Tagesarchiv für den 17. Dezember 2010

Ein Sieg – und viel Zeit zum Nachdenken

17. Dezember 2010

Ein Sieg, drei Punkte. Und endlich Winterpause. Mit diesem 2:1 durch die Treffer von Elia und Trochowski in der zweiten Halbzeit bei Borussia Mönchengladbach kann der HSV den Anschluss an die internationalen (zumindest die Europa-League-)Plätze halten. Und er kann jetzt endlich anfangen, die etlichen Missstände der Hinrunde aufzuarbeiten. „Ich spreche für mich und weiß es auch von einigen anderen“, hatte mir vorher ein absoluter Führungsspieler gesagt, „wir sind absolut auf, wir haben keine Kraft mehr.“ Ständig würde auf die Mannschaft eingekloppt, dabei nie auf die wahren Missstände hingewiesen, so der aus gegebenem Anlass Unbenannte. „Wir müssen in Gladbach durchmarschieren, egal wie hässlich der Fußball auch wird. Es zählen nur drei Punkte.“

Auch deshalb fand Trainer Armin Veh schon vor dem Spiel klare Worte. Ausreden gab es heute keine. Darauf legte sich Veh trotz der strapaziösen Anreise durch das deutschlandweite Schneechaos schon vor dem Spiel fest. Und trotzdem muss es einen Grund für diese Vorstellung geben, die der HSV beim abgeschlagenen Tabellenletzten ablieferte. Soooo schlecht wie in der ersten Halbzeit kann keine Mannschaft spielen, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gibt. Meine Ahnung habe ich Euch schon mitgeteilt – und mir dafür von dem einen oder anderen HSV-Offiziellen Häme eingehandelt. Aber spätestens jetzt, wo wir die gesamte Hinrunde hinter uns haben, wir analysieren können und müssen, da lege ich mich fest: diese Mannschaft ist tot. In sich. Von außen so nicht wiederzubeleben. Es gilt zu handeln. Auch wenn das beim HSV so keiner sehen will.

Anfangen könnten wir bei Eric Maxim Choupo-Moting. Bei dem Kameruner platzt mir langsam der Kragen. Nicht nur, dass er gegen einen Gladbacher Amateur kaum eine Schnitte sah, er legte sogar gleich zweimal am eigenen Sechzehner quer – auf einen Gladbacher! Was bitte war da los? Wo war Choupo? Noch im Bus? Noch bei der WM? Oder schon weg? Letzteres würde ich sofort absegnen – aber den nimmt so niemand.

Ähnlich begeistert war ich von der Entscheidung, Jonathan Pitroipa (was hätte der anstelle von Choupo-Moting bitte über rechts reißen können?!?) auf der Zehn zu bringen. Da hat sich Veh einer Stärke (mit Pitroipa über rechts) beraubt und zudem eine Position (die Zehn) unterdurchschnittlich besetzt. Und auch wenn jetzt viele sagen, Pitroipa hätte ja das 1:0 vorbereitet – ansonsten fand der Burkinabe nicht statt.

Ebenso wie das Offensivspiel des HSV. Von Veh defensiv eingestellt, brachte es der HSV in der ersten Hälfte auf genau zwei Torschüsse. Ausgerechnet Choupo-Moting gab einen davon ab. Mehr als eine Ecke sprang aber nicht heraus. Im Gegenteil. Ohne Frank Rost hätte es auch 0:2 oder 0:3 stehen können. Weil der HSV über die Außenpositionen katastrophal spielte. Weil der HSV zu viele Fehler im Aufbauspiel produzierte. Und weil der HSV in der Innenverteidigung – wie beim 1:1 – fast kein Kopfballduell gewann. Di Camargo (4.) konnte nur durch Rost gestoppt werden, ebenso wie der Schuss von Marco Reus (8.), den Rost zur Ecke abwehren konnte. Bradley (19. Und 25.) scheiterte gleich doppelt an Rost. Wir mussten schon bis zur 40. Minute warten, bis der HSV das erste Mal so etwas wie Torgefahr versprühte. Gemeint war der harmlose Torschuss von Choupo-Moting. Westermanns Kopfball in der 45. Minute sollte dennoch, trotz dieser mich erschütternden Minusleistung der ersten Hälfte nicht vergessen werden.

Und dann ging es doch. Dachte ich. Es waren keine 60 Sekunden gespielt in der zweiten Halbzeit, da traf Elia nach Vorarbeit von Pitroipa aus zehn Metern zum 1:0. Überraschend. Weniger überraschend war dagegen, was wieder nur eine Minute später passierte. Bradley setzte sich über die rechte Seite des HSV durch, flankte, und in der Mitte deckten Westermann und Aogo nur im Raum. Ein fataler Fehler. Das Ergebnis: Di Camargo kommt frei aus fünf Metern zum Kopfball und markiert das 1:1.

Nun gut. Bis zur 60. Minute passierte nicht viel. Auch danach nicht, werden viele sagen. Aber zumindest sah Veh jetzt ein, dass er mit Choupo über rechts komplett danebengelegen hatte. Ruud van Nistelrooy kam für den Kameruner, der wirkungslose Guerrero rückte auf die zehn, Pitroipa besetzte die Rechtsaußenposition. Zumindest die Aufstellung stimmte also.

Der HSV kam jetzt besser ins Spiel – und lief fast wieder ins offene Messer. Ein Hackentrick und Gladbachs Marx war freigespielt. Wieder war es Rost, der sich mit seinem gesamten (Ober-)Körper dem drohenden Rückstand entgegenwarf und rettete. Eine Rettungstat, die dem HSV wahrscheinlich das gesamte Spiel rettete. Denn statt einem Rückstand hinterherzulaufen war es Piotr Trochowski, der zwei Minuten später mit einem scharf auf den kurzen Pfosten getretenen Freistoß das 2:1 besorgte. Weshalb sich bei dieser Aktion Paolo Guerrero als Torschütze feiern ließ, blieb mir verborgen. Aber vielleicht dachte der Peruaner, sich so einen Treffer mehr auf das Konto schummeln zu können. Woher soll er auch wissen, dass die heutige TV-Generation Bilder aus fast jeder Perspektive liefert und ihn eh überführt…?

Na ja. Nebensächlichkeiten dürfen uns ín der aktuell so schwierigen Situation nicht aufhalten. Zumal der HSV kurz vor und fast die gesamte Spielzeit nach dem 2:1 das Spiel kontrollierte. Selbst die in der ersten Hälfte erschütternd lauf- und zweikampfschwachen Außenverteidiger Rincon und Aogo fanden ins Spiel. Pitroipa sorgte über rechts für Wirbel, während Elia, von dem sich beim HSV viele sehr viel versprochen hatten, aktiver wurde. In der 83. Minute bereitete der Niederländer die Entscheidung vor. Allein Guerrero (am Pfosten) und van Nistelrooy per Nachschuss (an Gladbach-Keeper Heimeroth) verpassten den K.O-Schlag.

Dennoch reichte es. Dank einer vernünftigen zweiten Halbzeit. Und vor allem dank eines alle überragenden Frankl Rost. Was der an Bällen hielt, und wie er sich selbst trotz dilettantischster Fehler seiner Vorderleute verbal zurückhielt – das nötigt mir höchsten Respekt ab. Selbst der zuletzt nicht gut auf Rost zu sprechende Sportchef Bastian Reinhardt lobte den Keeper als „Verlässlichkeit in Person“. So schnell geht es manchmal vom Buhmann zum Helden – wenn man die nötige Leistung abliefert.

Ein Kompliment verdient hat sich auch wieder der zuletzt schwache David Jarolim. Der Tscheche spielte endlich wieder den Ballschlepper, den Vorarbeiter und den defensiven Part, den man von ihm lange gewohnt war. Neben ihm agierte Trochowski oft unauffällig – aber mannschaftsdienlich. Choupo-Moting outete sich, ebenso wie die Viererkette in der ersten Hälfte. Guerrero kann nicht besser als mit ausreichend bewertet werden, während Elia zumindest an den gefährlichsten Aktionen beteiligt war und für etwas Torgefahr sorgte.

„Es war eine vernünftige Reaktion“ fasste Heiko Westermann anschließend zusammen, ehe er sich wie auch Trainer Veh bei Rost als Matchwinner bedankte. Zwei Dinge, die man so stehen lassen kann. Mit einem Sieg in die Winterpause zu gehen gilt als psychologisch sehr wertvoll. Das lasse ich auch so stehen. Es werden auch einige verletzte Spieler in der Rückrunde zurückkehren. „Ein Sieg, drei Punkte. Das haben wir geschafft. Jetzt ist wichtig, dass wir endlich mal etwas Ruhe reinkriegen“, so Westermann. Was er anfügte ist allerdings bezeichnend. „Seit ich hier bin ist es im Verein sehr unruhig.“ Auch Rost, auch nach dem Spiel noch in seiner Retterrolle, wollte den Sieg nicht überbewerten und setzte sich für konstruktive Kritik ein. Und für Bastian Reinhardt. „Was der hier bloßgestellt wird, ist schon un-glaublich. Wir sollten uns überlegen, wo das hinführt. Hier werden immer wieder Leute mit namen und Adresse angeprangert. Das geht nicht. Schließlich sind wir alle HSVer.“

Punkt. Oder besser: drei Punkte und wahre Worte zum Abschluss. Allein ich zweifele, dass es damit getan ist. Denn bei allem Respekt und aller Freude über diesen wichtigen Sieg darf nicht vergessen werden, dass die Mannschaft den Anspruch hat, international zu spielen, leistungsmäßig allerdings nicht besser agiert, als es der Tabellenplatz aussagt. Denn Baustellen gibt es mehr als genug. Im Aufsichtsrat, im Vorstand, im Trainerstab, in der Mannschaft und vor allem im Zusammenwirken aller im HSV. Denn da liegt – das hat schon Uwe Seeler vor der Saison erkannt – ein großes Übel. Vielleicht das Größte. Es fehlt die Harmonie, die den einen für den anderen arbeiten lässt. Das trifft ganz sicher auf die Spieler zu – aber auch andere entscheidende Figuren im Klub dürfen sich hier angesprochen fühlen. Aber mehr dazu in den nächsten Tagen. Heute dürfen wir uns zur Abwechslung mal wieder über einen Sieg freuen.

Das mache ich. In diesem Sinne: Nur der HSV!

22.53 Uhr