Tagesarchiv für den 1. Dezember 2010

Ruud: “Alles ist gut”

1. Dezember 2010

So kalt war es noch nie! Oder? Nein, ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so gefroren habe, wie diesmal im Volkspark. Selbst im vergangenen Winter, als ich mit meinen Schühchen im Eis und im Schnee stand, war ich nicht so verfroren wie heute. Ein Wunder für mich, dass sich kein HSV-Spieler eine Zerrung – oder auch Erfrierungen dritten Grades – geholt hat. Die Mannschaft kam heute erst um 10.45 Uhr auf den geheizten Rasen (ach deswegen, da kann sich ja keiner etwas wegholen!), trainierte dann aber bis um 11.50 Uhr. Laufarbeit, Ballarbeit, ein Spielchen ohne Tore – und zum Abschluss ein Spielchen mit. Das endete, so ich es richtig (dann von meinem Auto aus!) gesehen habe, 2:1 für den Stamm. Ruud van Nistelrooy hatte für das 1:0 gesorgt, Paolo Guerrero glich für die Reservisten aus, mit dem Schlusspfiff traf dann Mladen Petric.

Interessant war die Mannschaft, mit der das A-Team siegte: Frank Rost, Tomas Rincon, Collin Benjamin, Heiko Westermann, Dennis Aogo (!); David Jarolim, Ze Roberto; Jonathan Pitroipa, Piotr Trochowski; Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric. Endlich, endlich Dennis Aogo dabei, der neben Robert Tesche als einziger eine kurze Hose trug. Drei ganz Tapfere gab es noch, die ohne Mütze spielten: Tesche, Son und der Gastspieler aus der Zweiten, Florian Brügmann (auch Regionalliga-Spieler Daniel Nagy war wieder dabei). Aber das ist nebensächlich, viel mehr ruhten unsere Blicke auf Aogo, der links hinten schon wieder einen guten Eindruck hinterließ. Übersteht er diese Woche „unfallfrei“, so gehe ich fest davon aus, dass er in Freiburg ebenfalls in der Stamm-Formation stehen wird.

Endlich auch Ze Roberto wieder im Mittelfeld, er hatte gleich einige gute Szenen, wurde aber auch einmal von Muhamed Besic (oder war es Nagy?) sehr unsanft auf den Boden befördert. Gut für mich beim Stamm: Westermann, der das 1:0 sehr schön (mit einem langen Sprint über die linke Seite) vorbereitete, auch Mladen Petric zeigte auf, dass er sich seiner Bestform nähert. Nicht ganz so auffällig in Erscheinung traten van Nistelrooy und auch Piotr Trochowski, der auf der linken Seite ein wenig versteckt war. Sein Pendant auf der Gegenseite, Eljero Elia, fiel aber noch weniger auf, von dem Flügelflitzer war praktisch nichts zu sehen. Zu kalt? Das war es wohl. Rechts bei den Reservisten gefiel mir Eric-Maxim Choupo-Moting recht gut. Erfreulich auch, dass Collin Benjamin wieder dabei war und auch durchhielt. Nicht zu sehen waren heute Guy Demel, der nach wie vor verletzt ist, sowie Marcell Jansen, der wohl erst in der nächsten Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigen wird. Weil elf gegen elf spielen sollten, lief Änis Ben-Hatira während des Abschlusskicks am Rande – als 23. Mann. Auf dem Nebenplatz sprintete (!) Miroslav Stepanek mit sich allein um die Wette.

Um noch kurz zu Elia zurück zu kommen. Hier wird ja lebhaft diskutiert, ob der Niederländer im Winter nicht besser verkauft werden sollte. Ich wäre nicht dafür, aber das sage ich nur deshalb, weil ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe. Ich erinnere mich immer noch an den Sommer, an die WM in Südafrika. Wenn Elia dann für die Niederländer als Einwechselspieler alles beim Gegner so schön durcheinander wirbelte, dann lachte mein Fußball-Herz. Und ich fragte mich: Wieso hier? Wieso nicht beim HSV? Und: Ich glaube und hoffe immer noch, dass Elia an irgendeinem Tage auch uns zeigen wird, was er alles so drauf hat. Wenn der Fürst Laune hat . . . Hätte ich fast gesagt und geschrieben. Nein, im Ernst, irgendeiner beim HSV muss doch eines Tages in der Lage sein, diesem Herren, der von mir einst als „Rakete vom Volkspark“ bezeichnet wurde, mal wieder die Spielfreude zu vermitteln. Wie gesagt, ich gebe in diesem Punkt nicht auf, optimistisch zu denken (und zu bleiben). Deswegen: nicht verkaufen. Auch wenn es Geld in die leere Kasse spülen würde.

Ja, und nach dem Training? Erstens tränten einem die Augen – vom Eis-Winde. Und zweitens sprach Ruud van Nistelrooy. Ich gebe gerne zu, das war wie Weihnachten. Er hatte sich ja zuletzt sehr rar gemacht, aber heute ließ er sich dann doch einmal überreden. Während der Unterredung habe ich so bei mir gedacht: Meine Nummer eins als Gesprächspartner ist Günter Netzer, ich hänge an den Lippen des ehemaligen HSV-Managers, wenn er etwas über unseren Fußball sagt. Meine Nummer zwei ist Uli Hoeneß, der immer etwas Kluges über unseren Fußball zum Besten gibt. Eine Nummer drei hatte ich bis heute nicht, aber nun ist diese Lücke geschlossen: Ruud van Nistelrooy. Weil er immer etwas zu sagen hat, und alles klingt für mich plausibel.

Apropos Rangliste. Eine kleine (oder schon größere) Diskussion ist ja hier auch um Armin Veh entbrannt. Die Bild spekuliert ja heute damit, ob Vehs Vertrag verlängert wird. Abgesehen davon, dass der Vertrag noch ein Jahr laufen würde, weil der Schwabe gleich einen Zwei-Jahres-Vertrag unterzeichnet hatte (der nach einem Jahr vom HSV beendet werden könnte), habe ich so bei mir gedacht: „Na, prima, sollen sie doch.“ Und nun zur Rangliste. Ich sprach mit einigen Kollegen über Veh, der nun fast ein halbes Jahr hier seinen Dienst tut. Es geht dabei nicht nur um meine Wahrnehmungen, sondern auch darum, was man sieht – und aus der Mannschaft, auch aus dem Umfeld, hört. Zieht man das alles zusammen, dann komme ich zu dem Schluss: Veh steht in meiner persönlichen HSV-Trainer-Rangliste, und die beginnt mit dem Stabwechsel von Branko Zebec auf Alexandar Ristic und von dem auf Ernst Happel, unter den ersten fünf. Wobei Happel natürlich die unangefochtene Nummer eins ist.

Bei Euch (bei einigen von Euch) wird Armin Veh ja als zu locker bezeichnet, und dass er sich (gegenüber den Medien) bestens verkaufen kann. Das stimmt sogar alles. Und dennoch muss ich sagen, dass sich kaum einer von den Hamburger Medienvertretern ein X für ein U vormachen lassen würde, wenn nichts dahinter stecken würde. Wenn Armin Veh hier „luschig“ arbeiten würde, dann könnte er noch so locker sein. Aber: Vehs Ansichten über den HSV, den Fußball und über seine Mannschaft sind absolut okay, da gab es hier schon Trainer, die ich eher unter der Rubrik „Traumtänzer“ führen würde. Sicher, ganz sicher hat Veh hier, ich schrieb es bereits einige Male, auch schon Fehler gemacht, aber welcher HSV-Trainer war schon fehlerfrei? Veh, der eben auch viel (zu viel) Verletzungspech hatte, ist eine absolute Respektsperson, ich habe noch kein böses Wort über ihn aus der Mannschaft gehört, nur das Gegenteil war der Fall. Und das Training, was er machen lässt (von Michael Oenning, Reiner Geyer und oft auch von Manfred Düring) ist absolut gut, passt bestens zum Profi-Fußball. Wobei ich immer dran denken muss, dass der ehemalige Altonaer Verteidiger Holger Zippel im vergangenen Jahr einige Mal beim Training im Volkspark zusah und nach drei Tagen resümierte: „Ist das immer so? Dann muss ich klar sagen, das ist ja nicht einmal ein A-Jugend-Training . . .“

Ja, und Training und Magath passen ja auch bestens zusammen. Weil hier ja auch mit dem guten Felix spekuliert wird. Was allerdings vergebliche Gedankenspiele sind, denn erstens glaube ich (will es nicht glauben), dass Schalke sich von Magath trennen wird – weil zu teuer. Und zweitens weiß ich genau, dass Magath jetzt ganz sicher noch nicht zum HSV zurückkehren würde. Und das weiß ich nun aus erster Hand, nämlich von ihm selbst.

So, und bevor ich nun zu „Rudi“ komme, muss ich schnell noch von meinem Freund Peter bereichten. Der hielt sich bis gestern in Italien auf, sah dort das Spiel Barcelona gegen Real Madrid und rief mich nachts voller Begeisterung an: „Das war das beste Fußballspiel, das ich jemals gesehen habe. Das war sensationell, unglaublich, das musst du dir unbedingt noch einmal auf Video ansehen, das war Fußball von einem anderen Stern.“ Dann sagte er noch etwas, was mich noch lange beschäftigt hat: „Mein Gott, was sind die Spieler aus Barcelona gelaufen. 90 Minuten lang, kein Weg war ihnen zu weit.“ Ja, und ich habe geantwortet: „Wohl dem Verein, der solche Stars wie zum Beispiel Messi unter Vertrag hat, und dazu einen Trainer in den eigenen Reihen weiß, der diese Stars auch noch bei der Ehre packen kann, so dass sie auch ins Laufen kommen!” Das ist es doch. Die Herren Stars müssen doch auch innerlich bereit sein, alles zu geben, sich bis zur Selbstaufgabe einzusetzen. Das, genau das ist die Kunst, die ein Trainer, seine Mannschaft und auch seine Klub-Führung beherrschen müssen.

Und ob das in Hamburg in den letzten Jahrzehnten tatsächlich immer beherrscht und beherzigt wurde? Ich habe da meine Zweifel.

Nun aber Ruud van Nistelrooy. Ich hatte die Ehre, die ersten Fragen stellen zu dürfen. Und? Was habe ich gefragt? Ruud, der Jubel nach dem 4:2-Treffer gegen Stuttgart war sehr verhalten, auch die gesamte Woche zuvor im Training war verhalten – was ist los?

„Van the man“ antwortete: „Es war nichts los. Ich war bei meinem Tor sehr froh, ich bin nur nicht komplett durch die Decke gegangen. Ich war gerade auf dem Platz, da schoss ich das Tor – das war einfach super. Und es ist immer unterschiedlich, was man dann macht, das kann ich nicht planen. Diesmal war ich ein wenig cool. Es war doch so: Ich komme rein und schieße gleich ein Tor – gerade so, als wäre es ganz normal . . . Nein, nein, alles ist gut, es ist nichts los.“ Meine Frage: „Alles also bestens, oder? Kein Ärger oder so? Ruud van Nistelrooy: „Nein, es ist nichts, es war nichts, es gibt kein Problem. Ich muss auch sagen, dass ich mich jetzt schon wieder besser fühle als letzte Woche. Als ich da am Dienstag zweimal trainiert hatte, war ich kaputt und brauchte meine Zeit, mich davon zu erholen. In dieser Woche ist das besser, ich konnte heute voll trainieren und das war gut.“

Er soll es, so wurde uns berichtet, an der Wade gehabt habe, eine kleine Kleinigkeit, aber heute klärte der Niederländer auf: „Nein, es tat mir alles weh. Ich hatte am Dienstag einfach zuviel gemacht, das war es. Ich brauchte zwei, drei Tage, um mich zu erholen, alles tat weh.“ Ich habe Ruud van Nistelrooy dann auch davon berichtet, dass ja sehr, sehr viele Fans sich ebenfalls Sorgen gemacht haben. Und dass sich einige vor die Frage gestellt haben, ob sich Ruud van Nistelrooy nicht eventuell schon mit Abwanderungsabsichten trägt: Seine Antwort gibt er lachend (oder lächelnd): „Beim nächsten Mal freue ich mich nach einem Tor wieder richtig, denn ich will nicht, dass sich alle solche Gedanken machen. Der Trainer hat mich gefragt, viele andere Leute auch. Ich würde es sagen, wenn das etwas wäre, ich würde nicht lügen – nein, es ist alles gut. Und ich werde nach wie vor, das habe ich bereits gesagt, um Februar oder März entscheiden, wie es und ob es in der nächsten Saison mit mir weiter geht.“ Und damit wollen wir es dann auch belassen.

Zur sportlichen Situation sagte „Rudi“ noch: „Ich habe zuletzt hier gesessen und von einem Platz an der Spitze gesprochen, aber es ging dann auf und ab mit uns. Wir sind aber nun in einer Position, wo noch alles möglich ist, wir sind in keiner schlechten Position. Zu Leverkusen und Platz drei sind es nur fünf Punkte, und die kann man doch aufholen, das ist doch möglich, es ist doch alles noch offen. Und auf Platz drei würden wir gerne am Saisonende sein.“ Dann ergänzte er aber auch: „Von der Konstanz her kann man nicht sagen, dass wir zurzeit so gut spielen, dass man sagen kann: Wir gewinnen die nächsten drei Spiele, haben neun weitere Punkte und gehen mit 30 Punkten in die Rückrunde. Das kann man nicht voraussetzen, obwohl mir die Spiele gegen Hoffenheim, Hannover und Stuttgart von uns gut gefallen haben.“ Dortmund ließ er wissentlich aus, denn dazu sagte er: „Das war vielleicht unser schlechtestes Saisonspiel.“

Darüber, warum der HSV, „sein“ HSV, zuletzt so wechselhaft gespielt hat, macht sich auch van Nistelrooy seine Gedanken: „Immer dann, wenn man verliert, sprechen die Medien von der fehlenden Mentalität. Gewinnt man in der letzten Minute in Mainz 1:0, dann ist das auch die Mentalität – aber genau das weiß ich nicht. Ich glaube nicht daran. Wie kann man das messen? Alle, die auf dem Platz stehen, die spielen für die 50 000 Zuschauer im Stadion, die geben alles. Da gibt es keinen, der sagt: Ach, ich lasse meinen Gegenspieler jetzt einfach mal laufen . . . Oder der bei sich denkt: Ich habe heute einfach mal keinen Bock. So etwas gibt es nicht, das kann ich mir nicht vorstellen, dass das überhaupt ein Thema ist.“

Wenn es aber keine Frage der Mentalität ist, dann doch wohl eine Frage der Qualität, oder? Er sagt: „Ich bin immer der Meinung, dass es am Ende immer eine Frage der Qualität ist – und auch die Mentalität spielte eine Rolle. Aber Mentalität ist auch eine Art von Qualität. Es geht immer zusammen mit Qualität. Wenn einer einen Fehler begeht, dann ist das auch eine Frage der Qualität – oder der Mentalität? Ich würde sagen: Der Junge will keinen Fehler machen. Aber wenn das drei, vier Mal passiert, dann kann man sich Gedanken darüber machen, ob das Qualität ist – oder nicht. So glaube ich, so funktioniert das.“

Das ist aber nur ein Grund für die Berg- und Talfahrt des HSV. Ruud van Nistelrooy fügt hinzu: „Es gibt aber auch die Verletztenmisere. Und da haben wir Fehler gemacht in Positionen, wo die Jungs nicht auf ihren Original-Positionen gespielt haben. Das kann man auch nachvollziehen. Es ist doch anders, wenn man auf einer anderen Position spielen muss. Hinten rechts haben Tomas Rincon, Guy Demel, Robert Tesche und Muhamed Besic schon spielen müssen, und links macht das Ze Roberto zwar gut, aber er fehlt uns im Mittelfeld. Aber es ist kein anderer da, Aogo und Jansen fehlen – dann geht es nicht anders. Wir haben viel gewechselt, viel wechseln müssen, aber gerade die Viererkette lässt man eigentlich immer unverändert, nur wir hatten das wohl nicht einmal. Weil immer gleich einige Spieler ausfielen.“

Ein Lob hatte der Weltstar noch für seinen jungen „Nebenmann“ Tunay Torun parat: „Ich war beeindruckt von seiner Leistung, dass er nach seiner schweren Verletzung schon wieder so viel Kraft hatte. Natürlich, in der zweiten Halbzeit war er dann nicht mehr ganz so gut drauf, aber das ist normal. Er hatte vorher unheimlich viel attackiert. Und er wird, wenn er nun einige Spiele macht, auch schnell wieder die Kraft für 90 Minuten haben – aber das war schon sehr gut von ihm.“ Obwohl Torun nun wahrscheinlich wieder auf die Bank gehen muss – weil Ruud van Nistelrooy wieder zurückkommen wird. Oder würde „Rudi“ seinen Platz dem jüngeren Spieler überlassen wollen? Er sagt: „Ich weiß es nicht. Wichtig ist, dass wir gut spielen und erfolgreich sind. Wenn das so ist, dann habe ich damit kein Problem. Das soll aber nicht heißen, dass ich nicht motiviert bin, dass ich nicht spielen will. Ich will aber nicht sagen, dass es ohne einen Spieler nicht geht – das ist natürlich Quatsch.“

In Freiburg aber warte ich wieder auf „Ruud von Anfang an“ – und auf Tore von ihm. Mit jedem Treffer wird er zurück zu seiner Bestform finden. Und zu seiner Lust, zu seinem Spaß – und zur Findung seines „richtigen“ Weges, wie es vom Sommer 2011 an laufen soll und wird für ihn.

18.47 Uhr

Ruud