Tagesarchiv für den 21. Dezember 2010

Analyse: Die Abwehr – nur Rost stark

21. Dezember 2010

Die Diskussionen sind kaum aufzuhalten. Und die Fragen werde ich mir auch immer wieder stellen lassen müssen. Wer wird der Nachfolger von Armin Veh? Wird es Guus Hiddink? Rafael Benitez? Martin Jol? Oder gleich José Mourinho? Dazu nur zwei Dinge: Erstens: Ich empfinde es als respektlos, über die Nachfolge eines Trainers zu sprechen, der in Amt und Würden ist. So hartnäckig sich die Gerüchte über seine Demission auch halten, Armin Veh ist aktuell der Cheftrainer. Niemand sonst. Für mich in der Sache erschwerend kommt hinzu, dass ich Veh als Trainer und auch als Mensch sehr schätze und mich mit meiner Prognose nur zu gern irren würde. Und zweitens: Wenn Armin Veh gehen muss, dann wird sein Nachfolger ganz sicher kein Mann aus der ersten Kategorie. Wie auch? Was hat der HSV 2010/2011 zu bieten, außer den großen Namen in der Mannschaft und zu wenig Leistung auf dem Platz? Wie ist die Perspektive des HSV, der vor der Zerreißprobe steht? Internationaler Fußball ist es nach momentanem Stand und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch kommende Saison nicht. Ist es dann etwa das tolle Gehalt? Nein, das wahrscheinlich sogar am allerwenigsten. Geld hat dieser HSV nicht mehr allzu viel. Zudem müssten Bernd Hoffmann und Co. bei einer Ablösung Vehs noch ein halbes Jahr das Gehalt des Übungsleiters zahlen . . .

Nein, diese Diskussionen sind so spekulativ, dass ich mich daran nicht beteiligen möchte. Ich habe heute versucht, den Trainer zu erreichen. Erfolglos. Leider. Ich habe zudem gehört, dass der Vorstand in Person von Katja Kraus bemüht ist, einen bevorstehenden Trainerwechsel zu dementieren. Mehr seriöse Meldungen zu diesem Thema gibt es derzeit nicht. Und ich werde mich – bei allem Verständnis für Euer gesteigertes Interesse – wirklich erst dann wieder öffentlich zu diesem Thema äußern, wenn ich etwas Neues weiß. Die Betonung liegt hierbei auf „Neues“ und „weiß“. Ich glaube, das ist in unser aller Sinne das Beste und vor allem das, was Ihr von mir mit gutem Recht erwartet.

Erwartet habt Ihr auch, wie vor einem Jahr schon hier erfolgt, ein Halbjahresfazit. Und es kommt. Ab heute werden “Scholle” und ich Tag für Tag die einzelnen Mannschaftsteile sowie das Trainerteam und den Vorstand unter die Lupe nehmen und schriftlich bewerten. Den Anfang machen heute die drei Torhüter samt Abwehrverbund. Die Analyse:

Frank Rost (Bundesligabilanz 2010/2011: 13 Spiele, 1122 Spielminuten, 19 Gegentore): Der Unbequeme. Und mein Notensieger. Im Sommer hieß es noch, er solle mit dem Kauf von Herthas Jaroslav Drobny verdrängt werden, seine Zeit sei abgelaufen. Doch zur Überraschung vieler (auch des Vorstandes) nahm der 37-Jährige den sportlichen Wettkampf mit dem Zugang aus Berlin an. Und er gewann ihn. Überlegen. Schon im Trainingslager in Österreich hatte sich der Kampf um den einen so begehrten Stammplatz entschieden. Mit starken Trainingsleistungen und einem tadellosen internen Auftreten begeisterte Rost nicht nur Trainer Armin Veh. Rost untermauerte seine guten Eindrücke fortan in den Spielen. Kleinere Hänger blieben zwar nicht aus, aber immer wenn Rost in die Kritik geriet, konterte er mit Klasseleistungen. Den absoluten Höhepunkt hatte er am letzten Spieltag der Hinrunde in Mönchengladbach, als er dem HSV mit einer Klasse-Leistung und auch mit profihafter und vorbildlicher Einstellung das letzte Fünkchen Hoffnung auf eine angenehme Winterpause mehrfach rettete. Rost, dem der Vorstand klar signalisiert hat, dass im Sommer für ihn in Hamburg aktiv Schluss sei, empfiehlt sich für einen neuen Vertrag. Und sollte der HSV das nicht richtig einzuschätzen wissen, wird sich ein anderer Erstligist melden. Wetten?

Jaroslav Drobny (5 Bundesligaspiele, 409 Bundesligaminuten, 9 Gegentore): Der Tscheche ist sicher mit anderen Aussichten gelockt worden, als sich in sechs Pflichtspielen 14 Gegentore einzufangen. Der äußerlich ruhige, sympathische und intern gar als Spaßvogel geltende 31-Jährige fällt in den Trainingseinheiten regelmäßig positiv auf, er zeigt im Volkspark reihenweise gute Paraden. Trotz seiner frustrierenden Rolle als Ersatzkeeper lässt er sich nicht hängen. Fußballerisch (technisch) limitiert, überzeugt er auf der Linie. In den Spielen konnte er an den Gegentoren nichts ändern, allerdings ist seine Strafraumbeherrschung ebenso ausbaufähig wie sein verbales Auftreten. Von einem Torwart werden klare, kompromisslose Ansagen gefordert – von ihm kamen sie nicht oder nur zu selten. Trotzdem darf sich Drobny sicher sein, den Titel als beste Nummer zwei der Liga zu haben. Ein frustrierendes Kompliment – aber sinnbildlich für Drobnys Situation in Hamburg.

Tom Mikkel (null Spiele): Der 21-jährige Keeper der U23 komplettiert die beste Abteilung des HSV. Denn obwohl er in der Körperlänge seinen beiden erfahrenen Torwartkollegen um sechs (gegenüber Drobny) und acht Zentimeter (gegenüber Rost) unterlegen ist, wusste auch er im Training meistens zu überzeugen. Insbesondere verbal hat Mikkel im Training – wie auch in den Spielen der U23 – viel gelernt, und das zeigt er auch. Mehr, nämlich die Nummer eins im Bundesliga-Tor zu sein, darf von ihm aber (noch) nicht erwartet werden.

Die Abwehr: Mit 28 Gegentreffern hat der HSV neun Gegentore mehr als zum gleichen Zeitpunkt in der vergangenen Saison. Und das war damals schon schlecht . . . Ein Grund dafür ist, dass die Startelf in 17 Hinrundenspielen 16mal verändert wurde. Diese Zahl sollte sich jeder einmal genau durch den Kopf gehen lassen: 16! So konnte sich das Team nicht einspielen, auch keine Sicherheit finden. Allerdings hat die Abwehr unabhängig davon oftmals die individuell Klasse vermissen lassen. Aber der Reihe nach:

Heiko Westermann (17 Spiele, 1530 Minuten, 1 Tor): Der einzige Zugang, der sich in die Stammelf kämpfen konnte. Allerdings wusste auch er lange Zeit nicht zu überzeugen und fiel mehr durch technische Fehler und schwaches Stellungsspiel denn durch seine neue Führungsrolle als Neu-Kapitän auf. Er selbst sprach von fehlender Eingewöhnungszeit, zumal sich sowohl sein Nebenmann Joris Mathijsen als auch Torwart Frank Rost zwischenzeitlich verletzt abmeldeten. Aber zum Hinrundenende bewies er als zeitweilig zweikampfstärkster Spieler der gesamten Liga, dass er eine Verstärkung werden kann. Von dem 27-Jährigen, dem es in keiner Sekunde an der richtigen Einstellung zum Beruf mangelt, dürfen wir nach der durchwachsenen Hinrunde in der Rückrunde eine weitere Steigerung erwarten. Dringend verbesserungswürdig ist auch sein Abspiel, seine Spieleröffnung.

Joris Mathijsen (12 Spiele, 1080 Minuten, 2 Tore): Der niederländische Nationalspieler liefert regelmäßig Rohkost. Bei ihm weiß man, was er kann und was man nie erwarten darf. Allerdings wirkte selbst die personifizierte Konstanz neben Westermann gelegentlich noch verunsicherter als in der vergangenen Saison. Dass sich „Mister 100 Prozent“ trotz zweier Treffer nach seiner vermeintlich schlechtesten Phase beim HSV in einem Länderspiel verletzte, schwächte den HSV – aber vielleicht ist diese Pause für den Dauerbrenner am Ende noch förderlich und er findet in der Rückrunde zu seiner alten Form der vergangenen Spielzeiten zurück.

Guy Demel (11 Spiele, 935 Minuten, 1 Eigentor): Der streitbare Ivorer ist kaum noch streitbar. Zumindest nicht in dieser Saison, denn: Bislang können die gezeigten Leistungen des Rechts- und zuletzt gar Innenverteidigers nur als enttäuschend bezeichnet werden. Ständig von irgendwelchen Wehwehchen gezeichnet, konnte Demel bislang nicht an die Form anknüpfen, die ihn einst (für mich damals wie heute überraschend!) zum Publikumsliebling machte. Giiiiiiiiiiiiiiiii hat noch einen Vertrag bis 2012. Sollte er es nicht darauf anlegen wollen, schon vorzeitig abgegeben zu werden, muss er sich steigern. Deutlich.

Marcell Jansen (acht Spiele, 697 Minuten, 0 Tore): Der deutsche Nationalspieler ging unfit in die Saison, musste spielen, da Aogo ausfiel. Allerdings offenbarte der gelernte offensive Mittelfeldspieler, dass er nach vorn deutlich effektiver ist. Als Abwehrspieler offenbart er immer mal wieder große Defizite. Dass ein (kleiner) Zehbruch so lange dauern kann, hätten wahrscheinlich selbst die HSV-Ärzte nicht gedacht. Eine genaue Bewertung folgt morgen, wenn ich ihn im Mittelfeld aufführe.

Tomas Rincon (15 Spiele, 839 Minuten, 0 Tore): Der kleine Mann mit dem großen Kämpferherz stagniert in seinen Leistungen. Galt er in der vergangenen Saison noch als großes talent, das seinen Weg maschen wird, so kam in dieser Spielzeit bislang keine Steigerung. Rincon ist zwar Mittelfeldspieler, seine Traum-Position ist die “Sechs”, aber er müsste sich inzwischen doch schon als Verteidiger eingespielt haben – hat er offenbar aber noch immer nicht. Seine beiden großen Schwächen: Er foult zu oft, so dass es oft gefährliche Freistoß-Situationen vor dem HSV-Tor gibt, und zudem findet er offensiv so gut wie überhaupt nicht statt. Spielt Rincon hinten rechts, passiert auf dem Flügel nur von den Vorderleuten etwas, aber niemals von ihm. Daran muss er dringend arbeiten.

Zé Roberto (15 Spiele, 1327 Minute, 0 Tore): Der Brasilianer taucht wie auch Marcell Jansen in zwei Kategorien auf. Weil er sowohl im Mittelfeld (spielen wollte) als auch als Linksverteidiger spielen musste. Letzteres machte er anfangs gut – und ließ dann aber auch schnell nach. Zuletzt musste der HSV-Oldie als Risikofaktor angesehen werden. Er spielte so schwach, dass selbst er (als unauswechselbar geltend) von Armin Veh vom Platz hätte genommen werden müssen. Dies geschah auch – allerdings erst, als er wieder ins Mittelfeld gewechselt war. Dass Ze Roberto über die Hinrunde und über sich selbst enttäuscht ist, werte ich als gutes Zeichen, denn was er tatsächlich immer noch kann, wissen wir alle. Hoffentlich zeigt er das in der Rückrunde auch wieder.

Muhamed Besic (3 Spiele, 191 Minuten, 0 Tore): Der Youngster gefiel in der Vorbereitung, und er gefiel im täglichen Training. Als er in Hannover erstmals aufgestellt wurde, patzte er in einer ansonsten guten Partie von ihm. Dass er danach nicht weiter aufgestellt wurde, halte ich noch immer für diskutabel. Seiner Entwicklung tat das dennoch keinen Abbruch. Der Internatsbewohner gibt weiter Vollgas, er verlängerte seinen Vertrag und gilt völlig berechtigt als eines der hoffnungsvollsten Talente dieses Klubs. Wenn er sein zweifellos zu schwaches Kopfballspiel verbessert, hat er alle “Zutaten” für einen starken Innenverteidiger, obwohl ihm auf dieser Position sicherlich einige Zentimeter an Körpergröße fehlen.

Collin Benjamin (4 Spiele, 228 Minuten, null Tore) : Der Dienstälteste. In der Hinrunde fast durchgehend verletzt, steht der Namibier vor seiner voraussichtlich letzten Saison beim HSV. Und betrachtet man seine Leistungen gegen Lautern (vier Minuten), in Mainz (45 Minuten) und jeweils 90 Minuten gegen Bayern und Leverkusen, so muss man leider einsehen, dass es für einen Stammplatz nicht mehr ganz reicht. Das höchste Kompliment ist derzeit „solide“, die Tendenz geht aber in Richtung Karriere-Ende. Der einst so freche und unbekümmerte Rechtsfuß hat an Schnelligkeit und Gewandtheit eingebüßt, er hat nach etlichen langen Verletzungspausen (logischerweise) seine Sicherheit verloren. “Collo” der Sympathieträger ist nur noch ein Ergänzungsspieler, und es erscheint eher unwahrscheinlich, dass er diesen Status noch mal verbessern kann. Leider. Denn Spieler mit seiner Einstellung und Loyalität zum HSV gibt es heute kaum noch.

Dennis Aogo (3 Spiele, 256 Minuten, 0 Tore): Der Nationalspieler musste sich den Spätfolgen der WM geschlagen geben. Adduktorenprobleme entpuppten sich als Leistenbruch, das Schambein war entzündet. Die Konsequenz: Aogo fiel bis zum 15. Spieltag aus und galt ob der akuten Probleme über die linke Seite lange Zeit als Heilsbringer. Entsprechend früh wurde er trotz einiger körperlicher Defizite ins kalte Wasser geworfen und konnte nur bedingt überzeugen, obwohl er für seinen (mangelnden) Fitnessstand sicherlich viele (auch mich) überraschte – denn Aogo marschierte über seine Seite doch recht häufg auch mit nach vorne. Seine Leistung wird aber erst in der Rückrunde richtig zu bewerten sein.

Dennis Diekmeier (null Spiele): In der Vorbereitung mit viel Licht, aber genauso viel Schatten. Der Zugang aus Nürnberg ist pfeilschnell, schlägt gute Flanken – aber er machte auch haarsträubende (Stellungs-)Fehler. Dennoch blieb er verletzungsbedingt ohne Bundesligaeinsatz und ist demnach noch nicht endgültig zu bewerten.

Lennard Sowah: der 18-Jährige hat bei Veh überhaupt keine Chance. Der Wunschspieler und Geheimtipp des einst designierten HSV-Sportchefs Urs Siegenthaler überzeugte zuletzt weder im Training noch bei der U23. Setzt man bei ihm den Maßstab der anderen an, ist er ein Fehleinkauf. Sieht man sich aber sein noch sehr junges Alter an, verbietet das wiederum eine solche harte Bewertung. Sowah wird noch Zeit brauchen. Wahrscheinlich mehr als seine jungen Kollegen Heung Min Son, Muhamed Besic oder auch Tunay Torun. Allerdings ist angesichts des durchaus beschränkten fußballerischen und taktischen Verständnisses nicht ausgeschlossen, dass er es nicht schafft – er wirkt im Training auch so, als sein er nicht in diese Gemeinschaft integriert.

Gerrit Pressel und Miroslav Stepanek (beide null Einsätze) nahmen nur sehr unregelmäßig beziehungsweise fast gar nicht am Mannschaftstraining teil, sind daher nicht zu bewerten.

Morgen folgt die Analyse des Mittelfeldes. Und es gibt Antworten auf einige Fragen: Warum wirkt David Jarolim plötzlich wie paralysiert? Wie sollte es mit Piotr Trochowski weitergehen? Und warum ist das Projekt mit Zé Roberto als Defensivspieler gescheitert?

Und ich bin gespannt darauf, wie Eure Analyse ausfällt! Wie Ihr die Torhüter- und die Abwehrleistungen dieser Hinrunde bewertet.

20.10 Uhr