Tagesarchiv für den 15. Dezember 2010

Abstiegskampf mit dem Vehschen Lazarett

15. Dezember 2010

„Unerklärlich. Jeder muss diese Leistung mit sich selbst ausmachen und sich fragen, ob er nächste Saison noch eine Arbeit haben will. So haben einige bald keinen Job mehr. Es fehlt der letzte Wille. Das Potenzial ist da, nur wenn es keiner rausholt, dann gewinnst du nichts.“ Ja, als ich das heute in der Bild las, habe ich mich an den HSV erinnert gefühlt. Das hätte doch Bernd Hoffmann gesagt haben können, oder Armin Veh, oder Bastian Reinhardt. Hat aber keiner von ihnen. Diese Sätze stammen von Christoph Schubert, und der ist Eishockey-Nationalspieler und spielt neuerdings bei den Freezers. In der Sportstadt Hamburg steckt der Wurm. Überall kriselt es. Natürlich nimmt sich deshalb der HSV nicht aus. Der HSV kriselt munter mit, und täglich gibt es neue Hiobsbotschaften und Chaos-Meldungen. Fangen wir also gleich damit an, würde Otto (Waalkes) sagen. Dennis Aogo brach heute das Training ab: Hüftschmerzen. Sein Einsatz am Freitag in Mönchengladbach ist fraglich. Guy Demel trainierte nicht mit: Grippe. Sein Einsatz in Mönchengladbach ist mehr als fraglich. Und ausfallen werden definitiv Ze Roberto (verschnupft) und Collin Benjamin (Knieprellung). Das kann ja heiter werden. Da trifft ohnehin Not gegen Elend aufeinander, und nun tritt im Westen Borussias Ausfalltruppe gegen das Vehsche Lazarett an. Herrlich. Das klingt nach Betriebsfußball, dabei handelt es sich (noch) um eine Erstliga-Begegnung im deutschen Profi-Fußball.

Wer soll nun noch „hinten“ spielen? Neuzugang Lennard Sowah steht beim Trainer offenbar nicht auf dem Zettel. In Gladbach wird wohl Regionalliga-Spieler Gerrit Pressel hinten links zum Einsatz kommen. Ein talentierter Verteidiger, der leider noch zu wenig auf den Rippen hat. Pressel ist ein guter Fußballer, technisch versiert, und er ist (sogar!) torgefährlich. Der 20-jährige Abwehrspieler hat nun zweimal bei den Profis trainiert, wird es am Donnerstag ein drittes Mal wagen – und dann spielt er (wahrscheinlich). Aber wer spielt neben Heiko Westermann? Rätsel über Rätsel. Ich lege mich mal fest, es dürfte keine Sensation sein: Rechts verteidigt Tomas Rincon, neben dem Kapitän wird Muhamed Besic zum Einsatz kommen, links Pressel. Diese Viererkette muss ich mir schnell noch einmal auf der Zunge zergehen lassen:
Rincon, Besic, Westermann, Pressel.
Sensationell.

„Diese personellen Probleme ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Hinrunde“, sagt Armin Veh. Ein kleiner Tost für ihn: „Borussia Mönchengladbach hat ähnlich große Probleme, beim Tabellenletzten könnte die Ausfallrate auch hoch sein, eventuell fehlen zehn Spieler. Das ist dann der Trost für die Anhänger eines jeden Klubs: Da treffen dann zwei Teams unter den gleichen Bedingungen aufeinander. Armin Veh ist aber natürlich trotzdem „restlos bedient“: „Das einzig Positive an dieser Geschichte ist das, dass man sich gar nicht mehr aus der Ruhe bringen lässt – weil man das ja schon kennt. Das ist Galgenhumor.“ Immerhin bescheinigt der Coach seinen restlichen Mannen: „Sie haben in dieser Woche sehr gut trainiert.“ Und dann sagt Veh noch: „Trotz allem ist das natürlich keine normale Situation, die wir jetzt durchleben.“

Kurios ist für mich: Veh hatte vor zwei Tragen angekündigt, dass nur Spieler zum Einsatz kommen werden, die 90 Minuten laufen, laufen und kämpfen können, die absolut fit sind – zu 100 Prozent. Und doch steht jetzt schon fest, dass Eljero Elia zum Einsatz kommen wird. Die Frage, die ich mir stelle: Habe ich da etwas verpasst? Elia hat weder gut noch sehr gut trainiert, er wirkt auf mich auch nicht so, als dass er bei 100 Prozent wäre. Natürlich ist er ein Hoffnungsträger, natürlich könnte ein Mann seiner Klasse auch den Strohhalm geben, an dem sich die sportliche Führung klammert – aber überrascht bin ich von dieser Personalie schon. Obwohl mir während der Pressekonferenz auch durch den Kopf schoss: „Wenn Elia nicht spielt, kann er während der Winterpause auch nicht angeboten werden. Also spielt der kleine Niederländer in Mönchengladbach schnell noch einmal vor. Es könnte den Verkaufspreis erhöhen . . .“ Obwohl Armin Veh ja heute auch gesagt hat, dass ein jeglicher Verkauf (also eines seiner Spieler) im Moment kein Thema sein könne, denn es gibt einfach zu viele Ausfälle. Veh hat aber auch gesagt: „Im Fußball weiß man aber nie, was morgen passiert, das kann manchmal ganz schnell gehen.“ Genau. Und zu Elia, dem „HSV-Sorgenkind“ sagte der Trainer auch noch: „Elli hat jetzt auch besser trainiert. Er muss ja auch erst einmal fit werden. Ich kenne ihn ja gar nicht so, wie er eigentlich ist, er ist ja jetzt erst auf dem Weg dahin.“

Marcell Jansen, der wieder im Training steht, spielt für das Gladbach-Spiel noch keine Rolle (natürlich nicht). Veh: „Er wird definitiv nicht dabei sein.“ Dazu gesellen sich die Ausfälle Joris Mathijsen, den ich gestern sah, er sieht großartig aus, er geht normal, aber selbstverständlich kann er noch lange nicht spielen. Dennis Dieckmeier war auch gestern zu sehen, er versprach einem Fan: „Im nächsten Jahr greife ich voll an – es wird nun ja auch Zeit.“ Richtig. Mladen Petric fehlt weiterhin, und Gojko Kacar natürlich auch.

Erfreuliche Note am Rande: Jonathan Pitroipa trainiert wieder, er dürfte in Mönchengladbach spielen, so dass folgende Elf denkbar ist:
Rost; Rincon, Besic, Westermann, Pressel; Trochowski, Jarolim; Pitroipa, Choupo-Moting, Elia; Guerrero.

Um noch kurz einen Blick ins nächste Jahr (und Richtung Rückrunde) zu riskieren: Armin Veh schließt eine Neuverpflichtung nicht aus. Der Coach sagt: „Aus meiner Sicht ist es notwendig, einen Innenverteidiger zu holen. Es wäre fahrlässig, wenn wir es nicht machen würden.“

Neue Männer braucht der Klub. Auch im Aufsichtsrat. Deshalb stellten sich nun die Leute vor, die im HSV mitbestimmen möchten. Wobei ein „Altgedienter“ bei seiner Rede für viel (Miss-)Stimmung sorgte: Peter Becker. Ich muss gleich sagen, dass ich nicht dabei war. Von den 100 Zuschauern, die im Elysee gewesen sind, waren die meisten wohl sehr erstaunt, dass der „Rat P. Becker“ ein solches Urteil über den neuen Sportchef Bastian Reinhardt fällte. Ein „Matz-abber“ befand noch in der Nacht: „Das, was Peter Becker gesagt hat, war vollkommen in Ordnung. Er hat Reinhardt nicht vernichtet, er wollte vielmehr die schlechte Arbeit des Aufsichtsrates anprangern.“ Das kann man so sehen. Und auch so: „Peter Becker hat auf Kosten des HSV und auf Kosten des Vorstandes Wahlkampf betrieben.“ Sagte ein Aufsichtsrat. Die Stimmung im Aufsichtsrat mag gespalten sein, die Mehrzahl aber verurteilt wohl Peter Beckers Vorstoß. Zumal sie alle wissen, dass Peter Becker bei der Berufung des neuen Sportchefs nicht (!) gegen Reinhardt gestimmt hat, sondern dafür.

Dass der Aufsichtsrat in Sachen Sportchef krass versagt hat, ja geradezu katastrophal (nicht) gearbeitet hat, das wissen inzwischen alle, ich habe es auch mehrfach kritisiert. Und selbst die Herren Räte sehen es längst ein und stellen sich (die meisten jedenfalls) selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Im Falle “Wahlkampf auf Reinhardts Kosten” sage ich: Es wäre deutlich besser gewesen, wenn Herr Becker das „Schweigen im Walde“ (Ludwig Ganghofer) gegeben hätte. Er hat sich mit dieser Rede, so glaube ich, keine Gefallen getan. Was ich aber hörte: Carsten Kober soll gut gewesen sein, Manfred Ertel auch, Olaf Kortmann sogar sehr gut. Das ist aber keine Wertung von mir, das ist nur ein Querschnitt von dem, was ich nach dieser Vorstellerei von „Matz-abbern“, die im Elysee dabei waren und aufmerksam zugehört haben, erfahren konnte.

So, heute fasse ich mich einmal kürzer, weil ich richtig erschrocken war, als ich den letzten Beitrag von mir sah: Es hätte auch leicht ein Buch werden können . . . Sorry.

18.20 Uhr