Tagesarchiv für den 11. Dezember 2010

Dieser HSV ist nur noch jämmerlich!

11. Dezember 2010

Der HSV geht im Dezember weiterhin baden. Die 2:4-Pleite gegen Leverkusen war vor 51 225 Zuschauern nur eine nahtlose Fortsetzung dessen, was in den Spielen zuvor an brotlosen Künsten geboten worden waren. Das ist kein Fußball mehr, das ist nur noch kümmerlich. Jetzt noch eine Niederlage in Mönchengladbach abholen, und dann ist endlich Winterpause. Zeit zum Durchatmen, Zeit zum Aufarbeiten, Zeit zum Aufbäumen – Zeit zum Aufräumen? Dieser HSV, der diesmal völlig versagte, geht schweren, ganz schweren Zeiten entgegen, und er wird aufpassen müssen, dass ihm nicht noch Schlimmeres passiert. Es ist einfach nur noch blamabel, dramatisch blamabel.

„Hat das Spiel schon begonnen?“ Fragte ein Kollege nach 15 Minuten in die Runde. Eine berechtigte Frage, denn so richtig Fußball war das in der Anfangsphase nicht. Dann aber. Der HSV hatte Ballbesitz. Ballbesitz ohne Ende. Er hätte jetzt immer noch Ballbesitz, wenn das Spiel nicht längst abgepfiffen wäre. Ballbesitz, Ballbesitz, Ballbesitz. Und der Gegner schießt Tore und gewinnt. Aber im Ballbesitz liegt der HSV immer gaaaaaaaaaanz weit vorn. Aber geht so Fußball? Ballbesitz? Gibt es dafür Punkte? Oder zählen immer noch Tore? Ich weiß es im Moment nicht mehr, denn immer wieder heißt es doch so schön: Ballbesitz, der HSV lag in Sachen Ballbesitz ganz weit vorn.

Der Gegner, in diesem Fall Leverkusen, stellt die Räume geschickt zu. Das darf. Und das machen die Gegner auch nicht selten. Und dann? Dann hat der HSV Ballbesitz, weil er die Kugel hin und her schiebt. Und damit eindrucksvoll demonstriert: Wir haben keine Mittel, gegen diesen Gegner ein Spiel zu eröffnen, möglichst sogar schnell zu eröffnen. Nein, nein, das ist armselig, erbärmlich und hat nichts mehr mit Spitzenfußball zu spielen. Jeder, der trotz einer Karte zu Hause geblieben war, tat richtig daran. Es war kalt, es gab keinen Fußball, es gab nur traurige Gesichter. Und hin und wieder mal Pfiffe.

Und dann kommt es natürlich auch so, wie es fast jeder erwartet hatte: Sidney Sam, unser Sidney Sam, der schießt Leverkusen mit 1:0 in Front. Wobei die HSV-Abwehr erneut ein erschütterndes Bild abgab. Torwart Frank Rost eingeschlossen.

Immerhin gab es eine Reaktion von einigen, nicht von allen HSV-Spielern. Ruud van Nistelrooy, dem nichts gelang, lief aber nach diesem Treffer wie um sein Leben. Von Bayer-Profi zu Bayer-Profi. Auch David Jarolim war bemüht, eine Reaktion zu zeigen, Piotr Trochowski, Heiko Westermann, Collin Benjamin ebenfalls, aber was heißt schon bemüht? Das ist eine glatte Fünf. Und das trifft dieses kollektive Versagen ganz gut. Obwohl: Ich würde diesmal auch eine glatte Sechs geben!

Zur Halbzeit habe ich in sehr, sehr viele ratlose Gesichter geblickt. Und die Frage gehört: „Wo soll das hinführen?“ Und: „Wo soll das noch enden?“ Einige gingen auch schon nach Hause. Wussten sie, ein welches Debakel sie noch verpassen würden?

Armin Veh trieb seine Mannen von der Linie aus an, er feuerte sie an, er forderte Einsatz, aber bis zum Seitenwechsel klappte nichts mehr. Kein Druck, keine Torgefahr, deshalb natürlich auch keine Chancen.

Hätte nicht Rost zweimal gut gehalten (gegen Augusto und Vidal), hätte es auch 0:3 zur Pause heißen können. Nein, das heißt, eine Möglichkeit hatte der HSV dann doch. Jarolim brachte den Ball hoch vor das Bayer-Tor, doch Jonathan Pitroipa brachte das Kunststück fertig, an der Kugel vorbei zu treten. Das war eine Hundertprozentige, aber . . . „Hamburg, Hamburg an der Elbe Auen . . .“ Wurde ganz tapfer im Nord-Westen gesungen. Wie beim Grand Prix der Volksmusik. Toll. Es hätte nur noch gefehlt, dass die Heidekönigin gekürt würde. Aber es ist wohl so: Wenn schon kein Fußball, dann auch die entsprechenden Fan-Gesänge.

Freude kam erstmalig in der 48. Minute auf. Da schoss Vidal per Knie den Ball ins eigenen Tor. 1:1, jetzt geht’s loooooos. Von wegen. Der HSV hatte Ballbesitz. Und Leverkusen schoss das nächste Tor. Vidal köpfte nach einer Ecke ein, erzielte sein zweites Tor. Aber ich weiß nicht, was da vorher mit van Nistelrooy war, er wurde meiner Meinung nach am Elfmeterpunkt umgeschubst, als er zum Kopfball gehen wollte. Anschließend sahen weder Dennis Aogo (ging mit dem Fuß statt mit dem Kopf) in das Duell mit Vidal, und auf der Torlinie ging Ze Roberto in Deckung. Ich weiß allerdings nicht, ob der Brasilianer nicht ausgerutscht war, das blieb mir verborgen. Hätte er dort noch gestanden, wäre er angeköpft worden.

Als es in der 66. Minute gar 1:3 hieß, konnte man den HSV-Profis das blanke Entsetzen in ihren Gesichtern sehen. Augusto war Jarolim enteilt, ein Heber über Rost – Tor. „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, war danach zu hören, immerhin kein „Hamburg, Hamburg an der Elbe Auen . . .“

Nein, es macht wirklich kein Spaß mehr, in diesen Tagen HSV-Fan zu sein. Eljero Elia kam in der 67. Minute für den total enttäuschenden Ze Roberto, bei dem nichts, aber auch nichts läuft. Schon seit einigen Spielen nicht. Paolo Guerrero hätte es auch treffen können, aber sollte der Trainer nun, als das Kind in den Brunnen gefallen war, noch auf die Jugend setzen? Das wäre in meinen Augen die Höchststrafe gewesen, aber in der 76. Minute kam Heung Min Son (für Jarolim) und Tomas Rincon für Dennis Aogo. Es half natürlich nichts mehr, obwohl Elia noch auf 2:4 verkürzen konnte. Zuvor hatte Rost einen Schuss von Augusto ins eigene Tor gelenkt.

Und was war danach aus dem Norden zu hören? „Wir ha’m die Schnauze voll.“ Und: „Hoffmann raus.“ Spielte er mit? Ist mir gar nicht aufgefallen. War aber vielleicht auch anders gemeint.

Quo vadis, HSV?

17:22 Uhr