Tagesarchiv für den 23. Dezember 2010

Analyse: Sturm – Guerrero enttäuschend

23. Dezember 2010

Weiter geht es mit der Hinrunden-Analyse. In der heutigen Folge ist der HSV-Angriff an der Reihe. Mit 27 erzielten Treffern liegt die Veh-Truppe oberhalb des Mittelfeldes, (nur) sechs Klubs (Dortmund ist Spitze mit 39) haben mehr Tore erzielt. An den Stürmern des HSV kann es demnach nicht liegen, dass diese Saison bislang so enttäuschend verlief. Hier nun die einzelnen Beurteilungen:

Ruud van Nistelrooy (14 Spiele, 1068 Minuten, 5 Tore): Von einem der auszog, um die Bundesliga auf den Kopf zu stellen. Ein Weltstar in Hamburg, vor einem Jahr, bei der Vorstellung des Niederländers, war hier die Hölle los. Einen solchen Medien-Andrang gab es einst bei der Verpflichtung von Ernst Happel – lang ist es her. „Van the man“ trainierte fleißig, kam nach zweijähriger Pause wieder in Form, schoss Tore – und begeisterte die Stadt und die Liga. Aber er spielte nicht nur, sondern beeindruckte auch als Mensch. Keine Spur von Arroganz, nett, höflich, fast bescheiden – einfach unglaublich. Und wenn van Nistelrooy Stellung zum sportlichen Geschehen bezog, dann gab es von ihm viel Substanzielles zu hören. Ich gebe zu, dass ich wie bei keinem anderen HSV-Spieler in der jüngeren Vergangenheit an seinen Lippen hing. Ja, und Torjäger wollte er in Deutschland werden, Schützenkönig der Bundesliga. Und was ist nun? Ruud van Nistelrooy hing zuletzt „durch“. Kaum noch Emotionen, kaum noch sein oft ansteckendes Lachen, er wirkte „leicht vergrätzt“. Schon im Frühjahr hatte ich mich öffentlich gefragt, ob sich RvN gelegentlich schon desillusionierende die Frage gestellt hat: „Mein Gott, wo bin ich hier nur rein geraten?“ Spätestens jetzt werfe ich diese Frage erneut auf. Im Sommer läuft der Vertrag des 34-jährigen Stürmers aus, ich gehe jetzt davon aus, dass es das dann auch mit Ruud van Nistelrooy in Hamburg gewesen ist. Noch eine weitere, vom Chaos durchzogene Saison, die wird er sich nicht mehr antun.
Was mich schon jetzt allerdings traurig stimmt.

Paolo Guerrero (13 Spiele, 943 Minuten, 2 Tore): Guter Start in diese Spielzeit, dann war „Flasche leer“. Zu Beginn sollte der Peruaner den Spielmacher geben, und er zeigte durchaus gute und viel versprechende Ansätze. Allgemeiner Tenor damals: „Das kann etwas werden.“ Leider wurde nicht bedacht (auch von mir nicht), dass Guerrero immer dann gut ausgesehen hatte, wenn es gegen Dorfmannschaften ging. In der Bundesliga kam dann die Wahrheit ans Tageslicht, und zwar schonungslos: Auf der „Zehn“ ging es nicht (wie von Veh erhofft), und im Angriff ging es auch nur noch bedingt. Zwei magere Törchen sind viel zu wenig. Anspruch und Wirklichkeit klaffen nicht nur bei ihm, aber auch, zu weit auseinander. Der Peruaner spielt mir viel zu körperlos, er geht nicht dorthin wo es wehtut, er arbeitet auch nicht gut für die Defensive (indem er den Gegner beim Spielaufbau stört), er ergibt sich in de Schönspielerei und lässt eigentlich alles vermissen, was er einst schon gezeigt hat (auch in Hamburg), was ihn einst auch zum FC Bayern gebracht hatte. Für mich gehört Paolo Guerrero zu den größten Enttäuschungen dieser Halbserie.

Mladen Petric (9 Spiele, 654 Minuten, 4 Tore): Viele Hamburger, Fans und Experten, sind bei der Suche nach den Gründen für diese bislang miserable Saison auf den Namen des Kroaten gestoßen. Nicht deshalb, weil Petric so krass versagt hat, nein, es geht dabei darum, dass sein Fast-Wechsel zum VfB Stuttgart für die erste große Aufregung beim HSV gesorgt hat. Offenbar sollte der Torjäger „aussortiert“ werden, denn er behauptete damals wie heute: „Ich wollte nicht weg aus Hamburg.“ Was im Umkehrschluss heißt: Der HSV hat ihn beim VfB Stuttgart angeboten. So weit das unglückliche, vielleicht auch höchst peinliche Vorspiel. Fest steht: Petric kam nie auch nur annähernd an seine Bestform heran, er war und ist zweimal schwerer verletzt – und er wirkt auch ob dieser leidigen Vorgeschichte auf mich noch immer „leicht vergrätzt“, ja sogar misstrauisch. Da muss noch unendlich viel passieren, bis dieser Zustand wieder abgestellt ist – wenn es überhaupt noch repariert werden kann. Ich habe da meine Zweifel.

Heung Min Son (7 Spiele, 387 Minuten, 3 Tore): Er kam, spielte und begeisterte. Ganz Hamburg lag im Son-Fieber. Bis er gegen Manchester City kaputt getreten wurde und eine lange Pause einlegen musste. Diese Zwangspause tat ihm nicht gut, denn irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass danach seine Leichtigkeit ein wenig auf der Strecke geblieben ist. Trotz allem: Der Südkoreaner ist nach wie vor das größte Talent des HSV – und zwar seit Jahrzehnten. Er sollte aber dennoch beizeiten geführt und gelenkt werden, damit er sich erstens seine Natürlichkeit bewahrt, und damit er zweitens den Blick für die Gemeinschaft behält. Nach seinen Toren habe ich mir gedacht, dass sein Spiel zuletzt ein wenig egoistischer geworden sei. Zwei Treffer in Hannover, aber als er kurz vor dem Abpfiff nur den Pfosten traf, da standen zwei Mitspieler in der Mitte, und die hätten diesen Ball (nach dem entsprechenden Querpass) mühelos ins Netz gebracht. Mich wunderte es damals, dass es weder im Spiel noch danach irgendwelche Proteste der Mitspieler gab.

Eric-Maxim Choupo-Moting (10 Spiele, 380 Minuten, 2 Tore): Der Nationalspieler Kameruns stand zu Saisonbeginn (ähnlich wie David Jarolim) auf der Abschussliste. „Choupo“ selbst wollte einen Stammplatz – oder freiwillig gehen. Weder das eine noch das andere trat ein, aber er kämpfte sich mit wochenlang guten Trainingsleistungen nicht nur heran, sondern auch ins Team. Da beeindruckte er sogar mich – und ich halte mich für seinen vielleicht größten Kritiker. Seine Leistungen im Training waren aber so auffällig, dass Armin Veh nicht mehr an ihm vorbei konnte. Völlig gerechtfertigt. Dann kam eine Reise zur Nationalmannschaft, dann kam Choupo-Moting mit einer Erkrankung zurück nach Hamburg (ein Hitzeschlag und seine Folgen) – und fortan saß er entweder draußen oder auf der Tribüne. Zuletzt durfte er dann doch wieder ran, aber das war dann wieder der „alte Choupo“: Nichts Halbes und nichts Ganzes. Für mich fehlte (in Mönchengladbach) die rechte Einstellung, da war kein Biss, kein Wille erkennbar, das war nur halbherzig. Und wie ein Fremdkörper. Ganz klar steht für mich fest: So wird das nichts. Jedenfalls nicht beim HSV.

Tunay Torun (2 Spiele, 138 Minuten, 0 Tore): Der Türke drehte wochenlang seine Runden am Rande des Platzes, auf dem die Mannschaft trainierte. Mit dem Trainer aber gab es nie ein Gespräch. Armin Veh sprach erst wieder mit ihm, als er für das Team-Training zur Verfügung stand. Später gab der Coach zu: „Ich kannte ihn nicht, sah ihn immer nur laufen und dachte so bei mir: Mit der Figur wird er es schwer haben im Profi-Fußball. Aber da hatte ich mich getäuscht.“ Denn der türkische U-21-Nationalspieler speckte in diesem Herbst ordentlich ab, ist rank und schlank, wirkt austrainiert – und gefiel in seinem ersten Einsatz (beim 4:2 gegen Stuttgart) mit einer außerordentlichen Fleißleistung. Der 20-Jährige lief wie einst Ivica Olic, dem auch kein Weg zu weit war. Das Gute daran – für den HSV: An dieser Leistung wird sich Tunay Torun nun messen lassen müssen. Er hat es allen deutlich gezeigt, dass er es kann, nun gibt es für ihn nur eines: mehr davon!

So, das waren die Spieler des HSV. Es folgt noch die Analyse des Trainer-Teams, des Vorstandes und des Aufsichtsrates.

Am Heiligabend allerdings gibt es davon noch nichts zu lesen, da steht die Familie (hoffentlich) im Mittelpunkt.
Da ich in den vergangenen Tagen mehrfach danach gefragt worden bin: Ja, ich habe ein paar kleine HSV-Reime zum Feste vorbereitet, es ist eine Art Tradition. Und auch wenn es nicht viele glauben können: Es gibt tatsächlich HSV-Fans, deren Kinder genau diese Verse unter dem Tannenbaum aufsagen – vor der Beschwerung. Deswegen verderbt ihnen nicht den Spaß.
Diejenigen, die darauf getrost verzichten können, möchten und wollen, bitte ich nun schon einmal rechtzeitig um Nachsicht: Macht bitte einen großen Bogen um den Matz-ab-Blog an Heiligabend, und Ihr werdet nichts (über diesen Kinderkram) zu meckern haben.

Ich wünsche allen Matz-abbern schon einmal vorab ein wunderschönes, besinnliches und stressfreies Weihnachtsfest. Und, das möchte ich auf keinen Fall vergessen: Vielen, vielen Dank für Eure Weihnachtspost für mich und für Frau M. Ich bin wirklich gerührt und tief beeindruckt, mit wie viel Mühe und mit welchen großartigen Ideen Ihr diese Post oder auch Mails verfasst und auf den Weg gebracht habt. Danke, danke, danke – Ihr seid einfach hervorragend, klasse, super. Einzigartig!

15.29 Uhr