Monatsarchiv für November 2010

Die Winterturbulenzen beginnen

22. November 2010

Bastian Reinhardt ist ein ehrlicher Mensch. Und so selten das in der Profi-Fußball-Branche ist, bei ihm lege ich mich fest. Schon deshalb überraschte es mich nicht, dass der ehemalige Verteidiger und heutige Sportchef auch die Situation beim HSV nicht zu beschönigen versuchte. „Wir müssen uns neue Ziele setzen, sie der Situation bis zur Winterpause anpassen.“ Sagt Reinhardt. Und das sagt schon alles. Denn was alle seit Wochen formulieren, ist jetzt auch vereinsoffiziell: Der Misserfolg wird anerkannt, die Saisonziele werden korrigiert.

Einzig die Frage, wie sich alle Besserung erhoffen, die wusste auch Bastian Reinhardt nicht zu beantworten. Er umging die Antwort, er schwieg sie aus. Denn auch er weiß, dass der sportliche Misserfolg seine Folgen noch längst nicht alle aufgezeigt hat. Denn was passiert mit dem teuren Kader am Ende der Saison? Dass teure Spieler verkauft werden müssen, ist bekannt. Nur wer ist das? Heute sagte Reinhardt, dass der Vertrag mit Dennis Aogo aktuell verhandelt wird. Alle anderen Vertragsverlängerungen ruhen. Die von Armin Veh und Ruud van Nistelrooy sowie Zé Roberto sollen eh erst im Februar angegangen werden. Und auch die Verlängerung mit Piotr Trochowski, für die es bereits erste Gespräche gab, ruht.

Der HSV sortiert sich. Er muss sich neu sortieren. Zwar will keiner freiwillig gehen, allerdings wählt heute (Westphalen siegt mit 126:94 Stimmen gegen den ehemaligen Vorstand Christian Reichert) die Amateurabteilung ihren Aufsichtsratsdelegierten und macht damit den Auftakt für einen stürmischen Winter. Einen Winter, in dem sicher laut nach Schuldigen gesucht werden wird. Und ein Winter, der diesen HSV sicher auf eine harte Probe stellen wird.

Damit möchte ich heute nicht die Nörgler-gegen-Rosarote-Brille-Diskussion anschieben. Ich möchte mir einfach nur ein paar Gedanken dazu machen, wie es weitergehen kann. Denn eines ist klar, hinterfragt werden muss nach so einer Hinrunde jeder. Vom Spieler bis zum Vorstands-Vorsitzenden sind Fehler passiert. Das zeigt die Tabelle eindeutig. Und wie heißt es so schön im Fußball: Die Tabelle lügt nicht.

Fangen wir ganz oben an. Bernd Hoffmann zählt im Verein ganz sicher nicht zu den absoluten Sympathieträgern. Er gilt als cooler, eiskalter Geschäftsmann mit feinem Sinn für den wirtschaftlichen Erfolg. Und er gilt seit Dietmar Beiersdorfers Demission als Machtmensch Nummer eins im HSV. Nicht bei allen Mitgliedern und Fans, aber wohl bei vielen. Nach meinen Informationen hat sich die Opposition, die Bernd Hoffmann am liebsten als Ex-Vorstands-Vorsitzenden des HSV sehen möchte, bereits formiert. In der Presserunde bei Hamburg1 war am Sonntag bereits ein Vorgeschmack zu hören. Und die Mitglieder formieren sich. Gegen ihren ersten Vorsitzenden. Und der hat das natürlich gemerkt. Im Sommer (wie im Sommer davor) hat er versucht, durch Millioneninvestitionen per Vorgriff den sportlichen Erfolg schnellstmöglich wieder herzustellen. Bislang erfolglos. Jetzt ist das Geld knapp, Insider vermuten sogar, dass überhaupt kein Geld mehr da ist, um auf den aktuellen sportlichen Misserfolg entsprechend reagieren zu können.

Hinter vorgehaltener Hand war bereits jetzt zu vernehmen, dass die Opposition im HSV Bernd Hoffmann am liebsten schon bei der Jahreshauptversammlung im Januar den Stuhl vor die Tür setzen will. Da braut sich etwas zusammen, im nach außen hin noch vor sich hin schlummernden HSV.

Allerdings, das ist und bleibt so, ich werde hier keine Politik machen. Ich werde die Dinge so beschreiben, wie ich sie sehe, sie höre und für mich beurteile. Ich habe mehrfach betont, dass ich weder Hoffmann-Freund noch Hoffmann-Feind bin. Ich werde kritisieren, wie eben geschehen. Ich werde aber auch loben, wenn es angebracht ist. Und zu loben ist die Tatsache, dass sich Hoffmann die Kritik, er habe sich in den letzten Jahren kompetenzübergreifend zu sehr ins Sportliche eingemischt, gestellt hat. Heute ist er zu sportlichen Fragen öffentlich nicht mehr zu hören. Im Klartext: Bernd Hoffmann hält sich jetzt aus dem aktuellen Geschehen um die Bundesliga-Fußballer raus. Er hat sich rar gemacht in den letzten Wochen und Monaten, Ihr selbst müsst es auch längst bemerkt haben, dass er kaum noch einen Kommentar abgibt. Weder nach (den wenigen) Siegen, noch nach den Niederlagen und Misserfolgen. Die Frage, die sich mir im Zusammenhang mit Bernd Hoffmann allerdings stellt ist die: Hat der HSV-Boss zu spät gelernt? Hat er zu spät gemerkt, dass er sich aus den sportlichen Dingen besser heraushalten sollte? Die Antwort darauf wird es spätestens im Januar geben, wenn sich die Mitglieder und (ganz verstärkt) die Opposition zu Wort melden werden.

Wobei ich gespannt bin, wie sich der Aufsichtsrat dann aus der Affäre ziehen wird. Auch um die Herren Kontrolleure ist es (zum Glück) zuletzt ganz still gewesen, aber auch das wird sich im Januar ändern, denn dann werden sich die Räte neu formieren. Und das ist auch gut so. Ich bin gespannt, ob sich die Mitgliedschaft auf einen “Schickimicki-Aufsichtsrat” einlassen wird, oder ob diesmal Fußballer und Leute vom Fach gewählt werden.

Noch gespannter allerdings bin ich schon jetzt darauf, wie der HSV im Sommer 2011 aufegstellt wird. Die Mannschaft wird, soll und muss verändert werden. Fraglich ist nur, ob ein Riesenumbruch zustande kommen wird, oder einer mit Augenmaß. “Jeder Spieler hat nach wie vor die Chance, sich für eine Zukunft beim HSV zu qualifizieren.“ Sagt Bastian Reinhardt. Für den Winter sind dagegen weder Ein- noch Verkäufe geplant. „Wir können mit Dennis Aogo und Dennis Diekmeier in der Rückrunde ja zwei ´Neuzugänge´ begrüßen. Transfers sind aber nicht angedacht, in keine Richtung. Obwohl: Ganz ausschließen kann man das natürlich nie . . .“

Natürlich nicht. Denn wer weiß schon, wie sich die Personalien entwickeln. Beispiel Paolo Guerrero. Oder auch Guy Demel. Der Abwehrspieler hat bei Armin Veh im Moment offensichtlich ganz schlechte Karten. Demel ist in der öffentlichen Wahrnehmung vom Publikumsliebling („Giiiiiiiii“) zu einem der Hauptschuldigen degradiert worden. Und wer weiß, ob Mladen Petric nicht im Winter den nächsten Vorstoß wagen wird, gen Stuttgart zu wechseln? Die Schwaben sollen ihm weiterhin den Vierjahresvertrag bieten wollen, auf den er sich bereits im Sommer geeinigt hatte. Ein derartiges Ansinnen mochte uns Mladen zwar weder bestätigen noch dementieren, aber ich habe derartiges von einem Stuttgarter Kollegen vernommen. Obgleich die Stuttgarter ja sogar in noch größeren sportlichen Nöten stecken – aber vielleicht gerade auch deshalb.

Etwas beruhigter bin ich dagegen beim Thema HSV-Nachwuchs. Zumindest bei dem, der bereits jetzt bei den Profis mittrainiert. Muhamed Besic und Heung Min Son dürfen sich als die großen (und einzigen) Gewinner der Krise betrachten. Sie sind diejenigen, die Freude bereiten und auch Hoffnung machen. Und sie sind der Weg, an dem sich der HSV nicht nur orientieren sollte, sondern auch muss. Denn so wie jetzt, mit einer von alternden Stars durchsetzten Truppe, verbraucht dieser HSV den redlich erarbeiteten und verdienten Glanz der aufstrebenden letzten Jahre. Bei der Gelegenheit: Ein Kollege fragte mich in der vergangenen Woche noch, ob ich denn wüsste, an welcher Stelle der HSV denn aktuell in der europäischen Rangliste (welche?) rangieren würde? Ich dachte so an Rang 28 bis 30. Aber die Antwort verblüffte mich total: Platz zwölf. Und auf 13 steht wer? Real Madrid!

Welche Kriterien für eine solche Rangliste herhalten müssen, erschließt sich mir nicht ganz, aber es ist schon überraschend genug, dass es eine Rangliste mit dem HSV auf Platz zwölf gibt (geben soll).

Womit ich schnell noch eine Frage vom vergangenen Wochenende stellen möchte. Warum hat Elia trotz guter Trainingseindrücke – und die kann niemand leugnen – nicht eine Minute in Hannover gespielt? Natürlich hat Son gut gespielt, aber der Südkoreaner fiel zum Schluss ja in ein kleines Loch. Da hätte Elia gut gepasst. War es Vorsicht? Sollte sich der Flügelflitzer nicht gleich wieder neu verletzten? Oder war es ein Zeichen an den sich gern und schnell überschätzenden Niederländer? Gesagt hat Veh, dass Elia noch nicht bei 100 Prozent sei. Daran zweifelt niemand. Allerdings war dies ein Ruud van Nistelrooy auch nicht. Und der wurde für Guerrero eingewechselt.

Bleibt zu hoffen, dass Elia und “Van the man” bis zum kommenden Sonnabend gegen VfB Stuttgart der eigenen Topform noch ein Stück näher gekommen sind, und dass zudem doch noch der eine oder andere bislang verletzt fehlende Spieler zurückkommt. Denn während Marcell Jansen weiter fehlt und Joris Mathijsen (gute Besserung!) heute bereits operiert wurde (Rückkehr nicht vor Mitte Januar 2011), soll zumindest Frank Rost wieder ins Tor zurückkehren. Und der dürfte seinen Vorderleuten, so hoffe ich, schon während der 90 Minuten mal gehörig und lautstark seine Meinung kundtun, was er von ihrem Spiel (und dem Abwehrverhalten) so hält. Das hat, ganz klar (und ich schrieb es ja bereits), gefehlt.

Und um den Blog mal wieder mit einer guten Nachricht abzuschließen: Dennis Aogo trainiert wieder am Ball. Er mag selbst zwar noch keine Prognose abgeben, aber trotz anderslautender Meinungen scheint der Linksverteidiger doch noch vor dem Ende der Hinrunde fit zu werden. Das ist gut für ihn. Das ist gut für den HSV. Und das ist noch besser für Zé Roberto. Denn der Brasilianer, der für mich nach wie vor der Taktgeber beim HSV ist, könnte so endlich seine ungeliebte und zuletzt auch eher unglücklich gespielte Position hinten links verlassen. So könnte er endlich wieder seine Kreativität im Mittelfeld ausspielen.

Zwei Dinge noch in eigener Sache:
Ich bin bedrückt darüber, dass sich hier nun schon einige alteingesessene “Matz-abber” – salopp formuliert -“ausgeklingt” haben. Ihr, die dazu gehört, überlasst der Taut-Fraktion das Feld, und dann muss sich letztlich niemand, wirklich niemand mehr wundern, dass es hier so zugeht, wie es zuletzt zuging. Aber es ist wohl wie es ist. Schade. Gerade aber aus diesem Kreis hieß es früher (und auch heute noch): “Wir sind gegen ein Ausgrenzen, wir werden schon mit Taut und Co fertig.” Offenbar nicht.

Und dann zu jener Frage, die einige von Euch gestellt haben: Matz oder Scholz? Wer hat hat heute geschrieben. Ich kann allen versichern, die sich diese Frage hier öffentlich gestellt haben: Ihr habt in schöner Regelmäßigkeit daneben getippt. Wobei ich noch einmal betonen möchte: Selbst wenn Marcus Scholz einmal für mich beim Training ist oder andere Termine (in Sachen HSV) wahrnimmt – jeder Bericht wird entweder von mir geschrieben (mit seinen, mit Scholles Informationen), oder er wird von mir korrigiert, ergänzt – wenn er einmal geschrieben hat. Das kommt dann vor, wenn ich einmal unterwegs bin. Das ist zwar selten genug, aber es kommt eben doch gelegentlich vor.
Also, mein Fazit: Keine Angst, ich schreibe entwder selbst (zu 90 bis 95 Prozent), oder ich bekomme es vorgelesen und korrigiere und/oder ergänze.

20.41 Uhr

“Für unsere Ansprüche zu wenig”

21. November 2010

So viele sanftmütige Zuschriften – ich bin begeistert. So ein herrlicher Sonntag. Vielen Dank für Eure Unterstützung. Auch im Namen des HSV. Dass hier einige User als „warm“ beschimpft werden – sicher nur ein schlechter Scherz, einfach nur mal ein Ausrutscher. Dass ich beim falschen Spiel gewesen bin – sorry, es soll nicht wieder vorkommen. Und natürlich waren sie auch alle grottenschlecht beim HSV. Bis auf zwei Ausnahmen, die möchte ich kurz nennen: Jonathan Pitroipa und Heung Min Son. Alle anderen müssten rausgeschmissen werden. Selbstverständlich raus mit allen. Und dann einfach wieder die vielen Verletzten einsetzen. Ich würde gegen Stuttgart nun Dennis Aogo, Joris Mathijsen, Collin Benjamin, Marcell Jansen, Dennis Diekmeier und Romeo Castelen aufstellen. Nur mal zur Probe. Die machen es dann hundertprozentig besser. Und dazu dann auch Tunay Torun und Lennard Sowah. 3:1 für den HSV. Wetten? Stuttgart haun wir wech – sach ich mal ganz frech!

Mir kommt aber auch eine andere Komponente noch nicht ganz so zum Tragen: Bernd Hoffmann. Der hat doch die Schuld an diesem 2:3. An jedem 2:3 und überhaupt, an jeder Niederlage. Wenn das bitte noch einige Male mehr erwähnt werden könnte, dann wäre dieser Pleite doch wirklich noch genüge getan. Und Armin Veh? Natürlich raus! Und Bastian Reinhardt? Selbstverständlich auch raus! Oder rein? Sollte der Sportchef jetzt nicht doch vielleicht besser wieder die Buffer anziehen und auf dem Rasen verteidigen? Das solltet Ihr entscheiden. Und Michael Oenning? Raus! Reiner Geyer? Auch raus! Und Katja Kraus? Natürlich raus. Alle raus, raus, raus, raus. Und dann den Laden dichtmachen. Das wäre mal mein Ratschlag für diesen Sonntag.

Und die Raute in meinem Herzen? RAUS! Einfach nur noch raus.

Was soll das auch? Wenn wir, ich meine den HSV, nicht mehr nach Hannover fahren können, um dort drei Punkte einzufahren, was soll das denn noch alles? Hat doch keinen Sinn. Außer Hermann Rieger – alle raus.

Es ist schon seltsam, was unter dieser Anhängerschaft abgeht. Wo würde der HSV eigentlich stehen, wenn er die sechs Punkte von Köln und Hannover auf dem Plus-Konto hätte? Nun gut, er hat sie nicht, die Schuldigen habe ich ja eingangs auch schon erwähnt, aber er, der HSV, hätte sie doch haben können. In Köln ein 0:1 gedreht und dann 2:3 vergeigt, in Hannover ein 0:1 gedreht und dann eine 2:3-Niederlage kassiert – das alles hatte doch mit Pech nichts zu tun. Das war Unvermögen. Und war hat’s verschuldet? Genau.

„Wenn man fünf Siege, drei Unentschieden und fünf Niederlagen auf dem Konto hat, dann ist das für unsere Ansprüche zu wenig“, sagte Trainer Veh nach dem Kick in Hannover. Es klag nicht gerade optimistisch. Im Gegenteil. Und das stellte auch Kapitän Heiko Westermann klar: „Wir haben das, was wir uns vor der Saison vorgenommen hatten, überhaupt noch nicht erfüllt.“ Und er gab auch noch zu: „Die Lage ist ernst.“ Bravo. Das ist mal Klartext. Und wenn dazu dann noch in dieser Woche wieder prächtig und vorbildlich trainiert werden würde, dann könnte auch am nächsten Sonnabend, wenn der VfB Stuttgart im Volkspark zu Gast ist, dann könnte natürlich auch da wieder verloren werden. Damit dann hier, genau an dieser Stelle, wieder die wahren Schuldigen angeprangert werden können.

Veh sagte übrigens noch: „Dass wir in Hannover nicht mal einen Punkt geholt haben, das ist einfach zum Kotzen.“ Treffender kann Mann es nicht formulieren.

Um einmal ernsthaft in diesen falschen Film zu kommen: Es ist schon tragisch, was mit diesem HSV in diesen Wochen passiert. So viele Verletzte, und zwar schon seit Jahren – das ist doch unnormal. Ich will doch gar nichts beschönigen. Oder schönreden. Tatsache ist doch aber, dass der HSV mit seiner Rumpf-Elf ganz gut gespielt hat. Wie grottig war es noch in Dortmund? Das in Hannover war doch ein Spiel, das der HSV gewinnen musste – und dann verliert er sogar noch. Über die Gründe habe ich nach dem Schlusspfiff geschrieben – und Ihr habt es danach getan. Ich will hier keine andere Einzelkritik abgeben, ich habe heute, am Tag danach, nichts zu korrigieren. Ich habe es eben anders gesehen. Vielleicht auch ohne Fäuste in der Tasche? Und nicht ganz so wütend? Auffällig aber ist doch, dass der HSV, das gebe ich gerne zu, immer noch viel zu sorglos spielt. Das war auch in Hannover zu Beginn wieder so. Der HSV stürmte wie eine Heimmannschaft. Und ich dachte noch so bei mir: „Das läuft genau wie immer: Der HSV macht das Spiel, der Gegner schießt ein Tor.“ Ihr werdet sicher wieder anderer Meinung sein, weil der HSV das Spiel natürlich NICHT gemacht hat, aber es haben einige dennoch so gesehen wie ich.

Dass ausgerechnet Muhamed Besic diesen verhängnisvollen Fehler beging, war Künstlerpech. Aber insgesamt passt dieser Fehler natürlich zu genau diesem Anti-Lauf, den der HSV momentan hat. Und dann dieses Tor in den Schlusssekunden – auch typisch. Da passte doch nichts: Anstatt hinten kompakt zu stehen, auf Sicherheit zu setzen, auf den einen Punkt zu spielen, wurde wieder viel zu sorglos gespielt. Motto: Uns kann keiner! Da fehlt schlicht und einfach ein Mann, der alles ordnet. VERBAL. Ein Mann, der den Kollegen einmal mächtig Bescheid gibt, was in einer Schlussphase (und bei einem 2:2 auswärts) zu tun und was zu lassen ist. Aber da geht jeder nur mit unter. Weil jeder mit sich zu tun hat.

Heiko Westermann hat meiner Meinung nach diesmal schon seinen Mund mehr aufgemacht als in den voraufgegangenen Spielen, aber es reichte eben immer noch nicht. Niemand sagte etwas. Auch Jaroslav Drobny, der große Schweiger zwischen den Pfosten, spielte nur das „große Schweigen“, anstatt seine Vorderleute nicht nur einmal, sondern ständig zusammen zu donnern! Nur so würde es gehen, nur so kann es funktionieren, aber vom HSV kommt nichts. Weder auf dem Rasen noch am Rande. Man konnte es doch sehen, wie der HSV förmlich um das Gegentor bettelte, aber auch von draußen kommt keine Hilfe. Das würde ich mir mal von Armin Veh wünschen, dass er an der Linie wie Rumpelstilzchen umher springt, um seinen Mannen den Marsch zu blasen. Und bitte, bitte, hört mir alle auf damit, es würde ja doch niemand hören oder registrieren. Das nimmt eine Mannschaft schon wahr, was da draußen an der Bank passiert. Warum wohl blickt ein jeder Spieler, der einen Bock geschossen hat, oder der eine Groß-Chance vergeben hat, sofort noch seinem Fehler nach draußen, zur Bank, zum Trainer?

Apropos. Als Paolo Guerrero nach draußen schlich, gab es kein Abklatschen mit dem Coach. Weil der Hals mal wieder zu dick war? Offensichtlich. Wobei ich vor der Frage stehe, ob ich ebenfalls so reagiert hätte, wie der Peruaner? Der hatte vor dem 2:1 den Ball deutlich mit dem Arm angenommen. Zwei 96-Spieler reklamierten das sofort, nach dem Tor aber nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr sichtbar. Dennoch ging der (schwache) Schiedsrichter Dr. Jochen Drees zu Guerrero und befragte ihn: „Hand oder nicht Hand?“ Und Paolo G. gab das Handspiel nicht zu.

Ist das profihaft? Es ist wohl so. Und ich hätte mal sehen mögen, wie hier, nur mal bei „Matz ab“, die Anhängerschaft des HSV reagiert hätte, wenn Paolo Guerrero eine Minute danach (okay, eine halbe Minute) zugegeben hätte: „Jawohl, Herr Schiedsrichter, dieses Tor dar nicht zählen, es war ein Handspiel von mir – bitte geben Sie mir die Gelbe Karte.“ Mindestens so viele Fans wie die, die den Peruaner nun verdammen (und zum Teufel wünschen), hätten dann doch gefordert: „Schmeißt ihn raus, schmeißt ihn endlich raus, dieser Mann sollte das HSV-Trikot nie wieder tragen dürfen . . .“

Und nach dieser Vorgeschichte, garniert von einer Rudelbildung und zweier Gelber Karten, wird Guerrero Sekunden später vom Platz geholt. Gerade hatte er sich für seinen HSV aufgeopfert (weil gelogen), und dann der Dank dafür. So muss und so wird er gedacht haben. Und deswegen der dicke Hals. Ich habe Verständnis für Paolo Guerrero, einmal mehr. Aber dieses Verständnis wird von Vorfall zu Vorfall weniger, das gebe ich gerne zu. Allmählich ist der Vorrat an Verständnis aufgebraucht. Das wird wohl auch Armin Veh denken. Ähnlich wie im Fall Guy Demel. Da scheint der Coach (und sein Team) ja nun auch zur Erkenntnis gelangt zu sein, dass es keinen Sinn mehr macht . . . Und Guerrero ist ziemlich nah dran an einer solchen Lage. Er sollte sich, wenn er dann noch tatsächlich die Lust dazu verspürt, schnellstens zusammenreißen, wenn er (s)ein totales Desaster noch verhindern will.

Womit ich noch schnell zu Mladen Petric kommen möchte. Viele von Euch habe ihm ja wieder einmal eine läuferisch schlechte Leistung bescheinigt, und damit liegen sie wohl auch nicht falsch. Dennoch behaupte ich: Petric schießt Tore. Er in erster Linie. Das ist seine große Stärke. Dazu muss er aber auch entsprechend eingesetzt werden. Und das wird er (leider) nicht immer, oder noch treffender: Er wird es viel zu selten. Und da er sich meistens mit zwei, drei Gegenspielern herum zu schlagen hat, kann man auch schon mal leicht verzweifeln. Und verzagen. Und eventuell auch mal leicht resignieren?

Mir würde auch gefallen, wenn sich Petric „mehr bewegen“ würde. Wenn er mehr nach hinten arbeiten würde, wenn er so viel und auch so schnell laufen (mindestens!) würde wie einst Ivica Olic. Aber das ist eben nicht das Spiel des Mladen P. Er ist ein „Knipser“, er muss die Dinger aufgelegt bekommen, dann ist er wertvoll. Deswegen müssen ihn die HSV-Fans so nehmen, wie er ist. Oder sie sollten es nicht. Aber: Immer nur dann zu jubeln, wenn er mal wieder ein wichtiges Tor für den HSV geschossen hat (zum Beispiel St. Pauli), das scheint mir dann doch viel, viel zu billig zu sein. Obwohl es einigen HSV-Fans hier ja ganz besonders zu gefallen scheint, einige (und auch ganz bestimmte) HSV-Spieler in Grund und Boden zu schreiben.

Dass damit niemandem gedient ist, das steht fest, steht aber wohl auch auf einem ganz anderen Blatt. Siehe Piotr T. Ich mag den Namen schon gar nicht mehr erwähnen. Was ist dem Nationalspieler (und WM-Dritten) nicht schon alles nachgesagt worden, wie ist er hier schon unwürdig angegriffen worden, wie ist er auch jetzt wieder, nach dem Hannover-Spiel, zerrissen und heftig attackiert worden. Er darf, so die vielen Experten, keine Kringel drehen, er darf dies nicht, er darf das nicht, er soll das lassen und jenes auch – und er soll auch nicht mehr quer und zurück spielen. Er soll im Prinzip nur so ähnlich spielen wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Und wenn er das nicht macht, dann bekommt er bei „seinem“ Anhang kein Bein mehr auf den Boden – so einfach ist das (geworden).
Ich sehe das Spiel des Piotr T. zurzeit so: Er bemüht sich darum, sachlich zu spielen, gaaaanz solide, ohne jeden Schnörkel. Er arbeitet für die Mannschaft, er läuft mehr als sonst, er spielt mit weniger Risiko – er bemüht sich, wie gesagt, um ein ganz einfaches Spiel. Motto: Nur nicht auffallen Aber das ist ja auch wieder nicht richtig. Natürlich nicht. Es ist schon bitter: Er, Piotr T., kann in meinen Augen bereits seit vielen Monaten machen was er will, er bekommt bei vielen (wie viele sind es eigentlich wirklich?) HSV-Fans kein Bein mehr an den Boden. Weitere Kommentare verkneife ich mir aber nun ganz strikt.

In der Hoffnung, dass sich Tomas Rincon das 2:3 nicht zu sehr zu Herzen nimmt, schließe ich nun für heute. Das nächste Training kommt bestimmt, und damit auch das nächste stimmungsvolle Super-Training der großen HSV-Stars – nur an diesem Montag muss die Fan-Gemeinde noch einmal darauf kurz verzichten. Montag ist frei. Und am Dienstag geht es dann um 10 Uhr und um 15 Uhr (also zweimal) heiter weiter.

16.50 Uhr

Eine einfach nur bittere Niederlage

20. November 2010

Ich wollte eigentlich mit Schlusspfiff bloggen. Aber ich muss zugeben, ich weiß noch immer nicht so recht, wie ich dieses Spiel deuten soll. In Hannover verloren, das darf nicht der Anspruch sein. Klar. Aber wenn ich mir ansehe, wie dieses Spiel verloren wurde, muss ich relativieren. Denn dieses Spiel war eine klare Steigerung zur Vorwoche, es war teilweise sogar richtig ansehnlich. Die Mannschaft wollte auch, das war deutlich zu erkennen.

Aber der Reihe nach.

Am Anfang war ich einfach nur froh, dass es die Reportertaste bei Sky gibt. Denn was sich der werte Sky-Kommentator da in der ersten Halbzeit abgekniffen hat, war unterirdisch. Son schlecht zu reden, nachdem der allein in den ersten fünf Minuten schon drei Riesenszenen hatte – unfassbar. Dann auch noch Pitroipa in genau den zehn Minuten zu loben, in denen er kurzzeitig abgetaucht war, das passte da nur ins Bild. Aber egal. Das Spiel war besser als der Kommentator, zum Glück.

Es war ein typisches HSV-Spiel. Wieder feldüberlegen und mit mehr Ballbesitz fangen sie sich einen Treffer ein, der individueller nicht sein kann. Ausgerechnet Debütant Besic, der mir ansonsten sehr gut gefiel, schießt als letzter Mann Stindl an und der rennt allein auf Drobny zu, zielt – und trifft. 1:0 für den kleinen HSV, der bis dahin kaum stattgefunden hatte.

Allerdings hatte der Gegentreffer nicht die verheerenden Folgen, die viele erwartet hätten. Im Gegenteil. Der HSV bäumte sich auf. Der heute starke Westermann nahm sich Besic, munterte ihn auf. Eine Szene, die ich bislang in dieser Saison so noch nicht gesehen hatte. Endlich ein Anzeichen von Teamgeist. Zumal Westermann auch insgesamt mehr als sonst den Mund aufmachte. Er dirigierte, er forderte und er stellte seine Leute. Er war endlich DER Kapitän. Der Abwehrchef. Wobei ich nicht verschweigen will, dass auch Besic viel dirigierte und motivierte – allerdings diente das wahrscheinlicher eher ihm selbst als der Mannschaft.

Und so war es auch wenig verwunderlich, dass der HSV noch vor der Pause zum Ausgleich kam. Pitroipa setzte sich über links gleich gegen zwei Hannoveraner durch, zog bis auf die Grundlinie und passte unkonventionell in die Mitte, wo Son den Ball über die Torlinie stochern konnte (40. Minute).

Und der HSV legte sogar noch nach. Nach einigen kleinen Problemen gegen stürmisch beginnende Niedersachsen setzte sich wieder Pitroipa durch – diesmal über die rechte Seite – und seine Flanke findet in Son einen dankbaren Abnehmer. Und wie! Der Südkoreaner steigt am zweiten Pfosten hoch und legt den Ball per Kopf wunderschön an 96-Keeper Fromlowitz vorbei ins lange Eck (54.). Ein traumhaft schön herausgespieltes Tor.

Allerdings hielt die Führung nicht lang. Schulz sorgte nur fünf Minuten später mit einem Fallrückzieher für den erneuten Ausgleich. Ein Treffer, bei dem zuerst die gesamte Abwehr (weil sie Schulz völlig ungedeckt ließ) und anschließend auch Torwart Jaroslav Drobny schlecht aussahen. Der Tscheche, der gegen Stuttgart am kommenden Sonnabend mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder vom wieder genesenen Frank Rost ersetzt wird, stand hierbei zu weit vor seinem Kasten und wurde schlicht überlupft. Das 2:2.

Aber leider noch nicht der letzte Treffer. In der Nachspielzeit war es Mike Hanke, der per Kopf das 3:2 für Hannover besorgte. Zuerst sah es so aus, als hätte Hanke seinen Gegenspieler Tomas Rincon umgerissen. Aber bei genauerem Hinsehen wurde deutlich, dass sich der Venezolaner, den ich bis dahin ganz stark gesehen hatte, einfach verschätzte. Bitter. Bitter für Rincon. Und bitter für den HSV, der ein Spiel verliert, das er nie und nimmer verlieren darf. Ganz im Gegenteil. In diesem Spiel war (im Gegensatz zur Dortmund-Partie) mehr drin.

Angefangen bei Heiko Westermann, der vielleicht sein bestes Spiel bislang für den HSV machte, über Besic, der nur einen einzigen Fehler im Spiel hatte. Selbst Rincon spielte nach zehn Minuten Anfangsschwierigkeiten sehr stark – bis kurz vor Ende. Ebenso dramatisch war das Spiel für Drobny, der eine Flanke unterlief und einmal zu weit vor seinem Kasten stand. Ansonsten hielt er, was zu halten war. Er rettete zudem in der 85. Minute sensationell gegen Hanke. Aber wie bei Besic und Rincon wurden seine wenigen Fehler bitter bestraft.

Mann des Spiels war trotz der zwei Tore von Son für mich Jonathan Pitroipa. Zehn Minuten Pause gönnte er sich in der ersten Halbzeit, aber die restlichen 80 Minuten war er brandgefährlich. Er bereitete beide Tore mustergültig vor. Allerdings muss er auch das dritte Tor machen, als er sich in der zweiten Halbzeit super durchsetzt und allein vor Fromlowitz mit links knapp verzieht.

Und während Petric sowie van Nistelrooy nach dessen Einwechslung einfach nur unauffällig blieben, machten David Jarolim und Piotr Trochowski ein unauffälliges, aber gutes Spiel. Während Jarolim sich wieder eine Fleißnote erarbeitete, zudem durch viele Ballgewinne bestach, scheint Trochowski langsam zu begreifen, dass er nicht immer das Besondere machen muss. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass er bemüht war, sachlich zu spielen, das Spiel nicht durch seine für ihn typischen Drehungen um die eigene Achse zu verschleppen. Er spielte effizient.

Auffälliger war dagegen Guerrero. Allerdings am meisten, als er sich nach dem 2:1-Führungstreffer von verschiedenen Hannoveranern provozieren ließ. Schiedsrichter Dr. Jochen Drees hatte ihn gefragt, ob er vor dem 2:1 Hand gespielt hätte. Er hatte. Aber er gab es nicht zu, was die Hannoveraner Spieler aufbrachte. Es kam zur Rangelei, Guerrero und Schlaudraff erhielten Gelb. Die fast logische Folge war Guerreros Auswechslung (ohne mit Trainer Veh abzuklatschen) und im Ergebnis eine eher schwache Partie des Peruaners.

Besser war dagegen Youngster Son. Der Südkoreaner begann bärenstark, tauchte eine ganze Weile ab aber war an fast jeder gefährlichen Szene beteiligt. Addiert man seine zwei Tore hinzu bleibt unter dem Strich ein starkes Spiel auf der linken Seite, die er sich mit Zé Roberto teilte. Der Brasilianer, der erneut auf der ungeliebten Linksverteidigerposition auflief, enttäuschte dagegen. Einem guten Sololauf standen heute etliche unnötige Ballverluste und ein ungewohnt schwaches Zweikampfverhalten entgegen. Ich weiß nicht, was mit Zé heute los war, aber das wirkte schon sehr müde, fast lustlos.

Trotzdem möchte ich diesen ob der Niederlage natürlich enttäuschenden Nachmittag positiv beschließen. Denn neben Besic und Son konnte heute noch ein dritter Junger überzeugen. Und zwar Tunay Torun. Der Deutschtürke steuerte beim 3:0-Erfolg der U23 gleich zwei Treffer bei und untermauerte seine gute Form.

In diesem Sinne: Kopf hoch, HSV!

18.22 Uhr

Aus der Not eine T(J)ugend machen

19. November 2010

So blöd es bei der prognostizierten Ausfallzeit von acht Wochen auch klingen mag, Joris Mathijsen hat noch Glück gehabt. Ich hatte mich mit einem ehemaligen HSV-Arzt über die Bilder unterhalten, wie Mathijsen gegen die Türkei umgeknickt war, und auch der studierte Mediziner hatte einen Knöchelbruch befürchtet. Sein O-Ton: „Wenn da nichts am Knochen ist, kannst Du auch das Pech haben, dass sämtliche Bänder durch sind.“ Dem ist nicht so. Es sind „nur“ zwei Bänder gerissen. Ob Joris jetzt operiert wird, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Klar ist aber, dass die Hinrunde für ihn gelaufen ist.

Und mit Muhamed Besic steht der Nachfolger bereit. Obwohl auch der junge Bosnier kurz um seinen Startplatz zittern musste, als sich Guy Demel zum Abschlusstraining plötzlich auf den Trainingsplatz begab. Allerdings dauerte es keine zwei Minuten und keine zwei Sätze von Co-Trainer Reiner Geyer, da war der Ivorer wieder verschwunden. Und obwohl sich Veh nicht zu dem Vorfall äußern wollte scheint klar, dass hier Ärger ins Haus steht. Schließlich hatte auch der HSV via Pressemitteilung bereits Demels Ausfall verkündet.

Und ich frage mich ganz ehrlich, was Demel wollte. Er verletzt sich in Dortmund und wird zehn Minuten vor Schluss ausgewechselt. Verletzt (!) wohlgemerkt. Und so angeschlagen wie er ist, reist er zwei Tage später zum Länderspiel und spielt über die volle Distanz von 90 Minuten! Wäre er heil zurückgekehrt, hätte vielleicht niemand etwas gesagt. Aber stattdessen klagt er seither über Achillessehnenprobleme. Am Donnerstag fiel er damit aus, auch heute scheint er dem Trainerteam vor der Einheit keine Besserung signalisiert zu haben. Und ganz ehrlich: sein Platzverweis von Geyer ist letztlich nur die Krönung von Guys bisheriger Saison.

Aber gut. Reden wir lieber über die, die mit nach Hannover reisen. Über die, die endlich wieder einen Dreier einfahren sollen. Und über die möglichen Startelfformationen. Denn die haben seit heute eine neue Variante. Ich hatte ja schon geschrieben, dass Änis Ben-Hatira in den letzten Tagen im Training auffällig agierte. Heute bekam der 23-Jährige dafür seine Quittung – in der freundlichen Form einer Startelfnominierung. Zuerst agierte er beim taktischen Training auf links in der Viererkette, wechselte aber bereits nach einer Minute mit Zé Roberto wieder ins Mittelfeld. Ob Veh ihn von beginn an spielen lassen will? „Es kann sich noch etwas ändern. Aber Änis hat die Woche über sehr gut trainiert“, lobte ihn Veh.

Und so sah es aus: Ben-Hatira spielte rechts neben den beiden Sechsern Trochowski und Jarolim, während Pitroipa auf der linken Mittelfeldseite agierte. Davor ließ Veh heute mit zwei Spitzen, Paolo Guerrero und Mladen Petric üben. Gut möglich erscheint allerdings, dass Ben-Hatira durch Heung Min Son ersetzt wird, der mit den restlichen Reservisten (Ruud van Nistelrooy, Robert Tesche, Eljero Elia, Maxim Choupo Moting, Tom Mikkel und Lennard Sowah) auf der zweiten Platzhälfte trainierte.

Dazu ließ Veh Tomas Rincon hinten rechts spielen. Und Muhamed Besic startet, wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert, neben Heiko Westermann in der Innenverteidigung. Wobei ich wirklich sehr gespannt bin. Auf der einen Seite ist Muhamed mit 1,80 Meter und gerade 77 Kilogramm körperlich für einen Innenverteidiger sicherlich nicht optimal. „Aber ich spiele mit Auge, gerade weil ich körperlich zu leicht weggeschoben werden kann“, sagt er selbst.

Ich muss wiederholt zugeben, der Junge imponiert mir. Heute saß er bei uns in der Presserunde und wurde mit Fragen ohne Ende bombardiert. Und Besic saß da, antwortete ruhig und gewählt. Er versuchte seine Nervosität zu überspielen. Was unnötig ist. Denn es ist eine Nervosität, die dazugehört. Immerhin steht er nach seiner Bundesligapremiere in Dortmund, seinem ersten Länderspieleinsatz (zehn Minuten gegen die Slowakei) auch vor seinem Startelfdebüt. „Ich werde versuchen, mir keinen Kopf zu machen“, sagt Besic. Das sei der Tipp seiner Mannschaftskameraden gewesen.

Ich wollte wissen, ob er wirklich so cool ist, wie er tut. Muahmed grinste leicht verlegen und gab zu: „Grundsätzlich ist das vielleicht eine Stärke von mir. Aber ich bin mir sicher, dass die Aufregung noch kommt. Aber es wäre auch komisch, wenn nicht.“

Besic’s Stärken liegen allerdings nicht nur in seinem Gemüt, sondern auf dem Platz auch eindeutig im fußballerischen Bereich. Der Bosnier, der vor 18 Monaten aus Berlin ins HSV-Internat wechselte, besticht durch kluges Aufbauspiel. Genau mit dem, was diesem HSV bisher etwas abging. Zudem ist Besic eher der Typ Instinktfußballer. Er ist kein Sprinter, aber er antizipiert gut.

Im Übrigen: Daher ist mir die Kombination mit Westermann auch fast noch lieber als die mit Mathijsen. Denn Joris, seine Konstanz in allen Ehren, ist auch kein Sprinter. Beide zusammen könnten läuferisch gegen quirlige Spieler wie jetzt Hannovers Didier YaKonan arge Schwierigkeiten bekommen. Deshalb setze ich darauf, dass Westermann den Abräumer spielt, seine Zweikampf- und Laufstärke einbringt und damit wenns nötig wird den einen oder anderen Fehler seines jungen Nebenmannes ausbügelt und Besic mit dieser Sicherheit im Rücken seine spielerischen Stärken entwickelt. „Ich werde mein Bestes geben“, sagt Besic, „auch wenn sicherlich noch nicht alles klappen wird.“

Gut möglich. Besic wird in Hannover der Spieler auf dem Platz sein, dem alles verziehen wird, was nicht so gut läuft. Das haben ihm seine Kollegen schon mitgeteilt. Auch Trainer Armin Veh. Besic soll nach Son und vielleicht ja auch mit Ben-Hatira zusammen stellvertretend für einen möglichen Umbruch stehen. Und dazu gehört Zeit. Dazu gehört Geduld. Mehr als man beim HSV zuletzt hatte. Das weiß auch Veh. „Wenn wir keine Ergebnisse liefern, interessiert sich später keiner dafür, wie das zustande gekommen ist.“ Da hat er wahrscheinlich Recht. Trotzdem freue ich mich, dass der Trainer den Mut hat, jetzt seine Jungen reinzuwerfen. Vielleicht entsteht ja so aus der Not eine T(J)ugend.

Zudem darf die Zahl von zehn Verletzten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bank wieder außerordentlich gut besetzt ist. Da sitzen talentierte Fußballer wie Choupo-Moting, wahrscheinlich Son sowie Ruud van Nistelrooy und Eljero Elia, die zwar noch nicht bei 100 Prozent sind, aber allemal das Zeug haben, auch nach einer Einwechslung ein Spiel allein zu entscheiden. Veh hat ein paar Asse in der Hinterhand.

Vielleicht entwickelt sich so endlich eine Mannschaft. Die schwierige Situation zum eigenen Vorteil nutzen, hatte Veh seine Hoffnung formuliert. Und er hat ein klares Zeichen gesetzt, nicht auf Biegen und Brechen seine alte Garde aufzubieten. Egal wie angeschlagen sie ist. Leidtragender war diesmal Guy Demel. Hoffentlich mit der richtigen Wirkung. Zum Wohle der Mannschaft. Zum Wohle des Vereins. Und zu unserer Freude.

Mit folgender Startel: Drobny – Rincon, Besic, Westermann, Zé Roberto – Ben-Hatira (Son), Jarolim, Trochowski, Pitroipa – Guerrero, Petric.

In diesem Sinne: Nur der (große) HSV!

18.35 Uhr

Ich will an einen Sieg in Hannover glauben

18. November 2010

Es ist schon Galgenhumor, in den sich Armin Veh verliert. Anders geht es auch kaum noch. „Das Training war super“, entgegnete er nach dem heutigen Training einem fragenden Fan freundlich, „es hat sich ja auch mal keiner verletzt.“ Dabei konnte er allerdings nur mit viel Mühe lächeln. Zu sehr nagt an dem Trainer die Personalnot, die sich nach den Ausfällen von Guy Demel (klagt über Achillessehnenbeschwerden) und Joris Mathijsen noch verschärft hat.

Bei dem Niederländer konnte nach dessen übel aussehender Verletzung aus dem Länderspiel gegen die Türkei noch keine genaue Diagnose gestellt werden, weil der Knöchel zu sehr geschwollen ist. Sobald die Schwellung etwas zurückgegangen ist, soll der Niederländer einer CT (Computertomographie) unterziehen. Allerdings scheint klar, dass Joris für Wochen ausfallen wird. Wahrscheinlich sogar für den Rest der Hinrunde.

Bitter für den Niederländer, der eine gefühlte Ewigkeit nicht ein einziges Spiel verpasst hat. Und bitter für den HSV. „Es ist genau das passiert, was uns nicht passieren durfte“, beschrieb Veh seine Gemütslage, „es hat sich einer von hinten verletzt.“ Denn gerade im Defensivbereich hakt es beim HSV personell, nachdem sowohl Diekmeier als auch Aogo seit Wochen und noch immer ausfallen.

Für Mathijsen wird Muhamed Besic ins Team rücken. „Besic wird spielen“, so Veh deutlich, eher er wieder seinen Galgenhumor aufnahm: „Er hat ja jetzt auch sein erstes Länderspiel hinter sich. Da hat er noch mal ein wenig Erfahrung sammeln können.“ Besic, der vergangene Woche deutlich gemacht hatte, dass er bereit sei für seine ersten Bundesligaeinsätze, erhält sowohl von Veh als auch von seinem direkten Nebenmann Heiko Westermann Unterstützung. „Muhamed ist ein guter Junge“, sagt Westermann, „ich werde ihm helfen, wo ich nur kann.“

Bei aller Freude über Besic’s Premiere, auf die ich wirklich sehr gespannt bin, es ist einfach nicht mehr nachvollziehbar, was sich beim HSV abspielt. Die Verletzungen – auch wenn sich in diesem Fall die letzten drei Ausfälle (Kacar, Demel, Mathijsen) jeweils in Spielen verletzt haben – sind in dieser Anzahl nicht mehr logisch zu erklären. Das ist nicht neu, ich weiß. Aber immer, wenn man denkt, den Tiefpunkt erreicht zu haben, folgt eine neue Hiobsbotschaft. Unfassbar.

„Die Arschbacken zusammenkneifen“, so nannte es Westermann heute, das sei das einzige, was jetzt noch gemacht werden könnte. Und tatsächlich ist es auch so. Einige von Euch hatten mich zuletzt als Schwarzmaler hingestellt, mir vorgeworfen, ich sei nicht optimistisch genug in meinen Ausführungen. Das wiederum muss ich relativieren. Denn ich sehe mich immer in der Pflicht, Euch über die Umstände beim HSV so umfassend und objektiv wie möglich aufzuklären. Und das mache ich. Nichts anderes. Dazu gehört es, in guten Zeiten zu erläutern, warum es so gut läuft. Da darf man anfangen zu träumen. Ist ja auch schön. Dazu gehört es allerdings auch – und das zu jeder Zeit, also nicht nur, wenn es nicht läuft! ¬- über die bestehenden Missstände zu berichten. Und leider gab es davon in den letzten Monaten zu viel. Und das wird auch der größte Optimist unter uns nicht leugnen.

Trotzdem will ich heute versuchen, ausschließlich die guten Seiten hervorzuheben. Nicht als Reaktion auf die, die mich kritisiert haben. Nein, aus Eigennutz. Ich will mich auf das Spiel am Sonnabend in Hannover freuen. Ich will den HSV (wie immer) siegen sehen. Und so trist heute Wetter und Laune an der Imtech-Arena waren, ich will die Worte von Trainer Armin veh glauben. Der hat heute gesagt: „Wir müssen jetzt noch enger zusammenrücken.“ Und anschließend folgte der Satz, dem ich mich unterordnen will: „Es gibt immer Situationen, wo aus vermeintlichen Schwächen Stärken werden.“

Also gut. Schauen wir mal, wo wir schwächer als zuletzt sind:

Im Tor ist weiterhin Drobny, da Frank Rost zwar gestern wieder intensiv auf dem Platz trainieren konnte, allerdings noch nicht bei 100 Prozent ist. Das soll er nächste Woche sein, im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart. Ergo: keine Schwächung zu den letzten Wochen.

Davor fällt rechts in der Viererkette Guy Demel aus. Der Ivorer befand sich allerdings seit einigen Wochen in einer Formkrise. Insofern dürfte es nicht allzu schwer sein, ihn momentan zu ersetzen. Sollte Rincon nicht Kacar auf der Sechs ersetzen müssen, dürfte er Demels Position einnehmen. Und wer den Venezolaner kennt weiß, dass er sich noch so ein Spiel wie in Köln nicht erlauben wird.

Leicht zu ersetzen ist Mathijsen allerdings nicht. Im Gegenteil: Joris ist wahrscheinlich die personifizierte Beständigkeit. So gut wie nie auf Weltklasseniveau, hat er aber auch überdurchschnittlich wenige Aussetzer. Ihn zu ersetzen ist generell schwierig. Gerade, wenn man wie Besic erst 18 Jahre alt ist und sein erstes Bundesligaspiel von Beginn an macht. Allerdings, und das ist meine Hoffnung, alle werden Besic klarmachen, dass er nichts zu verlieren hat. Dass wenn einer noch Fehler verziehen bekommt, er das ist. Insofern hoffe ich auf ein gutes, ein mutiges Spiel des Jungen.

Im Mittelfeld und der Offensive fällt lediglich Gojko Kacar aus, über den Trainer Veh sagte, er sei eh nicht hundertprozentig fit gewesen. Insofern erübrigt sich hier für mich der Kommentar. Zumal ich mir sicher bin, dass Elia schon sehr bald eine sportlich wesentliche Bereicherung sein wird. Und auch wenn Veh heute sagte, Elia sei noch nicht topfit und er wisse noch nicht einmal, ob er ihn in den Kader berufen wolle: ich bin mir sicher, dass der Niederländer spielt. Wenn nicht von Beginn an, dann zumindest als Einwechselspieler. Denn auch Veh kann nicht entgangen sein, mit welchem Elan der Niederländer im Training schon wieder unterwegs ist.

Zudem steht auch Ruud van Nistelrooy, der im Training einen guten Eindruck hinterlässt, wieder zur Wahl. Der Weltklassestürmer absolvierte seine Trainingseinheiten dosiert. Und trotzdem bestach er mit Treffsicherheit. Kurzum, er machte all das, was man von ihm als Stürmer erwartet. „Ruud ist wohl schon wieder soweit, dass er spielen könnte“, blieb Veh vorsichtig. Dennoch glaube ich: Rincon für Kacar, Elia und van Nistelrooy wieder zur Auswahl- dann sind wir in Mittelfeld wie Offensive doch besser als zuletzt aufgestellt. Es müsste also besser werden.

Und obwohl wir alle wissen, dass Fußball so nicht zwingend funktionieren muss, macht das zumindest Hoffnung. Ich hoffe, am Wochenende einige frische (nicht zwingend neue) Gesichter auf dem Platz zu sehen. Drobny, Rincon, Westermann, Besic, Zé Roberto, Jarolim, Trochowski, Pitroipa, Elia, Petric, van Nistelrooy – das sind alles richtig gute Fußballer. Und während ich nur hoffen kann, dass diese Anhäufung großer Namen auch endliche eine gute Mannschaft bildet, setze ich alles darauf, dass dieser HSV nicht noch ein Spiel so blutleer wir zuletzt in Dortmund spielen wird.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

20.11 Uhr

“Matz ab”-Treffen: Und der FC St. Pauli?

18. November 2010

Hier folgen jetzt die letzten beiden Interview-Videos vom zweiten Matz-Ab-Treffen am 5.11.2010 in der Raute.

Im ersten Clip wird von euch beantwortet wie ihr eigentlich zum FC St. Pauli steht, über den ich übrigens lange Zeit auch für das Abendblatt berichtet habe.

Das zweite Video zeigt ein Interview mit einem … ach, seht einfach selbst. Viel Spaß damit und vielen Dank an alle Beteiligten, auch an Axel Leonhard, der für Kamera, Ton und Schnitt verantwortlich war.

Wider die Ratlosigkeit – Typen sind gefordert

17. November 2010

Da saß er nun. Und er gab sich Mühe. Wie zuletzt eigentlich immer. Und ähnlich erfolgreich wie auf dem Platz, wusste Piotr Trochowski auch heute viele Fragen trotz des unüberseh(-hör)baren Versuches nicht zu beantworten. Im Gegenteil, der Mittelfeldspieler gab sogar offen zu, dass die Mannschaft ziemlich ratlos sei. Nicht, was vielleicht einige jetzt denken mögen, weil der Trainer sie nicht mehr erreicht. Nein. Vielmehr liegt es an der Mannschaft. „Wir haben momentan einen schlechten Flow“, sagt Troche. Sie hätten eben einen Lauf auf dem Platz, der sie entweder überragen oder eben untergehen ließe. „Wenn wir gut spielen, spielen wir uns in einen kleinen Rausch, ohne zu wissen, warum. Spielen wir aber nicht so gut, ziehen wir uns nicht mehr hoch. Weil wir nicht wissen, warum nichts geht.“

Ein hartes Zeugnis. Und ein ehrliches. In Dortmund sei die Mannschaft hoch motiviert ins Spiel gegangen. „Vor der Partie sind immer alle heiß. Wir sind gut vorbereitet, wissen, was zu tun ist. Aber auf dem Platz setzen wir es eben einfach zu selten um.“ So habe man in Dortmund den Gegner permanent unter Druck setzen und selbst offensiv auftreten wollen. „Und das Gegenteil war der Fall. Wir machen einfach grundsätzliche Fehler – wie in Dortmund mit unserem Stellungsspiel. Und plötzlich hing Mladen als Spitze vorn völlig allein und in der Luft.“

Troche gibt die Ratlosigkeit, die auch uns alle bei den Analysen immer wieder umgibt, offen zu. Er alarmiert sogar: „Vorher läuft alles wie immer. Die Vorbereitung ist gut, alle sind auf ihre Aufgaben eingestimmt und die Anspannung ist da. Allerdings transportieren wir das nicht mehr mit aufs Feld. Bei uns ist es enorm emotional, dass wir den Schalter einfach nicht mehr umlegen können. Plötzlich bricht bei uns dann alles zusammen und wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen.“ Ob die Mannschaft denn keinen echten Leader in der Mannschaft hätte, der den Weg vorgibt, wollte ich von ihm wissen. „Bei uns sind das viele. Einen einzelnen, wie sich die Leute das immer gern vorstellen, gibt es nicht. Bei uns nicht – und auch sonst gibt es solche Typen immer weniger.“

Dabei wimmelt es beim HSV nur so von erfahrenen Spielern. Selbst Trochowski in seinem sechsten Jahr beim HSV darf als ein solcher gewertet werden. Dazu noch so große, gestandene Spieler wie Frank Rost, Mladen Petric, Zé Roberto und allen voran Ruud van Nistelrooy. Und keiner fühlt sich in der Verantwortung. „Doch“, sagt Trochowski, und spricht wahrscheinlich den Hauptgrund der Misere an, „alle sollten Verantwortung übernehmen. Da muss man sich auch mal anbieten und unbequeme Situationen annehmen.“ Er selbst habe es versucht, wolle aber nicht über andere urteilen. Das stünde ihm nicht zu, sagt Trochowski. Allerdings wird klar, dass beim HSV zu viele Spieler ein bisschen Verantwortung übernehmen – aber keiner dabei ist, der vorwegmarschiert. Kein Effenberg, kein Breitner, kein Cruyff und schon gar kein Beckenbauer.

So ehrlich Trochowskis Worte auch sind, so alarmierend sind sie. Es fehlt Führung auf dem Platz, die Mannschaft agiert ohnmächtig – da fehlen gleich zwei elementare Bestandteile, die eine echte Gemeinschaft und somit eine wirklich gute Mannschaft ausmachen. Klar können wir jetzt sagen: Das haben wir doch schon die ganze Zeit gesagt, das haben wir doch gewusst. Aber ich denke dabei an den Trainer. Für den ist diese Situation kaum mehr zu lösen, ohne personell etwas zu verändern. Und das geht frühestens im Winter. Wenn ein Guter frei wird, was mehr als fraglich erscheint. Und wenn der HSV genug Geld hat, einen solchen zu kaufen. Was noch unwahrscheinlicher ist.

Auch deshalb war die immer wiederkehrende Antwort auf die Frage nach einem Weg aus der Krise: „Wir müssen uns in einen Rausch spielen!“ Nur wie soll das funktionieren, wenn die Mannschaft derart verunsichert auftritt? Verunsichert trotz der Erfahrung von Stars, die WM- und Champions-League-Endspiele hinter sich haben, trotz einer Mannschaft die zu 80 Prozent aus Nationalspielern besteht. Das kann nicht funktionieren. Es sei denn, die Mannschaft hangelt sich von einem Sieg zum nächsten und zieht allein aus den Erfolgen neues Selbstvertrauen. Dann kann es zumindest eine gewisse Zeit lang funktionieren.

Allerdings, und das bestätigt mich leider, das bestätigt auch viele von Euch und eben die Kritiker, die dem HSV bei der Kaderzusammenstellung immer wieder Vorwürfe machen: Das aktuelle Konstrukt HSV steht auf mehr als wackeligen Füßen. Dieser HSV ist ernsthaft gefährdet.

Und diesen Vorwurf muss sich der HSV selbst machen. Zum einen wegen der Kaderplanung. Zum anderen aber, weil sich die Spieler beim HSV gar nicht mehr entfalten dürfen. Und wagt es doch mal einer, wird von oberster Stelle abgestraft. Den Spielern, die mal dazwischenhauen, die sich mit unpopulären Aktionen streitbar machen aber so eben auch eine Form von Führung übernehmen wurden die Zähne gezogen. Und das Ergebnis ist eine mutlose Mannschaft, wo es im Training zwar oft sehr energisch ist, wo es aber nie kracht. Lasst es mich mal in Fußballdeutsch probieren: Da haut keiner den anderen um, um mal ein Zeichen zu setzen. Da werden dem einen oder anderen nicht die Leviten gelesen. Weder ex- noch intern. Diese Mannschaft hat keine Reibung, Nicht mal hinter verschlossenen Türen, wie erzählt wird.

Dabei hatte ich gedacht, dass wenigstens mal ein Ruud van Nistelrooy dazwischenhaut. Der sympathische Niederländer hatte am Anfang seiner HSV-Zeit, als es nicht so lief, intern des Öfteren das Wort an die Mannschaft gerichtet. Er hatte Tunay Torun beim Euro-League-Spiel in Anderlecht in der Halbzeitpause sogar mal so lange fest angepackt, dass der Deutsch-Türke weinte. Das klingt böse, das klingt martialisch, es ist individuell betrachtet mit Sicherheit auch nicht immer richtig, aber es demonstriert den unbedingten Willen. Es demonstriert genau das, was diese Mannschaft nicht mehr zu wissen scheint: Dass man Spiele auch gewinnen kann, wenn man einfach mal (entschuldigt bitte meine Wortwahl!!) ein Arsch auf dem Platz ist und alles dem Erfolg der eigenen Mannschaft unterordnet. Wenn man dem Gegner mal 90 Minuten lang demonstriert, dass für ihn gegen diesen HSV an genau diesem Tag nichts, aber auch rein gar nichts zu holen ist. Zumindest nicht, ohne dafür einen wirklich teuren Preis zu bezahlen…

Und jetzt kommt Hannover. Besser: es geht für unseren HSV nach Hannover. Zum „kleinen HSV“ wie man den Hannoverschen Sportverein von 1896 e. V. in als Hamburger HSV-Fan gern nennt. Ein Pflaster, auf dem sich der HSV bislang nahezu immer schwer tat. Nur zwei Siege gelangen dem HSV in den letzten zehn Partien beim „kleinen Namensvetter“, der zuletzt nach einer herben 0:4-Niederlage daheim gegen Borussia Dortmund beim letztwöchigen Tabellenzweiten in Mainz gewinnen konnte. „Aber Hannover ist kein Angstgegner“, sagt Trochowski, „ganz ehrlich nicht. Wir wissen, dass wir in Hannover gewinnen müssen.“

Nicht dabei sein wird Frank Rost, der gestern wieder pausierte und ein separates Aufbautraining absolvierte. Für ihn steht Jaroslav Drobny erneut im Kasten. Ob sein Einsatz schon definitiv sei? „Fragen sie den Trainer. Ich bin bereit.“ Dafür sagte der Tscheche sogar ein Länderspiel in Dänemark ab. „Ich wäre hinter Petr Cech nur die Nummer zwei und habe zum Nationaltrainer gesagt, dass ich nicht komme, wenn ich nicht auch spiele.“ Eine Entscheidung, die Tschechiens Nationaltrainer Michal Bilek akzeptierte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich in Hamburg um die Nummer eins kämpfen will. Und er hat mich verstanden.

Trainer Armin Veh indes nicht. Zumindest hatte der ja klar gesagt: „Wenn Frank wieder gesund ist, ist er wieder die Nummer eins. Und dazu stehe ich.“ Worte, die Drobny mit einem Achselzucken zur Kenntnis nimmt. „Im Fußball kann sich alles ganz schnell ändern.“

Das hofft auch Eljero Elia, der im Training weiter sehr überzeugende Arbeit abliefert. Und auch zwei junge Spieler machten heute bei dem durch Länderspielabstellung arg dezimierten Mannschaftstraining auf sich aufmerksam: Tunay Torun und Änis Ben-Hatira. Besonders Letztgenannter wusste mit Einsatz und technischen Kabinettstückchen beim Abschlussspiel zu gefallen. „Ich bin froh, bei den Profis mitmachen zu können“, so der Offensivspieler, „aber ich habe Geduld und warte auf meine Chance.“ Vernünftige Worte eines einst überzogen selbstbewussten Spielers, der als Beispiel herangezogen werden darf, wenn es um die Bestätigung der These geht, dass Reibung erzeugende Worte nicht aus jedem Mund auch ihre gewünschte Wirkung erzielen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass sich beim HSV endlich die Spieler wieder aus ihrem (verordneten?) stillen Kämmerlein hervorwagen. Ich hoffe darauf, dass sich ein Ruud van Nistelrooy hervortut. Spielerisch wie als Leader. Und ich hoffe darauf, dass sich ein Frank Rost wieder traut. Denn bevor der Vorstand der halben Mannschaft und vor allem ihm in den letzten 18 Monaten immer wieder über den Mund gefahren ist, hatte die Mannschaft deutlich mehr Profil. Und das braucht eine Mannschaft, um Erfolg zu haben. Darauf hoffe ich.

Nur der (große) HSV!

17.45 Uhr

“Matz ab”-Treffen: Carsten Kober und ihr

17. November 2010

Es geht weiter unter dem Motto “ein’ ham wir noch”.

Heute zwei neue Videos vom Matz-Ab-Treffen in der Raute. Dabei ist ein Interview mit dem früheren HSV-Vorstopper Carsten Kober (203 Bundesligaspiele für den HSV), der der Blog-Gemeinde schon seit Beginn von Matz-Ab als “Master of Grätsche” bekannt ist. Ich habe Carsten von seinem ersten Schritt als HSV-Profi bis zu seinem letzten Schritt als HSV-Profi begleitet und wir haben ein stetes Auf und Ab erlebt – schon seit der Zeit vor dem Ende seiner Karriere verbindet uns eine echte Fußballfreundschaft.

Darüber hinaus kommen im zweiten Video einige Matz-Abber zu Wort, die sich mit der derzeitigen Situation um dem HSV beschäftigen.


Elia wie in besten Tagen

16. November 2010

Kommt ein älterer Herr mit grauem Schnauzbart zum Training. Zu seinen Füßen ein Hund, und dieser trägt einen ganz dicken Knüppel im Maul. Der Knüppel war in etwa so dick wie Pitroipas rechtes Bein (hat „Devildino“ spontan gesagt). Und das Herrchen herrschte seinen Hund an: „Wenn die hier wieder nicht laufen, dann werde ich die mit dem Knüppel verdreschen . . .“ Musste er nicht, denn die HSV-Profis liefen. Morgens bei zwei Spielchen, nachmittags, in der zweiten Schicht, ohne Ball. Es wurde und es wird also etwas getan, im Volkspark, um sich bestens auf das Sonnabend-Spiel bei Hannover 96 zu präparieren. Und sollte einmal Bedarf sein, würden sicher einige Trainingskiebitze noch einmal nach dem Hund mit dem Knüppel im Maul rufen.

Erst die Aufwärmphase, dann ein wenig Ballarbeit, dann das erste Spiel. Und das gab es noch nicht so oft zu sehen. Es lief unter der Regie von Michael Oenning wie folgt: Sieben gegen sieben wurde gespielt, und zwar auf einem Viertel des Platzes. Ein Team spielte mit Tom Mickel, Lennard Sowah, Ruud van Nistelrooy, Robert Tesche, Piotr Trochowski, Heung Min So und Paolo Guererro gegen Jaroslav Drobny, Ze Roberto, David Jarolim, Eljero Elia, Tomas Rincon, Änis Ben-Hatira und Tunay Torun. Das Besondere daran: Auf Höhe Mittellinie gab es eine markierte Zehn-Meter-Linie (von rechts nach links), und in dieser Zone wartete jeweils eine Spitze auf das Zuspiel der Kollegen. Diese Spitze stand dort einsam und verlassen, wurde auch nicht manngedeckt. Erhielt diese Spitze den Ball, so stand sie zwar allein vor dem Tor, doch sie durfte nicht auf das Tor schießen. Sinn der Übung war, dass die Kollegen nachrückten und sich anspielen ließen. Aufrücken war also das Stichwort. Genau das hatte in Dortmund zuletzt überhaupt nicht stattgefunden. Diesmal klappte es, wobei sich auf der einen Seite Ruud van Nistelrooy (durch seine herrlichen Abschlüsse) und auf der Gegenseite Eljero Elia hervortaten.

Ja, die beiden Niederländer waren zum ersten Mal wieder im Mannschaftstraining, und sie beeindruckten auf Anhieb. Wobei die „Matz-abber“ „Trainerglück“ und Devildino“ unisono feststellten: „Der beste Mann bei dieser Einheit war Elia.“ Dem war nichts hinzu zu fügen. Elia war unglaublich aktiv, er war schnell, trickreich und schoss wie in seinen besten Tagen. Als er im genau 10.56 Uhr sein erstes Tor, einen wunderschönen und knallharten Schrägschuss in die lange Ecke, unhaltbar für Tom Mickel, platzierte, da habe ich so für mich gedacht: „Elli ist am Sonnabend zu 100 Prozent im Kader für das Hannover-Spiel.“ Da waren schon mal wieder jene „Raketen-Ansätze“ zu erkennen, die Elia vor etwas mehr als einem Jahr zeigte und damit ganz Hamburg begeisterte. Er wirkt wie von einer Last befreit, er lachte viel, er hatte ganz offensichtlich Spaß an seinem Job – er wirkte auch ungehemmt. Da kommt doch Freude auf. Bleibt nur die Hoffnung, dass er das auch in den nächsten Tagen und Wochen bei den Spielen in der Bundesliga umsetzen kann. Und wird.

Im zweiten Spiel ging es darum, dass jeweils eine Mannschaft auf drei Tore – ein großes und vom Torhüter bewachtes, zudem zwei Ein-Meter-Tore links und rechts – spielte. Das Spielfeld wurde dazu noch einmal um etwa die Hälfte verkleinert, das bedeutete viele Ballkontakte und viele Zweikämpfe – und es ging tatsächlich hart und temporeich zur Sache. Kein Vergleich mehr mit dem Dortmund-Spiel, diesmal zeigten die Herren Leben. Tatsächlich. Die „Matz-abber“ an meiner Seite sind die Zeugen.

„Wenn ich keine Schmerzen mehr habe, dann kann ich auch Gas geben – und ich habe keine Schmerzen mehr“, sagte Eljero Elia nach dem Vormittag. Nach der Einheit ließ er sich zwar erneut behandeln, aber das hat in dieser Phase nur noch vorbeugende Wirkung. Elia sagt nämlich: „Zu 99 Prozent ist die Verletzung verheilt, ich habe keine Probleme mehr.“ Dann lobte der Flügelflitzer HSV-Reha-Trainer Markus Günther: „Er hat mich in den letzten Wochen super trainiert, viel im Wald gelaufen – jeden Tag dreimal. Das war gut.“ Motivieren muss Günther den Niederländer nicht, denn Elia sagt: „Ich habe mich selbst motiviert, wollte wieder mit der Mannschaft trainieren. Markus Günther hat mich nur gepiesackt, hat mich immer mit Holland gegen Deutschland angestachelt.“

Am Sonnabend will er in Hannover mithelfen, drei Punkte nach Hamburg zu holen. Er sagt: „Wenn der Trainer sagt, dass ich dabei bin, dann bin ich dabei.“ Mehr nicht? Will er denn nicht auch von sich unbedingt spielen? „Natürlich, natürlich, ich will immer spielen.“ Klingt gut. Sehr gut sogar. Wie schön wäre es, wenn Eljero Elia nun endlich sein wahres Können zeigen würde (und könnte) – und das möglichst an einem Stück bis zum Saisonende.

Für ihn, so sagt „Elli“ selbst, ist es jetzt ein Neu-Start beim HSV: „Mit dieser Mannschaft ist noch alles drin, man kann noch alles gewinnen, aber man kann auch alles verlieren. Wir müssen nur mental stärker werden, und wir müssen mehr mit Herz spielen. Manchmal sah es so aus, als spielten wir nicht mit dem Herzen, darüber haben wir uns auch in der Kabine unterhalten.“ Was für ihn denn Fußball mit Herz bedeuten würde? Elia: „Wenn man extra Meter macht. Zum Beispiel Ruud van Nistelrooy, der als einzige Spitze auch viel nach hinten arbeitet und viele Zweikämpfe gewinnt.“ Elia will seinem Team in Zukunft helfen, und zwar mehr durch Taten auf dem Rasen als durch Worte: „Ich sage zwar auch hin und wieder etwas, aber da gibt es andere Spieler, die mehr sagen. Ich möchte nur, dass der HSV wieder international spielt.“

Und wenn nicht? Sollte das nicht klappen, würde er dann Hamburg verlassen? Elia: „Wir müssen abwarten. Darüber müssen wir uns später unterhalten.“ Immerhin führt er an: „Ich bin ja auch in dieser Saison beim HSV geblieben, ich bin glücklich hier zu spielen.“ Aber es gab ja auch den Vertrag, der einst geschlossen wurde. Der hat ganz sicher auch dafür gesorgt, dass Elia hier geblieben ist. Oder? Er sagt: „Ich hätte ja auch Probleme machen können, zum Beispiel als der VfL Wolfsburg mich haben wollte. Für den HSV wäre es dann ja auch vielleicht besser gewesen, mich zu verkaufen, als mich als unzufriedenen Spieler zu halten . . .“

Schnee von gestern. Heute soll und will Elia nur noch Gas geben. Und damit könnte er am besten schon am Sonnabend beginnen. In Hannover schaffte er übrigens vor einem Jahr sein erstes Kopfballtor. Mach’s noch einmal, Elli.

Noch nicht ganz so weit wie Eljero Elia ist in diesen Tagen Tunay Torun. Obwohl auch er von Markus Günther auf das Mannschaftstraining vorbereitet wurde. Der junge Türke mischt nach seinem Kreuzbandriss im Training zwar schon wieder tüchtig mit (Armin Veh lobend: „Er ist ein frecher Hund!“), aber er ist noch lange nicht so weit, um ein Bundesliga-Spiel von Beginn an bestreiten zu können. Torun hat vier Kilo abgenommen, wirkt beweglicher, aber er sagt auch, dass er immer noch ein bisschen Angst bei einigen Zweikämpfen hat. Erst einmal will er sich Spielpraxis in der Zweiten holen, und für die hat er ja auch zuletzt gegen Havelse ein Tor erzielen können. Er sagt rückblickend: „Ein wunderschönes Gefühl für mich.“

Torun ist schmerzfrei, er fühlt sich gut, aber er will auch nichts überstürzen: „Ich weiß, dass ich noch nicht bei 100 Prozent bin, aber ich mache mir keinen Druck, ich will nichts kaputt machen.“ Armin Veh hat ihn für sein Regionalliga-Tor am Sonnabend gelobt, aber ein Gespräch wurde zwischen dem Coach und dem Stürmer noch nicht geführt: „ich denke, dass das in den nächsten Wochen einmal kommen wird.“ Auch schon deshalb, weil am Saisonende der Vertrag zwischen Torun und dem HSV auslaufen wird. „Ich bin glücklich, hier beim HSV zu sein, aber wie es konkret weiter geht, das weiß ich nicht. Abwarten. Gas geben, 100 Prozent haben, dann wird man sehen“, sagt Tunay Torun.

Übrigens: Marcell Jansen, Jonathan Pitroipa, Collin Benjamin und Eric-Maxim Choupo-Moting liefen an diesem Vormittag gemeinsam durch den Volkspark, am Mannschaftstraining nahmen sie nicht teil. Derweil war wenigstens Frank Rost wieder am Ball. Er trainierte allerdings noch separat mit Torwarttrainer Ronny Teuber. Von Dennis Aogo war – leider – erneut nichts zu sehen.

Am Mittwoch wird im Volkspark um 10 Uhr trainiert, danach folgen am Donnerstag und Freitag zwei 15-Uhr-Einheiten. Und am Sonnabend dann noch einmal drei. Drei Punkte. Ab 15.30 Uhr.

17.56 Uhr

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