Tagesarchiv für den 20. Dezember 2010

Reinhardt gesteht Fehler ein – muss Veh gehen?

20. Dezember 2010

Er hat seinen Urlaub bereits abgesagt. Dafür ist zu viel zu tun. Das weiß Bastian Reinhardt. Und er sagt es auch. Der HSV-Sportchef verzichtet auf einen Kurztrip nach Mallorca und kümmert sich lieber um den HSV. Durchgehend. „Ich werde schon nicht jeden Tag im Stadion sitzen müssen“, versucht Reinhardt abzuschwächen. Allerdings wird er jeden Tag arbeiten müssen – dann eben von zuhause oder vom Telefon aus. Reinhardt: „Ich weiß, dass ordentlich was vor mir liegt.“

Schließlich sind die Nöte groß. Insbesondere in den sehr zeitaufwendigen weil mit etlichen persönlichen Gesprächen besetzten Bereichen. „Mein Hauptaufgabenfeld wird darin liegen, der Mannschaft, jedem einzelnen Spieler wieder die Sicherheit zu geben, dass ihm vertraut wird. Denn eines ist klar: den Spielern fehlt es sicher nicht an der individuellen Qualität.“ Nein, dafür aber an der Qualität, im Kollektiv zu denken und zu arbeiten. Oder? „Darum wird es gehen. Wir müssen wieder zusehen, dass wir enger zusammenrücken und uns nicht in der ersten schwierigen Phase auseinanderdividieren lassen. Wenn du als Spieler immer und von überall hörst, wie schlecht du bist, dann kostet das Kraft. Aber die Mannschaft ist die Speerspitze des Vereins – alles hängt davon ab. Das müssen wir uns gemeinsam wieder ins Gedächtnis rufen.“

Womit sich Reinhardt auch selbst in die Kritik nimmt. „Ich bin ganz ehrlich: wir müssen uns mehr vor die Mannschaft stellen, Probleme intern besprechen und nach außen geschlossener auftreten. Auch und gerade ich muss den einen der anderen da mehr schützen. Wir müssen Vertrauen und vor allem Stabilität vorleben. Das wird die Hauptaufgabe sein für die nächsten Wochen. Nein, die nächsten Monate“, so Reinhardt, der nachlegt, „das gilt sogar für die nächsten Jahre.“ Zuletzt habe er sich über sich selbst geärgert, als er Frank Rost (für das Zauberlehrling-Zitat) und Zé Roberto öffentlich kritisiert hatte. „Ich habe da leider ins gleiche Horn gestoßen. Ich habe es in dem Moment auch so gedacht und für richtig befunden. Aber ich habe die Tage danach darüber nachgedacht und gemerkt, dass es nicht richtig war. Nicht so. Ich werde immer etwas sagen müssen – aber zuerst intern. Das verlangen wir von den Spielern – das müssen wir auch von uns verlangen.“

Reinhardt spricht aus, was Spieler seit Wochen, teilweise schon seit Jahren beim HSV bemängeln. Ruud van Nistelrooy hatte sich intern laut darüber beschwert, dass die Lobeshymnen auf die jungen Spieler sowie der damit inflationär geforderte Umbruch innerhalb der Mannschaft abträglich seien. Schließlich suggerierte man damit, dass die Älteren nicht mehr in der Lage seien, ihre Qualität abzurufen. Zudem hört Reinhardt auf mahnende Worte einiger Spieler, die zwischen Klubvorstand und Mannschaft eine zu große Distanz wähnen. Reinhardt stimmt sogar Uwe Seeler zu, der schon zu Saisonbeginn anmahnte, dass in diesem Klub zu wenig Harmonie herrscht, um Erfolg zu haben. Und Reinhardt scheint sich der Tragweite und der Zeitintensität bewusst zu sein. „Es wird sicher viele Gespräche mit den Spielern geben. Wir müssen aufhören, dass ‚die Mannschaft verliert’ aber ‚wir gewinnen’. Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“ Und gerade hier habe der HSV mehr Nachholbedarf als in den letzten Jahren. „Eindeutig“, so Reinhardt, „deshalb werde ich den Austausch zwischen allen Beteiligten in den nächsten Wochen und Monaten stark forcieren.“

Geschehen ist dies schon mit Zé Roberto. Der Brasilianer hat auch Reinhardt gegenüber bekräftigt, seinen Vertrag bis Saisonende einzuhalten. Der Brasilianer hatte zuletzt mit einem Wechsel im Winter kokettiert, dies aber nach einem Gespräch mit Reinhardt öffentlich dementiert. „Zé war mit sich selbst nicht immer zufrieden, dazu kam die Kritik. Die war teilweise berechtigt, hat ihn allerdings auch in seiner Ehre getroffen. Trotzdem hat er hat mir auch klar gesagt, dass er sich so nicht verabschieden will und seinen Vertrag erfüllt.“

Einen Abschied mag Reinhardt trotz diverser Gerüchte auch bei Eljero Elia nicht erkennen. „Ich habe nichts von ihm bekommen, ich werde diesbezüglich auch nicht proaktiv auf ihn zugehen.“ Wobei man erwähnen muss, dass Elia zwei Berater hat, die nicht wirklich daran interessiert zu sein scheinen, dass sich ihr Schützling zuallererst mit Leistung empfiehlt. Vielmehr sollen sie dem Niederländer, der ob seiner jugendlichen Unvernunft dafür immer zugänglich ist, den einen oder anderen Floh ins Ohr gesetzt haben. Und so reicht bei Elia die kleinste Unstimmigkeit, um sofort den Wechselwunsch laut werden zu lassen. „Eljero ist für sich selbst verantwortlich, ganz klar“, sagt Reinhardt, „aber er braucht für seine Entwicklung auch ein stabiles Umfeld.“ Ein stabileres als es ihm seine Berater Frank Schouten und Klaus Vink bieten können (wollen)? „Wir werden unseren Teil dazu beitragen“, umgeht Reinhardt eine Anklage mit der Forderung an sich selbst.

Gefordert werden auch Verstärkungen. Von Armin Veh. Für die schwach besetzte Innenverteidigung. Erwartet wird allerdings auch eine schnelle Rückkehr von Joris Mathijsen. „Er macht gute Fortschritte“, sagt Reinhardt, „gut möglich, dass er schon bald wieder dabei ist.“ Selbst eine Rückkehr bis Rückrundenbeginn mochte Reinhardt nicht mehr ausschließen. Zudem wird Dennis Diekmeier zurückerwartet, was allerdings den Gerüchten keinen Abbruch tut, dass auf der Position des Rechtsverteidigers noch nachgebessert werden könnte, „sofern es wirtschaftlich und sportlich Sinn macht.“ Klar, Wie immer eben.

Ebenfalls nichts Konkretes sagen kann und will Reinhardt zum Thema Armin Veh. Denn während der HSV-Trainer wiederholt betont hat, dass es noch vor dem Winterauftakt am 2. Januar eine Entscheidung über seinen Verbleib in Hamburg geben wird, konnte sich der Sportchef dem nicht anschließen. „Alles kann passieren, aber nichts muss“, so Reinhardt, der nicht ausschließen will, dass die Gespräche, die am Sonnabend ihren Auftakt hatten, noch länger dauern. „Wir haben keine Zeitnot.“ Obwohl Veh klar den 2. Januar als Deadline vorgegeben hat? „Ja.“ Offensichtlich ist sich die Klubführung diesbezüglich nicht einig mit seinem Cheftrainer. Zudem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Verein nicht nur den Vertrag nicht verlängern, sondern selbigen schon im Winter auflösen will.

Klar scheint allerdings, dass Veh nicht Trainer bleibt, wenn er sich frühzeitig für ein Ende im Sommer entscheiden sollte. Das war einst bei Huub Stevens der Fall. Damals noch mit Bastian Reinhardt als Spieler. Und der hat keine guten Erinnerungen an ein solches Szenario. Damals verlor selbst der so autoritäre Huub Stevens an interner Wirkungskraft. „Ich will nicht alles mit seiner frühzeitigen Ankündigung in Zusammenhang stellen“, so Reinhardt, „aber wir haben in der Rückrunde schon den einen oder anderen Punkt überraschend liegenlassen. Es ist sicher nicht immer förderlich, wenn frühzeitig die Trennung von einem Trainer bekannt wird und der anschließend noch die Saison beendet.“ Und wenn ich alle meine Informationen summiere und ganz ehrlich bin, dann scheint es mir am wahrscheinlichsten, dass Veh – von dem ich nach wie vor überzeugt bin, dass er ein guter Trainer ist – nicht der Trainer sein wird, der die Mannschaft in die Rückrunde führen wird.

Sicher bin ich mir allerdings, dass Reinhardt seine Position findet. Muss er allerdings auch. Der ehemalige Verteidiger ist mit einem guten Gespür für Stimmungen und Strömungen ausgestattet. Deshalb wird auch ihm nicht entgangen sein, dass sich innerhalb seines näheren Umfeldes im Klub einige hinter seinem Rücken sogar bereits für einen neuen Sportchef und damit logischerweise auch gegen ihn aussprechen. Und das, obwohl Reinhardt in dieser Winterpause eigentlich das erste Mal wirklich die Verantwortung trägt. Erstmals wird er Entscheidungen treffen müssen, an denen er sich messen lassen muss. Im Sommer waren die Verträge von Vorstandsboss Bernd Hoffmann bereits weitgehend ausgehandelt, die Zugänge in Zusammenarbeit mit dem einstigen Trainer Bruno Labbadia festgezurrt. „Jetzt bin ich dran“, sagt Reinhardt, wissend, dass die Aufgab schwer wird, da deutlich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen als noch im Sommer. Oder dem Sommer davor. „Wir werden mit heißerer Nadel stricken müssen“, sagt Reinhardt, „jetzt im Winter aber wohl auch im Sommer.“

Reinhardt ist voller Tatendrang. Er hat Ideen, wie das Mannschaftsklima verbessert, die Spieler wieder an ihr Leistungslimit herangeführt werden können. Er spürt aber auch, dass er sich offensiver verkaufen muss. Er bekommt schon die Vorläufer der voraussichtlich sehr hitzigen Jahreshauptversammlung am 9. Januar mit. Reinhardt hat erkannt, dass sich alle Offiziellen langsam postieren, jeder egoistisch dem Selbsterhalt dient. Und auch wenn er selbst nicht politisieren will, so weiß er doch, dass er sich seine Position erarbeiten muss. Eine stärkere Position. „Ich bin sportlich verantwortlich“, sagt er, und es klingt, als sei er davon auch überzeugt, „das ist intern klar, aber öffentlich vielleicht noch nicht ausreichend kommuniziert worden. Das muss ich artikulieren. Und das muss ich vorleben.“ Unabhängig von den Gerüchten, den (zu) vielen Lobbyisten im Klub und der schlechten Stimmung in und um die Mannschaft herum will Reinhardt an dem internen Miteinander massiv arbeiten. Dafür will er sogar den als sehr strikt geltenden Vorstandsboss Bernd Hoffmann ins Gebet nehmen. „Nicht nur bei mir oder Herrn Hoffmann“, so Reinhardt fast mahnend, „ich werde es bei allen wieder ins Gewissen rufen. Auch bei uns im Vorstand. Ich kann doch nur verlangen, was ich von mir selbst erwarte.“

Und auch wenn Reinhardt ein Novize in seinem Geschäft ist, so bin ich davon überzeugt, dass er den richtigen Ansatz gefunden hat. Ob er es schafft, diese Mannschaft mit diesem Vereinsumfeld zusammenzuführen und wieder ein Wir-Gefühl zu erzeugen, lasse ich offen. Das erscheint mir in der jetzigen Situation ohne personelle Einschnitte (das gilt für Mannschaft und im Umfeld gleichermaßen) schwer durchsetzbar. Aber es ist die einzige Möglichkeit. Und Reinhardt macht vor, wozu sich keiner zu schade sein darf, was nötig sein wird, um Verbesserungen zu erreichen: er sieht Fehler ein.

In diesem Sinne: Nur der HSV.

19.42 Uhr