Tagesarchiv für den 18. Dezember 2010

Startet Reinhardt das große Aufräumen?

18. Dezember 2010

Mein Appell ist verhallt. Glaube ich. Denn wie ich gehört habe, ist das für heute geplante Treffen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat abgesagt worden. Obwohl, wirklich geplant soll das klärende Gespräch ja auch gar nicht gewesen sein, wie plötzlich alle bemüht sind, zu betonen. Das Treffen soll demnach nur als Option im Falle einer Niederlage in Gladbach „locker angedacht“ gewesen sein. Nun ja. Wozu auch? Wir sind ja immerhin Neunter. Vor Werder Bremen, die mal wieder verloren haben. Auch vor Wolfsburg, die gerade noch ihren Trainer Steve McClaren in der 90. Minute per Ausgleichstreffer gegen Hoffenheim retten konnten (ein Remis, das auch gut für den HSV ist). Und wir sind immerhin noch weit vor unserem Ortsnachbarn FC St. Pauli – das ist doch was…

Aber im Ernst. Dass die Runde nach einem Sieg beim Tabellenletzten abgesagt wurde, das mag jeder für sich beurteilen. Aber Gesprächsbedarf haben die Verantwortlichen um Klubboss Bernd Hoffmann dennoch, und dafür nutzen sie das Wochenende, wie ich gehört habe. Gut so. Mal sehen, ob sie auch die richtigen Schlüsse ziehen, beziehungsweise: mal sehen, ob sie die richtigen Baustellen erkennen und angehen.
Ich werde heute mal ein paar Vorschläge machen. Im Grunde führe ich dabei nur das etwas epischer aus, was Frank Rost gestern nach dem Spiel bereits zum Besten gab. Deshalb hier noch mal (wie von einigen von Euch gewünscht) das gesamte Interview auf Sky. Ich habe die Fragen des Reporters etwas zusammengefasst, der Rest ist Wortlaut:

Sky: Wie haben Sie insbesondere die erste Halbzeit gesehen aus Sicht des HSV?
Frank Rost: Man hat gesehen, glaube ich, dass die Mannschaft wollte aber doch schon ein bisschen Verunsicherung da ist – aufgrund der ganzen Situation, die so entstanden ist. Und trotzdem, so einen Sieg braucht man auch mal. Um einfach wieder Kraft zu sammeln für die Rückrunde. Mit allen Schwierigkeiten. Ich denke, heute haben wir das gemacht und verdient gewinnen.

Sky: Es gab Turbulenzen außerhalb des Vereins. Glauben Sie, dass es durch diesen Sieg etwas ruhiger wird?
Rost: Ich wünsche mir, dass wir uns kritisch auseinandersetzen, aber intern. Das müssen wir beibehalten, wenn wir besser werden wollen. Da müssen wir uns den Dingen auch annehmen und nicht beleidigt sein, wenn mal irgendwie was gesagt ist. Aber sie haben gesehen, dass dann Leute angesprochen werden mit Namen und Adresse und wirklich bloßgestellt werden.

Sky: Wen meinen Sie jetzt?
Rost: Das ist ja wurscht. Es sind ja genug Namen gefallen. Das ist schade. Wenn man Basti sieht, wie der hingestellt wird. Der Junge ist ganz neu im Geschäft, der gibt alles für den HSV und hat sich immer den Arsch aufgerissen. Das macht er auch jetzt.

Sky: Sie meinen die Kritik aus dem Aufsichtsrat?
Rost: Das müssen wir vermeiden, wir sind alle HSVer – und dann müssen wir uns nicht noch kaputtmachen. Wir können uns intern kritisch Dinge an den Kopp hauen, das müssen wir ertragen. Und alles andere bringt uns nicht nach vorn. Wir müssen an uns arbeiten und ich hoffe, dass wir näher zusammenrücken und bei allen Schwierigkeiten eine bessere Rückrunde spielen.

Sky: Klären Sie uns noch mal auf, Sie haben den Zauberlehrling zitiert. War das wirklich in Anlehnung an Goethe gedacht? Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so belesen sind, bei allem Respekt…
Rost: Das ist Schulliteratur. Bei uns konnte man sich aussuchen, ob man den Zauberlehrling lernt oder den Handschuh. Ich hab den Handschuh gelernt, aber den Zauberlehrling kenne ich trotzdem.

Sky: Wer ist denn der Zauberlehrling gewesen, den Sie meinten letzte Woche?
Rost: Das ist so der Vergleich, da bringt ja jemand immer mehr Wasser, Wasser – und man kann es nicht mehr aufhalten. Das ist so der Grundtenor. Und so war es gegen Leverkusen, dass wir uns in eine Situation gebracht haben, die wir ALLE mit dem HSV verursacht haben und die wir schnellstens wieder auf die richtige Bahn schieben müssen. Alle gemeinsam. Vom Präsidenten angefangen über den Aufsichtsrat bis hin zu den Spielern. Und ich würde mir wünschen, dass wir intern kritisch miteinander umgehen, und wie heute einer für den anderen die Wege machen, dann wird es auch laufen.

Wahre Worte, gute Worte. Aber ob es dann auch wirklich alles automatisch laufen würde, wie Rost schlussfolgert? Ich glaube nicht. Denn dafür sind zu viele Verhältnisse kaputt. Und dafür bringt die Jahreshauptversammlung im Januar zu viel Wahlkampf mit sich, der (leider wäre das für diesen HSV nur typisch) noch viel schmutzige Wäsche ans Tageslicht bringen wird. Intern habe es zwischen Vorstand und Trainerteam auch in der vergangenen Woche beim HSV keine Probleme gegeben. Sagte Armin Veh gestern nach dem Spiel. Das glaube ich ihm auch. Aber auch der erfahrene HSV-Coach weiß, was die Uhr geschlagen hat und dass weitere Unruhen drohen. „Normal“, so Veh, „wenn der Erfolg ausbleibt, meldet sich immer jemand zu Wort.“ Dass er selbst mit den Vorwürfen des Aufsichtsrates Peter Beckers gen Bastian Reinhardt nicht einverstanden sei, wollte er nicht öffentlich kommentieren. Aber es war ihm anzusehen, dass er so denkt.

Klar geäußert hat sich der Trainer indes zu seiner persönlichen Situation. Sportlich wie perspektivisch. „Es gibt keine Mannschaft, die so viele Verletzte hat wie wir“, sagte Veh gestern und forderte Verstärkungen für die Abwehr: „Wir brauchen noch einen Innenverteidiger.“ Und wenn ich meinen Informationen trauen darf, soll dieser schon sehr bald, noch vor der Wintervorbereitung in Hamburg präsentiert werden.

Ebenfalls vor Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes soll Vehs Zukunft als HSV-Trainer geklärt sein. „Wir werden darüber noch vor dem 2. Januar sprechen“, kündigte Veh gestern an. Gut möglich, dass dies sogar schon an diesem Wochenende passiert. Und zwar mit offenem Ausgang, wie auch Veh betonte. Er sei zwar alles andere als amtsmüde, aber „wenn man das 20 Jahre gemacht hat, dann kommt irgendwann der Moment, wo man aufhört“. Somit sei er grundsätzlich im Klaren darüber, nicht ewig Bundesligatrainer zu bleiben. Allerdings, und das betonte Veh zugleich, sei er in Hamburg noch nicht am Ende. Im Gegenteil. „Wenn wir in der Rückrunde wieder komplett sind, ist alles wieder drin.“ Auch die Champions League? „Nein“, so Veh realistisch, „uns darf es im Moment maximal um die Europa League gehen, um Platz fünf.“

Auf dem Weg dahin müssen aber etliche Baustellen abgearbeitet werden. Eine war zuletzt der gekränkte Zé Roberto. Dem Brasilianer wurden die schwachen Leistungen als Linksverteidiger sowie der üble Auftritt gegen Leverkusen angelastet. Intern wie extern. Das gefiel dem HSV-Oldie nicht. Zudem erkrankte er direkt im Anschluss an seine Auswechslung (das steht für mich nicht im Zusammenhang) und fehlte gegen Gladbach. Er fehlte und der HSV gewann. Woraufhin (auch hier im Blog) Stimmen laut wurden, der Brasilianer sei eh zu alt und absolut verzichtbar. Eine These, die ich nur bedingt teile.

Denn, und diese Diskussion wurde schon ermüdend oft geführt, wenn sich der HSV einen Spieler wie Zé Roberto holt, muss er mit den Konsequenzen vertraut sein. Es war von vornherein klar, dass Zé mit seinen 36 Jahren einen eigenen Trainingsplan hat. Zumal er unbestritten zu den fittesten aller HSV-Spieler gehört. Es war auch klar, dass Zé Roberto ein sehr stolzer Spieler ist, einer, der Unterstützung und das komplette Vertrauen des Trainers braucht. Nichts ist schlimmer für ihn, als öffentlich in Frage gestellt zu werden. Das führte bei Bruno Labbadia zum offenen Streit, und das könnte jetzt zur Trennung führen. Ob Zé Roberto abgegeben wird? Veh überlegt und zögert, ehe er ausweichend antwortet: „Es ist nicht angedacht, dass wir noch einen Spieler abgeben.“ Eine Antwort, die genauso lange gültig ist, wie es dauert, sie auszusprechen. Einzig Zé Roberto selbst ließ heute via HSV-Homepage (www.hsv.de) klar verlauten, dass er seinen Vertrag in Hamburg erfüllen wolle und im Januar mit ins Trainingslager reisen würde.

Klar ist aber, es muss etwas passieren. Den Kader so belassen und auf die Rückkehrer zu hoffen wäre fahrlässig. Dafür hat diese Mannschaft in der Hinrunde zu oft zu deutlich gemacht, dass sie nicht funktioniert. Da wurden in der Krise Spieler wie Mladen Petric, David Jarolim und auch Frank Rost zu Heilsbringern erkoren. Drei Spieler, die der HSV-Vorstand in der Sommerpause noch bereit war, an andere Vereine abzugeben. Da wurden junge Spieler wie Heung Min Son, Muhamed Besic und Tunay Torun als Beginn eines notwendigen Umbruchs gefeiert und somit die Altgranden wie Zé Roberto und Ruud van Nistelrooy (nach zweifellos sehr durchwachsenen Leistungen) abgewatscht. Und dann sollten die Alten zuletzt gegen Leverkusen doch wieder die Kohlen aus dem Feuer holen sollten. All das kann nicht funktionieren. Armin Veh wäre gut beraten, sich die Spieler, denen er vertraut, genau auszusuchen und an ihnen länger festzuhalten. Was sonst bleibt ihm? Nichts! Was natürlich bedeutet, dass er scheitern wird, sofern die Mannschaft (weiterhin so) scheitert.

Nicht vergessen möchte ich hierbei aber auch die Rolle der Vereinsführung. Dieses ständige „wir gewinnen“ und „die Mannschaft hat verloren“ ist der Anfang vom Ende. Das ist eines der Übel, die diese Hinrunde so schlecht haben aussehen lassen. Im Aufsichtsrat bin ich über derart dilettantisches Verhalten gar nicht mehr verwundert, da sitzt einfach zu wenig Fußballsachverstand. Aber dem Vorstand darf das nicht passieren. Immer auf die Mannschaft einzudreschen, das ist kein probates Mittel. Öffentliche Kritik wird nur dann akzeptiert, wenn sie vorher intern geäußert wurde. Und während sich Bernd Hoffmann angeblich ob der Kritik, er würde sich zu sehr ins Sportliche einmischen, plötzlich fast komplett zurückgezogen hat, soll auch Bastian Reinhardt eine nicht immer glückliche Figur abgeben. Zuletzt war es der Mannschaft übel aufgestoßen, dass der Sportchef-Novize lieber einen Spatenstich für einen Neubau vornahm, als an der Mannschaftssitzung nach dem bitteren 2:4 gegen Leverkusen teilzunehmen. Besser, bzw. schlimmer noch: Reinhardt soll bislang an noch keiner Sitzung teilgenommen haben, weshalb ihm einige Spieler mangelnden Einblick ins Mannschaftsgeschehen vorwerfen.

Dabei bin ich mir sicher, dass Reinhardt genau diese Rolle gut einnehmen kann. Basti zählt definitiv zu den hellen Köpfen, zu denjenigen, die Strömungen in einer Mannschaft erkennen können und sich über alles und jeden ausreichend Gedanken machen. Deshalb hoffe ich, dass er das auch jetzt erkennt, denn genau darin lag die große Stärke eines Dietmar Beiersdorfers. Der ehemalige Sportchef äußerte sich weniger öffentlich als intern. Das brachte ihm öffentlich nicht den besten Ruf ein, dafür wurde er aber intern geachtet. Und er war nah dran. Nah an den Problemen, die es zu beheben galt. Deshalb hoffe ich, dass Reinhardts gestriger Kuschelkurs nach Spielschluss ein Anfang ist. Da sprach er davon, dass er stolz auf diese Mannschaft sei, „wie sie sich gegen diese Widrigkeiten“ der Vorwoche gewehrt habe. Auch Rosts verteidigende Worte wertete er explizit: „Das bedeutet mir schon sehr viel. Gerade von ihm.“ Vielleicht können wir ja hier schon bald die erste nötige Baustelle zuschütten – und endlich einmal einen ersten Schulterschluss in diesem momentan so zerrüttet wirkenden Verein schließen.

Ein kleiner Anfang wäre es.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

18.02 Uhr