Tagesarchiv für den 30. Dezember 2010

Friedvolles zum Jahresausklang

30. Dezember 2010

Das Leben geht weiter.
Eigentlich wollte ich ja noch einmal Martin Jol bemühen, der uns zu seiner Zeit beim HSV sehr oft mit einer nichts oder sehr viel sagenden Floskel bediente: „Nichts ist wie es scheint . . .“ Aber das Leben geht nach dieser wilden Woche, so will ich sie mal nennen, ja für jeden weiter. Für Euch, für mich, für alle. Es wurde gepöbelt, geschimpft, gemeckert und diffamiert, fast alle taten es nach Herzenslust – und das war mir auch schon vorher klar. War nicht meine Woche. Dennoch bin ich immer noch erstaunt, wie viele Leute und Freunde mich anriefen oder mir schrieben, um mir Trost zu spenden. Vielen Dank dafür, nein, sehr vielen Dank dafür. So hatte ich das Gefühl, dass ich nicht so ganz allein auf weiter Flur stand. Kurios nur, dass sich auch die Ausgesperrten (Trolls) zu Wort meldeten – Tenor: „Das kommt davon, wenn man die Demokraten ausschließt . . .“ Demokraten? Aha. So nennt man das heute. Und von „Herrn Taut“ war – natürlich nur intern – zu lesen, dass „es eine Frechheit sei, dass hier Kritiker mundtot gemacht werden – und das seriöse Abendblatt sieht dem Treiben von diesem Matz tatenlos zu.“ Kritiker mundtot? Ist da etwas an mir vorbei gegangen?

Wer lesen kann, der ist aber auch in diesem Falle klar im Vorteil. Wenn hier keine Kritiker zu Wort kommen, was war denn das, was hier in den letzten 48 Stunden auf mich einprasselte? Alles Freunde, die lieben Bekannten, der nette HSV-Fan von nebenan? Nein, nein, Kritik ist hier nicht nur erlaubt, sie ist auch erwünscht – und sie findet ja auch reichlich statt. Oftmals in einem passenden Ton, gelegentlich werden und wurden manchmal auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Das aber zeugt davon, wie viele HSV-Fans noch echt um und mit ihrem Klub fiebern und bangen. Ich muss dabei immer an Uli Hoeneß denken, der mir vor einigen Jahren mal sagte, wie er tickt: „Ich bin als kleiner Junge schon Bayern-Fan gewesen, und ich bin heute noch Bayern-Fan. Wenn dann einer etwas gegen den FC Bayern, meinen FC Bayern sagt oder unternimmt, dann werde ich wild, dann wehre ich mich, dann verteidige ich meinen Klub. So war ich als Spieler, so war ich auch als Manager.“ Ja, und so geht es eben auch den echten HSV-Fans. Das konnte ich in dieser Woche mehr als deutlich erfahren.

Die Frage ist nur die: Wie geht es nun weiter? Pöbelnd, beleidigend, meckernd – oder doch so, wie wir es hier eineinhalb Jahre gewohnt waren: Sachlich, robust, fair (überwiegend), menschlich, freundschaftlich, verzeihend, wohlwollend, nachsichtig? Das Leben ist kein Kinderkarussell, es gibt Höhen und Tiefen, es geht mal nach unten und mal nach oben – für jeden. Für den HSV. Für Euch, für mich. Ich hoffe für Euch, dass Ihr stets haargenau richtig liegt, dass der HSV den genau richtigen Weg eingeschlagen hat, damit Ihr ihn auch in vielen Jahrzehnten noch so mit dem Herzen begleiten könnt, wie heute. Ich hoffe es nicht nur für Euch, ich wünsche es Euch auch. Und mir natürlich selbst auch.

Da es heute keine Spielerverkäufe gibt, keine Neueinkäufe gibt, da auch nicht mehr am Trainer herumgenörgelt wird (von mir ohnehin nicht!), da ich dem 9. Januar nicht vorgreifen will – geschieht hier heute nur Friedliches. Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, Ihr könnt alle Bilanz ziehen, wie es um Euch und um Euren HSV bestellt ist, was gut und was weniger gut war. Schlechtes gibt es in diesem Falle nicht, und man verdrängt ja auch in einem solchen Rückblick ganz gerne mal das Negative. Wenn ich da einmal für mich sprechen darf:
Die ganz dicken Pluspunkte des HSV sind in 2010 für mich Ruud van Nistelrooy, Heung Min Son, Jonathan Pitroipa, Dennis Aogo (weil er Nationalspieler und WM-Teilnehmer wurde – großartig), immer noch David Jarolim (meine Nummer eins), auch Uwe Seeler, Gert Dörfel, die Mannschaft hinter der Profi-Mannschaft, Leistungsdiagnostiker Manfred Düring (leistet großartige Arbeit), Busfahrer Miroslav Zadach (weil der die Truppe auch in diesem Jahr unfallfrei hin und zurück gebracht hat) – ja, und Armin Veh. Ein guter Trainer und ein ganz feiner Mensch. Ich hoffe, dass er noch lange beim HSV bleiben wird, kann und darf – das ist, um den einen oder anderen Aufschrei schon im Keime zu ersticken: KEINE Ironie!

Ich wünsche Euch heute schon einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Glück, Erfolg und beste Gesundheit in 2011 – und dazu einen wieder erstarkten HSV, der es doch noch schafft, in die Spitzengruppe vorzustoßen.

Und weil ich damit den friedvollen Teil, meinen friedvollen Teil beenden möchte, komme ich nun zu einem besonders friedvollen Teil. Ihr erinnert Euch bestimmt: Vor den „wilden Tagen“ gab es hier die weihnachtliche „Traum“-Geschichte, die uns der „Trapper“ am 24. Dezember 2009 geschickt hatte. Diese Zeilen haben nun den Matz-abber Bernd Arens animiert, uns seine weihnachtliche Geschichte zu senden. Sie ist sehr lang, aber draußen ist es auch sehr kalt, zurzeit auch sehr dunkel – es wäre schön, wenn Ihr Euch die Zeit nehmen könntet, sie zu lesen. Sie ist in meinen Augen sehr gelungen, ich wünsche viel Spaß beim Lesen:

„Danke Bunker, danke für ALLES“

Ich bin in Eimsbüttel aufgewachsen, in der Nähe der Christuskirche. Die Fruchtallee war die natürliche Grenze unseres Terrains. In den ersten Jahren meiner Kindheit begrenzte es sich auf die Gegend Emilienstraße, Heußweg, Osterstraße, Eppendorfer Weg, Bismarckstraße, Bundesstraße, Hohe Weide. Letztendlich ein wunderbares Kuchenstück der großen weiten Stadt. Wenn mich heute jemand fragt, wie man denn dort vernünftig hat aufwachsen können, dem kann ich nur sagen, dass es für mich keinen schöneren Ort auf der Welt hätte geben können, wo ich hätte aufwachen wollen. Mitten in der Stadt, und doch umgeben von einzigartigen Oasen, die das Leben eines Jungen aufregend machten. Zu nennen sind da natürlich der Webers Park, das Kaifu, der Isebekkanal, der Weiher und die drei großen Sportplätze Reinmüller, Gustav Falcke und Julius Sparbier. Aber ganz wichtig war für mich der alte Bunker am Weidenstieg.

Das Tolle war, dass wir sehr viele Kinder waren, die dort aufwuchsen, Anfang der 60. Jahre, und das Leben spielte sich so oft es ging draußen auf der Straße ab. Es gab kein Nintendo, kein Gameboy, keinen PC und auch keine Play-Station. Telefon? Nicht für uns Kinder. Wollte man sich verabreden oder treffen, dann langte ein spezieller Pfiff, oder das Rufen des Vornamens auf der Straße vor dem Haus, und man blickte aus dem Fenster. Draußen sein, spielen, toben, die Welt entdecken, darum ging es. Das Leben war zu schön, um es zu Hause in der Wohnung zu verbringen. Alles in allem lebten vielleicht 30 bis 40 Kinder in der näheren Umgebung, „große“ wie „kleine“. Ein Spielplatz galt als Treffpunkt, und irgendjemand hatte immer einen Ball dabei. Fußballspielen wo immer es ging, egal ob auf der Straße, im Park, der Wiese hinterm Haus oder auf einem der drei großen Sportplätze, und wann immer es ging. Wir spielten so viel und so oft, dass wir eines Tages sogar eine eigene Straßenmannschaft bildeten und ganz offiziell auf dem Reinmüllersportplatz am Heußweg ein Spiel gegen eine andere Straße – jenseits der Fruchtallee – veranstalteten. Ich weiß es noch genau, dieses Spiel gewannen wir haushoch, es ging sogar friedlich zu Ende. Ich war begeistert, wir hatten sensationell gespielt und ich fühlte mich als Teil vom Ganzen, mittendrin und dabei. Was ich nicht wusste, dass es unser erstes und einziges Spiel bleiben sollte.

Denn was ich nicht bemerkt hatte war, dass ein Mann unser Spiel genau beobachtet hatte. Ein paar Tage später tauchte er auf „unserer“ Wiese auf und sprach uns an. Er stellte sich als Spielervermittler vom Polizeisportverein vor und machte uns den Vorschlag, ob wir nicht alle Mann dort einmal zum Probetraining erscheinen wollten, der Verein könne Verstärkung gebrauchen. Meine Eltern hatten mich sehr oft vor „Mitschnackern“ gewarnt, ich solle niemals mit jemand Fremden mitgehen, und so blieb ich zu Hause, ging nicht mit zum Training. Meine Freunde versuchten mich zwar zu überreden, doch ich blieb hart. Im Inneren hatte ich ganz andere Gründe. Ich empfand es als Verrat an unserer Straße, an unsere Gemeinschaft und unserem Zusammenhalt. Nein, ich ging nicht mit.

In der Zeit entwickelte ich ein ganz neues Hobby: Geldverdienen. Nicht weit von uns war ein alter Bunker, jener Bunker am Weidenstieg. Er beherbergte ein seltsames Unternehmen, ein alter Mann nahm Schrott und Alteisen an und man bekam dafür ein paar Groschen. Aber, und das war das eigentlich wichtige, er nahm auch Altpapier an. So fragte ich meinen Vater, der den Keller voll mit alten Zeitungen der Marke „Hamburger Abendblatt“ hatte, ob ich nicht für ihn den Keller ausmisten könnte, er hätte ja so viel zu tun, und die alten Zeitungen rüber zum Bunker bringen könne. Mein Vater schaute sich zusammen mit mir den Bunker an und gab sein okay. So startete ich mein erstes Unternehmen. Klar, es war eine Plackerei, doch mein Onkel lieh mir seinen alten Handkarren und mein Vater zahlte mir pro Stunde 10 Pfennig. Der Händler noch einmal pro Kilo ein paar Pfennige. Ich weiß nicht mehr wie viel Touren ich an diesem ersten Tag machte, ich hatte auf jeden Fall meine erste D-Mark selbst verdient, und war abends fix und fertig. Treppauf, treppab – aber stolz wie Oskar.

Tags darauf klingelte ich alle Wohnungen unserer Straße ab, wer will für 10 Pfennig die Stunde seine alten Zeitungen loswerden, oder hat noch Alteisen herumliegen? Es waren einige Haushalte. Eine ganze Zeit hielt ich das durch, und das Spannendste war, all die verschiedenen Gerüche der Treppenhäuser und Keller kennen zu lernen. Jedes Treppenhaus roch anders, Holztreppenhäuser rochen anders als Steintreppenhäuser, Altbau etwas muffiger, Neubau mehr nach Putzmitteln. Doch die Keller waren fast alle gleich, es roch nach Kohle, Holz und Eingemachtem. Am schlimmsten waren Keller, in denen jemand Sauerkraut einlegte. Da guckte ich nur nach lukrativem Alteisen, ihre alten Zeitungen konnten sie behalten. Dieser Geruch nach eingelegtem Sauerkraut hat sich bis zum heutigen Tag als der negativste Geruch, den ich kenne, in mein Gedächtnis gebrannt. Aufregend war für mich immer, an fremden Wohnungen zu klingeln und mir die Keller zeigen zu lassen. Sorgsam, fast schon gierig nahm ich die fremden Gerüche in mich auf. Von meinen ersten Einnahmen hatte ich in eine gut funktionierende Taschenlampe investiert. So konnte ich schnell überblicken, mit wie viel Fuhren ich auskommen könnte.

Nach getaner Arbeit, wenn es an der Zeit war, mein Geld zu kassieren, wurde ich oft noch kurz in eine Wohnung hereingebeten und bekam etwas Süßes zu essen und auch etwas zu trinken. Manchmal waren auch Kinder da, Mädchen, die mich neugierig ansahen. So kam es schon mal vor, dass ich mit einem Mädchen hinunterging und sie mir den Keller zeigte. Anscheinend übte nicht nur auf mich ein dunkler, unheimlicher Keller eine gewisse Faszination aus . . . Doch ich ließ mich nicht ablenken, und so ging es hin und her. Keller – Bunker, Bunker- Keller. Ich war immer froh, als ich mit einer neuen Fuhre im Bunker angekommen war. Der alte Mann hatte mich angewiesen, die Ware in einem bestimmten Gang zu lagern. Am Tagesende kam alles auf die riesige alte Waage, und ich erhielt mein Geld. Oft musste ich warten und hatte Zeit mich umzuschauen. Mein Vater hatte mir erzählt, wozu der Bunker wirklich da gewesen war, im Krieg, und was für Leid und Elend er schon mitgemacht hatte. Doch für mich wurde der Bunker zu einer Art „stiller Freund“. Ich fühlte mich dort wohl und geborgen, und ich konnte jederzeit wieder hinaus ins Tageslicht und alles war friedlich.

Inzwischen hatte ich aus Sicherheitsgründen eine Gehilfin aus der Nachbarschaft, ein Waisenkind mit langen roten Zöpfen, die bei ihrer Oma im vierten Stock einer Altbauwohnung mit grünem Kachelofen in unserer Straße lebte, die oben am Karren aufpasste, während ich unten in den Kellern herumstromerte, und langsam dehnte sich mein Radius aus. Nicht jeder Haushalt war davon angetan, dass ich ihren Keller für zehn Pfennig die Stunde aufräumte, und ich musste an vielen Haustüren klingeln. Meine Mutter wollte zwar immer noch wissen, welche Straße ich mir nun vornehme, aber als ich nach einigen Wochen mich mehr und mehr von unserer Straße entfernte, wurde sie doch sehr unruhig. Die Fruchtallee hoch und runter in unserer unmittelbaren Höhe war noch okay, als ich dann aber auf die andere Seite überwechselte, in die Bellealliancestraße, Fettstraße, Vereinsstraße und Lindenstraße, da wurde ihre Sorge doch zu groß.

Sie schlug mir vor, ob ich denn nicht lieber etwas anderes tun wolle. Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Fußballspielen wollte ich, in einem Verein, genau wie die anderen Jungs aus unserer Straße auch. Aber nicht beim Polizei SV.

Da schon von früher Kindheit an die Tornquiststraße eine meiner Lieblingsstraßen war, in der ich mich auch am liebsten aufhielt, (der Bau der Straße Doormannsweg war ein Schock für mich, ein echter Einschnitt in meine Kinderwelt) kam ich zu HEBC. Erst mal so zur Probe. Leider konnte ich nicht gut dribbeln, dafür aber gut laufen, und ich war klein, flink und wendig. Entsprechend aufgeregt war ich beim ersten Training. Und ich wurde erst mal ausgelacht, denn ich kam in dünnen Turnschuhen. Das erste Spiel fand in zwei Wochen statt, ein Heimspiel auf dem Reinmüllerplatz gegen ETV. Ich trainierte fleißig und es wurde ausgemacht, dass ich rechter Läufer spielen solle, wenn ich denn reinkomme.

Kurz vor Spielbeginn tauchte plötzlich meine Tante und meine Mutter auf und brachten mir, ich kann es heute noch kaum glauben, mein erstes paar original Fußballstiefel mit. Todschick waren die und passten verdammt gut. Meine ersten Buffer! Ich bekam vor Aufregung und Stolz kein Wort heraus. Es war so ungewöhnlich, damit zu spielen, dass ich ziemlich schlecht blieb.

Ich ging zweimal die Woche zum Training, übte flache Pässe mit der Seite und auch den Spannschuss. Von Außenrist war damals noch nichts durchgedrungen zu uns Knaben. Aber das Kopfballpendel gab es schon, was auch sehr hilfreich war. Aber so richtig in Tritt kam ich nicht, ich blieb ein durchschnittlicher Fußballknabe, dazu noch körperlich zwar recht robust und kräftig, aber leider auch recht klein von Wuchs.

Zwei Wochen später hatte ich Geburtstag. Das größte Geschenk meiner Eltern an mich war mein erster eigener Lederball, mit Ballpumpe, denn innen steckte eine Blase, die müsse immer gut aufgepumpt sein. Endlich hatte ich meinen Schatz, ich schwor mir, immer gut auf ihn aufzupassen, denn nicht viele Kinder hatten einen echten Lederball als ihr eigen. Das war das größte Geschenk meines Lebens, mein erster eigener Lederball.

Und schlagartig änderte sich mein Leben, ich stieg aus dem Alteisen- und alte Zeitungshandel aus, übte nur noch Fußball, und zwar für mich allein. Da die Leute von dem Bunker mich gut kannten, hatten sie kein Problem damit, dass ich auf dem Vorplatz ein wenig Bolzen durfte. So oft ich Zeit hatte ging ich mit meinen Buffern und dem Lederball auf den Platz vor den Bunker. Ich übte das harte Schießen. Immer gegen die Bunkerwand, dann versuchen den Rückpraller sofort wieder, ohne stoppen, gegen die Wand zurück zu schießen und so fort. Das war sehr anstrengend, tat aber dem Konditionsmangel gut. Später versuchte ich mich zu präzisieren. Ich entdeckte eine wunderbare Eigenart des Fußballstiefels, er hatte vorne eine sehr harte Spitze. Im Sprachjargon hieß das: Pike! Es war zwar verpönt mit der Pike zu schießen, angeblich fliegt der Ball zu unkontrolliert, doch grade das machte für mich den Reiz aus. Ich stellte fest, dass ich mit Pike am härtesten schießen kann, der Ball fliegt erstaunlich hoch und weit, wenn ich ihn richtig treffe.

Ich malte mir mittels eines Backsteines ein rotes Tor auf die Bunkerwand, dann nahm ich gehörigen Abstand und schoss so doll ich konnte. Wieder und wieder. Wochenlang war ich am Bunker. Irgendwann wollte ich noch genauer treffen. Ich malte den Ball mit weißer Kreide ein, um einen Abdruck an der grauen Bunkerwand zu erzielen, ich wollte wissen, ob es mir gelang, einen gewissen Punkt an der Torwand zu treffen. Natürlich wieder mit ordentlichem Abstand. Die ersten Schüsse gingen weit übers Tor. Ich veränderte meinen Schusspunkt am Ball. Ähnlich wie beim Billard muss man sich das mit der Pike vorstellen. Das Verrückte daran war, dass der Ball während des Schusses in der Luft seine Flugbahn verändert. Er fliegt selten schnurgeradeaus, sondern biegt nach links oder rechts ab, je nachdem, wie man ihn trifft. Ganz flach zu schießen ist auch sehr schwer, eine kleine Steigung erhält er immer, aber grade das gefiel mir gut.

Von meinem ersparten Zeitungsgeld hatte ich mir das HEBC Trikot, die Hose – beides in der Vereinsfarbe lila – und die weißen Stutzen gekauft.

Und dann kam das Spiel der Spiele für mich. Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich womöglich Durchfall bekommen. Wir waren mit der U-Bahn unterwegs nach Barmbek. Getroffen hatte sich die Mannschaft am U-Bahnhof Emilienstraße, es ging gegen BU. Während der Fahrt erfuhren wir von unserem Trainer, dass wir Vorletzter in der Tabelle waren und BU der Spitzenreiter. Es wird wohl nicht viel zu holen geben. Ich wusste damals nicht viel von Tabellen, Spielgruppen, Pokalen, Meisterschaften und diesen Dingen. Ich wusste nur, ich war 1. Knaben HEBC, und ich wollte Fußballspielen. Ich dachte nur von Spiel zu Spiel (dieser Gedanke ist heute immer noch sehr populär) und war froh, wenn ich überhaupt zum Einsatz kam. Aber an jenem Tag würde ich spielen, das war klar. Denn wir waren haargenau elf Jungs, die da mitfuhren. Es durfte sich keiner verletzen, sonst wäre es bitter geworden. Ich war neugierig auf den Tabellenersten, ob die wirklich so viel besser waren als wir.

Es regnete an diesem trüben Sonntagmorgen und wir kamen sehr viel besser ins Spiel als unser Gegner. Schon nach kurzer Zeit fiel mir auf, dass der BU-Torwart seine Abstöße immer bis kurz vor die Mittellinie drosch. Viel weiter kam er nicht, immer an dieselbe Stelle. Das wollte ich mir zu Nutze machen, und so wartete ich ab bis zum nächsten Abschlag. Unauffällig trabte ich zu jener Stelle, die ich mir ausgeguckt hatte und siehe da, der Ball flog wieder genau dort hin. Ohne weiter nachzudenken lief ich zu dem Punkt, an dem der Ball herunterkommen würde, und es gelang mir tatsächlich, ihn abzufangen und zu kontrollieren. Wahnsinn! Mit dem Ball am Fuß stürmte ich los Richtung Tor. Der Torwart erkannte die Gefahr und kam auf mich zugelaufen. Schon spürte ich die Gegner im Rücken. Ich wusste, dass ich keine Chance haben würde, denn im Dribbeln war ich nicht gut. Panik kam auf, doch da hörte ich in mir eine Stimme, die laut und deutlich rief: SCHIESS!!! Ich sah nicht mehr das Tor, ich sah nicht mehr den BU Sportplatz, ich sah das rote Backsteintor auf meiner Bunkerwand. Und so schoss ich, aus vollem Lauf, mit Pike, genau so, wie ich es für mich allein geübt hatte. Und der Ball flog, hoch über den heraneilenden Torwart hinweg, in einem riesigen Bogen über fast den halben Platz, genau ins Tor!

Es war unglaublich! Was für ein Schuss, was für ein Tor. Es war mein erstes Tor für HEBC. Aber das Schönste war, wie meine Mitspieler alle angelaufen kamen, und mich bejubelten, mich, den kleinen Buttje. Ich war überglücklich. Und wie elektrisiert. Dieses Erlebnis setzte Kräfte frei, Kräfte, von denen ich bis dahin nicht geahnt hatte, dass sie in mir schlummerten. Ich war nicht mehr zu bremsen, ich war fortan überall. Ich lief, ich rackerte, ich kämpfte. Ich drosch mit Pike die Bälle aus unserem eigenen Strafraum raus, einer davon wurde sogar zu einer Steilvorlage unseres Stürmers, der das 2:0 erzielte. Faszinierend aber war, dass ich meine Mitspieler mit meinem Ehrgeiz ansteckte. Plötzlich kämpfte da nicht nur einer, sondern alle. Wir gewannen das Spiel 5:0. BU spielte viel zu pomadig, zu siegessicher, kurz sie unterschätzten uns ohne Ende. Vielleicht lag es auch am Wetter, und BU war als Tabellenerster der Meinung, sie hauen uns im Schlafgang weg. Aber nichts da!

Beim Stand von 4:0 bekamen wir kurz vor Schluss einen Elfmeter zugesprochen. Der Trainer rief, dass ICH den schießen soll. Ich war sprachlos und maßlos erschrocken. Aber gut. Ich nahm mir den Ball und legte ihn mir am Elfmeterpunkt zurecht. Langsam legte sich die Aufregung, denn dieses Mal war es genau meine Bunkerwandentfernung. Nur aufpassen, dass der Ball nicht zu schnell ansteigt, dachte ich, denn das Risiko bei Schüssen mit der Pike lag ganz klar darin, dass der Ball über das Tor flog. Innerlich sah ich all die Hunderte von Übungsstunden vor mir auftauchen, die weißen Kreideflecken meines Lederballs, und mir war ganz nüchtern und eiskalt klar, dass jetzt der Augenblick gekommen war, zu zeigen, was ich kann, was ich für einen Schuss habe. Ich muss grimmig böse geguckt haben, denn ich sehe noch heute das ängstliche Gesicht des Torwarts vor mir. Ich nahm Anlauf, genau die Schritte, wie auch vor meinem Bunker, und dann sehe ich, wie der Torwart erschreckt die Hände vors Gesicht reißt, denn ich hatte genau auf seinen Kopf gezielt. Was der Torwart nicht mehr sah, ich aber genau wusste, der Ball würde sich einige Meter vor ihm nach rechts abdrehen. Und so geschah es auch. Ich traf den Torwart zwar noch am Ellenbogen, aber der Ball ging mit voller Wucht ins Tor. Damals gab es noch keine Netze hinter den Toren für unsere Spielklasse, und die diversen Zuschauer mussten den Ball suchen gehen. Ich weiß noch wie der Torwart schrie: „Willst du mich umbringen, oder was?“ Und er rieb sich seinen Ellenbogen. Doch das war mir egal. Für mich zählte in dem Moment nur eines: Ich hatte es geschafft! Was für ein Hammertor. Das Gefühl ist unbeschreiblich, nur nachvollziehbar von jemandem, der es genau so oder ähnlich erlebt hat. Es sind Momente, die man sein Leben lang nicht mehr vergisst, auch wenn man später noch Dutzende von Elfern versenkt hat, dieser eine Schuss war es, den ich immer wieder hervorholte in Momenten, in denen ich an mir zweifelte. Doch komischerweise taucht als Hintergrund nicht der BU Sportplatz auf – ich weiß schon lange nicht mehr, wie der aussieht, habe keine Erinnerung daran – wohl aber mein Bunker. Diese beiden Tore sind für immer verbunden mit meinen Kindheitserinnerungen, viele, viele Stunden, die ich allein verbrachte. Allein, doch nicht einsam. Denn ich hatte ja meinen Lederball und meine Buffer.

Kurz danach war das Spiel aus. Und wie das damals so üblich war, liefen die Zuschauer auf den Platz. Ich dachte bei mir, oh weia, die werden wütend sein und uns beschimpfen, und einige kamen auch prompt auf mich zugelaufen. Doch zu meinem Erstaunen gab es keine Kloppe, sondern Schulterklopfen. Sie wirkten sehr angetan. Ich war wirklich überrascht. Ein Junge zupfte mich voller Hochachtung am Trikot und fragte: „Sag mal, wer seid ihr?“ Ich antwortete: „Wir sind HEBC“, und er sagte: „Das habe ich ja noch nie gehört. Wo ist das?“ Tja, und dann antwortete ich, und es schwang ein wenig Stolz mit: „Na, was denkst du denn? In Eimsbüttel natürlich.“ Und er: „Ach….Einbüddel.“ Ja, das war es. Hamburger Schmuddelwetter und ein wenig Underdogtum, genau nach meinem Geschmack. Das ist es, was Fußball ausmacht.

Ich brauche wohl nicht weiter zu beschreiben, wie ich mich fühlte auf dem Rückweg zur Umkleide. Erst viel später wurde mir klar, dass ICH es war, der dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt hatte. Ich hatte es geschafft, die ganze Mannschaft durch meinen eigenen Einsatz anzustecken und mitzureißen. Ja, es ist möglich, dass man so etwas schafft. Es liegt nur am eigenen Willen. Hätte ich es nicht selbst erlebt, und dieses Erlebnis war körperlich fühlbar, so würde mir etwas ganz Wichtiges fehlen in meinem Leben. Mir war klar und bewusst, dass ich etwas ganz Besonderes geleistet hatte, etwas, das ich vorher noch nie gemacht hatte. Ich hatte Verantwortung übernommen, und es meinen Mitspielern vorgelebt, wie man es machen muss, es war der unbändige Wille, gehärtet durch den undurchdringlichen Beton einer Bunkerwand in Eimsbüttel und eines neuen, eigenen Lederballs mit passenden Buffern. Gott, war das schön. Ja, ich wusste, na klar, es hatte auch etwas mit meinem wochenlangen alleinigem Schusstraining zu tun, dass ich plötzlich so gut war.

All die Gedanken gingen mir auf der Rückfahrt durch den Kopf. Die BU Fans hatten das gespürt, so hatte ihre Mannschaft bestimmt noch nicht gespielt. Dieses Hochgefühl hielt die ganze Zeit an, und als ich Christuskirche ausstieg war mein erster Weg hin zum Bunker. Da stand er nach wie vor, stark und unbezwingbar, mein Bunker. Ich fühlte, dass ich unbedingt zu ihm hingehen musste, mich an ihn lehnen, mein nasses Gesicht an seine raue Betonwand drücken, und ihn meine Tränen der Freude spüren lassen musste. Ich war glücklich und stolz auf ihn – auf mich. Fast verschämt flüsterte ich ein leises: „Danke Bunker, danke für ALLES.“

Falls also irgendjemand, der diese Geschichte gelesen hat, sich an einen kleinen, regendurchtränkten Jungen an einem trüben Sonntagmittag zurückerinnert, der weinend, aber glücklich, an einer Bunkerwand am Weidenstieg in Eimsbüttel gelehnt stand, dann war ich das. Und ich hatte allen Grund dazu.

Bernd Arens, im Dezember 2010

17.04 Uhr