Monatsarchiv für Dezember 2010

Die Rückrunde . . . So oder so ähnlich läuft sie

31. Dezember 2010

So, es geht dem Ende zu. Aber es geht Euch ja wie mir – der HSV ist auch in diesen Stunden immer allgegenwärtig. Ich habe mich an diesem Freitag mal mit der Zukunft beschäftigt, und die ist in meinen Augen total und absolut positiv für unsere drei großen Buchstaben. Es ist alles nicht ganz ernst gemeint, es ist alles ehre ein wenig scherzhaft angedacht – und wer darauf jetzt noch nicht kann, der sollte sich besser erst einen in den Tee kippen, oder auch gar nicht erst weiterlesen. Auf jeden Fall wünsche ich allen “Matz-abbern” einen wunderschönen Rutsch und ein gutes, ein nicht nur für den HSV erfolgreiches, friedliches und vor allem gesundes neues Jahr. Alles Gute für Euch, und trinkt nicht zu viel in dieser Nacht.

So, und nun geht es los – mit dem nächsten halben Jahr:

Alles ist besprochen. Und das ist gut so. Bei Matz ab – und beim HSV. Die Dame und die Herren aus der Vereinsführung sind sich einig, es geht weiter wie bisher. Damit ist nur die personelle Besetzung gemeint, ansonsten bessert sich natürlich alles. Und zwar grundlegend. Ihr werdet es sehen.

Und jetzt auch lesen können. Ich habe mir, wie gesagt, einmal die Mühe gemacht, in die Zukunft zu sehen, ich möchte ich die nächsten sechs HSV-Monate nun auch nicht länger vorenthalten. Alles wird gut, Ihr werdet es erleben.

Die Rückrunde wird, so wie ich sie sehe, zu einem einzigen Triumphzug des HSV. Aber seht selbst:

Der erste Spieltag im neuen Jahr führt den HSV zum FC Schalke 04. Weil dort der Dachschaden immer noch nicht behoben werden konnte, wird in der alten, denkmalgeschützten Glück-auf-Kampfbahn gespielt. Armin Veh, der gerade mit dem neuen Aufsichtsrats-Chef Manfred Ertel den Vertrag bis ins Jahr 2016 verlängert hat, zieht, weil es gegen den “harten Hund” Felix Magath geht, andere Saiten auf. Am Morgen vor dem Spiel wird um 6 Uhr trainiert. Die Traversen im alten Parkstadion sind relativ gut erhalten, da geht rauf und runter, im Sprint, auf einem Bein, rückwärts. So soll die Konzentration auf die 90 Minuten, die ja noch bevorstehen, geschult und geweckt werden. Die vielen Kumpels, die zu dieser Zeit zur Arbeit in der Zeche „Ewald“ fahren, sind tief beeindruckt. Einige lächeln aber auch. Weil sie glauben, dass der HSV so unnötig viel Kraft bereits am frühen Morgen vergeudet. Denkste. Nur der frühe Vogel . . .

Vehs Plan geht auf. Der HSV gewinnt bei den Knappen knapp mit 1:0. Wie heißt es doch im Fußball schon immer: 1:0-Siege sind die schönsten. Das Tor erzielt Heung Min Son, der extra von den Asien-Spielen eingeflogen worden ist – da Südkorea erst zwei Tage später gegen Nordkorea antreten muss. Aber, Anerkennung HSV: Dieser Aufwand hat sich gelohnt.

Und zur Belohnung gibt es tags darauf für die Sieger ein etwas späteres Training. Die Mannschaft läuft erst um 6.30 Uhr durch den Volkspark. Einige Rentner, die zu dieser Zeit mit ihren Hunden spazieren gehen, bemerken – völlig daneben: „So spät? Beim HSV hat nach diesem Dreier auf Schalke wohl schon wieder der humane Strafvollzug Einzug gehalten . . ?“ Armin Veh lässt sich aber nicht von seiner konsequenten Linie abbringen, er zieht den „neuen Veh“ auch bei Minusgraden von 14 Grad eiskalt durch – und die Spieler ziehen freudig mit. Ist jedenfalls ihren Mienen abzulesen.

Am zweiten Spieltag kommt Eintracht Frankfurt in die Hölle nach Hamburg. Die Hessen gehen durch ein Abseitstor von Gekas (ausgleichende Gerechtigkeit für Piotr Trochowski 2009) in Führung, aber das beeindruckt den neuen HSV in keiner Weise. Lennard Sowah, die Entdeckung des Trainingslagers in Dubai, schafft in der zweiten Halbzeit einen echten Hattrick, schießt den HSV zum 3:1-Sieg und diktiert danach in die Blöcke der staunenden Reporter: „Ich habe immer an mich geglaubt. Wer für Portsmouth in der Premier League gespielt hat, für den ist die Bundesliga ein Klacks. Mein Ziel ist nun die Nationalmannschaft, Jogi Löw könnte mich ruhig mal anrufen.“ Neben Sowah überragt beim HSV auch der neue Innenverteidiger Horst-Dieter Schwarzenbeck, den der HSV bis zum Saisonende von seinem Bruder Georg „Katsche“ aus dem legendären Schreibwaren-Zubehör-Geschäft in München ausgeliehen hat. Die Leihgebühr für den 37-jährigen, kantig-knorrigen Abwehrspieler beträgt 1.5 Millionen (ein Schnäppchen, wie HSV-Boss Bernd Hoffmann versichert) und würde sich nur in dem Fall, dass der HSV noch in die Champions League einzieht, um 0,5 Millionen erhöhen, zahlbar in 30 Raten bis zum Jahr 2023. Zudem besteht eine Kaufoption seitens des HSV auf Schwarzenbeck, die aber ist nur innerhalb der nächsten drei Jahr einzulösen.

Dieser Transfer aber hat sich bereits nach zwei Spieltagen bezahlt gemacht, der HSV hat schon zwei Dreier eingefahren und rangiert in der Zwischenzeit auf Rang acht. Weiter geht es. Spieltag drei, die Partie beim 1. FC Nürnberg. Armin Veh stellt Eric-Maxim Choupo-Moting neben Ruud van Nistelrooy in den Angriff, und schon beginnt das muntere Scheibenschießen. „Choupo“ trifft gegen seine alten Kameraden dreimal, „Van the man“ erzielt gleich vier Treffer und leckt wieder Blut – er träumt jetzt doch wieder vom Titel des Bundesliga-Torschützenkönigs. Der HSV siegt 7:3 an der Noris – die Bundesliga ist gewarnt, die Macht aus dem Norden ist wieder voll da und rollt das Feld – anscheinend – von hinten auf. Der begeisterte AR-Chef Manfred Ertel schlägt noch am Abend des dritten Sieges des Jahres vor, den Vertrag mit Armin Veh vorzeitig bis 2017 zu verlängern, doch der neue Sportdirektor Olaf Kortmann lehnt das (noch) ab. Er hält den Ball total flach und sagt cool: „Wir müssen erst einmal die weitere Entwicklung abwarten, ich bin kein Freund von Schnellschüssen – auch drei Schwalben machen noch keinen Sommer.“ Wie wahr.

Am vierten Rückrunden-Spieltag geht es gegen den Kiez. Es gilt für den HSV, die 1:1-Niederlage aus dem Hinspiel wettzumachen. Ganz Hamburg wartet voller Spannung auf das Derby, auf der Reeperbahn werden 100 000 Fans zum Public Viewing erwartet, es herrscht der Ausnahmezustand. Die Süd-West-Kurve im Volkspark bleibt allerdings leer, die St.-Pauli-Fans sind nicht gewillt, den „Sportgroschen“, den der HSV in Sachen Ausleihe für Horst-Dieter Schwarzenbeck bis zum Saisonende erhebt, zu bezahlen. Lediglich Corny Littmann, der für mich der “gefühlte” Ehrenpräsident des FC ist (!), hat sich auf die Tribüne im Volkspark getraut (per Freikarte!). Der Theater-Boss hofft darauf, neben der Prominenz sitzen zu können: Angela Merkel hat sich angesagt. Und sie will auf jeden Fall nach dem Spiel die Sieger-Mannschaft in der Kabine besichtigen. Nein, sie will gratulieren. Was zur Folge hat, dass sich beim FC St. Pauli die Spieler Boll, Rothenbach, Lehmann, Gunesch, Naki und Bruns kurzfristig krank abgemeldet haben. Beim HSV wurden nur kurz „Gegenmaßnahmen“ angedacht, aber Sportdirektor Kortmann sprach ein Machtwort: „Wir müssen da durch, und wir gehen da auch durch – egal wer da auch kommen mag.“

Der HSV gewinnt das Derby 4:2, und alle Fotografen stürzen sich danach (in der Kabine) auf den dreifachen Torschützen David Jarolim, der mit nacktem Oberkörper (und auch sonst) immer wieder von der Kanzlerin geknuddelt wird. Olaf Kortmann verdreht wie zum Spaß die Augen und gibt Jarolim zu verstehen: „Wir müssen da durch. . . „ Wir! Es hilft ja aber auch, das wissen alle in der Kabine, gleichzeitig der deutsch-tschechischen Friedensverständigung.

Der HSV ist ab sofort nicht mehr zu bremsen. Vierter Spieltag, vierter Dreier. Fast-Meister Dortmund beginnt zu zittern, die Bayern fürchten das Schlimmste. Und Diego auch. Der schreibt vor dem Heimspiel des VfL gegen den HSV in sein Tagebuch: „Ich hoffe, dass mir nicht wieder fünf von meinen fünf Schwalben abgepfiffen werden, das ist doch eine absolut negative Quote, so macht mir Fußball keinen Spaß. Selbst gegen den HSV nicht.“ Aber es kommt dann noch schlimmer für Diego und Wolfsburg. Frank Rost fängt einen Foulelfmeter, den Schiedsrichter Günter Perl nach einem harmlosen Zweikampf zwischen Grafite und Joris Mathijsen gegeben hatte, mit der linken Pranke. Der Schuss kam von Diego, der sich danach auf dem Elfmeterpunkt eingräbt. Rost zerquetsch den Ball mit seiner Hand und forderte „neue Bälle“. Mit denen siegt der HSV dann ganz locker 3:0, so dass auch Dieter Hoeneß neidlos anerkennen muss: „Der HSV hat den besseren Trainer, hat sich in der Winterpause viel besser verstärkt, der HSV hat die viel bessere Mannschaft und den wesentlich besseren Vorstand, Aufsichtsrat und Sportdirektor – das 3:0 geht auch in dieser Höhe absolut in Ordnung.“ Alles alte Hüte, war doch schon allen bekannt. Aber gut, wäre das auch noch geklärt.

Es folgt das Heimspiel gegen Bremen. Da Werders Interimstrainer Wolfgang Rolff, der den entlassenen Thomas Schaaf vertritt, ja immer noch die Raute im Herzen trägt, ist die Frage nach dem Sieger bereits vor dem Anpfiff geklärt. Auch der kurzfristig in Gnaden wieder aufgenommene Kugelblitz XXXL-Ailton kann die Bremer nicht mehr retten, der HSV siegt locker 2:0 – und schont sich in den zweiten 45 Minuten schon für das Auswärtsspiel beim 1. FC Kaiserslautern.

In der Pfalz geht längst die Abstiegsangst um, deswegen haben die „Roten Teufel“ auch wieder Torwarttrainer Gerry Ehrmann ins Gehäuse beordert. Der Plan, der dahinter steckt: Falls der HSV in der Schlussviertelstunde klar führt, soll Ehrmann einen Pfosten durchbeißen und anschließend noch die Latte zerknicken. Armin Veh aber erfuhr davon und durchkreuzt diese hinterlistige Aktion: Im Mannschaftsbus lauert Fahrer Miroslav Zadach bereits mit einem Ersatztor, das dann auch tatsächlich in der 78. Minuten eingesetzt wird. Ehrmann muss ausgewechselt werden, er hat sich im linken Pfosten festgebissen. Der HSV siegt 3:1 und steht inzwischen auf Platz sechs, der internationale Startplatz ist nun zum Greifen nahe.

Es kommt Mainz 05 in den Volkspark, FSV-Coach Tuchel lässt seine Mannen am Tag des Spiels um 5.30 Uhr durch den Volkspark laufen – und trifft dabei auf den HSV. Veh lässt nicht locker, seine Umstellungen des Trainingsplans haben den HSV nach oben katapultiert, der HSV-Trainer wird gefeiert. Joachim Löw schlägt ihn als seinen Nachfolger im Bundestrainer-Amt vor, doch die Lichtgestalt Franz Beckenbauer („Der Armin ist noch zu jung“) und HSV-Sportdirektor Olaf Kortmann haben etwas dagegen: „Ich bin gegen Schnellschüsse, ich bin auch gegen die zu frühen Schwalben, die den Sommer ankündigen – Armin Veh soll sich erst einmal in Hamburg beweisen. Und dann werde ich zur gegebenen Zeit mit Theo Zwanziger reden, wie es um die Ablösesumme bestellt ist. Der DFB ist dem HSV wegen der Hoyzer-Affäre ja immer noch etwas schuldig.“ Richtig so!

Das Spiel gegen Mainz 05 endet mit einem knappen 2:1 für den HSV, weil sich der Giftnickel Tuchel doch nicht ganz so leicht abschütteln lässt.
Abgehakt. Es geht nach München.

Um Tag nach dem 3:2-Auswärtssieg des HSV, der souveräner war als er aussieht, kommt „Dittsche“ endlich mal wieder in Bestlaune in die Eppendorfer Grill-Station: „HSV, HSV, HSV . . .“ So trällert er laut vor sich hin. Und dann sprudelt es aus ihm heraus: „Weckgefeecht haben wir die, total weckgefeecht. Das war ‘ne Welt-Vorstellung, mein Ingomann, das war ‘ne echte Welt-Vorstellung. Ein Traum. Schöner als Frau Karger. Drei Tore von van Nistelruud. Der HSV ist wieder wer, Bundesliga, wir kommen – mach’ mal ‘nen Hobel klar.“

Kurios wird es dann beim 5:2 gegen den Tabellenvorletzten 1. FC Köln. Beim Stande von 0:0 haut Podolski einen Foulelfmeter, den Schiedsrichter Günter Perl nach einem harmlosen Zweikampf zwischen Joris Mathijsen und Lanig gegeben hat, an die Querlatte. Der daraus resultierende Konter wird von Eljero Elia zum 1:0 genutzt.

Der HSV ist längst die Mannschaft der Stunde. Nach dem 4:0-Sieg bei der TSG 99 Hoffenheim wird die gesamte Mannschaft zu „Wetten dass . . . (die harmlose Form)“ eingeladen, und Jonathan Pitroipa muss ein ganz besonderes Kunststück vollbringen. Er wettet, dass er acht Hoffenheimern innerhalb von vier Minuten Knoten in die Beine spielen kann, ohne dass die sich bis zum Beginn des Sportstudios um 2.45 Uhr wieder davon befreien können.“ Topp, die Wette gilt. Doch selbst als Ralf Rangnick mit einer Schere kommt, gelingt es nicht – „Pit“ gewinnt ganz locker und wird Wettkönig. Er gewinnt einen Freiflug nach Blankenese und zeigt sich total gnädig: Er löst bei den acht Hoffenheimern kurz vor dem Ende bei der After-Show-Party um 10.28 Uhr sämtliche Knoten auf. Ein versöhnliches Ende eines erfolgreichen Betriebsausflugs.

Vor dem Heimspiel gegen Meister Borussia Dortmund betritt Bernd Hoffmann die Kabine. Er „dopt“ die Mannschaft auf die ihm eigenen Art: „Jungs, ich werde im August Vater von Zwillingen, es ist das dritte Mal – das könnt Ihr doch auch, oder? Also, haut rein, ein Dreier ist Pflicht.“ Und wie. Trochowski, van Nistelrooy und Petric sorgen mit jeweils einem Doppelpack für einen 6:0-Vorsprung, den Jarolim in der Schlussminute noch mit nur (leider, der einzige Schönheitsfleck an diesem Tag) einem Treffer auf 7:0 ausbaut. Kloppo, der nach dem letzten Tor kurz noch mit den Zähnen gefletscht und Schiedsrichter Sippel gedroht hatte, lacht danach trotz allem, denn seine Mannschaft ist ja bereits seit vier Wochen Meister. Und gönnerhaft sagt er in der PK: „Ich wäre ja fast einmal Hamburger geworden, deswegen gönne ich meinem Fast-Verein auch, dass er international spielt.“ Das ist wahre Sportler-Freundschaft. Man muss auch verzeihen können.

Hannover 96, inzwischen auf Platz 14 angekommen, kommt ohne Mirko Slomka in den Volkspark. Auf der Trainerbank sitzt 96-Präsident Martin Kind, aber der hört besser als dass er sieht, ohne Durchblick verliert der „kleine HSV“ gegen den „großen HSV“ mit 0:5. Auch der kurzeitig reaktivierte Dieter Schatzschneider (auf 128 Kilo abgespeckt!), der seinen Hamburgern nur allzu gern noch das eine oder andere Ei ins Nest gelegt hätte, konnte diese 96-Schmach nicht verhindern.

Der HSV steht inzwischen auf Rang vier. Ganz Hamburg träumt vom Meer – oder so. Naja, nicht ganz Hamburg, aber fast. Es geht zum VfB Stuttgart. Die Schwaben zittern noch, müssen alles geben – doch Sekunden vor dem Anpfiff dies: Khalid Boulahrouz kippt wie vom Blitz getroffen um und muss vom Platz getragen werden. Einsatz ausgeschlossen. Der HSV gewinnt deshalb locker 4:1, und nach dem Spiel sagte „Boula“ schon wieder ganz lebendig: „Ich wollte meinen Hamburger Freunden bei ihrer Aufholjagd nicht im Wege stehen. Und vielleicht wissen sie das ja zu schätzen, wenn es um die Neueinkäufe für die nächste Saison in der Champions League geht.“ Sportdirektor Olaf Kortmann konnte, als er davon hörte, ein viel sagendes Lächeln nicht verbergen.

Am drittletzten Spieltag kommt der SC Freiburg nach Hamburg. Lotto King Karl hat seine Kult-Hymne umgetextet: „Hamburg, meinen Kerle . . .“ Da der HSV kurzfristig auf Frank Rost, der zu einem Manager-Lehrgang musste, ausfällt und Jaroslav Drobny inzwischen Torwart-Trainer bei Hertha BSC geworden ist, steht Richard Golz (der wie ein Held gefeiert wird) zwischen den Hamburger Pfosten. Alles geht gut, hinten steht die Null – und vorne die Sechs. Der HSV rückt auf Platz drei vor, und um die Arena herum drehen Ehrenpräsident Uwe Seeler sowie sein „Flankengott“ Gert „Charly“ Dörfel auf einer Harley Ehrenrunde auf Ehrenrunde, lachend und freundlich ins Publikum winkend. So schön kann Fußball sein.

Auch in Leverkusen ist der HSV danach nicht mehr zu stoppen. Die „Überflieger“ aus Hamburg drehen bei „Osram“ sämtliche Birnen aus und gewinnen mit 4:1. Frank Rost findet nach diesem Sieg lobende Worte indem er sagt: „Das habe ich damals gemeint: Armin Veh ist mein Zauberlehrling, er ganz allein hat uns nach oben gezaubert – und ich habe es immer gewusst. Wer ist Goethe, wer ist Schiller, was ist die Glocke? Veh ist mein Mann, ist unser Mann.“

Das sieht auch Sportdirektor Olaf Kortmann so. Gemeinsam mit seiner “rechten Hand” Carsten Kober wird beschlossen: Der Vertrag mit dem Trainer wird noch vor dem letzten Spieltag vorzeitig bis 2020 verlängert. Das setzt wieder Kräfte frei. Gegen Absteiger Mönchengladbach gibt es dann einen sensationellen 9:0-Erfolg, bei dem es zwei beachtenswerte Dinge gibt: Schiedsrichter Günter Perl gibt nach einem Foul an Pitroipa einen Strafstoß für (!) den HSV, und: Ruud van Nistelrooy trifft an diesem legendären Nachmittag acht Mal und setzt sich noch vor dem Schalker Raul mit 34 Toren an die Spitze der Torjägerliste. Und, keine Frage: van Nistelrooy verlängert seinen Vertrag natürlich ebenfalls, aber nur um ein Jahr. Mit einem Augenzwinkern sagt er bei der Unterschrift: „Ein bisschen Unabhängigkeit muss bleiben – falls sich der FC Barcelona doch noch einmal bei mir meldet . . .“

Könnte passieren. Wenn der HSV als Vizemeister in der Champions League auf die Spanier trifft, dann werden die sicher überlegen, wie sie van Nistelrooy aus dem Spiel nehmen können.

Ende gut, alles gut. „Ich habe es immer gewusst, ich habe immer an alle geglaubt, ich bin am Ende meiner Träume – und mache natürlich weiter. Bis zur Rente, ich halte mein Wort“, sagt der überglückliche Bernd Hoffmann. Seine ersten Amtshandlungen nach der Saison: Berg, Rozehnal, Taveres, Thiago Neves und Gravgaard werden nach Hamburg zurückkehren, um Silva wird noch gekämpft. Letzteres sagt Sportdirektor Olaf Kortmann. Auch eine Art, sich gleich wieder unbeliebt zu machen – aber er muss es ja wissen.

Wer ist Real Madrid? Wer ist Arsenal? Wer ist Barcelona? Oder auch Manchester United? Der HSV hat die Rückrunde der Vereinsgeschichte gespielt und sich gleichzeitig im Konzert der „ganz, ganz Großen“ in Europa zurückgemeldet, und zwar nachhaltig. Eine solche Siegesserie ist schließlich einmalig. Und hat zur Folge: Der Vorstand sitzt fester im Sattel als jemals zuvor, der Aufsichtsrats-Vorsitzende Manfred Ertel bietet Bernd Hoffmann das „Du“ und zudem einen Renten-Vertrag an, die Spieler fliegen am Ende der Saison (ohne Frauen!) nach Mallorca und feiern die grandiose Auferstehung des Hamburger Teamgeistes. Er war, neben dem Zauberlehrling (Veh), die Ursache für die Auferstehung des HSV. Jetzt haben es endlich alle begriffen, auch der letzte Profi:
GEMEINSAM SIND WIR STARK !!!

So, Ende, nur noch wenige Stunden bis 2011 – macht es gut!

17.24 Uhr

Friedvolles zum Jahresausklang

30. Dezember 2010

Das Leben geht weiter.
Eigentlich wollte ich ja noch einmal Martin Jol bemühen, der uns zu seiner Zeit beim HSV sehr oft mit einer nichts oder sehr viel sagenden Floskel bediente: „Nichts ist wie es scheint . . .“ Aber das Leben geht nach dieser wilden Woche, so will ich sie mal nennen, ja für jeden weiter. Für Euch, für mich, für alle. Es wurde gepöbelt, geschimpft, gemeckert und diffamiert, fast alle taten es nach Herzenslust – und das war mir auch schon vorher klar. War nicht meine Woche. Dennoch bin ich immer noch erstaunt, wie viele Leute und Freunde mich anriefen oder mir schrieben, um mir Trost zu spenden. Vielen Dank dafür, nein, sehr vielen Dank dafür. So hatte ich das Gefühl, dass ich nicht so ganz allein auf weiter Flur stand. Kurios nur, dass sich auch die Ausgesperrten (Trolls) zu Wort meldeten – Tenor: „Das kommt davon, wenn man die Demokraten ausschließt . . .“ Demokraten? Aha. So nennt man das heute. Und von „Herrn Taut“ war – natürlich nur intern – zu lesen, dass „es eine Frechheit sei, dass hier Kritiker mundtot gemacht werden – und das seriöse Abendblatt sieht dem Treiben von diesem Matz tatenlos zu.“ Kritiker mundtot? Ist da etwas an mir vorbei gegangen?

Wer lesen kann, der ist aber auch in diesem Falle klar im Vorteil. Wenn hier keine Kritiker zu Wort kommen, was war denn das, was hier in den letzten 48 Stunden auf mich einprasselte? Alles Freunde, die lieben Bekannten, der nette HSV-Fan von nebenan? Nein, nein, Kritik ist hier nicht nur erlaubt, sie ist auch erwünscht – und sie findet ja auch reichlich statt. Oftmals in einem passenden Ton, gelegentlich werden und wurden manchmal auch die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Das aber zeugt davon, wie viele HSV-Fans noch echt um und mit ihrem Klub fiebern und bangen. Ich muss dabei immer an Uli Hoeneß denken, der mir vor einigen Jahren mal sagte, wie er tickt: „Ich bin als kleiner Junge schon Bayern-Fan gewesen, und ich bin heute noch Bayern-Fan. Wenn dann einer etwas gegen den FC Bayern, meinen FC Bayern sagt oder unternimmt, dann werde ich wild, dann wehre ich mich, dann verteidige ich meinen Klub. So war ich als Spieler, so war ich auch als Manager.“ Ja, und so geht es eben auch den echten HSV-Fans. Das konnte ich in dieser Woche mehr als deutlich erfahren.

Die Frage ist nur die: Wie geht es nun weiter? Pöbelnd, beleidigend, meckernd – oder doch so, wie wir es hier eineinhalb Jahre gewohnt waren: Sachlich, robust, fair (überwiegend), menschlich, freundschaftlich, verzeihend, wohlwollend, nachsichtig? Das Leben ist kein Kinderkarussell, es gibt Höhen und Tiefen, es geht mal nach unten und mal nach oben – für jeden. Für den HSV. Für Euch, für mich. Ich hoffe für Euch, dass Ihr stets haargenau richtig liegt, dass der HSV den genau richtigen Weg eingeschlagen hat, damit Ihr ihn auch in vielen Jahrzehnten noch so mit dem Herzen begleiten könnt, wie heute. Ich hoffe es nicht nur für Euch, ich wünsche es Euch auch. Und mir natürlich selbst auch.

Da es heute keine Spielerverkäufe gibt, keine Neueinkäufe gibt, da auch nicht mehr am Trainer herumgenörgelt wird (von mir ohnehin nicht!), da ich dem 9. Januar nicht vorgreifen will – geschieht hier heute nur Friedliches. Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, Ihr könnt alle Bilanz ziehen, wie es um Euch und um Euren HSV bestellt ist, was gut und was weniger gut war. Schlechtes gibt es in diesem Falle nicht, und man verdrängt ja auch in einem solchen Rückblick ganz gerne mal das Negative. Wenn ich da einmal für mich sprechen darf:
Die ganz dicken Pluspunkte des HSV sind in 2010 für mich Ruud van Nistelrooy, Heung Min Son, Jonathan Pitroipa, Dennis Aogo (weil er Nationalspieler und WM-Teilnehmer wurde – großartig), immer noch David Jarolim (meine Nummer eins), auch Uwe Seeler, Gert Dörfel, die Mannschaft hinter der Profi-Mannschaft, Leistungsdiagnostiker Manfred Düring (leistet großartige Arbeit), Busfahrer Miroslav Zadach (weil der die Truppe auch in diesem Jahr unfallfrei hin und zurück gebracht hat) – ja, und Armin Veh. Ein guter Trainer und ein ganz feiner Mensch. Ich hoffe, dass er noch lange beim HSV bleiben wird, kann und darf – das ist, um den einen oder anderen Aufschrei schon im Keime zu ersticken: KEINE Ironie!

Ich wünsche Euch heute schon einen guten Rutsch ins neue Jahr und viel Glück, Erfolg und beste Gesundheit in 2011 – und dazu einen wieder erstarkten HSV, der es doch noch schafft, in die Spitzengruppe vorzustoßen.

Und weil ich damit den friedvollen Teil, meinen friedvollen Teil beenden möchte, komme ich nun zu einem besonders friedvollen Teil. Ihr erinnert Euch bestimmt: Vor den „wilden Tagen“ gab es hier die weihnachtliche „Traum“-Geschichte, die uns der „Trapper“ am 24. Dezember 2009 geschickt hatte. Diese Zeilen haben nun den Matz-abber Bernd Arens animiert, uns seine weihnachtliche Geschichte zu senden. Sie ist sehr lang, aber draußen ist es auch sehr kalt, zurzeit auch sehr dunkel – es wäre schön, wenn Ihr Euch die Zeit nehmen könntet, sie zu lesen. Sie ist in meinen Augen sehr gelungen, ich wünsche viel Spaß beim Lesen:

„Danke Bunker, danke für ALLES“

Ich bin in Eimsbüttel aufgewachsen, in der Nähe der Christuskirche. Die Fruchtallee war die natürliche Grenze unseres Terrains. In den ersten Jahren meiner Kindheit begrenzte es sich auf die Gegend Emilienstraße, Heußweg, Osterstraße, Eppendorfer Weg, Bismarckstraße, Bundesstraße, Hohe Weide. Letztendlich ein wunderbares Kuchenstück der großen weiten Stadt. Wenn mich heute jemand fragt, wie man denn dort vernünftig hat aufwachsen können, dem kann ich nur sagen, dass es für mich keinen schöneren Ort auf der Welt hätte geben können, wo ich hätte aufwachen wollen. Mitten in der Stadt, und doch umgeben von einzigartigen Oasen, die das Leben eines Jungen aufregend machten. Zu nennen sind da natürlich der Webers Park, das Kaifu, der Isebekkanal, der Weiher und die drei großen Sportplätze Reinmüller, Gustav Falcke und Julius Sparbier. Aber ganz wichtig war für mich der alte Bunker am Weidenstieg.

Das Tolle war, dass wir sehr viele Kinder waren, die dort aufwuchsen, Anfang der 60. Jahre, und das Leben spielte sich so oft es ging draußen auf der Straße ab. Es gab kein Nintendo, kein Gameboy, keinen PC und auch keine Play-Station. Telefon? Nicht für uns Kinder. Wollte man sich verabreden oder treffen, dann langte ein spezieller Pfiff, oder das Rufen des Vornamens auf der Straße vor dem Haus, und man blickte aus dem Fenster. Draußen sein, spielen, toben, die Welt entdecken, darum ging es. Das Leben war zu schön, um es zu Hause in der Wohnung zu verbringen. Alles in allem lebten vielleicht 30 bis 40 Kinder in der näheren Umgebung, „große“ wie „kleine“. Ein Spielplatz galt als Treffpunkt, und irgendjemand hatte immer einen Ball dabei. Fußballspielen wo immer es ging, egal ob auf der Straße, im Park, der Wiese hinterm Haus oder auf einem der drei großen Sportplätze, und wann immer es ging. Wir spielten so viel und so oft, dass wir eines Tages sogar eine eigene Straßenmannschaft bildeten und ganz offiziell auf dem Reinmüllersportplatz am Heußweg ein Spiel gegen eine andere Straße – jenseits der Fruchtallee – veranstalteten. Ich weiß es noch genau, dieses Spiel gewannen wir haushoch, es ging sogar friedlich zu Ende. Ich war begeistert, wir hatten sensationell gespielt und ich fühlte mich als Teil vom Ganzen, mittendrin und dabei. Was ich nicht wusste, dass es unser erstes und einziges Spiel bleiben sollte.

Denn was ich nicht bemerkt hatte war, dass ein Mann unser Spiel genau beobachtet hatte. Ein paar Tage später tauchte er auf „unserer“ Wiese auf und sprach uns an. Er stellte sich als Spielervermittler vom Polizeisportverein vor und machte uns den Vorschlag, ob wir nicht alle Mann dort einmal zum Probetraining erscheinen wollten, der Verein könne Verstärkung gebrauchen. Meine Eltern hatten mich sehr oft vor „Mitschnackern“ gewarnt, ich solle niemals mit jemand Fremden mitgehen, und so blieb ich zu Hause, ging nicht mit zum Training. Meine Freunde versuchten mich zwar zu überreden, doch ich blieb hart. Im Inneren hatte ich ganz andere Gründe. Ich empfand es als Verrat an unserer Straße, an unsere Gemeinschaft und unserem Zusammenhalt. Nein, ich ging nicht mit.

In der Zeit entwickelte ich ein ganz neues Hobby: Geldverdienen. Nicht weit von uns war ein alter Bunker, jener Bunker am Weidenstieg. Er beherbergte ein seltsames Unternehmen, ein alter Mann nahm Schrott und Alteisen an und man bekam dafür ein paar Groschen. Aber, und das war das eigentlich wichtige, er nahm auch Altpapier an. So fragte ich meinen Vater, der den Keller voll mit alten Zeitungen der Marke „Hamburger Abendblatt“ hatte, ob ich nicht für ihn den Keller ausmisten könnte, er hätte ja so viel zu tun, und die alten Zeitungen rüber zum Bunker bringen könne. Mein Vater schaute sich zusammen mit mir den Bunker an und gab sein okay. So startete ich mein erstes Unternehmen. Klar, es war eine Plackerei, doch mein Onkel lieh mir seinen alten Handkarren und mein Vater zahlte mir pro Stunde 10 Pfennig. Der Händler noch einmal pro Kilo ein paar Pfennige. Ich weiß nicht mehr wie viel Touren ich an diesem ersten Tag machte, ich hatte auf jeden Fall meine erste D-Mark selbst verdient, und war abends fix und fertig. Treppauf, treppab – aber stolz wie Oskar.

Tags darauf klingelte ich alle Wohnungen unserer Straße ab, wer will für 10 Pfennig die Stunde seine alten Zeitungen loswerden, oder hat noch Alteisen herumliegen? Es waren einige Haushalte. Eine ganze Zeit hielt ich das durch, und das Spannendste war, all die verschiedenen Gerüche der Treppenhäuser und Keller kennen zu lernen. Jedes Treppenhaus roch anders, Holztreppenhäuser rochen anders als Steintreppenhäuser, Altbau etwas muffiger, Neubau mehr nach Putzmitteln. Doch die Keller waren fast alle gleich, es roch nach Kohle, Holz und Eingemachtem. Am schlimmsten waren Keller, in denen jemand Sauerkraut einlegte. Da guckte ich nur nach lukrativem Alteisen, ihre alten Zeitungen konnten sie behalten. Dieser Geruch nach eingelegtem Sauerkraut hat sich bis zum heutigen Tag als der negativste Geruch, den ich kenne, in mein Gedächtnis gebrannt. Aufregend war für mich immer, an fremden Wohnungen zu klingeln und mir die Keller zeigen zu lassen. Sorgsam, fast schon gierig nahm ich die fremden Gerüche in mich auf. Von meinen ersten Einnahmen hatte ich in eine gut funktionierende Taschenlampe investiert. So konnte ich schnell überblicken, mit wie viel Fuhren ich auskommen könnte.

Nach getaner Arbeit, wenn es an der Zeit war, mein Geld zu kassieren, wurde ich oft noch kurz in eine Wohnung hereingebeten und bekam etwas Süßes zu essen und auch etwas zu trinken. Manchmal waren auch Kinder da, Mädchen, die mich neugierig ansahen. So kam es schon mal vor, dass ich mit einem Mädchen hinunterging und sie mir den Keller zeigte. Anscheinend übte nicht nur auf mich ein dunkler, unheimlicher Keller eine gewisse Faszination aus . . . Doch ich ließ mich nicht ablenken, und so ging es hin und her. Keller – Bunker, Bunker- Keller. Ich war immer froh, als ich mit einer neuen Fuhre im Bunker angekommen war. Der alte Mann hatte mich angewiesen, die Ware in einem bestimmten Gang zu lagern. Am Tagesende kam alles auf die riesige alte Waage, und ich erhielt mein Geld. Oft musste ich warten und hatte Zeit mich umzuschauen. Mein Vater hatte mir erzählt, wozu der Bunker wirklich da gewesen war, im Krieg, und was für Leid und Elend er schon mitgemacht hatte. Doch für mich wurde der Bunker zu einer Art „stiller Freund“. Ich fühlte mich dort wohl und geborgen, und ich konnte jederzeit wieder hinaus ins Tageslicht und alles war friedlich.

Inzwischen hatte ich aus Sicherheitsgründen eine Gehilfin aus der Nachbarschaft, ein Waisenkind mit langen roten Zöpfen, die bei ihrer Oma im vierten Stock einer Altbauwohnung mit grünem Kachelofen in unserer Straße lebte, die oben am Karren aufpasste, während ich unten in den Kellern herumstromerte, und langsam dehnte sich mein Radius aus. Nicht jeder Haushalt war davon angetan, dass ich ihren Keller für zehn Pfennig die Stunde aufräumte, und ich musste an vielen Haustüren klingeln. Meine Mutter wollte zwar immer noch wissen, welche Straße ich mir nun vornehme, aber als ich nach einigen Wochen mich mehr und mehr von unserer Straße entfernte, wurde sie doch sehr unruhig. Die Fruchtallee hoch und runter in unserer unmittelbaren Höhe war noch okay, als ich dann aber auf die andere Seite überwechselte, in die Bellealliancestraße, Fettstraße, Vereinsstraße und Lindenstraße, da wurde ihre Sorge doch zu groß.

Sie schlug mir vor, ob ich denn nicht lieber etwas anderes tun wolle. Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Fußballspielen wollte ich, in einem Verein, genau wie die anderen Jungs aus unserer Straße auch. Aber nicht beim Polizei SV.

Da schon von früher Kindheit an die Tornquiststraße eine meiner Lieblingsstraßen war, in der ich mich auch am liebsten aufhielt, (der Bau der Straße Doormannsweg war ein Schock für mich, ein echter Einschnitt in meine Kinderwelt) kam ich zu HEBC. Erst mal so zur Probe. Leider konnte ich nicht gut dribbeln, dafür aber gut laufen, und ich war klein, flink und wendig. Entsprechend aufgeregt war ich beim ersten Training. Und ich wurde erst mal ausgelacht, denn ich kam in dünnen Turnschuhen. Das erste Spiel fand in zwei Wochen statt, ein Heimspiel auf dem Reinmüllerplatz gegen ETV. Ich trainierte fleißig und es wurde ausgemacht, dass ich rechter Läufer spielen solle, wenn ich denn reinkomme.

Kurz vor Spielbeginn tauchte plötzlich meine Tante und meine Mutter auf und brachten mir, ich kann es heute noch kaum glauben, mein erstes paar original Fußballstiefel mit. Todschick waren die und passten verdammt gut. Meine ersten Buffer! Ich bekam vor Aufregung und Stolz kein Wort heraus. Es war so ungewöhnlich, damit zu spielen, dass ich ziemlich schlecht blieb.

Ich ging zweimal die Woche zum Training, übte flache Pässe mit der Seite und auch den Spannschuss. Von Außenrist war damals noch nichts durchgedrungen zu uns Knaben. Aber das Kopfballpendel gab es schon, was auch sehr hilfreich war. Aber so richtig in Tritt kam ich nicht, ich blieb ein durchschnittlicher Fußballknabe, dazu noch körperlich zwar recht robust und kräftig, aber leider auch recht klein von Wuchs.

Zwei Wochen später hatte ich Geburtstag. Das größte Geschenk meiner Eltern an mich war mein erster eigener Lederball, mit Ballpumpe, denn innen steckte eine Blase, die müsse immer gut aufgepumpt sein. Endlich hatte ich meinen Schatz, ich schwor mir, immer gut auf ihn aufzupassen, denn nicht viele Kinder hatten einen echten Lederball als ihr eigen. Das war das größte Geschenk meines Lebens, mein erster eigener Lederball.

Und schlagartig änderte sich mein Leben, ich stieg aus dem Alteisen- und alte Zeitungshandel aus, übte nur noch Fußball, und zwar für mich allein. Da die Leute von dem Bunker mich gut kannten, hatten sie kein Problem damit, dass ich auf dem Vorplatz ein wenig Bolzen durfte. So oft ich Zeit hatte ging ich mit meinen Buffern und dem Lederball auf den Platz vor den Bunker. Ich übte das harte Schießen. Immer gegen die Bunkerwand, dann versuchen den Rückpraller sofort wieder, ohne stoppen, gegen die Wand zurück zu schießen und so fort. Das war sehr anstrengend, tat aber dem Konditionsmangel gut. Später versuchte ich mich zu präzisieren. Ich entdeckte eine wunderbare Eigenart des Fußballstiefels, er hatte vorne eine sehr harte Spitze. Im Sprachjargon hieß das: Pike! Es war zwar verpönt mit der Pike zu schießen, angeblich fliegt der Ball zu unkontrolliert, doch grade das machte für mich den Reiz aus. Ich stellte fest, dass ich mit Pike am härtesten schießen kann, der Ball fliegt erstaunlich hoch und weit, wenn ich ihn richtig treffe.

Ich malte mir mittels eines Backsteines ein rotes Tor auf die Bunkerwand, dann nahm ich gehörigen Abstand und schoss so doll ich konnte. Wieder und wieder. Wochenlang war ich am Bunker. Irgendwann wollte ich noch genauer treffen. Ich malte den Ball mit weißer Kreide ein, um einen Abdruck an der grauen Bunkerwand zu erzielen, ich wollte wissen, ob es mir gelang, einen gewissen Punkt an der Torwand zu treffen. Natürlich wieder mit ordentlichem Abstand. Die ersten Schüsse gingen weit übers Tor. Ich veränderte meinen Schusspunkt am Ball. Ähnlich wie beim Billard muss man sich das mit der Pike vorstellen. Das Verrückte daran war, dass der Ball während des Schusses in der Luft seine Flugbahn verändert. Er fliegt selten schnurgeradeaus, sondern biegt nach links oder rechts ab, je nachdem, wie man ihn trifft. Ganz flach zu schießen ist auch sehr schwer, eine kleine Steigung erhält er immer, aber grade das gefiel mir gut.

Von meinem ersparten Zeitungsgeld hatte ich mir das HEBC Trikot, die Hose – beides in der Vereinsfarbe lila – und die weißen Stutzen gekauft.

Und dann kam das Spiel der Spiele für mich. Hätte ich es vorher gewusst, hätte ich womöglich Durchfall bekommen. Wir waren mit der U-Bahn unterwegs nach Barmbek. Getroffen hatte sich die Mannschaft am U-Bahnhof Emilienstraße, es ging gegen BU. Während der Fahrt erfuhren wir von unserem Trainer, dass wir Vorletzter in der Tabelle waren und BU der Spitzenreiter. Es wird wohl nicht viel zu holen geben. Ich wusste damals nicht viel von Tabellen, Spielgruppen, Pokalen, Meisterschaften und diesen Dingen. Ich wusste nur, ich war 1. Knaben HEBC, und ich wollte Fußballspielen. Ich dachte nur von Spiel zu Spiel (dieser Gedanke ist heute immer noch sehr populär) und war froh, wenn ich überhaupt zum Einsatz kam. Aber an jenem Tag würde ich spielen, das war klar. Denn wir waren haargenau elf Jungs, die da mitfuhren. Es durfte sich keiner verletzen, sonst wäre es bitter geworden. Ich war neugierig auf den Tabellenersten, ob die wirklich so viel besser waren als wir.

Es regnete an diesem trüben Sonntagmorgen und wir kamen sehr viel besser ins Spiel als unser Gegner. Schon nach kurzer Zeit fiel mir auf, dass der BU-Torwart seine Abstöße immer bis kurz vor die Mittellinie drosch. Viel weiter kam er nicht, immer an dieselbe Stelle. Das wollte ich mir zu Nutze machen, und so wartete ich ab bis zum nächsten Abschlag. Unauffällig trabte ich zu jener Stelle, die ich mir ausgeguckt hatte und siehe da, der Ball flog wieder genau dort hin. Ohne weiter nachzudenken lief ich zu dem Punkt, an dem der Ball herunterkommen würde, und es gelang mir tatsächlich, ihn abzufangen und zu kontrollieren. Wahnsinn! Mit dem Ball am Fuß stürmte ich los Richtung Tor. Der Torwart erkannte die Gefahr und kam auf mich zugelaufen. Schon spürte ich die Gegner im Rücken. Ich wusste, dass ich keine Chance haben würde, denn im Dribbeln war ich nicht gut. Panik kam auf, doch da hörte ich in mir eine Stimme, die laut und deutlich rief: SCHIESS!!! Ich sah nicht mehr das Tor, ich sah nicht mehr den BU Sportplatz, ich sah das rote Backsteintor auf meiner Bunkerwand. Und so schoss ich, aus vollem Lauf, mit Pike, genau so, wie ich es für mich allein geübt hatte. Und der Ball flog, hoch über den heraneilenden Torwart hinweg, in einem riesigen Bogen über fast den halben Platz, genau ins Tor!

Es war unglaublich! Was für ein Schuss, was für ein Tor. Es war mein erstes Tor für HEBC. Aber das Schönste war, wie meine Mitspieler alle angelaufen kamen, und mich bejubelten, mich, den kleinen Buttje. Ich war überglücklich. Und wie elektrisiert. Dieses Erlebnis setzte Kräfte frei, Kräfte, von denen ich bis dahin nicht geahnt hatte, dass sie in mir schlummerten. Ich war nicht mehr zu bremsen, ich war fortan überall. Ich lief, ich rackerte, ich kämpfte. Ich drosch mit Pike die Bälle aus unserem eigenen Strafraum raus, einer davon wurde sogar zu einer Steilvorlage unseres Stürmers, der das 2:0 erzielte. Faszinierend aber war, dass ich meine Mitspieler mit meinem Ehrgeiz ansteckte. Plötzlich kämpfte da nicht nur einer, sondern alle. Wir gewannen das Spiel 5:0. BU spielte viel zu pomadig, zu siegessicher, kurz sie unterschätzten uns ohne Ende. Vielleicht lag es auch am Wetter, und BU war als Tabellenerster der Meinung, sie hauen uns im Schlafgang weg. Aber nichts da!

Beim Stand von 4:0 bekamen wir kurz vor Schluss einen Elfmeter zugesprochen. Der Trainer rief, dass ICH den schießen soll. Ich war sprachlos und maßlos erschrocken. Aber gut. Ich nahm mir den Ball und legte ihn mir am Elfmeterpunkt zurecht. Langsam legte sich die Aufregung, denn dieses Mal war es genau meine Bunkerwandentfernung. Nur aufpassen, dass der Ball nicht zu schnell ansteigt, dachte ich, denn das Risiko bei Schüssen mit der Pike lag ganz klar darin, dass der Ball über das Tor flog. Innerlich sah ich all die Hunderte von Übungsstunden vor mir auftauchen, die weißen Kreideflecken meines Lederballs, und mir war ganz nüchtern und eiskalt klar, dass jetzt der Augenblick gekommen war, zu zeigen, was ich kann, was ich für einen Schuss habe. Ich muss grimmig böse geguckt haben, denn ich sehe noch heute das ängstliche Gesicht des Torwarts vor mir. Ich nahm Anlauf, genau die Schritte, wie auch vor meinem Bunker, und dann sehe ich, wie der Torwart erschreckt die Hände vors Gesicht reißt, denn ich hatte genau auf seinen Kopf gezielt. Was der Torwart nicht mehr sah, ich aber genau wusste, der Ball würde sich einige Meter vor ihm nach rechts abdrehen. Und so geschah es auch. Ich traf den Torwart zwar noch am Ellenbogen, aber der Ball ging mit voller Wucht ins Tor. Damals gab es noch keine Netze hinter den Toren für unsere Spielklasse, und die diversen Zuschauer mussten den Ball suchen gehen. Ich weiß noch wie der Torwart schrie: „Willst du mich umbringen, oder was?“ Und er rieb sich seinen Ellenbogen. Doch das war mir egal. Für mich zählte in dem Moment nur eines: Ich hatte es geschafft! Was für ein Hammertor. Das Gefühl ist unbeschreiblich, nur nachvollziehbar von jemandem, der es genau so oder ähnlich erlebt hat. Es sind Momente, die man sein Leben lang nicht mehr vergisst, auch wenn man später noch Dutzende von Elfern versenkt hat, dieser eine Schuss war es, den ich immer wieder hervorholte in Momenten, in denen ich an mir zweifelte. Doch komischerweise taucht als Hintergrund nicht der BU Sportplatz auf – ich weiß schon lange nicht mehr, wie der aussieht, habe keine Erinnerung daran – wohl aber mein Bunker. Diese beiden Tore sind für immer verbunden mit meinen Kindheitserinnerungen, viele, viele Stunden, die ich allein verbrachte. Allein, doch nicht einsam. Denn ich hatte ja meinen Lederball und meine Buffer.

Kurz danach war das Spiel aus. Und wie das damals so üblich war, liefen die Zuschauer auf den Platz. Ich dachte bei mir, oh weia, die werden wütend sein und uns beschimpfen, und einige kamen auch prompt auf mich zugelaufen. Doch zu meinem Erstaunen gab es keine Kloppe, sondern Schulterklopfen. Sie wirkten sehr angetan. Ich war wirklich überrascht. Ein Junge zupfte mich voller Hochachtung am Trikot und fragte: „Sag mal, wer seid ihr?“ Ich antwortete: „Wir sind HEBC“, und er sagte: „Das habe ich ja noch nie gehört. Wo ist das?“ Tja, und dann antwortete ich, und es schwang ein wenig Stolz mit: „Na, was denkst du denn? In Eimsbüttel natürlich.“ Und er: „Ach….Einbüddel.“ Ja, das war es. Hamburger Schmuddelwetter und ein wenig Underdogtum, genau nach meinem Geschmack. Das ist es, was Fußball ausmacht.

Ich brauche wohl nicht weiter zu beschreiben, wie ich mich fühlte auf dem Rückweg zur Umkleide. Erst viel später wurde mir klar, dass ICH es war, der dem Spiel seinen Stempel aufgedrückt hatte. Ich hatte es geschafft, die ganze Mannschaft durch meinen eigenen Einsatz anzustecken und mitzureißen. Ja, es ist möglich, dass man so etwas schafft. Es liegt nur am eigenen Willen. Hätte ich es nicht selbst erlebt, und dieses Erlebnis war körperlich fühlbar, so würde mir etwas ganz Wichtiges fehlen in meinem Leben. Mir war klar und bewusst, dass ich etwas ganz Besonderes geleistet hatte, etwas, das ich vorher noch nie gemacht hatte. Ich hatte Verantwortung übernommen, und es meinen Mitspielern vorgelebt, wie man es machen muss, es war der unbändige Wille, gehärtet durch den undurchdringlichen Beton einer Bunkerwand in Eimsbüttel und eines neuen, eigenen Lederballs mit passenden Buffern. Gott, war das schön. Ja, ich wusste, na klar, es hatte auch etwas mit meinem wochenlangen alleinigem Schusstraining zu tun, dass ich plötzlich so gut war.

All die Gedanken gingen mir auf der Rückfahrt durch den Kopf. Die BU Fans hatten das gespürt, so hatte ihre Mannschaft bestimmt noch nicht gespielt. Dieses Hochgefühl hielt die ganze Zeit an, und als ich Christuskirche ausstieg war mein erster Weg hin zum Bunker. Da stand er nach wie vor, stark und unbezwingbar, mein Bunker. Ich fühlte, dass ich unbedingt zu ihm hingehen musste, mich an ihn lehnen, mein nasses Gesicht an seine raue Betonwand drücken, und ihn meine Tränen der Freude spüren lassen musste. Ich war glücklich und stolz auf ihn – auf mich. Fast verschämt flüsterte ich ein leises: „Danke Bunker, danke für ALLES.“

Falls also irgendjemand, der diese Geschichte gelesen hat, sich an einen kleinen, regendurchtränkten Jungen an einem trüben Sonntagmittag zurückerinnert, der weinend, aber glücklich, an einer Bunkerwand am Weidenstieg in Eimsbüttel gelehnt stand, dann war ich das. Und ich hatte allen Grund dazu.

Bernd Arens, im Dezember 2010

17.04 Uhr

Kommt doch kein neuer Innenverteidiger?

29. Dezember 2010

20 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Eine große Zahl. Eine größere als in den letzten Jahren, denn da hatte der Klub im Gegensatz zu den kommenden zwei Jahren jeweils noch offene Raten zu erwarten. Und diese Zahl gibt Anlass zur Sorge. Nicht allen. Muss sie auch nicht. Aber eben doch einigen. Auch mir sowie einigen von Euch. Die Zahl bereitet sogar so honorigen intimen Vereinskennern wie Uwe Seeler, Dr. Peter Krohn und Dr. Wolfgang Klein Sorgen. Und ich weiß, auch das muss noch nicht bedeuten, dass die geäußerten Befürchtungen der Weisheit letzter Schluss sind. Aber es verdeutlicht doch, dass sich viele Menschen, die seit Jahrzehnten um das Wohl dieses Vereins bemüht sind, derzeit Sorgen machen. Zudem, und das nur, um hier mal den Vorwurf des Politisierens gegegn Vorstandsboss Bernd Hoffmann etwas zu entkräften, Dr. Klein ist übrigens einer der engeren Vertrauten Bernd Hoffmanns. Ihm ist es genauso fremd wie mir, den Vorstandsboss zu diskreditieren. Ihm geht es absolut nicht um Politik. Ihm geht es um die Sache – genau wie mir.

Dass ich dabei auch mal falsch liegen kann, wusste ich. Das hat mir nicht zuletzt auch das Beispiel Armin Veh bewiesen. Da hatte ich mich festgelegt, dass der Trainer noch bis Ende dieser Woche hinschmeißt – und jetzt bleibt er Trainer. Ihr könnt Euch aber sicher sein, dass ich hier nichts einfach mal hineinschreibe, ohne einen glaubhaften, klaren Ansatz dafür zu haben. Ich verwette keinen Table-Dance, wenn ich nicht sicher bin, die Wette zu gewinnen. Und trotzdem kommt es manchmal anders. Das ist wie mit den Pferden vor der Apotheke…

In diesem Fall gestehe ich gern ein, dass meine Vermutung, die ich wie immer auf mir gegenüber getätigte Äußerungen der direkt beteiligten Entscheidungsträger begründet hatte, falsch war. Sie wird nicht eintreffen. Veh wird Trainer bleiben und ich mich letztlich geirrt haben. Allerdings ist das alles kein Grund, sich zu entschuldigen. Wofür auch? Das würde ich machen, wenn ich Euch bewusst oder zumindest fahrlässig getäuscht hätte. Dem war nicht so. Es ist lediglich so, dass ich mich geirrt habe und Veh doch Trainer bleibt. Und damit kann ich gut leben. Mit beidem.

Ich würde auch gut damit leben können, wenn meine Vermutung falsch wäre, dass der HSV in diesem Winter nichts mehr macht. Personell wohlgemerkt. Das habe ich so gehört. Das soll der Status Quo sein. Es gilt demnach aktuell als ausgeschlossen, dass Elia verkauft wird. Es gilt aber mangels Angebot auch als mehr als wahrscheinlich, dass sich der HSV auf das vorhandene Spielermaterial verlässt, trotz anderslautender Ankündigungen im Winter keinen Nezuzgang mehr präsentiert. Der sportliche und finanzielle Aspekt seien nicht vereinbar. Zumal die Wunschspieler allesamt bei ihren Vereinen unter Vertrag stehen und nicht frei zu bekommen sind.

Allerdings ist klar, dass sich alles ganz schnell ganz anders darstellen könnte, wenn beispielsweise der VfL Wolfsburg seinen Top-Angreifer Edin Dzeko für die kolportierte Ablösesumme von 35 Millionen Euro (oder sogar noch mehr?) zu Manchester City ziehen ließe. Dann wären die weiterhin (und nie angezweifelt) an Elia interessierten VW-Städter sicher bereit, ihre bisher locker angedeutete Ablösesumme für den Linksaußen aufzustocken. Plötzlich könnten sie sie der vom HSV nahe der 20 Millionen Euro angesiedelten Schmerzgrenze gefährlich nahekommen.

Allerdings, und da vertraue ich meinen Informationen, ist der HSV derzeit nicht gewillt, seinen Kader in irgendeiner Weise auszudünnen. Und die Verantwortlichen haben sich mit der medizinischen Abteilung besprochen und anschließend etwas Fahrt aus der als so dringend notwendig eingestuften Suche nach einem weiteren Innenverteidiger genommen, nachdem klar wurde, dass Joris Mathijsen nach seinem doppelten Bänderriss nun doch schon zu Rückrundenbeginn fit sein könnte.

Zudem, und das ist für mich ein absolut nachvollziehbarer Gedanke, haben sich die HSV-verantwortlichen ob der finanziellen Situation gegen eine überhastete Entscheidung ausgesprochen. Schon die interne Diskussion, ob es nun eher ein perspektivischer Transfer eines jungen Spielers oder die Verpflichtung (je nach Preis als Kauf- oder Leihgeschäft) eines eher gestandenen, erfahrenen Mannes werden solle. In beiden Kategorien ist der HSV gerade mal zweieinhalb Wochen vor Rückrundenbeginn noch nicht fündig geworden.

Dabei hatte Veh nicht nur den Wunsch geäußert, einen neuen Verteidiger zu holen sondern diesen auch schon mit ins Trainingslager am 2. Januar nach Dubai nehmen zu können. Er wollte damit, das hatte er betont, nicht den Druck auf handelnde Personen erhöhen, sondern alte Fehler vermeiden. Denn wie es laufen kann, wenn ein Spieler erst spät verpflichtet und sofort ins kalte Wasser geworfen wird, das hat schon Nigel de Jong im Januar 2006 bewiesen, als er in Nürnberg nach nur einer Einheit mit der Mannschaft in der Startelf auftauchte und der HSV nach schwachem Spiel verlor.

Ich teile grundsätzlich Vehs Einschätzung, dass für die Innenverteidigung noch Handlungsbedarf besteht. Heiko Westermann hat langsam ins Team gefunden, wirkt inzwischen sicherer. Daneben stehen Muhamed Besic und Guy Demel als Alternativen bereit. Allerdings kann und darf man Besic aus Altersgründen noch nicht als Ultimo einplanen. Gleiches gilt für Demel – bei dem Ivorer allerdings aus der Erfahrung seiner zuletzt gezeigten, viel zu schwankenden Leistungen. Der HSV braucht unabhängig von etwaigen Verletzungen noch mindestens einen echten Innenverteidiger. Allerdings, und da stimme ich dem Vorstand zu, darf dies kein Einkauf der Marke Gravgaard sein. Der Däne war ein netter Kerl, passte menschlich in die Mannschaft und hatte sich trotz einer sehr kurzen Eingewöhnungszeit im Winter schnell einspielen können. Allerdings konnte der Däne nicht die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen. Und mit derart Spielern blockiert der HSV lediglich immer seltener werdende finanzielle Mittel.

Die größte Hoffnung heißt demnach Mathijsen. Besser gesagt, es ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr von Joris Mathijsen. Auch daran glaube ich, darauf setze ich sogar. Aber was, wenn Mathijsen einen Rückschlag erleidet, das sehr ehrgeizig früh gesetzte Comeback platzt? Dafür bräuchte der HSV meines Erachtens nach eine Soforthilfe, denn wir alle wissen, dass der Start in die Rückrunde am 15. Januar ausschlaggebend sein kann. Denn sollte der HSV bei den wieder erstarkten Schalkern gewinnen, könnte – zusammen mit dem Erfolgserlebnis aus dem letzten Hinrundenspiel in Mönchengladbach – ein kleiner, allerdings auch dringend notwendiger Positivlauf entstehen.
Dass dieser noch immer eine mögliche Wende herbeiführen kann, ist unumstritten. Und so wenig Anlass uns die Hinrunde geben kann, daran zu glauben, so sehr hoffen wir darauf. Auch ich. Allerdings, und darin habe ich immer meine Priorität erachtet, ich werde weiterhin nur das schreiben, was ich sehe, was ich höre, und was ich glaube. Ich werde dabei keine Rücksicht auf Berufsoptimisten nehmen, weil ich weiß, dass der Großteil von uns mit der Realität konfrontiert werden möchte, um möglichst realitätsnah zu diskutieren und zu posten. Ich werde weiter den Finger in die Wunden legen, um Missstände anzuprangern. Ich werde weiter alles loben, was gut läuft. Kurzum: ich werde mich immer nach bestem Wissen und Gewissen an der Wahrheit orientieren. Auch wenn sie mal unangenehm ist. Wie gestern.

Euch und uns allen einen schönen Abend. Auch wenn der Artikel heute mal nicht so viel Anlass für hitzige Diskussionen bietet. Bis morgen.

17 Uhr

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