Tagesarchiv für den 27. Dezember 2010

Armin Veh: “Ich bleibe – keine Frage!”

27. Dezember 2010

Armin Veh lebt. Er hat sich gemeldet. Aus seinem Winterquartier in der Heimat Augsburg. Nachdem sowohl meine Kollegen als auch ich ihn tagelang versucht hatten zu erreichen, hat er mitgeteilt, dass er die Gerüchte um seine Person nicht verstehen kann und selbstverständlich nicht hinschmeißen würde. Zuerst in der Mopo. Woraufhin ich ihn angerufen habe. Er wirkte locker und entspannt. Und – er ist rangegangen. Er hat mir in unseren knapp zehn Minuten quasi mit jedem Satz gesagt: Herr Matz, Sie werden auf dem Tisch tanzen müssen . . .

Und Leute, das mache ich. Versprochen ist versprochen. Ich mache es sogar sehr gern. Denn wenn ich Armin Vehs Aussagen so nehme, wie sie klangen, dann bleibt er tatsächlich. Dann hätten sich meine Informanten geirrt, und ich natürlich vor allem, denn ich bin ja sehr, sehr weit vorgeprescht. Nun ja, in diesem Falle, das kann ich nur immer noch einmal betonen, würde ich ich sogar gerne irren, denn ich bin, das sind keine hohlen Phrasen, von dem Trainer Veh überzeugt. Der HSV-Coach dementierte auch meine erste Annahme, er müsse das alles ja aus arbeitsrechtlichen Gründen so sagen, um seine etwaige Abfindung nicht zu gefährden. Und er ist glaubhaft. „Glauben Sie mir, ich werde nicht hinschmeißen. Und ich weiß auch nicht, wer auf diese Idee gekommen ist. Denn Fakt ist, dass ich am 1. Januar in Hamburg sein werde und am 2. Januar mit der Mannschaft nach Dubai fliege.“

So weit so gut. Armin Veh bleibt also. Sagt er selbst. Trotzdem ist und bleibt der Profi-Fußball ein Geschäft, in dem Bekenntnisse oft mit einer äußerst geringe Halbwertzeit behaftet sind. Und diese Woche ist noch lange nicht rum. Noch ist alles möglich, denn im Gegensatz zu Vehs Klarstellung halten sich die Gerüchte um seine Demission. Sogar sehr hartnäckig. Zuletzt wurden Namen wie Christoph Daum immer intensiver gehandelt. Ein Name allerdings, der in mir den Wunsch nach einer vorzeitigen Pensionierung ganz verstärkt hervorrufen würde. Aber auch der Name Martin Jol, von dem ich weiß, dass der HSV vor der Saison mit ihm als neuen HSV-Trainer verhandelt hatte, wird immer wieder genannt. Auch er wäre bei mir höchst willkommen, das sage ich nur noch einmal und zu gerne. Ich rudere in diesem Falle auch nicht zurück, ich bin Jol-Fan. Und ich habe hier oft genug geschrieben, wie seine Abwechslung in Hamburg einst geschah. Ich werde es nicht wiedreholen, ich bin es leid, aber diejenigen, die meinen, dass Martin Jol einfach so mir nichts dir nichts gegangen ist, liegen falsch! Alles nachzulesen. Ich hoffe, dass diejenigen, die Jol da immer noch falsch verdächtigen, sich auch tatsächlich einmal die Zeit nehmen, um es zu lesen. Und auch die Aussagen, er wolle diese und jenes Gehalt, dazu Beiersdorfers Job – alles falsch. So weit waren die Verhandlungen noch gar nicht gediehen, es gab überhaupt noch keine Verhandlungen. Mehr aber möchte ich zu diesem Thema nun nicht mehr schreiben. Und Ende.

Zurück zur heutigen Trainer-Situation: Armin Veh will von einem vorzeitigen Abgang aus Hamburg absolut nichts wissen. Im Gegenteil. „Wir werden uns im Januar hinsetzen und über nötige Veränderungen sprechen“, hat Veh mir an diesem Nachmittag gesagt. Es sei ein natürlicher Vorgang, wenn nicht alles optimal läuft, dass sich über Veränderungen ausgetauscht würde. Dass er selbst vor einigen Wochen den 2. Januar als Termin für eine definitive Entscheidung festgelegt hatte – auch davon will Veh so nichts wissen. Er habe den zweiten Januar lediglich als grobe terminliche Richtung verstanden wissen wollen. „Wir werden den Januar nutzen, um uns intensiv auszutauschen und zu einer gemeinsamen Entscheidung zu kommen“, sagt Veh und betont, dass er von Müdigkeit bei sich nichts erkannt haben will. „Überhaupt nicht“, so Veh, „ich mache das jetzt seit 20 Jahren und habe nicht vor, aufzuhören. Ich werde definitiv nichts hinschmeißen, ganz im Gegenteil. Ich habe Spaß an meiner Arbeit. Ich habe ja auch nicht umsonst gesagt, dass der HSV meine letzte Station als Trainer in der Bundesliga ist.“

Aber im Affekt vielleicht? „Nein“, beteuert Veh, „ich sage so etwas nicht im Affekt. Ich weiß genau, warum ich das gesagt habe.“ Warum? „Weil ich damit klarmachen wollte, welche Wertschätzung ich dem HSV entgegenbringe. Ich weiß nämlich, dass die Bundesliga gerade mal 18 richtig begehrte Plätze für meinen Beruf zur Verfügung stellt. Davon sind überhaupt nur ganz, ganz wenige in einer ähnlich hohen Kategorie wie der HSV anzusiedeln. Ich wäre also schön dumm, wenn ich so etwas sage in einem Moment, in dem ich mich damit beschäftige, hier alles hinzuschmeißen.“ Ob er denn vom Vorstand Tendenzen empfangen habe, dass man dort mit seiner Arbeit nicht zufrieden sei? Veh klar: „Nein.“

Demnach hätte ich mich geirrt. Gern täte ich das – habe ich hier ja bereits mehrfach (und auch heute) gesagt. Ich hoffe daher, der jetzige HSV-Coach hat Recht und es geht am Neujahrstag – hier treffen sich Vorstand und Veh das nächste Mal zum Gespräch in Hamburg – um die Analyse und nötige gemeinsame Verbesserungen.

Denn davon gibt es nach wie vor genug. Zuallererst sogar im direkten Miteinander. Denn dieses „Veh-schmeißt-hin“ und jetzige „Ich-gehe-gar-nicht“ ist ganz sicher nicht von mir oder meinen Kollegen erfunden worden. Es stammt von seriösen Personen. Hinter vorgehaltener Hand, selbstverständlich – aber eben klar formuliert. Und es führt zu Unruhen in einer Zeit, die als letzte Hoffnung einer nahezu verkorksten Saison gilt. Genau in dem Moment, in dem sich beim HSV endlich alle wieder auf die Gemeinsamkeit besinnen sollten, weil sie sehen konnten, dass es anders eben nicht funktioniert.

Und das ist nun keine Moralpredigt.

Es wird nur nicht anders funktionieren! Definitiv nicht. Ich fordere hier seit Monaten Harmonie. Vom Team und von dem Team um die Mannschaft herum. Und damit meinte und meine ich nicht, dass sich alle in den Armen liegen und Fehler schönreden sollen. Nein, es sollen nur alle endlich begreifen, dass diese Ego-Trips der letzten knapp zwei Jahre der Grund dafür sind, dass der HSV trotz großer Investitionen und ebenso großer Namen im Kader keine gute Mannschaft darstellt. Statt den Fehler des Nebenmannes anzuprangern sollten endlich alle ihre Luft für wichtige Dinge sparen und mit anpacken. Den Fehler des Nebenmannes wettzumachen und am Ende Erfolg zu haben schürt eine echte, gewachsen und somit gesunde Gemeinschaft. Das muss die Führungsetage dem Trainerteam vorleben. Das muss das Trainerteam der Mannschaft vorleben, damit auch die Individualisten erkennen, dass es nur gemeinsam funktioniert. Es müssen Vorbilder geschaffen werden, für die offensichtlich einfacher gestrickten Menschen, wie sie ebenso ligaweit wie beim HSV verbreitet sind. Nicht umsonst heißt es, „der Fisch fängt am Kopf zu stinken an . . . ”

Was ich damit sagen will ist, dass der Klub die Entscheidung über den Trainer in einer klar formulierten Art fällen muss. Die Entscheidung muss nicht überhastet getroffen werden, aber es muss oder sollte einen Terminplan geben. Einen gemeinsam kommunizierten. Denn selbst wenn wir alle diesen Ablauf so nicht mögen sollten, so würde der HSV nach außen Geschlossenheit demonstrieren. Und allein das ist schon mehr als wir bisher erkennen durften.

Zumal wichtige Entscheidungen auch rund um die Mannschaft anstehen. Ein neuer Innenverteidiger muss gefunden werden. Jetzt, in diesem Winter. Und das sollte einer sein, den der HSV auch über die Saison hinaus behalten kann. Zumindest, wenn sich dieser als echte Verstärkung entpuppt. Hinzu kommt, dass der HSV anfangen muss, seine Umstrukturierung voranzutreiben. Für den Sommer ist immerhin ein „größerer“ Umbruch geplant, wie der Vorstand nicht müde wird zu betonen. Und wie „Umstrukturierung“ und „Umbruch“ schon beinhalten, sind dafür außergewöhnlich viele perspektivische und gravierende Entscheidungen zu treffen. Dafür ist es nötig, dass der HSV den Mann findet, der das ganze Unternehmen sportlich leiten soll, sprich den Trainer. Noch mal einen Kader zu planen und dann den Trainer dazu zu suchen, das wäre fatal.

Deswegen hoffe ich, dass möglichst bald Klarheit darin besteht, wie der HSV weitermacht. Ob mit oder ohne Armin Veh. Alles andere wäre fatal. Fast so schlimm, wie mich auf einem Tisch tanzen zu sehen. Egal in welcher Form . . .

19.50 Uhr