Tagesarchiv für den 10. Dezember 2010

Guy Demel: “Es liegt an uns”

10. Dezember 2010

Es bleibt dabei. Gegen Leverkusen werden die Routiniers auflaufen. Die „alten Herren“ sollen es richten. Und ich finde das gut. Natürlich weiß ich, dass ich mich mit diesem Bekenntnis wieder einmal in die Nesseln setze, aber dazu stehe ich, denn: Diejenigen, die jetzt pöbeln oder sauer sind, dass junge Spieler wie Heung Min Son, Muhamed Besic, Tunay Torun, oder auch Eric-Maxim Choupo-Moting zunächst einmal nur zusehen müssen, sind vielleicht auch dann sauer, wenn die Jungen zwar Einsätze feiern, aber der HSV weiterhin in den unteren Regionen herumkrebst, eventuell sogar in Abstiegsgefahr gerät. Dann heißt es doch auch: „Wieso kann man Paolo Guerrero, David Jarolim, Guy Demel, Piotr Trochowski und andere mehr draußen lassen? Jetzt haben wir die Bescherung.“

Ja, so geht dann. Garantiert. Ich denke, dass die „Alten“ die nötige Erfahrung haben, und dass sie auch die besseren Nerven haben. Beides garantiert, das haben wir in den letzten Jahren ja oft genug erfahren (müssen), keineswegs einen erfolgreichen HSV, aber in einer so gefährlichen Situation würde ich als Trainer auch immer auf die Routine setzen. Zwei Spiele noch, nur darum geht es, und dann können in der Winterpause die Wunden geleckt werden – und die Weichen eventuell wieder auf Erfolg gestellt.

Mit den nötigen An- und Verkäufen? Abwarten. Im Blog ging es in den letzten Stunden ja auch um Eljero Elia. Ab dafür, oder behalten? Die breite Masse ist sich uneins. Wie es bei Euch heißt (ich weiß nichts davon, was nichts bedeuten muss), soll es zwischen Trainer Armin Veh und Elia kriseln. Kann gut sein. Wenn ich mir eins und eins zusammenreime, dann könnte da was dran sein, denn: In der vergangenen Woche hatte ich Elia im Training noch etwas verhaltend spielen sehen. Veh sah das anders, bescheinigte dem Flügelflitzer wieder bessere Leistungen. In dieser Woche aber sagte der Coach über den Niederländer, dass andere besser trainiert hätten . . .

Unabhängig einmal davon: Grundsätzlich halte ich es für richtig (und wichtig), wenn ein Trainer einem Nationalspieler (und Vize-Weltmeister), der überhaupt nicht in die Spur kommt (kommen will), einmal etwas mehr unter Druck setzt, wenn er ihm auch mal die kalte Schulter zeigt. Und wenn das zurzeit beim HSV passieren sollte, so wäre das ganz okay. Denn gestreichelt wurde Elia seit Wochen und Monaten reichlich, jetzt muss es sich zeigen, ob er einer wird, ob er beißen kann, ob er sich auch für den HSV einsetzt, einsetzen will. Zuletzt in Freiburg, da hatte ich nicht das Gefühl, als ob das noch einmal etwas mit ihm werden könnte – und vorher war ich durchaus immer optimistisch. So schnell kann sich das im Fußball ändern . . . Man darf jetzt nur gespannt sein, ob die nun etwas härtere Gangart (so es sie denn tatsächlich gibt) für ein Umdenken bim offenbar doch sehr sensiblen Stürmers sorgt.

Beim Training wurden heute vor allen Dingen Standards geübt. Die sahen gut und vielversprechend aus.

Beim Abwehren der hohen Bälle, die in den Strafraum segelten, war Guy Demel einer derjenigen, die viele Kopfballduelle bestreiten mussten – und auch gewann. Die „Kante“ fühlt sich offenbar in der Mitte doch wohler, zumal ihm ja auch Armin Veh zuletzt bescheinigte, dass er zentral besser spielen würde, als auf der rechten Außenverteidiger-Position. Aber: Demel soll in Freiburg Ärger mit den HSV-Fans gehabt haben, und zwar sollen sie ihn und er sie bepöbelt haben. Guy Demel sagt: „Ich habe davon gehört, es soll in den Zeitungen gestanden haben, aber dem war nicht so. Da war gar nichts. Das war falsch interpretiert worden.“ Und er fügt hinzu: „Wir wollten mit den enttäuschten Fans reden, das hielt ich auch für wichtig. Es war schwer, mit den Fans zu reden, eine Klärung zu finden, die Fans wurden dann noch saurer, aber ich hielt es trotz allem für wichtig, dass wir mit ihnen reden wollten.“ Dann zeigte Demel sogar Mitgefühl: „Ich kann die Fans verstehen, sehr gut sogar. Wir stehen weit weg von unseren Zielen, und das mit dem guten Kader den wir haben. Das ist ja auch nicht normal. Und deswegen müssen wir Spieler auch akzeptieren, dass die Fans, die uns immer super unterstützen, nach einem solchen Spiel sauer sind. Ich finde das sogar gut, wenn sie sauer sind . . .“ Das gehört dazu. Und die sind doch traurig, dafür habe ich volles Verständnis.“

Mit einem Sieg wollen sich die Spieler von ihren Zuschauern aus dem Jahr verabschieden. Und dann mit einer guten, vielleicht überragenden Rückrunde verloren gegangenes Terrain zurückerobern. Demel sagt offen: „Wir hatten viele Verletzte, da gab es sicher auch Probleme, aber mit dem Kader, den wir haben, müssten wir besser stehen. Wir sind vom Kader besser, als zu jener Zeit, als ich vor fünf Jahren nach Hamburg kam. Damals hatten wir vielleicht zehn gute Spieler, jetzt haben wir einen richtig guten Kader – es liegt an uns. Der Verein macht einen guten Job, das Trainer-Team macht einen guten Job, jetzt müssen auch die Spieler sich Gedanken machen, damit es endlich besser wird. Denn Qualität gibt es bei uns, das ist sicher.“

Guy Demel gibt aber auch zu: „Wir haben gute Spieler, die Aufstellung für das Leverkusen-Spiel klingt auch gut, aber wir müssen es lernen, als Mannschaft aufzutreten. Damals war weniger Qualität, aber wir hatten Teamgeist, der hat uns nach oben gebracht. Wir müssen, jeder einzelne, auch ich, gemeinsam versuchen, diese beiden Spiele erfolgreich zu gestalten, und dann einen neuen Anfang machen. Ich denke, bei uns ist einiges verpasst worden, ich weiß nicht was, aber das ist nicht normal . . .“ Dann bricht er seinen Satz ab. Und beginnt neu: „Es ist schwer. Wenn man weiß, dass es verschiedene Gruppen in der Mannschaft gibt, dann wüsste man, woran es liegt, aber es gibt keine verschiedenen Gruppen bei uns. Wir haben keine Probleme untereinander, aber vielleicht bin ich ja auch blind und sehe nichts . . .“

Naja, das klang kürzlich noch ein klein wenig anders, aber gut.

Dann sagt Guy Demel noch etwas Entscheidendes: „Es ist wie in einer Beziehung, ab und zu gibt es Probleme, aber niemand weiß genau, wie und wann es angefangen hat.“ Und: „Wir müssen uns die Zeit nehmen, diese Probleme zu lösen, denn wir haben es nicht hinbekommen, ein Team zu werden. Es stehen so viele Mannschaften vor uns, die nicht unsere Qualität haben, sogar Dortmund halte ich nicht für besser – aber so ist Fußball. Es klingt vielleicht blöd, aber so ist es.“

Blöde ist das Stichwort. So oder so ähnlich muss es David Jarolim gesehen haben, als er in Freiburg draußen blieb. Er sagt: „Ich fand es nicht okay, aber es wäre auch nicht gut, wenn ich dennoch zufrieden gewesen wäre. Die Trainer sehen das immer anders als der Spieler, aber die Sache ist vorbei, wir haben gesprochen, jetzt freue ich mich auf Leverkusen.“

Ich freue mich auch, weil „Jaro“ wieder dabei ist, denn er ist einer, der immer heiß ist, der stets alles gibt, der immer will, der auch stets vorbildlich voran marschiert. Ihm soll zuletzt die „Spritzigkeit“ gefehlt haben, aber er sagt: „Schwer zu sagen, wo und wie der Trainer das festgestellt hat. Beim 2:3 gegen Stuttgart vielleicht, da kam ich ein bisschen zu spät, das hätte ich anders lösen können, aber jetzt ist es zu spät. Abgehakt. Am Sonnabend will ich gewinnen, auch wenn es ganz schwer werden wird.“

Jarolims Motto für diese letzten 90 Hamburger Minuten des Jahres 2010 ist klar: „Gas geben, in die Zweikämpfe kommen. Und nicht erst anfangen zu zaubern und dann denken, dass es von alleine läuft. So geht es nicht. Erst einmal muss jeder seine Aufgabe erfüllen.“ Das klingt wie vor jedem Spiel. Aber dann hat es (auswärts) doch nicht geklappt. „Jaro“ kennt und nennt einen Grund dafür: „Wir haben zuletzt schlecht verteidigt, und wenn das so ist, dann sieht man immer schlecht aus. Naiv spielen und öffnen, das darf es nicht sein.“ Er sagt aber auch: „Wir haben das in dieser Woche im Training besser gemacht, nur so kann man die Spiele gewinnen – aber deswegen bin ich zuversichtlich. Und an guten Tagen können wir jeden schlagen, ganz klar.“

Der HSV spielt am Sonnabend mit: Rost; Benjamin, Demel, Westermann, Aogo; Jarolim, Trochowski; Pitroipa, Ze Roberto; Guerrero, van Nistelrooy. Der gesamte Kader hat sich gegenüber Freiburg nicht verändert, also auch Elia ist wieder auf der Bank.

17.42 Uhr