Tagesarchiv für den 16. Dezember 2010

Aogo wahrscheinlich in der Startelf

16. Dezember 2010

„Wenn wir verlieren, dann wir es hier eskalieren. Wenn wir gewinnen, dann geht es so weiter, wie in dieser Woche. Chaotisch, hektisch, katastrophal.“ Über diese „netten“ Aussichten sprach ich per Telefon mit einem ganz großen HSVer der vergangenen Jahrzehnte. Der Mann macht sich große Sorgen, und ich kann ehrlich bezeugen: Damit steht er nicht allein. In dieser Woche haben mich zig einflussreiche HSV-Mitglieder, die einst in der Führung des Klubs waren, angerufen, um ihre Sorgen zu schildern, um zu bitten, dass man dagegen etwas tun müsse, tun könne. Aber was? Auf dem Weg in die Redaktion bin ich gleich dreimal abgesprochen worden, was ich nun machen würde, damit es nicht noch schlimmer wird? Meine Antwort war immer gleich: Achselzucken. Ich weiß es doch auch nicht. Das Allheilmittel gegen eine Krise ist eine Siegesserie. Der HSV muss nun gewinnen, gewinnen, gewinnen, dann könnte Ruhe in den Verein einkehren, dann könnte sich auch die Mannschaft noch einmal fangen. Bitter nur: Wenn an diesem Freitag in Mönchengladbach gewonnen wird, dann ist erst einmal Daddeldü, Ende der Hinrunde, Ende des Fußball-Jahres 2010.

Es war ein schlimmes Jahr, aus HSV-Sicht – und aus meiner Sicht. In den bislang 33 Bundesliga-Spielen in 2010 gab es elf Siege, neun Unentschieden, 13 Niederlagen. Das ist Mittelmaß. Biederes Mittelmaß. Und deshalb ist es auch absolut verständlich für mich, dass sich alle HSV-Mitglieder Sorgen, große Sorgen machen. Das wird sich auf jeden Fall auch bis zum Anpfiff, morgen um 20.30 Uhr, nicht legen. Und dann kommt es darauf an, wie das Spiel endet. Beim HSV gab es in letzter Minute noch eine positive Nachricht, denn so wie es jetzt aussieht, wird Nationalspieler Dennis Aogo zum Einsatz kommen können. Es sei denn, er verdreht sich über Nacht noch die Hüfte, die zuletzt Probleme bereit hatte.

Der letztes Betriebsausflug des Jahres begann mit einer (einkalkulierten) Panne, denn der Flieger, der um 16.50 Uhr in Richtung Westen abheben sollte, stand auch um 18.40 Uhr noch immer in Fuhlsbüttel. Das Ende war offen, was aber nicht an Flieger und(oder Besatzung lag, sondern an den Wetterbedingungen. Wenn es schief läuft, dann eben gründlich. . .
(Das füge ich nun kurz um 22.22 Uhr ein: Der HSV-Flieger hob mit über zweistündiger Verspätung in Fuhlsbüttel ab, konnte aber nicht in Köln und nicht in Düsseldorf landen – diese Flughäfen waren geschlossen worden. So kreiste der HSV-Jet so lange in der Luft, bis das Benzin kurz vor dem Ende war – Landung in Münster. Dort telefonierte ich um 21.45 Uhr mit HSV-Medien-Chef Jörn Wolf, das Ende dieser Irrfliegerei war zu diesem Zeitpunkt immer noch völlig offen)

Normal geht es weiter:
Der HSV wird in Gladbach wohl in folgender Aufstellung beginnen: Rost; Rincon, Besic, Westermann, Aogo; Trochowski, Jarolim; Pitroipa, Choupo-Moting, Elia; Guerrero. Mit im Kader sind: Drobny, van Nistelrooy, Tesche, Ben-Hatira, Pressel, Son, und Torun. Jugend forsch.
Erneut nicht im Kader ist Lennard Sowah. Der 18-jährige Abwehrmann ist wie die blaue Mauritius für mich. In dieser Woche konnte ich beobachten, wie die Jung-Profis Muhamed Besic, Heung Min Son und Lennard Sowah frotzelnd und übermütig schubsend die Arena verließen. Alle lachten, schienen bester Laune – was mich zumindest bei Sowah überrascht, denn: Der Linksverteidiger spielt beim HSV immer noch keine Rolle. Nicht einmal die kleinste Nebenrolle. Im HSVlive-Stadionheft ist er zudem eine Rarität (wie die blaue Mauritius), denn er ist zwar im Kader (per Foto) aufgeführt, aber überall steht bei ihm eine Null. Null Spiele, null Tore, null Europapokal – immer nur null. Ich frage mich ernsthaft, ob diese Nullen irgendwann einmal ein Ende haben werden? Sowah gilt ja als „Einkauf“ von Urs Siegenthaler, und der ist erstens nicht in Hamburg (angekommen), und zweitens liegt HSV-Cheftrainer Armin Veh in meinen Augen so gar nicht auf einer Wellenlänge mit dem Schweizer.

Schiedsrichter in Gladbach ist übrigens mein „alter Freund“ Günter Perl (aus Pullach). Für mich immer wieder erstaunlich, dass der HSV Spieltag für Spieltag stets die besten Unparteiischen der Liga für seine Spiele erhält . . . Obwohl, es überrascht mich auf eine Art auch nicht. Elf Siege, neun Unentschieden, 13 Niederlagen – Mittelmaß eben. Und dann kommt es eben so, wie es (morgen) kommt.

Viele rechnen ja mit nichts. Und wenn dieses Jahr mit einem Heimspiel enden würde, dann käme wahrscheinlich auch ein Plakat aus schlechter alter Zeit zum Vorschein: „Danke für nichts“.

Ich bin gespannt, ob sich die Herren nun, wo Bilanz gezogen wird, endlich einmal den Hintern aufreißen werden, ob auch alle erkannt haben, wie groß die Gefahr eines Absturzes ist. Ich habe meine Zweifel, das gebe ich zu. Die Frage, die ich mir seit Wochen stelle ist die: Sind wirklich noch alle HSV-Profis nicht nur mit ihren Herzen, sondern auch mit ihren Gedanken zu 100 Prozent beim HSV? Und irgendwie komme ich in diesen Tagen dabei immer wieder auf Ze Roberto. Was geht in ihm vor, was plant er, was macht? Die ganze „Geschichte“ ist für mich absolut undurchsichtig. Mein Bauch sagt mir, dass der Brasilianer in der Winterpause gehen wird. Immer wieder habe ich nämlich von HSVern gehört, hören müssen: „Ze ist ein stolzer Mann, und er fühlt sich in seiner Ehre verletzt. Ihm wird beim HSV, so denkt er, zu wenig Respekt entgegengebracht.“ Da es von ihm dazu keine Stellungnahme gibt, muss es einmal zum im Raum stehen bleiben. Mein Kollege Babak Milani (Bild) hat mit Armin Veh ja während einer Pressekonferenz gewettet, dass Ze Roberto nicht am 2. Januar zur Mannschaft stoßen wird, wenn der HSV in Dubai gelandet ist. Ich bin sehr gespannt.

Denke ich an den Westen, an den HSV und Abstiegskampf, so fällt mir sofort ein Spiel beim 1. FC Köln ein. Um mal aus dem Nähkästchen zu plaudern. Das Spiel fand am 10. September 1988 statt. Es lief der siebte Spieltag, der HSV hatte bis dahin einmal gewonnen, am Spieltag zuvor ein 1:1 gegen den FC St. Pauli „geschafft“. Es gärte. Trainer Willi Reimann stand auf der Kippe, für die meisten HSV-Fans stand fest: Verliert der HSV, dann wird der Trainer gehen müssen. Ich erinnere mich genau, dass wir alle unglaublich pessimistisch waren. Beim Pressetipp in Müngersdorf gab es auch von Hamburger Medienvertretern Siege für Köln in Höhe von 3:0, 4:0 oder sogar 5:0. Und dann kam alles ganz anders: Oliver Bierhoff, bis heute nicht gut auf Willi Reimann zu sprechen, schoss zwei Tore, der HSV gewann 2:1 – und alles (fast alles) wurde gut. Am Ende der Saison stand der HSV (damals mit Koitka, Kaltz, Jakobs, Homp, Kober, Moser, Jusufi, Jensen, von Heesen, Labbadia und Bierhoff) sogar auf Platz vier! Abstieg war überhaupt kein Thema mehr.

So kann es auch gehen. Dürfte sich morgen in Mönchengladbach durchaus wiederholen. Zwei Guerrero-Treffer sollten langen . . .

Apropos Mönchengladbach: Meine erste persönliche Begegnung mit der Borussia fand am 3. September 1966 statt. Mit den Jungmannen von BU trafen wir im Vorspiel auf den HSV. Ein Punktspiel. Wir hatten auf unseren Heimvorteil verzichtet, um einmal im Leben im Volkspark spielen zu können. 14 000 Zuschauer sahen zu – und ich schoss zwei Tore. Erst ein Eigentor, dann verwandelte ich einen Elfmeter in Richtung Ostkurve. Dort hielt sich gerade die gesamte HSV-Mannschaft auf, die Spieler standen neben dem Pfosten auf der Außenlinie und sahen unserem Spiel zu. Genau auf dieses Tor musste ich dann den Strafstoß schießen, und ich sehe die Truppe noch dort stehen: Schnoor, Sandmann, Horst, Schulz, Kurbjuhn, Bähre, Giesemann, Pohlschmidt, Bernd Dörfel, Uwe Seeler und Gert „Charly“ Dörfel. Ich war nervöser als sonst, aber ich traf – der Ball flog vom Innenpfosten ins Netz und lief bis zum anderen Pfosten herum, fiel dann zu Boden. Es gab Applaus. Auch von den HSV-Spielern. Das Spiel aber hatten wir letztlich 2:4 verloren. Staffelmeister wurden wir am Ende der Saison aber doch, muss ich schnell noch einmal anfügen.
Übrigens: Bei Gladbach spielten damals Leute wie Vogts, Wimmer, Netzer, Heynckes, Elfert und Rupp, die beiden Trainer der Partei waren Jupp Schneider (HSV) und Hennes Weisweiler. Der HSV gewann damals übrigens mit 2:0, die Tore erzielten Manfred Pohlschmidt und Uwe Seeler.

Und, ich mag es kaum schreiben, zu Mönchengladbach fällt mir auch der 15. Oktober 2008 ein. Das WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Wales. Wisst Ihr noch, wer damals für den deutschen 1:0-Sieg verantwortlich war? Natürlich wisst Ihr es: Piotr Trochowski. Der schoss in der 72. Minute ein herrliches Tor, sein erstes in der A-Nationalmannschaft. Mach’s noch einmal, Troche! Das Ding mit dem Siegtor meine ich.

So, das waren einige Ausflüge in die Vergangenheit, ich hoffe Ihr verzeiht mir. Vom HSV gibt es vor diesem so wichtigen Spiel am Freitag nicht allzu viel zu berichten, alle warten nun mit großer Spannung darauf, wie sich dieser HSV aus dem Jahr 2010 verabschieden wird.
Ich hoffe immer noch auf einen Auswärtssieg . . .

Und wenn nicht? Immer häufiger wird auch mir die Trainerfrage gestellt. Was passiert mit Armin Veh, wenn es keinen Dreier gibt? Ich weiß es auch nicht. Alles ist möglich. Wobei ich ganz klar sagen muss, und dabei wird es auch bleiben: Armin Veh ist um diese Aufgabe nicht zu beneiden. In meinen Augen ist er ein guter Trainer, wenn er scheitern sollte, dann werde ich ihm trotz allem ein gutes Zeugnis ausstellen – an ihm liegt es meiner Meinung nach nämlich nicht. Für mich liegt es an der Zusammenstellung dieser Mannschaft, und zwar nur daran.

Eine Frage, die sich natürlich auch um Armin Veh in diesen Tagen rankt: Wer könnte ihn ersetzen? Da gibt es für mich dann nur eine Lösung: Michael Oenning. Ihn hat der HSV bereits unter Vertrag, für ihn muss kein Geld erst noch locker gemacht werden. Alle anderen Namen sind für mich Utopie, denn der HSV kann keinen „großen“ oder „namhaften“ Trainer bezahlen. Das geht schlichtweg nicht. Aber, wie gesagt, ich glaube weiter an Armin Veh, er hat doch bislang nicht einmal die von ihm gedachte Wunschformation aufbieten können das sollte niemand hier vergessen. Aber das wird es in meinen Augen zu oft. Ich saß heute am Vormittag noch mit einem ehemaligen HSV-Bundesliga-Profi zusammen, natürlich unterhielten wir uns über das Thema Nummer eins – und er’s sagte mir: „Ich habe kein Vertrauen zu Veh, er ist mir am Rand viel zu passiv, da müsste mehr Leben kommen . . .“

Ich gebe das nur mal so weiter, keine Angst, dass ich eine Wende vollziehe – unterstellt es mir erst gar nicht. Ich glaube an Armin Veh und halte auch zu ihm. Selbst bei einer Niederlage an diesem Freitag. Dass ich mich trotz allem mit der angespannten Situation auseinandersetzen muss, ist doch hoffentlich allen klar. Und es ist hier im Blog ja auch nicht zu überlesen.

PS: Ich halte auch zu Bastian Reinhardt. Auch wenn ich heute gleich einige Anrufer hatte, die mich fragten, was ich bei meinen Telfonauftritt bei Sport 1 (am Mittwoch) getrunken hatte. Nichts! Das ist einfach nur meine Meinung. Und zwar schon immer. Aber: Ich toleriere auch andere Meinungen . . .

Und noch eines muss ich auch noch erklären: Aufsichtsrat Peter Becker hat nicht, wie ich gestern schrieb, für Bastian Reinhardt gestimmt, da bin ich einer Falschinformation aufgesessen. Becker hat sich damals enthalten. So ist es richtig. Entschuldigen Sie bitte, Herr Becker!

19.45 Uhr