Tagesarchiv für den 5. Dezember 2010

Das ist Fußball zum Abgewöhnen

5. Dezember 2010

„Moin liebe Leute,

das Spiel gestern war wie das Wetter zurzeit (oh Mann, geht mir der Winter auf die Nerven). Die Leistung des HSV war so schlecht und emotionslos, dass ich die Schnauze voll habe. Mir tun alle HSV-Fans total leid, die sich im Winter ganz nach Freiburg hingequält haben. Zum dritten Mal in meiner langen HSV-Zeit streiche ich ein Spiel wegen Arbeitsverweigerung meiner Mannschaft. Ich werde am übernächsten Freitag nicht nach MG fahren. Die Karte verkaufe ich. Und wenn sie keiner haben will, lasse ich sie verfallen. Gegen LEV fahre ich nur wegen meiner Serie in den Volkspark. Ich lasse mich nicht von Millionären, die von einem totalen Fußballlaien ( wie kann man Jaro draußen lassen ) trainiert werden, verarschen. Wenn ich alle Fehler dieses Trainers aufzählen würde, würde ich in fünf Stunden noch schreiben. Auf jeden Fall war das gestern eine der ganz, ganz großen Enttäuschungen in meinen über 33 Jahren HSV, und sehe ganz schwarz für die Zukunft. Mein Gefühl sagt mir, dass Sydney Sam, der ja bei uns keine Einsatzzeiten bekommen hätte, da seine Position mehrfach optimal besetzt ist (Zitat Stuttgarter Meistertrainer) uns nächste Woche alleine abschießt und dass BMG die Hinrunde nicht ohne Heimsieg beendet. Zum Glück hat mich mein Gefühl schon oft getäuscht. Ich bin ja gespannt, was im Januar auf der JHV abgeht.

Auf Leistungen der einzelnen Spieler gestern einzugehen macht keinen Sinn. Das war kollektives Versagen. Am meisten enttäuscht hat aus meiner Sicht Herr Ze Roberto. Also Herr Hoffmann: Unbedingt nicht nur mit Herrn Veh, sondern auch mit Ze verlängern. Ich würde vorschlagen, das Gehalt von 3,5 auf 4 Mios zu erhöhen. Mal eben zum Nachdenken: Die elf Freiburger Spieler, die gestern auf dem Platz standen, verdienen alle zusammen nicht so viel.

Euch Leidensgenossen noch einen schönen Sonntag.“

Und
Noch eine Mail, die mich erreichte:

“Betreff: HSV unterirdisch und leblos

Außer Son, Pitroipa , Rost und van Nistelrooy sollten ALLE gehen. Ich kann es weder hören noch ertragen. Seit Jahren dasselbe Gesülze mit den Ansprüchen.

Reißt Euch mal am Riemen und kämpft endlich. Ihr seid maximal Durchschnitt.

Troche wird es nie schaffen, das ewige Talent mit der tollen Schusstechnik. Demel? Langsam, ungenau, pomadig. Warum? Guerrero? Mit dem Ruderboot in die Psychotherapie in Lima. Elia, das Mäuslein? Ab auf die Insel, Geld mitnehmen und einen Sportchef beschaffen, der eine Perspektive schafft und nicht am Busen des DFB hängt. Die Komödie um diese Position hat dem Verein mehr geschadet als ein 0:1 in Freiburg.
Fast schon Monty Python . . .

Wo sind die jungen Spieler? Warum sind die nicht mal im Kader? Wieso schaffen es Schalke und Dortmund junge Leute aufzubauen? Wieso gehen Hamburger Talente eher nach Bremen als zum HSV? Es reicht!

Bin 14 Jahre im Club und habe nichts außer leerem Gefasel der Vorstandsetage im Kopf.
Merchandisingzahlen toll – vom Fußball haben alle die Nase voll.
Es wird Zeit, dass die Fans trotz Dauerkarte einfach mal lieber zu Hause bleiben und die Mannschaft und deren Vorgesetzte bei Heimspielen abstrafen. Muss toll sein, ausschließlich vor Gästefans im Käfig zu spielen.

Keine Leute, keine Stimmung, kein Merchandising.
Nur so geht es!”

Diese Briefe (Mails) sind nur zwei von vielen, die mich seit gestern erreicht haben. Ich stelle sie Euch exemplarisch zur Verfügung, denn alle sollten wissen, was die Stunde geschlagen hat. So, wie nun die Verfasser dieser Mails, denkt wohl inzwischen jeder zweite HSV-Fan. So oder so ähnlich. Nach dieser peinlichen Vorstellung sollten sich alle Verantwortlichen einmal, endlich einmal, an einen Tisch setzen, um Tacheles zu reden. So darf es doch ganz einfach nicht mehr weitergehen. Der HSV spielt Schön-Wetter-Fußball im Winter, da reißt sich kaum einer den Arsch auf – ich muss es einmal so deutlich schreiben dürfen, sorry. Und wenn sich tatsächlich einmal einer der Herren dazu bequemt, dagegen zu halten, dann machen sich die anderen Kollegen gedanklich vom Acker.

Warum ist diese Mannschaft keine Mannschaft? Und warum wird aus dieser Mannschaft keine Mannschaft, denn dieses Problem ist doch schon seit Monaten erkannt worden?

Es wird sich nicht gewehrt, es übernimmt keiner Verantwortung, alle gehen brav und bieder mit unter, ergeben sich in ihr Schicksal. Wenn nicht heute, dann eben morgen . . . Es wurde hier schon in den letzten Stunden (und in den Tagen und Wochen davor) wiederholt geschrieben: Die anderen geben Gas, rennen, grätschen, beißen, treten – und gewinnen. Und der HSV übt sich in Schönspielerei. Es ist zum Davonlaufen. Aber am nächsten Wochenende sind sie alle wieder da. Wie zuletzt gegen Stuttgart. Ich erinnere mich. Da fragte ich meinen Nachbarn: „Das Stadion ist fast ausverkauft, verstehst du das? Bei dem Fußball, den der HSV seinen Fans bietet?“ Und er antwortete mir: „Nein, da ist schon Fußball paradox. Da spielt der Tabellenneunte gegen den Tabellenfünfzehnten, und es kommen 53 055 Zuschauer. Das ist doch nicht normal.“ In der Tat.

Was hatte diese laue Vorstellung in Freiburg noch mit Bundesliga-Fußball zu tun? Da vergeht doch jedem Fan die Laune auf Fußball. Und die Laune auf den HSV. Unterirdisch. Mir geht dieses müde Gekicke nur noch auf die Nerven. Fußball zum Abgewöhnen. In Bremen lief (und läuft) das ja seit Wochen ähnlich, aber da haben sie die Gehälter der Herren Kicker eingefroren. Seit dieser Zeit spielt Werder zwar nicht besser, aber die Spieler merken immerhin, dass man mit ihren „Leistungen“ nicht zufrieden ist. Hier in Hamburg ist es nun überfällig, dass den Spielern mal mitgeteilt wird, dass es so nicht geht. Und nicht gehen darf. Das ist ja Leistungsverweigerung wie sie im Buche steht.

Natürlich trägt auch Armin Veh an dieser Misere seinen Teil dazu bei. Aber hat er die Alleinschuld? Ganz sicher nicht. Wollt Ihr Euch die Trainer dieses Jahrtausends, nur diese Trainer, einmal vor Augen führen. Und wenn Ihr das macht, Euch die Frage stellen: „Alles Versager?“ Konnten diese Herren wirklich alle nichts? Oder lag es doch eher an den satten, alten, ausgebufften Herren, die auf dem Rasen standen und sich nicht bewegten?
Wie schön wäre es doch, wenn diese HSV-Profis endlich einmal lernen würden, 90 Minuten zu laufen? Denn Fußball spielen kann doch fast jeder aus diesem Kader. Nur laufen und kämpfen können die wenigsten. Das wird ihnen fast jede Woche von den so genannten „Kleinen“ (z.B.: Köln, Hannover, Freiburg) vorgemacht. Die können ganz sicher nicht so gut mit der Kugel umgehen, aber sie können eines: RENNEN!!!!

Und es soll mir keiner mit diesem blöden Argument kommen (zu oft schon gehört): „Wenn wir rennen und kämpfen würden, dann würden wir ja unsere spielerische Linie verlieren. Dann wären wir doch nicht mehr wir.“ Lächerlich. Wirklich lächerlich. Jedem, der einen solchen Stuss von sich gibt, empfehle ich einmal das Spiel FC Barcelona gegen Real Madrid (5:0) vom vergangenen Montag anzusehen. Wahrscheinlich würde davon schon eine Halbzeit, oder sogar eine halbe Halbzeit genügen, um alle davon zu überzeugen, dass es auch so geht. In Barcelona laufen millionenschwere Stars, tatsächlich. Die lassen sich so weit gehen, dass sie alles geben, bis zum Letzten. Die Millionäre lassen sich so weit herunter, dass sie wie ganz normale Fußballer kämpfen, beißen und rennen. Alle Achtung! Es gibt so etwas also tatsächlich noch, das ist kein Märchen.

Dafür ist bestimmt auch ein Trainer verantwortlich. Nur: Läuft dieser HSV denn nur in dieser Saison nicht – oder nur so unrund? Nein. Das ist schon seit Jahren eine dauerhafte HSV-Krankheit. Die wird erst dann abgestellt werden können, wenn hier junge, ehrgeizige, hungrige Fußballer unter Vertrag stehen, die sich erst noch in den Vordergrund spielen wollen. Und genau solche Fußballer werden im Sommer 2011 beim HSV spielen. Wartet es ab! Geht gar nicht anders.

Dass dann Armin Veh aber nicht mehr der Trainer des HSV sein sollte, das gefällt mir nicht wirklich. Denn ich halte ihn nach wie vor für einen guten Trainer. Und für einen ehrlichen Menschen, der sich und seine Umwelt absolut realistisch sieht. Glaubt es mir (oder auch nicht), Veh sieht alle Sachen genau so wie die meisten von Euch. Er sieht sie nicht überdreht, überspitzt, er vernichtet nicht so wie hier einige HSV-Fans – aber das, was falsch läuft, das sieht er garantiert. Nur was soll er machen? Hat jemand von Euch einen realistischen Vorschlag? Wirklich realistisch? Bislang konnte Armin Veh doch nur das aufstellen, was er hatte. Und, mal ehrlich, wer von Euch hatte nicht auch folgende Elf für den HSV in der Saison 2010/11 im Kopf? Rost; Demel, Westermann, Mathijsen, Aogo; Jarolim, Ze Roberto; Elia, Jansen; Petric, van Nistelrooy. Dazu eventuell Pitroipa und Trochowski.
Und? Wie oft hat diese Wunsch-Formation auf dem Rasen gestanden? Genau! Nie! Vehs Schuld?

„Das ist zu wenig, so können wir nicht oben mitspielen, so haben wir uns das nicht vorgestellt, zu spielen“, schimpfte Armin Veh in Freiburg. Wie zuvor schon in Dortmund. In Hannover. In Köln. In . . . Das ist wirklich erbärmlich.

Aber dann bringt der Trainer in der Schlussphase einen jungen, hungrigen, elanvollen Mann wie Eljero Elia, und was passiert? Nichts! Liegt das an Veh? Schmeißt Ihr deshalb Armin Veh raus? Der Coach hätte statt Elia auch Busfahrer Miroslav Zadach aufstellen können, der saß auch draußen, hatte sich extra für dieses Spiel zurück gehalten. Ich bin mir sicher: Es wäre zwischen Zadach und Elia kein Unterschied zu erkennen gewesen.

Quer, quer, zurück, zurück, zurück, zurück. Und quer. So super hat der HSV in Freiburg lange Zeit gespielt. Und dazu wusste die Veh-Truppe, dass Freiburg genau so auftreten würde, wie es immer geschieht: Lange Bälle nach vorne hauen, hinterher rennen (ist nicht verboten!) und auf den zweiten Ball spekulieren. Das klappt nicht immer, das sieht auch nicht immer besonders schön aus – aber wo steht der finanziell so starke, eigentlich steinreiche SC Freiburg, und wo steht der HSV? Übrigens: Von dem Saisonziel will Armin Veh immer noch nicht Abstand nehmen. Er will mit dem HSV noch immer in den internationalen Wettbewerb. Die Frage, die ich bei solchen Anwandlungen immer meinem Freund Peter stelle, lautet wie folgt: „Wovon träumen Sie nachts, Herr Veh?“ Statt träumen hieße es für mich besser aufräumen. Oder anders herum: Aufräumen statt träumen.

Und wenn Veh in seinem Resümee in Freiburg Tacheles spricht, dann ist er ja schon auf einem ganz guten Weg. „Wir waren zu pomadig, nicht handlungsschnell genug, hatten zu wenig Durchschlagskraft.“ Sagte Veh. Treffer. Wenigstens einer.

So, genug Dampf abgelassen. Drei Dinge am Rande:

Über den Vorfall in Essen werde ich nichts schrieben, der spricht (wieder einmal, Bielefeld lässt grüßen), für sich. Traurig, einfach nur traurig.

Und dann: Warum Anton Putsilo, der ehemalige HSV-Spieler aus Weißrussland, nun in Freiburg Putsila heißt, erklärte er so: „Das war in Hamburg irgendwie eine Durcheinander-Version und falsch, aber es war von Anfang so mit dem o hinten geschrieben worden, deswegen habe ich nichts mehr gesagt.“ Herrlich. Ich heiße eigentlich ja auch Mutz, aber weil Matz für dieses „ab“ besser passt . . . Nein, es gibt Sachen, die . . . Kurios dazu: Als Putsilo einst mit Weißrussland in Kaiserslautern ein Länderspiel gegen Deutschland bestritt, hieß er auch Putsilo.

Zum Schluss sollte, wer Zeit hat (und wer HH 1 empfängt), morgen, Montag, um 20.15 Uhr „Rasant“ einschalten. Da gibt es erstmalig eine HH-Presserunde (soll, so hörte ich, eine ständige Einrichtung werden), in der 45 Minuten lang diskutiert wird – über den HSV. Drei Journalisten, dazu Moderator Uli Pingel und der HSV-Vorsitzende Bernd Hoffmann sind dabei.

16.42 Uhr