwann einmal (vor seiner Verletzung) bei 100 Prozent sein müssen. Der Serbe ist für mich eine der größten Hinrunden-Enttäuschungen, vielleicht auch deshalb, weil ich (zu) große Hoffnungen in ihn gesetzt hatte.

Marcell Jansen (8 Spiele, 697 Minuten, 0 Tore): Keine Frage, auch das ist entschieden zu wenig. Zu oft verletzt, zu oft erkrankt, die Ausfallliste zeiht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere. Schon im vergangenen Jahr schrieb ich von der Hoffnung, dass er einmal verletzungsfrei (und ohne Erkrankung) über eine Halbsaison kommen möge – aber er hat es nicht einmal geschafft. Und ich gestehe, mir kommen schon seit geraumer Zeit Zweifel, ob er es noch jemals schaffen wird. Ist Jansen endlich einmal in absoluter Bestform, ist er einer der besten Mittelfeldspieler auf der linken Seite, nicht nur in Deutschland. Aber wann ist er in Bestform? Auf jeden Fall ist er ein Spieler, der alles klar erkennt, es deutlich analysiert und kein Blatt vor den Mund nimmt. Das, aber auch nur das wirkt erfrischend.

Piotr Trochowski (16 Spiele, 1039 Minuten, 2 Tore): Der Dauerbrenner im Mittelfeld des HSV, aber der Nationalspieler hat nicht nur mit den Gegnern zu kämpfen, sondern auch mit dem eigenen Anhang. Dabei hat „Troche“ in dieser Saison überwiegend gut oder solide gespielt (Ausnahme Bremen), so dass seine härtesten Kritiker eigentlich zu einem Kompromiss kommen müssten: „Er war schon wesentlich schlechter.“ Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Diesem Schritt hat Trochowski längst getan, denn er hat sich die viele Kritik zu Herzen genommen und sein Spiel umgestellt. Und weil er das getan hat, bin ich fest davon überzeugt, dass es weiterhin bergauf gehen wird mit ihm. Der Billstedter wird im Frühjahr in die Nationalmannschaft zurückkehren und auch für den HSV eine Stütze werden. Nehmt mich beim Wort.

Änis Ben-Hatira (2 Spiele, 15 Minuten, 0 Tore): Sein Comeback ist für mich eine kleine Überraschung, ich habe nicht mehr geglaubt, dass ich den Berliner noch einmal im HSV-Trikot in der Ersten Liga erleben werde. Er hat es sich verdient. Nur: Damit darf sich der gute Techniker nicht zufrieden geben, er muss nachlegen, muss im Training überzeugen, muss alles versuchen, um sich anzubieten. Ob er dazu in der Lage ist? Mich beschleichen leise Zweifel. Obwohl ich immer noch ein Fan von Änis Ben-Hatira bin. Denn eigentlich könnte er alles, er muss es nur zeigen wollen. Und dazu diszipliniert auftreten – während der 90 Minuten. Nur Schönwetter-Fußball geht heutzutage nicht mehr. Erst recht nicht in der Bundesliga, zwei Klassen tiefer mag es eventuell noch gehen. Er steht am Scheideweg.

Jonathan Pitroipa (16 Spiele, 1339 Minuten, 2 Tore): Die Entdeckung der Saison. Und plötzlich eifern viele HSV-Fans einem gewissen Dieter Matz nach. Sie werden zu Wendehälsen. Motto: „Das habe ich doch schon immer gesagt, dass der gute Pit ein ganz Großer ist.“ Natürlich, natürlich – alles haben sie es gesagt. Bis auf diejenigen, die ihn vom Hof jagen wollten. Jeder aber, ob Freund oder Feind, kann jetzt mal sehen, was es heißt, wenn der Trainer einem Spielewr das Vertrauen schenkt. Und das hat Armin Veh in diesem Falle von Beginn an bei „Pit“ gemacht. Der blühte auf, spielte Gegner und auch teilweise sich schwindelig, nur mit dem Tore schießen hapert es immer noch. Aber eventuell schafft das ja auch noch einer, ihn da in die richtige Spur zu bringen – doch dann ist Pitroipa sicherlich auch ganz schnell weg. Für mich ist er trotz seiner vielen vergebenen Chancen trotz allem der beste Spieler der Hinrunde.

Eljero Elia (10 Spiele, 534 Minuten, 2 Tore): Spät kam er, aber er kam. Immerhin. Doch wenn der Trainer über Kacar sagte, der sei nicht bei 100 Prozent, dann sage ich über den Niederländer, dass er höchstens bei 50 Prozent war und ist. Leider. In Mönchengladbach zuletzt ließ er sein riesiges Können in ein, zwei Szenen kurz aufblitzen, aber damit kann er keinen verfrorenen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Das ist bislang nichts in diesem Jahr, da muss noch eine gewaltige Steigerung kommen – oder es gibt den vorzeitigen Transfer in eine andere Glückseligkeit. Geht es mit „Elli“ aber so weiter, wird er als eine gigantische Enttäuschung in die HSV-Geschichte eingehen – denn er könnte doch acht Mann in einer Telefonzelle umdribbeln. Warum? Warum tut er es nicht? Warum? Fehlt die richtige Ansprache? Fehlt ihm die Nestwärme? Das sollte einmal hinterfragt werden.

So, den Rest des HSV-Kaders gibt es am Donnerstag.

Drei Kleinigkeiten habe ich noch am Rande für Euch. Es sind Briefe, die mich beinahe nicht erreicht hätten, weil sie an die Gewinnspiel-Adresse gemailt wurden. Zum Glück wurden sie mir von der Internet-Abteilung zugespielt. Ich halte sie für lesenswert, deswegen enthalte ich sie Euch nicht vor. Bitte, bitte aber: Wer mir persönlich schreiben will, der sollte seine Mail ans Abendblatt schicken, nicht an die Gewinnsspiel-Adresse – dort wird eigentlich nur an den Tagen der Verlosung reingeschaut. Bitte merken!

So, nun die drei Mails, die ich für erwähnenswert halte. Die erste stammt von einem „Matz-abber“, der zwei Eintrittskarten gewonnen hatte:

„Hallo Herr Matz,
vorweg nochmals vielen Dank für die Eintrittskarten.
Aber auch vielen Dank für ihren Artikel.

Ja, was sich in den vorherigen Spielen bereits abzeigte (keine Bewegung, keine Leidenschaft, kein Biss) setzte sich gegen Bayer erneut fort.
Schon im Fernsehen war beim Freiburg-Spiel keine Bewegung zu erkennen. Dass es dann live noch schlimmer aussieht, habe ich in einem Heimspiel nicht erwartet. Der HSV war nur in zwei Szenen über 90 Minuten in der Lage den Ball über mehrere Stationen direkt zu spielen, die Mannschaft ist nicht (kaum) in der Lage die Gegenspieler zu doppeln, das kann kein mentales Problem sein. Die Abwehr lief wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen über den Platz. Allein wie Guy Demel (gefühlte fünf Meter zum Ball) gegen Sidney Sam (Abstand gefühlte zehn Meter) das 0:1 nicht verhindern kann, spricht Bände.

Wobei ich glaube, das Heiko Westermann als Mannschaftskapitän sehr darunter leidet, das er seine Kollegen nicht erreichen kann bzw. nicht mitreißen kann, denn anders sind seine Fehler nicht zu erklären (das ist wirklich ein mentales Problem).

Was beim HSV gut zu erkennen war, war das Spielsystem 4-4-2, in dieser Formation standen (!) sie auch meist (gut aufgereiht) auf dem Platz.

Ich hoffe das jetzt zur Winterpause ein Schnitt kommt mit wem oder durch wen auch immer.
Als erstes müssen alle Gremien das „Wir-Gefühl“ vorleben/praktizieren.

Neben den von Ihnen aufgezeigten Problemzonen müssen auch die Scouting-Abteilung, die Nachwuchsabteilung bzw. die Integration der Nachwuchsspieler unbedingt auf den Prüfstand.

Hoffen wir auf ein besseres 2011 (bzw. kein Überlebenskampf – denn da sind wir derzeit hoffnungslos überfordert – in der Saison 2010/2011)

Wie heißt es doch so schön die Hoffnung stirbt zu letzt.
Beste Grüße aus Kellinghusen, E.G.“

Mail Nummer zwei ist eine Art „offener Brief“ eines besorgten HSV-Fans. Solche Schreiben erhalten ich seit vielen Wochen fast täglich:

“Sehr geehrter Herr Hoffmann , sehr geehrter Herr Reinhardt ,

vorab, ich bin seit 53 J. treuer HSV-Fan, der Verein liegt mir sehr am Herzen. Bin Mitglied im Verein und einem Fanclub (HSV-Kumpels NRW), habe, obwohl Wohnort NRW, seit vielen Jahren eine Dauerkarte, investiere pro Saison sehr viel Zeit und Geld.
Das gilt im Übrigen auch für eine große Anzahl meiner Kollegen im Fan-Club. Jetzt wird es langsam Zeit klare und deutliche Worte zu finden. Im Verein gibt es leider seit vielen Jahren im sportlichen Bereich keine Entwicklung bzw. keine kontinuierliche Aufbauarbeit.
Es genügt nicht nur wirtschaftlich erfolgreich zu sein, zu einem Profi-Fußball-Club gehört auch eine klare Philosophie im sportlichen Bereich.

Diese Strategie ist einfach nicht vorhanden. Viele Spieler betrachten den Verein als Durchgangsstation, anhand der Körpersprache ist doch bei einigen Spielern erkennbar, dass Ihnen der Verein nichts bedeutet. Gehaltsempfänger die nur ab und zu Leistung bringen, helfen uns aber auf Dauer nicht weiter. Dazu kommen die ständigen Trainerwechsel, wie soll da Kontinuität entstehen???

Diese immer wieder „blutleeren“ Auftritte, emotionslos und ohne Biss . . . Man kann ja verlieren, die Frage ist nur wie??!! Warum ist es beim HSV nicht möglich, von Entscheidungsträgern klare und deutliche Signale zu hören. Es ist an der Zeit, endlich mal reinen Tisch zu machen, man wartet bereits seit vielen Jahren darauf. Stattdessen hat man das Gefühl, dass weiter geschlafen wird!!!!!! Wir betreiben einen hohen wirtschaftlichen Aufwand, der sportliche Ertrag dagegen ist einfach zu gering!!!

Noch ein Wort zum AR; aber auch zum Supporters-Club. Es ist einfach unerträglich dass es anscheinend nicht machbar ist, vernünftige und kompetente Leute zu finden. Die Außendarstellung des HSV ist dadurch katastrophal!!!! Wenn sich nicht grundlegend Strukturen im Verein ändern, werden wir noch viele Jahre keinen Erfolg haben. Ein Verein wie der HSV muss doch in der Lage sein, mehr als Mittelmaß darzustellen! Wenn man die letzten 20 J. betrachtet, so ist es bis auf wenige Ausnahmen äußerst bescheiden gelaufen. Man kann das ändern, nur ist das entsprechende Personal auf allen Ebenen wichtig, aber daran mangelt es leider!

Es gibt so viele Themen , z.B. Verkleinerung des AR und Besetzung mit kompetenten Leuten, Aufräumarbeiten im SC, Spielerkader nicht nur aus guten und teuren Einzelspielern zusammenstellen. Wichtig ist eine gesunde Mischung aus erfahrenen Profis und Nachwuchskräften (die bereit sind, für den Verein alles zu geben), bessere Förderung im Jugendbereich, Kontinuität auf dem Trainerposten und so weiter und so weiter.
Alles aufzuzählen würde jetzt zu weit führen.

Da einem der Verein nicht gleichgültig ist, macht man sich halt so seine Gedanken.
Trotzdem, nur der HSV!!

Mit freundlichen Grüßen, ein besorgter HSV-Fan (R.F.)”

Und zum Schluss die Nummer drei:

„Unten die Mail, die ich an den HSV verfasst habe, vielleicht magst Du auch nochmals nachhaken bzw. berichten. Auch den Weg in den Blog darf mein Text gern finden, allein schon aus meinem Bekanntenkreis heraus weiß ich, dass viele Fans derartige Probleme haben und selbst bei weniger frequentierten Spielen die Probleme beim Ticketverkauf auftauchen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit möchte ich mich über die Nicht-Erreichbarkeit Ihres Ticketservers beschweren. Ich bitte Sie um Weiterleitung an die zuständigen Personen und um eine qualifizierte Antwort jenseits von „Satzbausteinen“.

Folgender Ablauf: Ich war um genau 08.00 Uhr online. Angezeigt wurde mir: „Server wegen Überlastung nicht erreichbar…” Habe es 7x, 8x über einige Minuten hinweg versucht. Dann, bei der Arbeit, so gegen 9.10 Uhr, auch 4x hintereinander. Vergebens. Beim 5. Mal bin ich rein gekommen. Die von mir gewünschte Nordtribüne war ausverkauft. Dass die Karten schnell vergriffen sind, ist verständlich, es waren nur 17 000 im Verkauf. Dann aber erwarte ich wenigstens, dass jeder die Chance hat, auf den Server zuzugreifen. Ihr System scheint veraltet und instabil zu sein.

Derzeit kostet es aufgrund der miserablen Mannschaftsleistungen ohnehin Überwindung, überhaupt ein Ticket zu erwerben. Es wäre gut, wenn Sie Ihre Kapazität auch den Spitzenbelastungen anpassen, so dass Chancengleichheit beim Zugriff besteht.

Mit freundlichem Gruß,
Simon Bruckner“

Morgen geht es stürmisch weiter – in Sachen Analyse.

19.31 Uhr

Analyse: Die Abwehr – nur Rost stark

21. Dezember 2010

Die Diskussionen sind kaum aufzuhalten. Und die Fragen werde ich mir auch immer wieder stellen lassen müssen. Wer wird der Nachfolger von Armin Veh? Wird es Guus Hiddink? Rafael Benitez? Martin Jol? Oder gleich José Mourinho? Dazu nur zwei Dinge: Erstens: Ich empfinde es als respektlos, über die Nachfolge eines Trainers zu sprechen, der in Amt und Würden ist. So hartnäckig sich die Gerüchte über seine Demission auch halten, Armin Veh ist aktuell der Cheftrainer. Niemand sonst. Für mich in der Sache erschwerend kommt hinzu, dass ich Veh als Trainer und auch als Mensch sehr schätze und mich mit meiner Prognose nur zu gern irren würde. Und zweitens: Wenn Armin Veh gehen muss, dann wird sein Nachfolger ganz sicher kein Mann aus der ersten Kategorie. Wie auch? Was hat der HSV 2010/2011 zu bieten, außer den großen Namen in der Mannschaft und zu wenig Leistung auf dem Platz? Wie ist die Perspektive des HSV, der vor der Zerreißprobe steht? Internationaler Fußball ist es nach momentanem Stand und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch kommende Saison nicht. Ist es dann etwa das tolle Gehalt? Nein, das wahrscheinlich sogar am allerwenigsten. Geld hat dieser HSV nicht mehr allzu viel. Zudem müssten Bernd Hoffmann und Co. bei einer Ablösung Vehs noch ein halbes Jahr das Gehalt des Übungsleiters zahlen . . .

Nein, diese Diskussionen sind so spekulativ, dass ich mich daran nicht beteiligen möchte. Ich habe heute versucht, den Trainer zu erreichen. Erfolglos. Leider. Ich habe zudem gehört, dass der Vorstand in Person von Katja Kraus bemüht ist, einen bevorstehenden Trainerwechsel zu dementieren. Mehr seriöse Meldungen zu diesem Thema gibt es derzeit nicht. Und ich werde mich – bei allem Verständnis für Euer gesteigertes Interesse – wirklich erst dann wieder öffentlich zu diesem Thema äußern, wenn ich etwas Neues weiß. Die Betonung liegt hierbei auf „Neues“ und „weiß“. Ich glaube, das ist in unser aller Sinne das Beste und vor allem das, was Ihr von mir mit gutem Recht erwartet.

Erwartet habt Ihr auch, wie vor einem Jahr schon hier erfolgt, ein Halbjahresfazit. Und es kommt. Ab heute werden “Scholle” und ich Tag für Tag die einzelnen Mannschaftsteile sowie das Trainerteam und den Vorstand unter die Lupe nehmen und schriftlich bewerten. Den Anfang machen heute die drei Torhüter samt Abwehrverbund. Die Analyse:

Frank Rost (Bundesligabilanz 2010/2011: 13 Spiele, 1122 Spielminuten, 19 Gegentore): Der Unbequeme. Und mein Notensieger. Im Sommer hieß es noch, er solle mit dem Kauf von Herthas Jaroslav Drobny verdrängt werden, seine Zeit sei abgelaufen. Doch zur Überraschung vieler (auch des Vorstandes) nahm der 37-Jährige den sportlichen Wettkampf mit dem Zugang aus Berlin an. Und er gewann ihn. Überlegen. Schon im Trainingslager in Österreich hatte sich der Kampf um den einen so begehrten Stammplatz entschieden. Mit starken Trainingsleistungen und einem tadellosen internen Auftreten begeisterte Rost nicht nur Trainer Armin Veh. Rost untermauerte seine guten Eindrücke fortan in den Spielen. Kleinere Hänger blieben zwar nicht aus, aber immer wenn Rost in die Kritik geriet, konterte er mit Klasseleistungen. Den absoluten Höhepunkt hatte er am letzten Spieltag der Hinrunde in Mönchengladbach, als er dem HSV mit einer Klasse-Leistung und auch mit profihafter und vorbildlicher Einstellung das letzte Fünkchen Hoffnung auf eine angenehme Winterpause mehrfach rettete. Rost, dem der Vorstand klar signalisiert hat, dass im Sommer für ihn in Hamburg aktiv Schluss sei, empfiehlt sich für einen neuen Vertrag. Und sollte der HSV das nicht richtig einzuschätzen wissen, wird sich ein anderer Erstligist melden. Wetten?

Jaroslav Drobny (5 Bundesligaspiele, 409 Bundesligaminuten, 9 Gegentore): Der Tscheche ist sicher mit anderen Aussichten gelockt worden, als sich in sechs Pflichtspielen 14 Gegentore einzufangen. Der äußerlich ruhige, sympathische und intern gar als Spaßvogel geltende 31-Jährige fällt in den Trainingseinheiten regelmäßig positiv auf, er zeigt im Volkspark reihenweise gute Paraden. Trotz seiner frustrierenden Rolle als Ersatzkeeper lässt er sich nicht hängen. Fußballerisch (technisch) limitiert, überzeugt er auf der Linie. In den Spielen konnte er an den Gegentoren nichts ändern, allerdings ist seine Strafraumbeherrschung ebenso ausbaufähig wie sein verbales Auftreten. Von einem Torwart werden klare, kompromisslose Ansagen gefordert – von ihm kamen sie nicht oder nur zu selten. Trotzdem darf sich Drobny sicher sein, den Titel als beste Nummer zwei der Liga zu haben. Ein frustrierendes Kompliment – aber sinnbildlich für Drobnys Situation in Hamburg.

Tom Mikkel (null Spiele): Der 21-jährige Keeper der U23 komplettiert die beste Abteilung des HSV. Denn obwohl er in der Körperlänge seinen beiden erfahrenen Torwartkollegen um sechs (gegenüber Drobny) und acht Zentimeter (gegenüber Rost) unterlegen ist, wusste auch er im Training meistens zu überzeugen. Insbesondere verbal hat Mikkel im Training – wie auch in den Spielen der U23 – viel gelernt, und das zeigt er auch. Mehr, nämlich die Nummer eins im Bundesliga-Tor zu sein, darf von ihm aber (noch) nicht erwartet werden.

Die Abwehr: Mit 28 Gegentreffern hat der HSV neun Gegentore mehr als zum gleichen Zeitpunkt in der vergangenen Saison. Und das war damals schon schlecht . . . Ein Grund dafür ist, dass die Startelf in 17 Hinrundenspielen 16mal verändert wurde. Diese Zahl sollte sich jeder einmal genau durch den Kopf gehen lassen: 16! So konnte sich das Team nicht einspielen, auch keine Sicherheit finden. Allerdings hat die Abwehr unabhängig davon oftmals die individuell Klasse vermissen lassen. Aber der Reihe nach:

Heiko Westermann (17 Spiele, 1530 Minuten, 1 Tor): Der einzige Zugang, der sich in die Stammelf kämpfen konnte. Allerdings wusste auch er lange Zeit nicht zu überzeugen und fiel mehr durch technische Fehler und schwaches Stellungsspiel denn durch seine neue Führungsrolle als Neu-Kapitän auf. Er selbst sprach von fehlender Eingewöhnungszeit, zumal sich sowohl sein Nebenmann Joris Mathijsen als auch Torwart Frank Rost zwischenzeitlich verletzt abmeldeten. Aber zum Hinrundenende bewies er als zeitweilig zweikampfstärkster Spieler der gesamten Liga, dass er eine Verstärkung werden kann. Von dem 27-Jährigen, dem es in keiner Sekunde an der richtigen Einstellung zum Beruf mangelt, dürfen wir nach der durchwachsenen Hinrunde in der Rückrunde eine weitere Steigerung erwarten. Dringend verbesserungswürdig ist auch sein Abspiel, seine Spieleröffnung.

Joris Mathijsen (12 Spiele, 1080 Minuten, 2 Tore): Der niederländische Nationalspieler liefert regelmäßig Rohkost. Bei ihm weiß man, was er kann und was man nie erwarten darf. Allerdings wirkte selbst die personifizierte Konstanz neben Westermann gelegentlich noch verunsicherter als in der vergangenen Saison. Dass sich „Mister 100 Prozent“ trotz zweier Treffer nach seiner vermeintlich schlechtesten Phase beim HSV in einem Länderspiel verletzte, schwächte den HSV – aber vielleicht ist diese Pause für den Dauerbrenner am Ende noch förderlich und er findet in der Rückrunde zu seiner alten Form der vergangenen Spielzeiten zurück.

Guy Demel (11 Spiele, 935 Minuten, 1 Eigentor): Der streitbare Ivorer ist kaum noch streitbar. Zumindest nicht in dieser Saison, denn: Bislang können die gezeigten Leistungen des Rechts- und zuletzt gar Innenverteidigers nur als enttäuschend bezeichnet werden. Ständig von irgendwelchen Wehwehchen gezeichnet, konnte Demel bislang nicht an die Form anknüpfen, die ihn einst (für mich damals wie heute überraschend!) zum Publikumsliebling machte. Giiiiiiiiiiiiiiiii hat noch einen Vertrag bis 2012. Sollte er es nicht darauf anlegen wollen, schon vorzeitig abgegeben zu werden, muss er sich steigern. Deutlich.

Marcell Jansen (acht Spiele, 697 Minuten, 0 Tore): Der deutsche Nationalspieler ging unfit in die Saison, musste spielen, da Aogo ausfiel. Allerdings offenbarte der gelernte offensive Mittelfeldspieler, dass er nach vorn deutlich effektiver ist. Als Abwehrspieler offenbart er immer mal wieder große Defizite. Dass ein (kleiner) Zehbruch so lange dauern kann, hätten wahrscheinlich selbst die HSV-Ärzte nicht gedacht. Eine genaue Bewertung folgt morgen, wenn ich ihn im Mittelfeld aufführe.

Tomas Rincon (15 Spiele, 839 Minuten, 0 Tore): Der kleine Mann mit dem großen Kämpferherz stagniert in seinen Leistungen. Galt er in der vergangenen Saison noch als großes talent, das seinen Weg maschen wird, so kam in dieser Spielzeit bislang keine Steigerung. Rincon ist zwar Mittelfeldspieler, seine Traum-Position ist die “Sechs”, aber er müsste sich inzwischen doch schon als Verteidiger eingespielt haben – hat er offenbar aber noch immer nicht. Seine beiden großen Schwächen: Er foult zu oft, so dass es oft gefährliche Freistoß-Situationen vor dem HSV-Tor gibt, und zudem findet er offensiv so gut wie überhaupt nicht statt. Spielt Rincon hinten rechts, passiert auf dem Flügel nur von den Vorderleuten etwas, aber niemals von ihm. Daran muss er dringend arbeiten.

Zé Roberto (15 Spiele, 1327 Minute, 0 Tore): Der Brasilianer taucht wie auch Marcell Jansen in zwei Kategorien auf. Weil er sowohl im Mittelfeld (spielen wollte) als auch als Linksverteidiger spielen musste. Letzteres machte er anfangs gut – und ließ dann aber auch schnell nach. Zuletzt musste der HSV-Oldie als Risikofaktor angesehen werden. Er spielte so schwach, dass selbst er (als unauswechselbar geltend) von Armin Veh vom Platz hätte genommen werden müssen. Dies geschah auch – allerdings erst, als er wieder ins Mittelfeld gewechselt war. Dass Ze Roberto über die Hinrunde und über sich selbst enttäuscht ist, werte ich als gutes Zeichen, denn was er tatsächlich immer noch kann, wissen wir alle. Hoffentlich zeigt er das in der Rückrunde auch wieder.

Muhamed Besic (3 Spiele, 191 Minuten, 0 Tore): Der Youngster gefiel in der Vorbereitung, und er gefiel im täglichen Training. Als er in Hannover erstmals aufgestellt wurde, patzte er in einer ansonsten guten Partie von ihm. Dass er danach nicht weiter aufgestellt wurde, halte ich noch immer für diskutabel. Seiner Entwicklung tat das dennoch keinen Abbruch. Der Internatsbewohner gibt weiter Vollgas, er verlängerte seinen Vertrag und gilt völlig berechtigt als eines der hoffnungsvollsten Talente dieses Klubs. Wenn er sein zweifellos zu schwaches Kopfballspiel verbessert, hat er alle “Zutaten” für einen starken Innenverteidiger, obwohl ihm auf dieser Position sicherlich einige Zentimeter an Körpergröße fehlen.

Collin Benjamin (4 Spiele, 228 Minuten, null Tore) : Der Dienstälteste. In der Hinrunde fast durchgehend verletzt, steht der Namibier vor seiner voraussichtlich letzten Saison beim HSV. Und betrachtet man seine Leistungen gegen Lautern (vier Minuten), in Mainz (45 Minuten) und jeweils 90 Minuten gegen Bayern und Leverkusen, so muss man leider einsehen, dass es für einen Stammplatz nicht mehr ganz reicht. Das höchste Kompliment ist derzeit „solide“, die Tendenz geht aber in Richtung Karriere-Ende. Der einst so freche und unbekümmerte Rechtsfuß hat an Schnelligkeit und Gewandtheit eingebüßt, er hat nach etlichen langen Verletzungspausen (logischerweise) seine Sicherheit verloren. “Collo” der Sympathieträger ist nur noch ein Ergänzungsspieler, und es erscheint eher unwahrscheinlich, dass er diesen Status noch mal verbessern kann. Leider. Denn Spieler mit seiner Einstellung und Loyalität zum HSV gibt es heute kaum noch.

Dennis Aogo (3 Spiele, 256 Minuten, 0 Tore): Der Nationalspieler musste sich den Spätfolgen der WM geschlagen geben. Adduktorenprobleme entpuppten sich als Leistenbruch, das Schambein war entzündet. Die Konsequenz: Aogo fiel bis zum 15. Spieltag aus und galt ob der akuten Probleme über die linke Seite lange Zeit als Heilsbringer. Entsprechend früh wurde er trotz einiger körperlicher Defizite ins kalte Wasser geworfen und konnte nur bedingt überzeugen, obwohl er für seinen (mangelnden) Fitnessstand sicherlich viele (auch mich) überraschte – denn Aogo marschierte über seine Seite doch recht häufg auch mit nach vorne. Seine Leistung wird aber erst in der Rückrunde richtig zu bewerten sein.

Dennis Diekmeier (null Spiele): In der Vorbereitung mit viel Licht, aber genauso viel Schatten. Der Zugang aus Nürnberg ist pfeilschnell, schlägt gute Flanken – aber er machte auch haarsträubende (Stellungs-)Fehler. Dennoch blieb er verletzungsbedingt ohne Bundesligaeinsatz und ist demnach noch nicht endgültig zu bewerten.

Lennard Sowah: der 18-Jährige hat bei Veh überhaupt keine Chance. Der Wunschspieler und Geheimtipp des einst designierten HSV-Sportchefs Urs Siegenthaler überzeugte zuletzt weder im Training noch bei der U23. Setzt man bei ihm den Maßstab der anderen an, ist er ein Fehleinkauf. Sieht man sich aber sein noch sehr junges Alter an, verbietet das wiederum eine solche harte Bewertung. Sowah wird noch Zeit brauchen. Wahrscheinlich mehr als seine jungen Kollegen Heung Min Son, Muhamed Besic oder auch Tunay Torun. Allerdings ist angesichts des durchaus beschränkten fußballerischen und taktischen Verständnisses nicht ausgeschlossen, dass er es nicht schafft – er wirkt im Training auch so, als sein er nicht in diese Gemeinschaft integriert.

Gerrit Pressel und Miroslav Stepanek (beide null Einsätze) nahmen nur sehr unregelmäßig beziehungsweise fast gar nicht am Mannschaftstraining teil, sind daher nicht zu bewerten.

Morgen folgt die Analyse des Mittelfeldes. Und es gibt Antworten auf einige Fragen: Warum wirkt David Jarolim plötzlich wie paralysiert? Wie sollte es mit Piotr Trochowski weitergehen? Und warum ist das Projekt mit Zé Roberto als Defensivspieler gescheitert?

Und ich bin gespannt darauf, wie Eure Analyse ausfällt! Wie Ihr die Torhüter- und die Abwehrleistungen dieser Hinrunde bewertet.

20.10 Uhr

Reinhardt gesteht Fehler ein – muss Veh gehen?

20. Dezember 2010

Er hat seinen Urlaub bereits abgesagt. Dafür ist zu viel zu tun. Das weiß Bastian Reinhardt. Und er sagt es auch. Der HSV-Sportchef verzichtet auf einen Kurztrip nach Mallorca und kümmert sich lieber um den HSV. Durchgehend. „Ich werde schon nicht jeden Tag im Stadion sitzen müssen“, versucht Reinhardt abzuschwächen. Allerdings wird er jeden Tag arbeiten müssen – dann eben von zuhause oder vom Telefon aus. Reinhardt: „Ich weiß, dass ordentlich was vor mir liegt.“

Schließlich sind die Nöte groß. Insbesondere in den sehr zeitaufwendigen weil mit etlichen persönlichen Gesprächen besetzten Bereichen. „Mein Hauptaufgabenfeld wird darin liegen, der Mannschaft, jedem einzelnen Spieler wieder die Sicherheit zu geben, dass ihm vertraut wird. Denn eines ist klar: den Spielern fehlt es sicher nicht an der individuellen Qualität.“ Nein, dafür aber an der Qualität, im Kollektiv zu denken und zu arbeiten. Oder? „Darum wird es gehen. Wir müssen wieder zusehen, dass wir enger zusammenrücken und uns nicht in der ersten schwierigen Phase auseinanderdividieren lassen. Wenn du als Spieler immer und von überall hörst, wie schlecht du bist, dann kostet das Kraft. Aber die Mannschaft ist die Speerspitze des Vereins – alles hängt davon ab. Das müssen wir uns gemeinsam wieder ins Gedächtnis rufen.“

Womit sich Reinhardt auch selbst in die Kritik nimmt. „Ich bin ganz ehrlich: wir müssen uns mehr vor die Mannschaft stellen, Probleme intern besprechen und nach außen geschlossener auftreten. Auch und gerade ich muss den einen der anderen da mehr schützen. Wir müssen Vertrauen und vor allem Stabilität vorleben. Das wird die Hauptaufgabe sein für die nächsten Wochen. Nein, die nächsten Monate“, so Reinhardt, der nachlegt, „das gilt sogar für die nächsten Jahre.“ Zuletzt habe er sich über sich selbst geärgert, als er Frank Rost (für das Zauberlehrling-Zitat) und Zé Roberto öffentlich kritisiert hatte. „Ich habe da leider ins gleiche Horn gestoßen. Ich habe es in dem Moment auch so gedacht und für richtig befunden. Aber ich habe die Tage danach darüber nachgedacht und gemerkt, dass es nicht richtig war. Nicht so. Ich werde immer etwas sagen müssen – aber zuerst intern. Das verlangen wir von den Spielern – das müssen wir auch von uns verlangen.“

Reinhardt spricht aus, was Spieler seit Wochen, teilweise schon seit Jahren beim HSV bemängeln. Ruud van Nistelrooy hatte sich intern laut darüber beschwert, dass die Lobeshymnen auf die jungen Spieler sowie der damit inflationär geforderte Umbruch innerhalb der Mannschaft abträglich seien. Schließlich suggerierte man damit, dass die Älteren nicht mehr in der Lage seien, ihre Qualität abzurufen. Zudem hört Reinhardt auf mahnende Worte einiger Spieler, die zwischen Klubvorstand und Mannschaft eine zu große Distanz wähnen. Reinhardt stimmt sogar Uwe Seeler zu, der schon zu Saisonbeginn anmahnte, dass in diesem Klub zu wenig Harmonie herrscht, um Erfolg zu haben. Und Reinhardt scheint sich der Tragweite und der Zeitintensität bewusst zu sein. „Es wird sicher viele Gespräche mit den Spielern geben. Wir müssen aufhören, dass ‚die Mannschaft verliert’ aber ‚wir gewinnen’. Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“ Und gerade hier habe der HSV mehr Nachholbedarf als in den letzten Jahren. „Eindeutig“, so Reinhardt, „deshalb werde ich den Austausch zwischen allen Beteiligten in den nächsten Wochen und Monaten stark forcieren.“

Geschehen ist dies schon mit Zé Roberto. Der Brasilianer hat auch Reinhardt gegenüber bekräftigt, seinen Vertrag bis Saisonende einzuhalten. Der Brasilianer hatte zuletzt mit einem Wechsel im Winter kokettiert, dies aber nach einem Gespräch mit Reinhardt öffentlich dementiert. „Zé war mit sich selbst nicht immer zufrieden, dazu kam die Kritik. Die war teilweise berechtigt, hat ihn allerdings auch in seiner Ehre getroffen. Trotzdem hat er hat mir auch klar gesagt, dass er sich so nicht verabschieden will und seinen Vertrag erfüllt.“

Einen Abschied mag Reinhardt trotz diverser Gerüchte auch bei Eljero Elia nicht erkennen. „Ich habe nichts von ihm bekommen, ich werde diesbezüglich auch nicht proaktiv auf ihn zugehen.“ Wobei man erwähnen muss, dass Elia zwei Berater hat, die nicht wirklich daran interessiert zu sein scheinen, dass sich ihr Schützling zuallererst mit Leistung empfiehlt. Vielmehr sollen sie dem Niederländer, der ob seiner jugendlichen Unvernunft dafür immer zugänglich ist, den einen oder anderen Floh ins Ohr gesetzt haben. Und so reicht bei Elia die kleinste Unstimmigkeit, um sofort den Wechselwunsch laut werden zu lassen. „Eljero ist für sich selbst verantwortlich, ganz klar“, sagt Reinhardt, „aber er braucht für seine Entwicklung auch ein stabiles Umfeld.“ Ein stabileres als es ihm seine Berater Frank Schouten und Klaus Vink bieten können (wollen)? „Wir werden unseren Teil dazu beitragen“, umgeht Reinhardt eine Anklage mit der Forderung an sich selbst.

Gefordert werden auch Verstärkungen. Von Armin Veh. Für die schwach besetzte Innenverteidigung. Erwartet wird allerdings auch eine schnelle Rückkehr von Joris Mathijsen. „Er macht gute Fortschritte“, sagt Reinhardt, „gut möglich, dass er schon bald wieder dabei ist.“ Selbst eine Rückkehr bis Rückrundenbeginn mochte Reinhardt nicht mehr ausschließen. Zudem wird Dennis Diekmeier zurückerwartet, was allerdings den Gerüchten keinen Abbruch tut, dass auf der Position des Rechtsverteidigers noch nachgebessert werden könnte, „sofern es wirtschaftlich und sportlich Sinn macht.“ Klar, Wie immer eben.

Ebenfalls nichts Konkretes sagen kann und will Reinhardt zum Thema Armin Veh. Denn während der HSV-Trainer wiederholt betont hat, dass es noch vor dem Winterauftakt am 2. Januar eine Entscheidung über seinen Verbleib in Hamburg geben wird, konnte sich der Sportchef dem nicht anschließen. „Alles kann passieren, aber nichts muss“, so Reinhardt, der nicht ausschließen will, dass die Gespräche, die am Sonnabend ihren Auftakt hatten, noch länger dauern. „Wir haben keine Zeitnot.“ Obwohl Veh klar den 2. Januar als Deadline vorgegeben hat? „Ja.“ Offensichtlich ist sich die Klubführung diesbezüglich nicht einig mit seinem Cheftrainer. Zudem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Verein nicht nur den Vertrag nicht verlängern, sondern selbigen schon im Winter auflösen will.

Klar scheint allerdings, dass Veh nicht Trainer bleibt, wenn er sich frühzeitig für ein Ende im Sommer entscheiden sollte. Das war einst bei Huub Stevens der Fall. Damals noch mit Bastian Reinhardt als Spieler. Und der hat keine guten Erinnerungen an ein solches Szenario. Damals verlor selbst der so autoritäre Huub Stevens an interner Wirkungskraft. „Ich will nicht alles mit seiner frühzeitigen Ankündigung in Zusammenhang stellen“, so Reinhardt, „aber wir haben in der Rückrunde schon den einen oder anderen Punkt überraschend liegenlassen. Es ist sicher nicht immer förderlich, wenn frühzeitig die Trennung von einem Trainer bekannt wird und der anschließend noch die Saison beendet.“ Und wenn ich alle meine Informationen summiere und ganz ehrlich bin, dann scheint es mir am wahrscheinlichsten, dass Veh – von dem ich nach wie vor überzeugt bin, dass er ein guter Trainer ist – nicht der Trainer sein wird, der die Mannschaft in die Rückrunde führen wird.

Sicher bin ich mir allerdings, dass Reinhardt seine Position findet. Muss er allerdings auch. Der ehemalige Verteidiger ist mit einem guten Gespür für Stimmungen und Strömungen ausgestattet. Deshalb wird auch ihm nicht entgangen sein, dass sich innerhalb seines näheren Umfeldes im Klub einige hinter seinem Rücken sogar bereits für einen neuen Sportchef und damit logischerweise auch gegen ihn aussprechen. Und das, obwohl Reinhardt in dieser Winterpause eigentlich das erste Mal wirklich die Verantwortung trägt. Erstmals wird er Entscheidungen treffen müssen, an denen er sich messen lassen muss. Im Sommer waren die Verträge von Vorstandsboss Bernd Hoffmann bereits weitgehend ausgehandelt, die Zugänge in Zusammenarbeit mit dem einstigen Trainer Bruno Labbadia festgezurrt. „Jetzt bin ich dran“, sagt Reinhardt, wissend, dass die Aufgab schwer wird, da deutlich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen als noch im Sommer. Oder dem Sommer davor. „Wir werden mit heißerer Nadel stricken müssen“, sagt Reinhardt, „jetzt im Winter aber wohl auch im Sommer.“

Reinhardt ist voller Tatendrang. Er hat Ideen, wie das Mannschaftsklima verbessert, die Spieler wieder an ihr Leistungslimit herangeführt werden können. Er spürt aber auch, dass er sich offensiver verkaufen muss. Er bekommt schon die Vorläufer der voraussichtlich sehr hitzigen Jahreshauptversammlung am 9. Januar mit. Reinhardt hat erkannt, dass sich alle Offiziellen langsam postieren, jeder egoistisch dem Selbsterhalt dient. Und auch wenn er selbst nicht politisieren will, so weiß er doch, dass er sich seine Position erarbeiten muss. Eine stärkere Position. „Ich bin sportlich verantwortlich“, sagt er, und es klingt, als sei er davon auch überzeugt, „das ist intern klar, aber öffentlich vielleicht noch nicht ausreichend kommuniziert worden. Das muss ich artikulieren. Und das muss ich vorleben.“ Unabhängig von den Gerüchten, den (zu) vielen Lobbyisten im Klub und der schlechten Stimmung in und um die Mannschaft herum will Reinhardt an dem internen Miteinander massiv arbeiten. Dafür will er sogar den als sehr strikt geltenden Vorstandsboss Bernd Hoffmann ins Gebet nehmen. „Nicht nur bei mir oder Herrn Hoffmann“, so Reinhardt fast mahnend, „ich werde es bei allen wieder ins Gewissen rufen. Auch bei uns im Vorstand. Ich kann doch nur verlangen, was ich von mir selbst erwarte.“

Und auch wenn Reinhardt ein Novize in seinem Geschäft ist, so bin ich davon überzeugt, dass er den richtigen Ansatz gefunden hat. Ob er es schafft, diese Mannschaft mit diesem Vereinsumfeld zusammenzuführen und wieder ein Wir-Gefühl zu erzeugen, lasse ich offen. Das erscheint mir in der jetzigen Situation ohne personelle Einschnitte (das gilt für Mannschaft und im Umfeld gleichermaßen) schwer durchsetzbar. Aber es ist die einzige Möglichkeit. Und Reinhardt macht vor, wozu sich keiner zu schade sein darf, was nötig sein wird, um Verbesserungen zu erreichen: er sieht Fehler ein.

In diesem Sinne: Nur der HSV.

19.42 Uhr

Heese: “Dieser HSV spielt herzlosen Fußball”

19. Dezember 2010

Fußball? Geht noch nicht so richtig wieder. Obwohl ich mir alles am Sonnabend angesehen habe, und jetzt auch die Zweite Liga parallel läuft. In der Redaktion, wohl gemerkt. Wenn mich aber Kolleginnen und Kollegen auf Fußball ansprechen, winkte ich (noch) ab. Und speziell diese drei großen Buchstaben sollten noch unerwähnt bleiben . . . Ich bin immer noch auf der Suche, welches Spiel der Hinrunde schlechter war: St. Pauli, Dortmund oder Mönchengladbach. So langsam tendiere ich zu letzterem Auftritt, obwohl auch die anderen beiden Partien als Grottenkicks in die Geschichte eingegangen sind. Und nun, wo in dem kurzen Winterpäuschen die Weichen für 2011 und für die Rückrunde gestellt werden (müssen), rätsele ich, was dem Klub am besten hilft. Es wird ja vor allen Dingen ein Innenverteidiger gesucht, aber ist es das allein? Nur ein Abwehrspieler? Für mich fehlt ein anderer Mann. Und der fehlt viel dringender. Und vom Typ her habe ich ihn an diesem Wochenende gefunden. Es müsste einer vom Typ Horst Heese kommen. Die jungen Anhänger werden ihn kaum kennen, die älteren Fans aber gewiss: Heese ging in der Saison 1972/73 als Retter des HSV in die Geschichte ein.

Der Mann ging dorthin, wo es wehtat. Er schonte weder sich, noch seine Gegenspieler. Heese wurde im Winter 1972 von Eintracht Frankfurt verpflichtet, der HSV stand seinerzeit auf dem letzten Tabellenplatz in Liga eins. Der Abstieg drohte. Auch deshalb, weil in der Mannschaft kein Leben herrschte. Es gab zwar einige klangvolle Namen in diesem Team, aber es griff kein Rädchen ins nächste. Manfred Kaltz, Franz-Josef „Bubi“ Hönig, Willi Schulz, Klaus Zaczyk, Peter Nogly, Ole Björnmose, Caspar Memering, Peter Hidien und die Torhüter Arkoc Özcan und Rudi Kargus – das waren doch gute Leute. Aber es stimmte in dieser Truppe nicht. Trainer Klaus Ochs stand vor einem Rätsel. So ähnlich, wie es sich heute für Armin Veh darstellt. Der HSV von 1972 und von 2010 ist durchaus vergleichbar, auch wenn die Zeiten im Fußball längst ganz, ganz andere geworden sind – und natürlich nicht mehr vergleichbar sind. Nur eines zählt noch immer: Teamgeist. Damit kann immer noch etwas, immer noch viel erreicht werden.

Horst Heese kam damals, zeigte Herz, Leidenschaft, ging voran – und riss alle aus ihrem Dornröschenschlaf. Heese war robust, kernig, ein Grob-Techniker und ein Kämpfer vor dem Herrn, der zudem nicht auf den Mund gefallen war. Wo auch immer etwas zu sagen war, Heese war dabei. Und er erinnert sich an die damaligen Probleme: „Georg Volkert war ein riesiger Spieler, aber er hatte in Hamburg mit den Fans zu kämpfen, weil er dem Helden Charly Dörfel den Posten weggenommen hatte. Zudem gab es in dieser HSV-Mannschaft einige Spielerfrauen, die sich untereinander nicht grün waren. Sie sprachen nicht miteinander, also sprachen auch die entsprechenden Ehemänner nicht miteinander. Und in einem solchen Klima kann sich kein Teamgeist entwickeln.“

2010 ist es ähnlich. Auch wenn die Probleme ganz sicher andere sind, denn ich denke mal, dass sich Spielerfrauen von heute gar nicht mehr groß untereinander kennen.

Horst Heese hatte damals die Situation erkannt, und er handelte so, wie er es als Teamplayer immer gewohnt war: „Der Willi Schulz und ich, wir waren Typen aus dem Westen, wir haben dann den Laden aufgemischt. Und irgendwie waren alle anderen Mitspieler froh, dass wir die Initiative ergriffen haben. Wir haben Kerle aus den Kollegen gemacht: Da wurde fortan nicht mehr, wenn es kalt war, mit Strumpfhosen gespielt, es gab auch keine Handschuhe, im Gegenteil, da wurden die Ärmel aufgekrempelt – es ging nur noch zur Sache.“ Heese holte den HSV von ganz unten raus, weil er vorbildlich voran marschierte: „Ich habe den Mitspielern gezeigt, dass man mit dem entsprechenden Willen wirklich Berge versetzen kann.“ Undenkbar für die heutige Zeit: Es wurde sogar ein Mannschaftsabend eingeführt. Einmal in der Woche, immer montags, trafen sich alle HSV-Profis in der Kneipe von Arkoc Özcan. Da wurde gesprochen, gesabbelt, geflachst – und gesungen. In der Tat: Sogar Trainer Klaus Ochs erschien gelegentlich mit der Gitarre, und dann ging es hoch her. Heese erinnert sich: „Wenn Willi Schulz ‚Hoch auf dem gelben Wagen’ sang, hatten wir Hochstimmung.“ Der HSV landete letztlich noch auf Rang 14.

Und heute? Horst Heese lebt nach wie vor in Eupen (Belgien). Und er ist nach wie vor mit dem HSV verbunden. Er telefoniert noch oft mit früheren Mitspielern, er ist im ost-belgischen HSV-Fan-Klub Ehrenmitglied, und er sieht sich „seinen“ HSV stets im Fernsehen an. So wie am Freitag. Den Kick in Mönchengladbach. Sein Urteil fällt dramatisch schlecht aus: „Diese Vorstellung war erschreckend. In dieser Mannschaft steckt kein Leben. Wenn sich der eine oder andere Spieler mal aufregt, dann nur über den Schiedsrichter. Aber das eigene Unvermögen wird stets außer Acht lassen. Das ist peinlich.“ Heese weiter: „Dabei stecken doch so viele tolle und große Namen in diesem Kader. Eine solche Mannschaft hätte ich gerne mal trainiert, aber ich hatte nur Gurkentruppen . . .“

Horst Heese ist aber noch nicht am Ende mit seiner gnadenlosen Beurteilung des HSV 2010/11: „Ich habe das Gefühl, dass sich einige Spieler für Weltklasse-Profis halten, da spielen viele Leute, die denken, dass sie Weltmeister sind. Dabei sind die meisten Nieten . . .“ Und: „Da ist keine Seele im Team erkennbar, da zeigt kaum einer Herz für die Raute, wenn es zur Sache gehen müsste, lassen sie lieber den Nebenmann machen. Das nenne ich Dienst nach Vorschrift. Wenn ich allein den Torjubel sehe. Das ist doch keine echte Freude, das kann mir doch niemand erzählen. Das ist doch alles viel zu künstlich.“ Harte Worte, aber Horst Heese hat in seinem Leben niemals Kompromisse gemacht. Er sagt auch: „Die Spieler scheint auch gar nicht zu interessieren, ob sie Siegprämien kassieren können oder nicht. Die scheinen es gar nicht mehr nötig zu haben, auf Prämienjagd zu gehen, denn die verdienen ihre Millionen ja auch schon als festes Gehalt. Die haben heute doch gar keine Zukunftsängste mehr, wenn der HSV absteigen sollte, dann spielen sie eben woanders. Ganz bitter ist das.“

Dann führt Horst Heese noch ein Beispiel an, das dem einen oder anderen von Euch gewiss nicht gefallen wird: „Ich habe auch St. Pauli gegen Mainz gesehen. Die Braunen haben gekämpft wie die Löwen. Im Gegensatz zum HSV. Die Stanislawski-Truppe war immer in Bewegung, die sind hinter jedem Ball her marschiert. Ich will es mal so sagen: St. Pauli spielt mit Herz, der HSV spielt herzlos.“

Was aber kann er dem HSV raten, damit es in der Rückrunde wieder bessere Spiele und vor allem auch erfolgreichere gibt? Heese, der am 31. Dezember 67 Jahre alt wird: „Der HSV muss irgendwann einmal konsequent sein, er muss sich von dem einen oder anderen Spieler trennen, ganz klar. Diese Saison muss der Klub abhaken, und dann muss mit dem Rasieren begonnen werden. Und zwar rigoros. Die Stinkstiefel müssen aussortiert werden. Dringend. “ Hat er Namen auf Lager? Heese: „Der erste Spieler, der bei mir fliegen würde, wäre Paolo Guerrero. Was spielt der eigentlich? Der trabt doch nur noch wie eine Diva über den Platz. Weiß der eigentlich, was Einsatz ist? Wenn ich sein Spiel sehen, macht mich das zornig.“

Er sorgt sich um den HSV, das gibt Horst Heese zu. Aber er sieht auch durchaus noch gute Ansätze, die ihm Hoffnung auf Besserung machen. Kürzlich waren Ruud van Nistelrooy und Heung Min Son zu Gast in seinem belgischen HSV-Fan-Club. Heese begeistert: „Diese beiden Jungs passen super in die Welt. So wie die hier aufgetreten sind, war das beste Werbung für den HSV. Nett, sympathisch, offen. Einige Fans hatten Tränen in den Augen. Son und van Nistelrooy hätten auch bestens in unsere damalige Truppe gepasst . . .“ Heese weiter: „Deswegen verstehe ich das nicht, dass diese HSV-Mannschaft keine Einheit ist. Mit solchen tollen Typen müsste das doch eigentlich klappen können . . .“ Wobei Horst Heese auch noch anmerkt: „Die heutigen HSV-Spieler haben doch den Himmel auf Erden: Hamburg ist eine tolle Stadt, hat der HSV Erfolg, wird jeder Spieler gefeiert. Dazu dieses hervorragende Trainingszentrum am Stadion – schade, schade, dass man daraus nicht mehr macht.“

Aber vielleicht kommt das ja noch. Wenn der HSV einen wie ihn, einen wie Horst Heese findet. Und nicht nur einen Innenverteidiger.

Und auch das möchte ich Euch an diesem vierten Advent nicht vorenthalten:

Sergej Barbarez kritisiert bei „LIGA total!“ die Situation beim HSV:

Sergej Barbarez, früher Spieler und Aufsichtsratsmitglied beim HSV, äußerte sich heute zur Situation bei seinem ehemaligen Klub. Er sagte über die öffentlich geäußerte Kritik von Aufsichtsratsmitglied Peter Becker an HSV-Sportchef Bastian Reinhardt: „Natürlich war ich verwundert ? wie jeder andere! […] Wenn das Ergebnis nicht stimmt, kommen auch andere zu Wort. Jeder weiß: Wenn Aufsichtsratswahlen sind, dann ist schon viel los in Hamburg. Auch jetzt, wo 21 Leute für vier Plätze kandidieren. Da muss man sich schon was ausdenken. Und dass das auf Kosten des Sportdirektors geht, das darf natürlich nicht passieren.“

Der Bosnier weiter: „Man muss eine Linie fahren. Leider läuft das in Hamburg nicht in diese Richtung. Deswegen passieren auch so viele Sachen und man hat kaum Ruhe.“ Barbarez auf die Frage, ob HSV-Boss Bernd Hoffmann insbesondere für die Fans das Hauptproblem sei: „Für die Fans, natürlich. Zumindest für die meisten Fans. Man sieht die Reaktionen, man sieht, dass sie nicht zufrieden sind mit dieser Arbeit.“ Der 39-Jährige Ex-Torjäger mit abschließendem Blick auf die bevorstehende Mitgliederversammlung: „Ich glaube, es wird turbulent am 9. Januar.“
In diesem Falle muss Sergej Barbarez aber auch eigentlich kein Prophet sein.

Aber, das ist nun wieder meine Einschätzung, es dürfte auch schon vorher reichliche Turbulenzen geben. Zum Beispiel in der Trainerfrage. Keine Angst, ich stehe immer noch zu 100 Prozent zu Armin Veh, daran wird sich auch nichts ändern. Ich weiß aber nicht, ob er noch immer hundertprozentig Lust auf diesen HSV hat. Weil auch Veh inzwischen längst erkannt haben dürfte, auf welch ein Abenteuer er sich da im Sommer 2010 eingelassen hat. Aber genau das ist auch der Ansatz für mich, dass ich auch sage: Gerade deswegen müsste Veh mindestens noch ein Jahr blieben, damit er spätestens im Sommer 2011 die längst überfälligen Konsequenzen zieht. Sonst kommt wieder ein neuer Trainer, der erst kurz vor dem Winter weiß, wo die Kandidaten sind, auf die er sich nicht verlassen kann . . . Und schon beginnt dieses Spielchen wieder von vorn. Das sollte allen eine Warnung sein. Jedes Jahr einen neuen Trainer, und der HSV wird es nie schaffen, wieder ganz nach oben zu kommen.
Das wäre mein Weihnachtswunsch 2010 in Sachen Fußball (und HSV).

16.18 Uhr

Startet Reinhardt das große Aufräumen?

18. Dezember 2010

Mein Appell ist verhallt. Glaube ich. Denn wie ich gehört habe, ist das für heute geplante Treffen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat abgesagt worden. Obwohl, wirklich geplant soll das klärende Gespräch ja auch gar nicht gewesen sein, wie plötzlich alle bemüht sind, zu betonen. Das Treffen soll demnach nur als Option im Falle einer Niederlage in Gladbach „locker angedacht“ gewesen sein. Nun ja. Wozu auch? Wir sind ja immerhin Neunter. Vor Werder Bremen, die mal wieder verloren haben. Auch vor Wolfsburg, die gerade noch ihren Trainer Steve McClaren in der 90. Minute per Ausgleichstreffer gegen Hoffenheim retten konnten (ein Remis, das auch gut für den HSV ist). Und wir sind immerhin noch weit vor unserem Ortsnachbarn FC St. Pauli – das ist doch was…

Aber im Ernst. Dass die Runde nach einem Sieg beim Tabellenletzten abgesagt wurde, das mag jeder für sich beurteilen. Aber Gesprächsbedarf haben die Verantwortlichen um Klubboss Bernd Hoffmann dennoch, und dafür nutzen sie das Wochenende, wie ich gehört habe. Gut so. Mal sehen, ob sie auch die richtigen Schlüsse ziehen, beziehungsweise: mal sehen, ob sie die richtigen Baustellen erkennen und angehen.
Ich werde heute mal ein paar Vorschläge machen. Im Grunde führe ich dabei nur das etwas epischer aus, was Frank Rost gestern nach dem Spiel bereits zum Besten gab. Deshalb hier noch mal (wie von einigen von Euch gewünscht) das gesamte Interview auf Sky. Ich habe die Fragen des Reporters etwas zusammengefasst, der Rest ist Wortlaut:

Sky: Wie haben Sie insbesondere die erste Halbzeit gesehen aus Sicht des HSV?
Frank Rost: Man hat gesehen, glaube ich, dass die Mannschaft wollte aber doch schon ein bisschen Verunsicherung da ist – aufgrund der ganzen Situation, die so entstanden ist. Und trotzdem, so einen Sieg braucht man auch mal. Um einfach wieder Kraft zu sammeln für die Rückrunde. Mit allen Schwierigkeiten. Ich denke, heute haben wir das gemacht und verdient gewinnen.

Sky: Es gab Turbulenzen außerhalb des Vereins. Glauben Sie, dass es durch diesen Sieg etwas ruhiger wird?
Rost: Ich wünsche mir, dass wir uns kritisch auseinandersetzen, aber intern. Das müssen wir beibehalten, wenn wir besser werden wollen. Da müssen wir uns den Dingen auch annehmen und nicht beleidigt sein, wenn mal irgendwie was gesagt ist. Aber sie haben gesehen, dass dann Leute angesprochen werden mit Namen und Adresse und wirklich bloßgestellt werden.

Sky: Wen meinen Sie jetzt?
Rost: Das ist ja wurscht. Es sind ja genug Namen gefallen. Das ist schade. Wenn man Basti sieht, wie der hingestellt wird. Der Junge ist ganz neu im Geschäft, der gibt alles für den HSV und hat sich immer den Arsch aufgerissen. Das macht er auch jetzt.

Sky: Sie meinen die Kritik aus dem Aufsichtsrat?
Rost: Das müssen wir vermeiden, wir sind alle HSVer – und dann müssen wir uns nicht noch kaputtmachen. Wir können uns intern kritisch Dinge an den Kopp hauen, das müssen wir ertragen. Und alles andere bringt uns nicht nach vorn. Wir müssen an uns arbeiten und ich hoffe, dass wir näher zusammenrücken und bei allen Schwierigkeiten eine bessere Rückrunde spielen.

Sky: Klären Sie uns noch mal auf, Sie haben den Zauberlehrling zitiert. War das wirklich in Anlehnung an Goethe gedacht? Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so belesen sind, bei allem Respekt…
Rost: Das ist Schulliteratur. Bei uns konnte man sich aussuchen, ob man den Zauberlehrling lernt oder den Handschuh. Ich hab den Handschuh gelernt, aber den Zauberlehrling kenne ich trotzdem.

Sky: Wer ist denn der Zauberlehrling gewesen, den Sie meinten letzte Woche?
Rost: Das ist so der Vergleich, da bringt ja jemand immer mehr Wasser, Wasser – und man kann es nicht mehr aufhalten. Das ist so der Grundtenor. Und so war es gegen Leverkusen, dass wir uns in eine Situation gebracht haben, die wir ALLE mit dem HSV verursacht haben und die wir schnellstens wieder auf die richtige Bahn schieben müssen. Alle gemeinsam. Vom Präsidenten angefangen über den Aufsichtsrat bis hin zu den Spielern. Und ich würde mir wünschen, dass wir intern kritisch miteinander umgehen, und wie heute einer für den anderen die Wege machen, dann wird es auch laufen.

Wahre Worte, gute Worte. Aber ob es dann auch wirklich alles automatisch laufen würde, wie Rost schlussfolgert? Ich glaube nicht. Denn dafür sind zu viele Verhältnisse kaputt. Und dafür bringt die Jahreshauptversammlung im Januar zu viel Wahlkampf mit sich, der (leider wäre das für diesen HSV nur typisch) noch viel schmutzige Wäsche ans Tageslicht bringen wird. Intern habe es zwischen Vorstand und Trainerteam auch in der vergangenen Woche beim HSV keine Probleme gegeben. Sagte Armin Veh gestern nach dem Spiel. Das glaube ich ihm auch. Aber auch der erfahrene HSV-Coach weiß, was die Uhr geschlagen hat und dass weitere Unruhen drohen. „Normal“, so Veh, „wenn der Erfolg ausbleibt, meldet sich immer jemand zu Wort.“ Dass er selbst mit den Vorwürfen des Aufsichtsrates Peter Beckers gen Bastian Reinhardt nicht einverstanden sei, wollte er nicht öffentlich kommentieren. Aber es war ihm anzusehen, dass er so denkt.

Klar geäußert hat sich der Trainer indes zu seiner persönlichen Situation. Sportlich wie perspektivisch. „Es gibt keine Mannschaft, die so viele Verletzte hat wie wir“, sagte Veh gestern und forderte Verstärkungen für die Abwehr: „Wir brauchen noch einen Innenverteidiger.“ Und wenn ich meinen Informationen trauen darf, soll dieser schon sehr bald, noch vor der Wintervorbereitung in Hamburg präsentiert werden.

Ebenfalls vor Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes soll Vehs Zukunft als HSV-Trainer geklärt sein. „Wir werden darüber noch vor dem 2. Januar sprechen“, kündigte Veh gestern an. Gut möglich, dass dies sogar schon an diesem Wochenende passiert. Und zwar mit offenem Ausgang, wie auch Veh betonte. Er sei zwar alles andere als amtsmüde, aber „wenn man das 20 Jahre gemacht hat, dann kommt irgendwann der Moment, wo man aufhört“. Somit sei er grundsätzlich im Klaren darüber, nicht ewig Bundesligatrainer zu bleiben. Allerdings, und das betonte Veh zugleich, sei er in Hamburg noch nicht am Ende. Im Gegenteil. „Wenn wir in der Rückrunde wieder komplett sind, ist alles wieder drin.“ Auch die Champions League? „Nein“, so Veh realistisch, „uns darf es im Moment maximal um die Europa League gehen, um Platz fünf.“

Auf dem Weg dahin müssen aber etliche Baustellen abgearbeitet werden. Eine war zuletzt der gekränkte Zé Roberto. Dem Brasilianer wurden die schwachen Leistungen als Linksverteidiger sowie der üble Auftritt gegen Leverkusen angelastet. Intern wie extern. Das gefiel dem HSV-Oldie nicht. Zudem erkrankte er direkt im Anschluss an seine Auswechslung (das steht für mich nicht im Zusammenhang) und fehlte gegen Gladbach. Er fehlte und der HSV gewann. Woraufhin (auch hier im Blog) Stimmen laut wurden, der Brasilianer sei eh zu alt und absolut verzichtbar. Eine These, die ich nur bedingt teile.

Denn, und diese Diskussion wurde schon ermüdend oft geführt, wenn sich der HSV einen Spieler wie Zé Roberto holt, muss er mit den Konsequenzen vertraut sein. Es war von vornherein klar, dass Zé mit seinen 36 Jahren einen eigenen Trainingsplan hat. Zumal er unbestritten zu den fittesten aller HSV-Spieler gehört. Es war auch klar, dass Zé Roberto ein sehr stolzer Spieler ist, einer, der Unterstützung und das komplette Vertrauen des Trainers braucht. Nichts ist schlimmer für ihn, als öffentlich in Frage gestellt zu werden. Das führte bei Bruno Labbadia zum offenen Streit, und das könnte jetzt zur Trennung führen. Ob Zé Roberto abgegeben wird? Veh überlegt und zögert, ehe er ausweichend antwortet: „Es ist nicht angedacht, dass wir noch einen Spieler abgeben.“ Eine Antwort, die genauso lange gültig ist, wie es dauert, sie auszusprechen. Einzig Zé Roberto selbst ließ heute via HSV-Homepage (www.hsv.de) klar verlauten, dass er seinen Vertrag in Hamburg erfüllen wolle und im Januar mit ins Trainingslager reisen würde.

Klar ist aber, es muss etwas passieren. Den Kader so belassen und auf die Rückkehrer zu hoffen wäre fahrlässig. Dafür hat diese Mannschaft in der Hinrunde zu oft zu deutlich gemacht, dass sie nicht funktioniert. Da wurden in der Krise Spieler wie Mladen Petric, David Jarolim und auch Frank Rost zu Heilsbringern erkoren. Drei Spieler, die der HSV-Vorstand in der Sommerpause noch bereit war, an andere Vereine abzugeben. Da wurden junge Spieler wie Heung Min Son, Muhamed Besic und Tunay Torun als Beginn eines notwendigen Umbruchs gefeiert und somit die Altgranden wie Zé Roberto und Ruud van Nistelrooy (nach zweifellos sehr durchwachsenen Leistungen) abgewatscht. Und dann sollten die Alten zuletzt gegen Leverkusen doch wieder die Kohlen aus dem Feuer holen sollten. All das kann nicht funktionieren. Armin Veh wäre gut beraten, sich die Spieler, denen er vertraut, genau auszusuchen und an ihnen länger festzuhalten. Was sonst bleibt ihm? Nichts! Was natürlich bedeutet, dass er scheitern wird, sofern die Mannschaft (weiterhin so) scheitert.

Nicht vergessen möchte ich hierbei aber auch die Rolle der Vereinsführung. Dieses ständige „wir gewinnen“ und „die Mannschaft hat verloren“ ist der Anfang vom Ende. Das ist eines der Übel, die diese Hinrunde so schlecht haben aussehen lassen. Im Aufsichtsrat bin ich über derart dilettantisches Verhalten gar nicht mehr verwundert, da sitzt einfach zu wenig Fußballsachverstand. Aber dem Vorstand darf das nicht passieren. Immer auf die Mannschaft einzudreschen, das ist kein probates Mittel. Öffentliche Kritik wird nur dann akzeptiert, wenn sie vorher intern geäußert wurde. Und während sich Bernd Hoffmann angeblich ob der Kritik, er würde sich zu sehr ins Sportliche einmischen, plötzlich fast komplett zurückgezogen hat, soll auch Bastian Reinhardt eine nicht immer glückliche Figur abgeben. Zuletzt war es der Mannschaft übel aufgestoßen, dass der Sportchef-Novize lieber einen Spatenstich für einen Neubau vornahm, als an der Mannschaftssitzung nach dem bitteren 2:4 gegen Leverkusen teilzunehmen. Besser, bzw. schlimmer noch: Reinhardt soll bislang an noch keiner Sitzung teilgenommen haben, weshalb ihm einige Spieler mangelnden Einblick ins Mannschaftsgeschehen vorwerfen.

Dabei bin ich mir sicher, dass Reinhardt genau diese Rolle gut einnehmen kann. Basti zählt definitiv zu den hellen Köpfen, zu denjenigen, die Strömungen in einer Mannschaft erkennen können und sich über alles und jeden ausreichend Gedanken machen. Deshalb hoffe ich, dass er das auch jetzt erkennt, denn genau darin lag die große Stärke eines Dietmar Beiersdorfers. Der ehemalige Sportchef äußerte sich weniger öffentlich als intern. Das brachte ihm öffentlich nicht den besten Ruf ein, dafür wurde er aber intern geachtet. Und er war nah dran. Nah an den Problemen, die es zu beheben galt. Deshalb hoffe ich, dass Reinhardts gestriger Kuschelkurs nach Spielschluss ein Anfang ist. Da sprach er davon, dass er stolz auf diese Mannschaft sei, „wie sie sich gegen diese Widrigkeiten“ der Vorwoche gewehrt habe. Auch Rosts verteidigende Worte wertete er explizit: „Das bedeutet mir schon sehr viel. Gerade von ihm.“ Vielleicht können wir ja hier schon bald die erste nötige Baustelle zuschütten – und endlich einmal einen ersten Schulterschluss in diesem momentan so zerrüttet wirkenden Verein schließen.

Ein kleiner Anfang wäre es.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

18.02 Uhr

Ein Sieg – und viel Zeit zum Nachdenken

17. Dezember 2010

Ein Sieg, drei Punkte. Und endlich Winterpause. Mit diesem 2:1 durch die Treffer von Elia und Trochowski in der zweiten Halbzeit bei Borussia Mönchengladbach kann der HSV den Anschluss an die internationalen (zumindest die Europa-League-)Plätze halten. Und er kann jetzt endlich anfangen, die etlichen Missstände der Hinrunde aufzuarbeiten. „Ich spreche für mich und weiß es auch von einigen anderen“, hatte mir vorher ein absoluter Führungsspieler gesagt, „wir sind absolut auf, wir haben keine Kraft mehr.“ Ständig würde auf die Mannschaft eingekloppt, dabei nie auf die wahren Missstände hingewiesen, so der aus gegebenem Anlass Unbenannte. „Wir müssen in Gladbach durchmarschieren, egal wie hässlich der Fußball auch wird. Es zählen nur drei Punkte.“

Auch deshalb fand Trainer Armin Veh schon vor dem Spiel klare Worte. Ausreden gab es heute keine. Darauf legte sich Veh trotz der strapaziösen Anreise durch das deutschlandweite Schneechaos schon vor dem Spiel fest. Und trotzdem muss es einen Grund für diese Vorstellung geben, die der HSV beim abgeschlagenen Tabellenletzten ablieferte. Soooo schlecht wie in der ersten Halbzeit kann keine Mannschaft spielen, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gibt. Meine Ahnung habe ich Euch schon mitgeteilt – und mir dafür von dem einen oder anderen HSV-Offiziellen Häme eingehandelt. Aber spätestens jetzt, wo wir die gesamte Hinrunde hinter uns haben, wir analysieren können und müssen, da lege ich mich fest: diese Mannschaft ist tot. In sich. Von außen so nicht wiederzubeleben. Es gilt zu handeln. Auch wenn das beim HSV so keiner sehen will.

Anfangen könnten wir bei Eric Maxim Choupo-Moting. Bei dem Kameruner platzt mir langsam der Kragen. Nicht nur, dass er gegen einen Gladbacher Amateur kaum eine Schnitte sah, er legte sogar gleich zweimal am eigenen Sechzehner quer – auf einen Gladbacher! Was bitte war da los? Wo war Choupo? Noch im Bus? Noch bei der WM? Oder schon weg? Letzteres würde ich sofort absegnen – aber den nimmt so niemand.

Ähnlich begeistert war ich von der Entscheidung, Jonathan Pitroipa (was hätte der anstelle von Choupo-Moting bitte über rechts reißen können?!?) auf der Zehn zu bringen. Da hat sich Veh einer Stärke (mit Pitroipa über rechts) beraubt und zudem eine Position (die Zehn) unterdurchschnittlich besetzt. Und auch wenn jetzt viele sagen, Pitroipa hätte ja das 1:0 vorbereitet – ansonsten fand der Burkinabe nicht statt.

Ebenso wie das Offensivspiel des HSV. Von Veh defensiv eingestellt, brachte es der HSV in der ersten Hälfte auf genau zwei Torschüsse. Ausgerechnet Choupo-Moting gab einen davon ab. Mehr als eine Ecke sprang aber nicht heraus. Im Gegenteil. Ohne Frank Rost hätte es auch 0:2 oder 0:3 stehen können. Weil der HSV über die Außenpositionen katastrophal spielte. Weil der HSV zu viele Fehler im Aufbauspiel produzierte. Und weil der HSV in der Innenverteidigung – wie beim 1:1 – fast kein Kopfballduell gewann. Di Camargo (4.) konnte nur durch Rost gestoppt werden, ebenso wie der Schuss von Marco Reus (8.), den Rost zur Ecke abwehren konnte. Bradley (19. Und 25.) scheiterte gleich doppelt an Rost. Wir mussten schon bis zur 40. Minute warten, bis der HSV das erste Mal so etwas wie Torgefahr versprühte. Gemeint war der harmlose Torschuss von Choupo-Moting. Westermanns Kopfball in der 45. Minute sollte dennoch, trotz dieser mich erschütternden Minusleistung der ersten Hälfte nicht vergessen werden.

Und dann ging es doch. Dachte ich. Es waren keine 60 Sekunden gespielt in der zweiten Halbzeit, da traf Elia nach Vorarbeit von Pitroipa aus zehn Metern zum 1:0. Überraschend. Weniger überraschend war dagegen, was wieder nur eine Minute später passierte. Bradley setzte sich über die rechte Seite des HSV durch, flankte, und in der Mitte deckten Westermann und Aogo nur im Raum. Ein fataler Fehler. Das Ergebnis: Di Camargo kommt frei aus fünf Metern zum Kopfball und markiert das 1:1.

Nun gut. Bis zur 60. Minute passierte nicht viel. Auch danach nicht, werden viele sagen. Aber zumindest sah Veh jetzt ein, dass er mit Choupo über rechts komplett danebengelegen hatte. Ruud van Nistelrooy kam für den Kameruner, der wirkungslose Guerrero rückte auf die zehn, Pitroipa besetzte die Rechtsaußenposition. Zumindest die Aufstellung stimmte also.

Der HSV kam jetzt besser ins Spiel – und lief fast wieder ins offene Messer. Ein Hackentrick und Gladbachs Marx war freigespielt. Wieder war es Rost, der sich mit seinem gesamten (Ober-)Körper dem drohenden Rückstand entgegenwarf und rettete. Eine Rettungstat, die dem HSV wahrscheinlich das gesamte Spiel rettete. Denn statt einem Rückstand hinterherzulaufen war es Piotr Trochowski, der zwei Minuten später mit einem scharf auf den kurzen Pfosten getretenen Freistoß das 2:1 besorgte. Weshalb sich bei dieser Aktion Paolo Guerrero als Torschütze feiern ließ, blieb mir verborgen. Aber vielleicht dachte der Peruaner, sich so einen Treffer mehr auf das Konto schummeln zu können. Woher soll er auch wissen, dass die heutige TV-Generation Bilder aus fast jeder Perspektive liefert und ihn eh überführt…?

Na ja. Nebensächlichkeiten dürfen uns ín der aktuell so schwierigen Situation nicht aufhalten. Zumal der HSV kurz vor und fast die gesamte Spielzeit nach dem 2:1 das Spiel kontrollierte. Selbst die in der ersten Hälfte erschütternd lauf- und zweikampfschwachen Außenverteidiger Rincon und Aogo fanden ins Spiel. Pitroipa sorgte über rechts für Wirbel, während Elia, von dem sich beim HSV viele sehr viel versprochen hatten, aktiver wurde. In der 83. Minute bereitete der Niederländer die Entscheidung vor. Allein Guerrero (am Pfosten) und van Nistelrooy per Nachschuss (an Gladbach-Keeper Heimeroth) verpassten den K.O-Schlag.

Dennoch reichte es. Dank einer vernünftigen zweiten Halbzeit. Und vor allem dank eines alle überragenden Frankl Rost. Was der an Bällen hielt, und wie er sich selbst trotz dilettantischster Fehler seiner Vorderleute verbal zurückhielt – das nötigt mir höchsten Respekt ab. Selbst der zuletzt nicht gut auf Rost zu sprechende Sportchef Bastian Reinhardt lobte den Keeper als „Verlässlichkeit in Person“. So schnell geht es manchmal vom Buhmann zum Helden – wenn man die nötige Leistung abliefert.

Ein Kompliment verdient hat sich auch wieder der zuletzt schwache David Jarolim. Der Tscheche spielte endlich wieder den Ballschlepper, den Vorarbeiter und den defensiven Part, den man von ihm lange gewohnt war. Neben ihm agierte Trochowski oft unauffällig – aber mannschaftsdienlich. Choupo-Moting outete sich, ebenso wie die Viererkette in der ersten Hälfte. Guerrero kann nicht besser als mit ausreichend bewertet werden, während Elia zumindest an den gefährlichsten Aktionen beteiligt war und für etwas Torgefahr sorgte.

„Es war eine vernünftige Reaktion“ fasste Heiko Westermann anschließend zusammen, ehe er sich wie auch Trainer Veh bei Rost als Matchwinner bedankte. Zwei Dinge, die man so stehen lassen kann. Mit einem Sieg in die Winterpause zu gehen gilt als psychologisch sehr wertvoll. Das lasse ich auch so stehen. Es werden auch einige verletzte Spieler in der Rückrunde zurückkehren. „Ein Sieg, drei Punkte. Das haben wir geschafft. Jetzt ist wichtig, dass wir endlich mal etwas Ruhe reinkriegen“, so Westermann. Was er anfügte ist allerdings bezeichnend. „Seit ich hier bin ist es im Verein sehr unruhig.“ Auch Rost, auch nach dem Spiel noch in seiner Retterrolle, wollte den Sieg nicht überbewerten und setzte sich für konstruktive Kritik ein. Und für Bastian Reinhardt. „Was der hier bloßgestellt wird, ist schon un-glaublich. Wir sollten uns überlegen, wo das hinführt. Hier werden immer wieder Leute mit namen und Adresse angeprangert. Das geht nicht. Schließlich sind wir alle HSVer.“

Punkt. Oder besser: drei Punkte und wahre Worte zum Abschluss. Allein ich zweifele, dass es damit getan ist. Denn bei allem Respekt und aller Freude über diesen wichtigen Sieg darf nicht vergessen werden, dass die Mannschaft den Anspruch hat, international zu spielen, leistungsmäßig allerdings nicht besser agiert, als es der Tabellenplatz aussagt. Denn Baustellen gibt es mehr als genug. Im Aufsichtsrat, im Vorstand, im Trainerstab, in der Mannschaft und vor allem im Zusammenwirken aller im HSV. Denn da liegt – das hat schon Uwe Seeler vor der Saison erkannt – ein großes Übel. Vielleicht das Größte. Es fehlt die Harmonie, die den einen für den anderen arbeiten lässt. Das trifft ganz sicher auf die Spieler zu – aber auch andere entscheidende Figuren im Klub dürfen sich hier angesprochen fühlen. Aber mehr dazu in den nächsten Tagen. Heute dürfen wir uns zur Abwechslung mal wieder über einen Sieg freuen.

Das mache ich. In diesem Sinne: Nur der HSV!

22.53 Uhr

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