Tagesarchiv für den 14. Dezember 2010

Ordnung ist das halbe Leben

14. Dezember 2010

Bruno Labbadia führt beim VfB Stuttgart den Acht-Stunden-Tag für die Profis ein. Der Coach hält es für wichtig, dass sich die Spieler den ganzen Tag mit ihrem Job und ihrem Körper beschäftigen. Keine Angst, Ihr seid nicht im falschen Film. Ich will Euch gerne erklären, warum ich das schreibe. Das hat zweierlei Gründe. Erstens: Als BL hier in Hamburg Trainer war, ließ er in den ersten Wochen immer Zwei-Stunden-Einheiten absolvieren. Bis ihm der Mannschaftsrat sagte, dass das eine halbe Stunde zu lang sei. Danach gehörte das Zwei-Stunden-Training der Vergangenheit an. Deswegen warte ich jetzt auch ein Stück weit darauf, dass die Schwaben irgendwann meutern und dann auch zugleich Einspruch erheben werden – und dass dann aus dem Acht-Stunden-Tag ein Sechs-Stunden-Tag wird. Oder noch weniger. Zweitens, und das muss ich dem ehemaligen HSV-Trainer bescheinigen, finde ich es grundsätzlich gut, wenn ein Trainer solche (neuen, oder fast neuen) Wege gehen will. Ich schreibe das ja nicht ohne Grund, denn im Laufe des Tages erreichten mich drei Anrufe, die sich mit dem neuesten HSV-Thema auseinandersetzten: Armin Veh will am Freitag nur noch fitte Spieler einsetzen, solche Profi, die auch 90 Minuten laufen und kämpfen können. Die drei Anrufer, zwei Amateurtrainer und ein Amateurfußballer, zeigten sich darüber sehr erstaunt und fragten eigentlich unisono: „Wieso nur fitte Spieler? Es müssten doch alle Spieler fit sein. Die trainieren doch täglich, da kann es doch gar nicht sein, dass es Spieler gibt, die nicht fit sind. . .“

Und dennoch gibt es solche. Ich denke dabei ja immer an hoch gezüchtete Rennpferde. Wenn die einmal nicht so trainiert sind, wie sie es sein müssten, dann fallen sie auch krass ab. Haben mir mal Pferdekenner versichert. Und bei Fußball-Profis ist es wohl auch so: Fällt ein Spieler vier Wochen aus, so sagen Experten, dann braucht er auch vier Wochen, um sich wieder an oder auf die 100 Prozent zu kämpfen. Und beim HSV hat es ein der jüngsten Vergangenheit eben zu viele Verletzte gegeben, die sich erst wieder herankämpfen müssen. Ich bin da bei Armin Veh. Es können in dieser Phase der Saison nicht alle seiner Spieler bei oder auf 100 Prozent sein. Allerdings, und da bin ich dann wieder bei Labbadia, denke ich auch, dass mit jenen Spielern, die wieder herangeführt werden sollen und müssen, mehr gemacht werden muss. Natürlich wissen wir nicht immer, wann die Rekonvaleszenten abseits des „normalen“ Trainingsbetriebs arbeiten, aber das ist auch nicht mein Kern-Thema. Ich sehe seit Jahrzehnten, dass die Trainer-Teams in der Bundesliga immer größer und größer werden. Ich sehe aber auch, dass viele dieser bestens ausgebildeten Fußballlehrer die meiste Zeit nur zusehen, was und wie die Mannschaft trainiert. Ganz klar, und das meine ich damit: Ich wünschte mir schon seit (auch) Jahrzehnten, dass die Assistenten während des Trainings gezielt Sondertraining mit dem einen oder anderen Spieler machen würden. Denn: Es gibt ja auch den einen oder anderen Spieler, der noch Schwächen hat, der noch Schwächen hat, die man abstellen könnte, wenn man in Sachen Training etwas dagegen (oder, wie man es sehen will, auch dafür) tun würde.

Ich komme da immer wieder einmal auf mein Lieblingsbeispiel zurück: Christian Rahn, heute Ersatzspieler bei der Spielvereinigung Greuther Fürth. Und ehemals Nationalspieler. „Rahner“ hatte starke, fast überragende Fähigkeiten im Offensivspiel, spielte aber oftmals defensiv – und offenbarte dabei gravierende Schwächen, vor allem im Stellungsspiel. Immer wieder habe ich darauf hingewiesen, dass man das trainieren könne. Und ich habe Christian Rahn auch gesagt: „Wenn das schon beim HSV keiner sieht und etwas dagegen unternimmt, dann musst du dir einen Einzeltrainer nehmen.“ Passiert ist – so oder so – nichts. Ich bin der Meinung, dass er noch heute Erstliga-Spieler sein könnte (und auch Nati-Spieler), wenn er etwas für sich getan hätte, wenn man etwas für ihn getan hätte. Um noch einmal auf den VfB Stuttgart zu kommen: Ich bin gespannt, ob dieser neue Acht-Stunden-Tag auch das eine oder andere Sondertraining beinhaltet. Wenn ja, dann würde ich Labbadia dazu sogar beglückwünschen. Und sollte das hier ein Jugendtrainer lesen, so möchte ich ihn bitten: Gebe Deinen Jungs ab und ab ein Sondertraining, und Du wirst sehen, wie dieser Junge aufblüht. Das muss nicht abseits des Mannschaftstrainings sein, das kann parallel geschehen. Während die Mannschaft ein Abschlussspielchen austrägt, kann der Trainer am Rande (oder auf einem Nebenplatz) ein Sondertraining durchführen – das geht alles, man muss es nur wollen. Und bei den Profis habe ich schon, ich wiederhole mich ungern, schon seit Jahrzehnten das Gefühl, dass es dort nicht gewollt wird – auch aus Bequemlichkeit.

So, zum HSV und zum aktuellen Geschehen. Im Volkspark wurde heute das „defensive Auge“ der HSV-Mannschaft geschult. Wie stehe ich richtig, wie stehe ich kompakt? Und Armin Veh griff immer wieder lautstark ein, so oft wie vielleicht noch nie. Und auch sehr energisch. Vielleicht auch ein Punkt, der bei der Sitzung am Sonntag (oder der Aussprache zwischen Coach und Mannschaft) angesprochen wurde. Habe ich so bei mir vermutet. Dass es die Spieler eventuell doch gerne hätten, wenn der Trainer mehr ins Geschehen eingreift, statt nur in der Rolle des stillen Beobachters zu verharren. Wie dem auch sei, ich glaube fest daran, dass auch die Tatsache, dass sich Veh mehr einbringt, dazu führen kann, dass es wieder einmal besser laufen wird beim HSV.

Wobei wir schon wieder voll im Thema sind. Freitag, letztes Spiel des Jahres – es geht um so viel. Geht es nach unten, oder darf doch noch gehofft werden? Ich weiß gar nicht, wie ich es Euch beibringen kann? Wir haben heute mit zwei Spielern des HSV sprechen dürfen: Paolo Guerrero und Piotr Trochowski. Und bevor ich Euch etwas davon schreibe, möchte ich mal um Verständnis bitten. Einige von Euch werden jetzt schon wieder explodieren, wenn sie den einen oder den anderen Namen lesen. Und es wird heißen: „Die sollen nicht reden, die sollen vernünftig spielen.“ Und einige werde auch erst hinterher aus der Haut fahren, wenn sie es gelesen haben, was die beiden Spieler zu sagen haben. Wobei ich eines sagen muss: Diese Spieler sprechen nicht mit uns, weil es ihnen Spaß macht. Sie werden gebeten, sie werden ausgewählt, und sie folgen, weil es auch Teil ihres Berufes ist. Es kommen die meisten HSV-Profis zu diesen Terminen, aber einige Kollegen kommen eben auch nicht. Wie zum Beispiel Frank Rost. Das will ich nicht negativ bewerten, ich schreibe es nur, weil ganz sicher wieder einige von Euch sauer sein werden, dass Trochowski und dass Guerrero gesprochen haben. Wie gesagt: nicht freiwillig. Deswegen respektiert es bitte, dass diese Profis etwas gesagt haben. Sagen mussten. Und wenn Ihr selbst das nicht respektieren könnt, dann ignoriert es wenigstens.

Zu diesem Thema passt auch bestens, dass den Spielern, die in der vergangenen Woche mit uns sprachen (neben anderen Guy Demel, Marcell Jansen und Dennis Aogo), vorgeworfen wurde, stets das erzählt zu haben, was ihnen der Verein (eventuell Pressechef Jörn Wolf) gestattet und mit auf den Weg gegeben hatte. Ich glaube das nicht, dass es so ist. Ich hatte von allen Profis den Eindruck, dass sie sich ernsthaft mit den Problemen, die diese (ihre) Mannschaft hat, auseinandersetzen. Und da kam eben jeder Spieler irgendwann, früher oder später, auf die Punkte, die zurzeit falsch laufen. Das wirkt dann zwangsläufig wie abgesprochen oder auch wie auswendig gelernt, in meinen Augen aber war es das nicht. Das muss ich einmal sagen dürfen. Jeder kann seine Meinung haben, aber ich bin bei diesen Gesprächen dabei, deswegen schildere ich Euch meine Eindrücke. Auch diesmal war es so, dass ich nicht den Eindruck hatte, dass da etwas abgesprochen wurde. Guerrero und Trochowski sprachen ehrlich darüber, wie sie die Situation sehen, wie sie die Lage beurteilen. Und ich hatte durchaus das Gefühl, dass sich beide Spieler ernsthaft darum bemühen, dass die Lage wieder deutlich besser wird.

„Wir müssen uns wehren, wir müssen kämpfen, wir müssen uns bemühen darum, dass wir wieder Siege einfahren, dass wir wieder besser spielen. Es ist genau wie in einer Beziehung: Wenn es nicht gut läuft, muss man darum kämpfen. So ist es auch bei uns in der Mannschaft: Wir sind wie eine Familie, wir müssen füreinander einstehen, auch wenn es schlecht läuft. Da muss man auch mal Kritik einstecken, da muss man nicht alles persönlich nehmen, da darf man nicht immer die Schuld dem Nebenmann in die Schuhe schieben, da muss man nicht nur für sich gucken, sondern für die gesamte Mannschaft. Wenn es nicht gut läuft, dann muss man darum kämpfen, und in diesem Punkt müssen wir uns deutlich verbessern“, sagt zum Beispiel Piotr Trochowski. Er ergänzt noch: „Man muss auch mal Klartext sprechen können, das gehört doch in einer Mannschaft dazu, aber damit kann nicht jeder umgehen.“ Weil es eben auch einige Mimosen in dieser HSV-Mannschaft gibt, die Kritik gegen sich nicht besonders gut verkraften. Um es einmal sanft zu umschreiben.

Im heutigen Training ging es diszipliniert und geordnet zu. Aber das ist Training. Nur das Training. Wie oft habe ich das schon geschrieben. Und dann, am Wochenende, gab es das Chaos. Und den Misserfolg. Armin Veh hat eine gewisse Angst bei seinen Spielern ausgemacht, und Trochowski sieht es ebenso: „Das trifft es, das ist schon passend. Im Training sieht es bei uns doch ganz anders aus. Man darf und sollte es zwar nicht vergleichen, aber im Training läuft es. Und beim Spiel lassen wir uns zu leicht beeinflussen. Läuft es nicht so gut, dann verlieren wir die Ordnung. Und beim Fußball ist es mal eben so, dass man die Ordnung halten muss, dass man Regeln einhalten muss. Über die Ordnung muss man zum Spiel finden, aber davon sind wir im Moment meilenweit entfernt. Wir haben es teilweise drin, aber viel zu selten.“ Ist das die Verunsicherung? „Troche“ sagt: „Natürlich, das ist Verunsicherung. Die Niederlagen sind immer im Hinterkopf, es läuft nicht so, wie es laufen sollte, man ist unzufrieden – und dann wirft es uns schnell aus der Bahn.“

Deswegen ist das Spiel in Mönchengladbach besonders wichtig. Richtungsweisend. Piotr Trochowski sagt: „Wir müssen in diesen 90 Minuten noch einmal alles geben. Ich habe nur Gladbach im Kopf. Und danach haben wir Zeit, uns zusammen zu setzen, die Hinrunde aufzuarbeiten, Klartext zu sprechen. Manchmal sind kleine Pausen nicht schlecht, um alles zu überdenken, um Durchzulüften, um Ruhe zu bekommen. Eine Rückrunde bietet einem eine neue Chance, es noch einmal besser anzupacken, um bewusster zu arbeiten, um intensiv zu trainieren, um dann auch besser zu spielen.“ Die Hoffnung stirbt zuletzt. Bislang gab es keinen HSV-Profi, der nicht an eine wesentlich bessere Rückrunde glaubte.

Auch Paolo Guerrero reiht sich da nahtlos ein. Der Peruaner sagt: „Ich bin davon überzeugt, dass wir eine viel bessere Rückrunde spielen werden. Und dass wir noch nach oben kommen. Und damit das auch klappt, müssen wir in Gladbach richtig Gas geben und einen Sieg schaffen. Wir müssen die drei Punkte holen.“ Dann gibt er zu: „Wir sind alle enttäuscht, alle sind frustriert. Wir müssen, um wieder besser zu werden, einfach nur laufen, laufen, laufen, und kämpfen du kämpfen. Und Gas geben.“ Er sagt es, obwohl er sich die Antwort darauf selbst schon gegeben hat: „Es läuft im Moment einfach nicht. Andere Mannschaften gewinnen und haben einen Lauf, wir schaffen das nicht. Wir sind in einer schwierigen Situation – aber ich kann es nicht erklären, warum es nicht so läuft. Wir versuchen viel, wir attackieren – aber es gelingt uns nicht viel.“

Im Training heute spielte Paolo Guerrero teilweise als einzige Spitze, teilweise stand ihm Eric-Maxim Choupo-Moting zur Seite. „Choupo“ spielte auch rechts, Eljero Elia links. Ein Fingerzeig für Mönchengladbach? Ist Elia denn schon wieder fit für 90 Minuten? Aber egal, noch hat Armin Veh Zeit, an der Elf für Freitag zu feilen. Piotr Trochowski weiß ohnehin, wie der HSV in Mönchengladbach spielen muss, endlich einmal auftreten muss: „Wir müssen sehen, dass wir mal gut stehen. Und dass wir nicht immer versuchen, das Spiel so enorm an uns zu reißen. Nicht versuchen, alles kaputt zu spielen. Das können wir zwar, aber man muss die Balance finden. Erst die Ordnung finden. Das ist das Wichtigste. Das zeichnet auch die zurzeit erfolgreichsten Mannschaften aus.“ Wie es aussieht, und was das für Folgen hat, wenn der HSV die Ordnung verliert, darüber hat sich Trochowski auch seine Gedanken gemacht: „Dann läuft jeder falsche Wege, kommt in den Zweikämpfen zu spät, und dann sieht es von außen so aus, als würde man nicht alles für die Mannschaft tun. Und dann macht sich Hilflosigkeit breit. Du investierst zwar, aber es kommt nichts dabei heraus.“ Wobei auch Piotr Trochowski nicht davor gefeit ist, die Ordnung zu verlieren. Wie zum Beispiel im Freiburg-Spiel ganz offensichtlich. Er erklärt: „Genau das ist ein Problem: Man versucht einfach zuviel, man will zu viel. Und das geht einfach nach hinten los. Man kann auf dem Spielfeld nicht für alle zuständig sein, man kann nicht jede Lücke schließen.“ Und: „Wir wollen, aber machen dabei vieles falsch. Und dadurch machen wir noch mehr Lücken auf, machen auch noch mehr Fehler – manchmal ist weniger eben mehr.“ Im Grundsatz führt er an: „Die Bereitschaft muss da sein, der Wille, das Spiel gewinne zu wollen, muss da sein, aber es muss auch richtig gemacht werden.“

Ganz genau. Das ist es!

So, schnell noch einige kleine Dinge am Rande.
Gestern war „Matz ab“ für einige Stunden nicht zu erreichen. Was nicht an einem Hacker lag. Der Grund: Eine Festplatte hatte ihren Geist aufgegeben, und das hatte dann diese schlimmen Folgen – dafür möchte ich mich entschuldigen. Der Fehler musste in Berlin behoben werden, und dort wurde erst in den frühen Morgenstunden wieder gearbeitet. Nochmals sorry.

Weihnachten kommt immer näher, damit auch die kleine Winterpause – wer eine fußballerische HSV-Weihnachtsgeschichte für „Matz ab“ auf Lager hat, der möge sie mir bitte an die Gewinnspieladresse (Stichwort Weihnachtsgeschichte) schicken.

Dann noch schnell zum Aufsichtsrat. Dass Horst Becker als AR-Boss aufhören wird, das hat mich überrascht, denn ich hatte einige Tage zuvor und selbst gestern (Montag) noch ganz andere Entwicklungsmöglichkeiten gehört. Manchmal ist es aber eben wohl so, dass man das Gras wachsen hört . . .

Zum Thema der Wahlen zum neuen HSV-Aufsichtsrates passt auch folgende Meldung, die ich gerne an Euch weiter geben möchte:

“Moin, moin lieber HSVerin und HSVer!
Der offizielle HSV-Fanclub „M.i.F“ freut sich, seinen Mitgliedern und allen HSVern der Region am kommenden Donnerstag, 16. Dezember 2010, ein kleines vorweihnachtliches Präsent anbieten zu können. Carsten Kober stellt sich (vor dem Hintergrund seiner Kandidatur zum HSV-Aufsichtsrat) in Delmenhorst vor und wird allen Anwesenden „Rede und Antwort” stehen.
Blau-weiß-schwarze Grüße aus Delmenhorst, Stefan „Eddy“ Nowski,
HSV-Supporters-Club. Botschafter des SC für die Region Niedersachsen-West / Bremen.”

PS: In Sachen Freigabe möchte ich Euch um Geduld bitten. Im Moment warten einige darauf, aber damit hier – wenigstens bis zum 9. Januar (JHV) – noch etwas Ruhe herrscht, muss so verfahren werden, denn: Ich habe keine Lust, dass “Matz ab” für Wahlkampfzwecke missbraucht wird. Weder für die eine noch für die andere Seite. Was nicht heißen soll, dass hier nicht doch das eine oder andere Mal über die Stimmung im Verein berichtet wird. Aber dann eben auf unsere friedliche Art, oberhalb der Gürtellinie.
Ich bitte jeden User um Verständnis, bitte, bitte – es geht um den Blog.

17.54 Uhr