Tagesarchiv für den 13. Dezember 2010

Gefahr erkannt! Gefahr gebannt?

13. Dezember 2010

Heute wurde beim HSV Badminton gespielt. Böse Zungen könnten ja nu behaupten: „Das ist auch besser so. Fußball können die Herren ja ohnehin nicht mehr.“ Das möchte ich aber nicht sagen. Armin Veh geht diesen anderen Weg, um einmal eine gewisse Lockerheit ins Team zu bekommen. Obwohl böse Zungen nun auch behaupten könnten: „Lockerheit? Wieso Lockerheit? Noch lockerer als gegen Leverkusen geht es doch nicht.“ Ich möchte davon auch gar nicht sprechen. Ich weiß nur, dass sie beim HSV längst rotieren, um zu ergründen, warum aus dieser Truppe partout keine Einheit werden will? Ob es aber bis zum Freitag, bis zum letzten Bundesliga-Spiel des Jahres (beim Letzten in Mönchengladbach), gelingen wird, diesem Rätsel eine Lösung zu verschaffen, das möchte ich sehr bezweifeln. Im Grunde ist es doch so, dass ich an dieser kniffligen Frage seit Jahren immer wieder andere Trainer versucht haben, aber niemand fand die richtige Lösung. Immer noch tappen alle im Dunkel, auch Armin Veh – obwohl ihm am Sonntag vielleicht ein kleines Lichtlein aufgegangen sein könnte, denn: Es gab eine interne Sitzung zwischen Mannschaft und den Trainern, und da ist allerhand Neues zur Sprache gekommen Natürlich verriet Veh nichts, was zwischen ihm und den Spielern gesprochen worden ist, aber er besitzt jetzt immerhin brandneue Erkenntnis, und er weiß jetzt, woran es liegen könnte. So viel ließ er jedenfalls durchblicken. Aber: Das hilft natürlich nicht sofort, schon gar nicht für das Gladbach-Spiel, so dass auch für Freitag nichts Gutes zu erahnen ist. Das Trauerspiel in sieben Akten, das der HSV seit Jahren gibt, geht dann in die nächste Runde – oder auf in den achten Akt.

Um es einmal vorweg zu sagen: Collin Benjamin hat eine Knieprellung erlitten und fällt für den kommenden Freitag aus. Ze Roberto ist erkältet, konnte heute nicht trainieren. Und bis zum letzten Anpfiff hat Veh nun die Wahl, wen er aufstellen soll, will und kann. Er hat sich schon eine Marschroute zurecht gelegt: „Gegen Gladbach ist es wichtig, dass wir elf Mann auf dem Platz haben, die defensiv gut stehen, dass wir diszipliniert sind, dass wir auch entsprechend dagegen halten, und dass wir hoffentlich auch Bälle in der Defensive gewinnen, die wir dann schnell nach vorne spielen. Das wird unser Ziel sein.“ Elf Leute. Welche? Elf Leute, die besonders sein sollen, denn Armin Veh sagt auch: „In Gladbach werden elf Spieler auflaufen, die 90 Minuten laufen können. Egal wie er heißt und was er macht.“ Da könnten auch fußballerische Mängel keine Rolle spielen, es soll gekämpft, gelaufen, geackert werden. Bis zum Unfallen. Veh sagt nämlich auch: „Wir haben am Sonnabend eindeutig gesehen, dass uns das Tempo fehlt. Dafür gibt es Gründe, ich habe auch gedacht, dass wir das durch die Routine hinbekommen, aber das haben wir nicht geschafft. Und deswegen wir am Freitag eine HSV-Mannschaft auf dem Platz stehen, die die Fitness hat, diese 90 oder 95 Minuten auch durchzustehen, und die auch in der Lage ist, das Tempo zu gehen.“

Jawollo. Das wäre doch mal was. Habt Ihr eventuell am Sonntag Mainz gegen Schalke gesehen? Mir hat jeder Spieler, der da mitmachen durfte, enorm imponiert: Was für ein Tempo, was für ein Einsatz, was für ein Kampfgeist, was für ein Wille, was für ein wunderbarer Teamgeist! Auch Mainz, das 0:1 verlor, hat mir enorm gefallen. Das ist doch eine riesige Freude, das zu sehen, wie sich da jeder zerreißt, wie jeder will. Und wenn ich dann den HSV dagegen betrachte? Oh Gott, das ist ja zum Davonlaufen. Für die Fans. Und die laufen dann auch tatsächlich. Weil sie die Nase voll haben von diesem Standfußball in Alt-Herren-Manier, weil sie fertig damit sind, Sommerfußball im tiefsten Winter sehen zu müssen. „Wenn es nicht läuft, dann bauen sich viele mentale Blockaden auf. Und dann stellt sich schon die Frage, ob man nicht darauf hindeuten muss, dass es jetzt eine Situation gibt, die nichts mit Mittelmaß zu tun hat“, sagt Armin Veh, der seine Spieler davor warnen will, sich nur im Mittelmaß zu wähnen. Wer das macht, der steckt schnell mittendrin im Abstiegskampf.

Veh ist längst desillusioniert. Das gibt er zu. Und er sagt auch: „Ich bin riesig enttäuscht. Keine Frage. Wobei es ja auch Gründe gibt, dass es so läuft, wie es zuletzt lief. Wir haben jetzt viele Spiele drin, die nach ihren Verletzungen nicht bei 100 Prozent sind – und dann kannst du kein Tempo spielen. Natürlich nicht. Und deswegen ist es mir lieber, dass nun Spieler zum Zuge kommen, die 90 Minuten fit sind, die 90 Minuten Tempo gehen könne. Da half ja auch keine Erfahrung mehr, im Spiel gegen Leverkusen, und deswegen spielen nun nur jene Spieler, die wirklich auch 90 Minuten alles geben können.“ Veh sagt dann auch noch: „Wenn alle unsere Spieler fit wären, dann hätten sie natürlich die Klasse, dass man sie auch spielen lassen könnte, aber die vielen Verletzten, die wir hatten, die ließen und lassen das eben nicht zu.“

Für mich steht deshalb auch schon fest, dass Ze Roberto am Freitag nicht spielen wird. Denn der Brasilianer ist nicht fit. Und ob er noch die nötige Lust verspürt, das weiß ich auch nicht. Aber die fehlende oder mangelnde Lust trifft ja nicht nur auf Ze Roberto zu. Und wenn ich da an den „Zauberlehrling“ denke, so gibt es ja auch einige Spieler, die jetzt den Karren aus dem Dreck holen sollen, die aber entweder arg diszipliniert wurden, oder die aussortiert werden sollten. „Goethe“ Frank Rost zum Beispiel. Dem wurde Jaroslav Drobny an die Seite gestellt, was nichts anders heißen sollte als das: „Wenn du jetzt noch einmal wagen solltest, deinen Mund gegen den Verein aufzumachen, dann spielt der Drobny. Und Ende.“ Oder das Beispiel Mladen Petric. Der Kroate sollte zum VfB Stuttgart. Was nicht klappte. Aber Petric sagt heute noch (ungestraft, also ist es für mich die Wahrheit): „Ich wollte nicht weg, ich sollte weg.“ Oder das Beispiel David Jarolim: Armin Veh hatte den ehemaligen Kapitän nicht auf dem Zettel, als der Coach hier seine Arbeit begann. Erst in Längenfeld (Österreich) stellte Veh fest, dass „Jaro“ ganz anders ist, als er (Veh) sich das vorgestellt hatte (aus der Ferne). Ich weiß aber, dass ein David Jarolim sehr wohl eine Antenne dafür hat, ob er willkommen ist, ob er unterstützt wird, ob man zu ihm Vertrauen hat. Und ich weiß aus Längenfeld, dass der Tscheche schon bitter enttäuscht war, dass man mit ihm (als amtierenden HSV-Kapitän) so umgegangen ist. Und ich denke mir, dass diese Enttäuschung auch bis heute noch ihre deutlichen Spuren hinterlassen haben.

So kommt eines zum anderen. Und dann muss man sich nicht wundern, dass es so ist, wie es ist. Dass aus dieser Truppe nämlich keine Einheit wird. Werden kann. Da gibt es zu viele Enttäuschte, und auch zu viele Spieler, die liebend gerne weg wollten – wenn es denn (zurzeit) ginge. Und ich wette, dass Armin Veh davon auch am Sonntag während der internen Sitzung viel (oder zumindest einiges) erfahren hat. Er sagt: „Das sind Dinge, die insgesamt an dieser Hinrunde eine Rolle gespielt haben, nicht nur beim Leverkusen-Spiel. Das ist auch nicht nur ein Ding. Wenn es das wäre, dann könnte man das ändern. Aber das ist es nicht. Es gibt einige Probleme.“

Den „Zauberlehrling“ von Goethe kannte Armin Veh übrigens schon, der Trainer ist ja ein kluger Kopf, der sich nicht immer nur mit Fußball beschäftigt. Zur Personalie Rost befand Veh dann auch. „Ich kenne den Frank nun ein halbes Jahr, und man kann einige Dinge so sehen oder so sehen. Er hätte das, was er am Sonnabend gesagt hat, besser nicht gesagt. Es kein günstiger Zeitpunkt dafür, und es bringt doch in unserer Situation nichts. Wenn ich es gehört hätte, dann hätte ich ihn auch versucht zu bremsen. Was er aber auf jeden Fall hat, und das glaube ich, dass er es hat, ist das, dass er noch etwas erreichen will, und dass er noch ehrgeizig ist. So habe ich ihn kennen gelernt. Er kommt einfach aus einer anderen Generation.“ Dann ergänzte Armin Veh auch noch: „Frank sagt sicher einige Dinge, die er besser nicht gesagt hätte, er polarisiert natürlich auch. Ich glaube aber, dass er das Beste will, und er will, dass es dem HSV gut geht. Aber manchmal tut man eben nicht das Beste. Insgesamt jedoch möchte ich Frank nicht verurteilen.“ Und deswegen hat sich Armin Veh auch schon festgelegt: „Rost spielt am Freitag auch im Tor.“

Schlusswort von Armin Veh: „Eines ist klar, darüber müssen wir nicht diskutieren: Dass wir was ändern müssen, dass wir was anders machen müssen, da gibt es ja gar keine Zweifel. Das kann man so nicht lassen, das würde in dieser Form niemals funktionieren.“

Früher gab es in dieser Republik einmal ein Werbeslogan gegen (Arbeits-)Unfälle: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Wenn dieser Ball beim HSV aufgenommen werden würde, oder wenn dieser Ball bereits beim HSV angekommen wäre, dann bestünde ja wenigstens ein wenig Hoffnung. Auf Besserung. Und damit möchte ich auch für heute enden.

Training morgen (Dienstag) um 10 Uhr

17.58 Uhr