Tagesarchiv für den 3. Dezember 2010

Veh verzichtet auf Jarolim!

3. Dezember 2010

Kurz vor Jahresschluss wird es noch einmal turbulent. Der HSV muss bis 2011 auf Mladen Petric verzichten, der Stürmer hat sich am Donnerstag im Training einen Muskelfaserriss zugezogen. Und der HSV verzichtet morgen, Sonnabend, beim Auswärtsspiel freiwillig auf David Jarolim. Der ehemalige Kapitän wirkt, so Trainer Armin Veh, im Moment nicht „spritzig“ genug. Und da Dennis Aogo erstmalig von Beginn an in dieser Saison in der Stammformation stehen wird, rückt Ze Roberto vor auf die Sechs. Der HSV, so sich keiner mehr eine Erkrankung zuziehen wird, spielt mit folgender Elf: Frank Rost; Tomas Rincon, Guy Demel, Heiko Westermann, Dennis Aogo; Ze Roberto; Jonathan Pitroipa, Piotr Trochowski, Tunay Torun; Ruud van Nistelrooy, Heung Min So. Diese elf Namen klingen für mich schon viel versprechend. Und irgendwie denke ich auch bei mir: Es ist doch ein kleines Wunder, dass der HSV bei allen personellen Ausfällen, die er ja in schöner Regelmäßigkeit hat, immer noch eine so gute Mannschaft auf die Beine stellen kann. Das spricht doch für den Klub. Und für die Arbeit, die dort geleistet wurde – und wird. Übrigens: Schiedsrichter ist morgen in Freiburg Tobias Welz aus Wiesbaden. Sagt mir nicht viel, kann ich wahrscheinlich nach den 90 Minuten besser einschätzen.

Freiburg ist ja eine wunderschöne Stadt. Und ein gutes Pflaster für den HSV, denn: Von den bislang elf Spielen, die an der Dreisam ausgetragen wurden, hat der HSV vier gewonnen, es gab fünf Unentschieden – und der Rest war Niederlagen. Das waren, wie Ihr errechnen könnt, nicht viele. Allerdings gab es bei den letzten fünf Auftritten der Hamburg im Breisgau keinen Sieg: vier Unentschieden, eine Niederlage. Diese Statistik deutet schon darauf hin, dass es auch wohl diesmal eine enge Kiste werden wird, zumal der Sport-Club in dieser Saison so gut wie fast nie zuvor (okay, einmal gab es einen internationalen Startplatz) auftritt. Und das ist vom HSV in dieser Spielzeit ja kaum zu behaupten. Immerhin aber waren die letzten Auftritte so, dass die Veh-Trupe nicht unbedingt als Außenseiter nach Freiburg fliegt. Jawohl, fliegt. Gestern war der Flug noch gegen eine Bahnfahrt eingetauscht worden, heute wurde dieser Tausch rückgängig gemacht – es gibt einen Charterflug bis und von Basel.

Beim heutigen Abschlussspielchen ließ Armin Veh schon die gedachte Mannschaft gegen die Reservisten antreten, die Partie endete auf grünem Rasen (!) mit einem späten 3:2-Sieg des A-Teams. Die Tore schossen Robert Tesche und Paolo Guerrero (für die B-Vertretung) sowie Heung Min Son, Piotr Trochowski und Ruud van Nistelrooy. Auffällig bei diesem kurzen Kick: Frank Rost war wieder der Lautstärkste auf dem Platz, der Keeper setzte seine „kommentierende Linie“ also konsequent fort und „sprach“ nach jedem missglückten Defensiv-Manöver der Stamm-Formation Tacheles. Besonders nach den beiden Gegentoren. Und einmal ermahnte er den Koreaner in seinem Team mit mächtigen Worten: „Sonny, mach’ hinten kein Theater, schieß’ den Ball hier weg.“ Da hatte sich Son am Strafraum verdribbelt, so das es vor dem Rost-Tor richtig brenzlig wurde
Im Kader für das Freiburg-Spiel steht erstmalig auch wieder „Allrounder“ Collin Benjamin, es fehlen diesmal Muhamed Besic, Änis Ben-Hatira und Lennard Sowah.

Drei „junge Dachse“ also, die daheim bleiben müssen. Aber ein „junger Dachs“ konnte gegenüber der Vorwoche seinen Platz in der Mannschaft behaupten. Und das nicht nur deshalb, weil Mladen Petric ausfällt. Der 20-jährige Tunay Torun hat sich quasi von null auf 100 in die Mannschaft gekämpft, und zwar in jenen 79 Minuten, die er zuletzt gegen den VfB Stuttgart auf dem Rasen verbringen durfte. „Ich habe es gehofft, dass ich wieder dabei bin. Dafür gebe ich im Training alles, und ich gebe auch im Spiel immer alles“, sagt der Türke, der morgen über links kommen wird. „Das bedeutet für mich, dass man mitunter recht lange Laufwege gehen muss. Aber egal, ich spiele dort, wo der Trainer mich hinstellt“, sagt Torun, der zuletzt als Spitze aufgeboten worden war und praktisch ein Blitz-Comeback feiern durfte: „Ich hatte gerade mal zwei Spiele in der Regionalliga gemacht, und dann durfte ich schon von Beginn an bei den Profis ran – das ist sehr schön für mich. Dafür aber habe ich auch hart gearbeitet. Und ich danke dem Trainer natürlich, dass er mir sein Vertrauen schenkt. Ich hoffe, dass es so weitergehen wird.“

Die Kraft hat ihm noch für 90 Minuten gefehlt, logisch. Aber er verspürte auch keine Schmerzen; das nach dem Kreuzbandriss lädierte rechte Knie muckte auch nicht auf. Ein gutes Zeichen. 23 Bundesliga-Einsätze hat Tunay Torun nun schon hinter sich, er hat bei Martin Jol und Bruno Labbadia schon gespielt. Einen seiner bisherigen Trainer will er aber nicht explizit hervorheben: „Ich habe von allen etwas gelernt, ob nun von Jol, Labbadia oder auch Karsten Bäron, der mich bei den Amateuren gefördert hat, oder auch Herr Cardoso, der in der Jugend mein Trainer war. Sie alle haben dazu beigetragen, dass ich heute für den HSV in der Bundesliga spiele.“

Besonders seine Laufleistung gegen Stuttgart imponierte – fast alle. Torun attackierte jeden Schwaben, der sich gerade am Ball aufhielt. Ich schrieb es nach der Partie, diese Torun-Vorstellung erinnerte an Ivica Olic. Für den Türken aber war sein Spiel völlig normal: „Ich laufe immer viel, es gibt ja nach jeder Begegnung die Daten, ich laufe stets um die elf Kilometer in den 90 Minuten. Und für das Stuttgart-Spiel hatten wir uns vorgenommen, früh zu attackieren. Das habe ich gemacht. Wir haben alle Gas gegeben, das wurde gut umgesetzt, von der gesamten Mannschaft.“ Daran soll morgen natürlich angeknüpft werden. Und er sagt: „Ich bin noch ein junger Spieler, ich muss versuchen, Konstanz in mein Spiel zu bekommen, dass ich solche Leistungen auch über einen längeren Zeitraum abrufen kann.“ Vor einigen Tagen noch hatte er ein wenig Angst, in die Zweikämpfe zu gehen, doch das ist heute kein Thema mehr für ihn: „Ich bin jetzt überglücklich, dass ich hundertprozentig fit bin, ich habe auch keinerlei Angst mehr.“ Genau das ist ihm nun auch im Training anzumerken. Tunay Torun blüht im harten Hamburger Winter richtig auf. Und könnte sich 2011 selbst belohnen, denn der türkische Fußball-Verband hat ihm sein erstes A-Länderspiel in Aussicht gestellt.

Zunächst aber gilt es, die Leistung von Stuttgart in Freiburg zu bestätigen. Und da hofft Torun auch auf das gesamte Team, dass alle an einem Strang ziehen: „Wir sind eine der besten Mannschaften der Bundesliga, egal ob Dortmund da ist oder ein anderer Klub. Wenn wir unser Spiel durchziehen, dann haben wir gegen jeden Gegner eine Chance, das Spiel zu gewinnen. Mal sehen, was in Freiburg passiert.“

Da ist nicht nur er gespannt, da fiebern wir ja wohl alle voll mit. Auch Jonathan Pitroipa, der einst als 17-jähriges Talent zum SC Freiburg und damit nach Deutschland gekommen ist. „Pit“ kehrt also an seine erste Wirkungsstätte im deutschen Profi-Fußball zurück, und er freut sich riesig darauf: „Freiburg ist toll, ich hatte vier schöne Jahre dort, in Freiburg wohnen auch noch viele Freunde von mir, die aber nichts mit dem Fußball zu tun haben. Ich hoffe, dass wir dort ein sehr gutes Spiel abliefern werden und dass wir die drei Punkte mit nach Hamburg nehmen können.“ Dabei musste er heute kurzfristig um seinen morgigen Einsatz bangen. Auf dem glitschigen Rasen war er beim Spiel „fünf gegen zwei“ ausgerutscht, lag genau um 10.55 Uhr wie ein Maikäfer auf dem Rücken am Boden und musste sich an den linken Adduktoren behandeln lassen. Nach einigen Sekunden aber erhob er sich – und es ging weiter. „Jetzt ist es wieder okay, ich habe keine Probleme mehr“, sagte Pitroipa, der zuletzt beständigste und beste Hamburger Spieler, nach dem Trainingsspiel.

Er mag die Freiburger Fans, die ihn nie ausgepfiffen haben, auch als HSV-Spieler nicht, und er mag die Universitäts-Stadt sowie den Sport-Club. Mit dem er sich immer noch freuen kann: „Die spielen eine sehr gute Saison, die spielen einen großartigen Fußball. Wir müssen aufpassen, kompakt stehen, wir müssen auch mehr miteinander reden, obwohl das in den letzten Spielen schon besser geworden ist. Miteinander reden ist immer wichtig, man kann sich damit schon sehr helfen.“
Dieser „neue“ Weg muss nur weiter gegangen werden, dann wird der HSV auch Konstanz in sein Spiel bekommen, davon bin ich überzeugt Und „Pit“ der vom Mitläufer zum Leader geworden ist, geht an diesem Sonnabend sicher wieder mit bestem Beispiel voran..

PS: Das 16. Bundesliga-Derby zwischen dem HSV und St. Pauli steigt am 6. Februar 2011 (um 15.30 Uhr). Dies gab die Deutsche Fußball Liga bekannt. Zum Rückrundenauftakt tritt der HSV am 15. Januar (18.30 Uhr) bei Schalke 04 an. Das erste Heimspiel im neuen Jahr hat das Team von Trainer Armin Veh gegen Eintracht Frankfurt am 21. Januar (20.30 Uhr).

16.11 Uhr

Ergänzung um 20.50 Uhr:

Dass ich auf David Jarolim (Veh: “Er ist im Moment nicht spritzig genug”) nicht näher eingegangen bin, hat zweierlei Gründe. Erstens: Ich hatte auch die Print-Kolumne für die morgige Abendblatt-Ausgabe, da habe ich das, was ich hier hätte schreiben können, schon erwähnt – auch da tat ich mich schwer. Grund: Erst wollte ich hier voller Sarkasmus schreiben: Die Jarolim-“Freunde” werden nun vor Freude in die Luft springen. Und: Wenn ich dann wieder geschrieben hätte, dass ich Jarolim auf jeden Fall gebracht hätte, dann wäre das mit dem “Trochowski-Bonus” bedacht worden. So in der Art: “Na ist ja klar, dass Matz wieder zu seinem Liebling hält . . .”
Ja, und dann habe ich im Kampf mit mir selbst versagt, krass versagt sogar, weil ich gar nichts mehr geschrieben habe. Sorry, das war ein großer Fehler, ich hoffe sehr, dass Ihr mir verzeihen werdet. Wohl spätestens beim 5:0-Auswärtssieg. Oder bei einem 7:5-Auswärtssieg. Ich habe trotz der Tatsache, dass “Jaro” nicht spielt, nämlich ein gutes Gefühl. Das schreibe ich nicht wegen meines Fehlers (um ihn zu kaschieren), das habe ich vorhin schon geschrieben – und Jörn Wolf ist mein Zeuge. Kurz vor dem Abflug rief ich ihn an, teilte ihm dabei auch mein gutes Gefühl mit. Und: Ansonsten herrscht in mir doch oftmals eine eher pessimistische Grundhaltung, was Auswärtssiege betrifft, diesmal aber nicht.
In diesem Sinne: Nur der HSV!
Und nochmals sorry!!