Tagesarchiv für den 30. November 2010

Endlich! Aogo ist wieder dabei

30. November 2010

Die Gratulanten waren nicht weit. Als sich Dennis Aogo mit einer energischen Grätsche heute den Ball gegen den einschussbereiten Änis Ben-Hatira sicherte. Allen war die Freude über das Comeback Aogos nach fast fünf Monaten Pause deutlich anzumerken. Auch, oder besser: besonders dem deutschen Nationalspieler selbst. „Ich fühle mich schmerzfrei“, freute sich auch Aogo hinterher, obgleich er noch eine leichte Reizung im operierten Bereich in der Leiste verspürt. „Jetzt gucken wir, was diese Woche im Training machbar ist und entscheiden dann, wie es weitergeht.“ Klar sei allein, dass sowohl Dennis als auch Trainer Armin Veh darauf setzen, dass der Linksverteidiger in Freiburg am Sonnabend dabei ist.

Insbesondere Veh hofft darauf, würde Aogo doch eine positive Kettenreaktion in gang setzen können. Immerhin könnte Aogo hinten links den ebenso improvisierten wie inzwischen desillusionierten Zé Roberto erlösen. Der Brasilianer würde dafür ins Mittelfeld geschoben werden, könnte in der Raute die linke Seite spielen und seine Kreativität wieder vermehrt offensiv einsetzen. „Sollte Dennis soweit sein, eröffnet uns das ganz neue Möglichkeiten“, freut sich Veh.

Allerdings ist noch längst nicht sicher, ob es bei Aogo für eine Startelfnominierung reichen wird. „Er ist sicher gesund“, sagt Veh, „aber er kann nach einer so langen Pause noch nicht fit sein.“ Wie fit er ist? „Ich habe nicht viel verloren, das habe ich gemerkt. Dafür habe ich mit Markus Günther auch zu hart gearbeitet. Aber ich werde mich nach den Einheiten mit dem Trainer und den Ärzten intensiv austauschen und dann sehen wir, was das Vernünftigste ist.“ Klar sei auf jeden Fall, dass er spielen wolle: „Freiburg war für mich immer das Ziel. Zumal es natürlich auch ein ganz besonderes Spiel für mich ist“, so der Ex-Freiburger.

Immerhin pflegt Aogo bis heute einen engen Draht zu seiner ehemaligen Heimat im Breisgau. Zuletzt habe er von SC-Trainer Robin Dutt sogar eine SMS erhalten, in der der Coach ihm eine schnelle Genesung wünscht. „Der Kontakt wird auch so schnell nicht abreißen“, untermauert Aogo seine freundschaftliche Verbundenheit, „zumal ich sehr, sehr viel von Dutt als Trainer halte. Er bereitet seine Mannschaft immer perfekt auf den Gegner vor. Ich habe es ja auch schon zu Saisonbeginn gesagt: Ich bin mir sicher, dass Freiburgs Erfolg momentan ganz eng mit ihm zusammenhängt.“ Und so würde es für den HSV ein ganz schweres Spiel.

Klar. Es wird schwer. Und dass gestern im Training neben Zé Roberto (kuriert leichte Knieprellung) auch Guy Demel und nach einer Stunde auch Heiko Westermann fehlten, braucht uns indes nicht zu sorgen. Alle drei sind einsetzbar, wurden lediglich geschont. Schließlich hat Veh gerade in der Innenverteidigung kaum noch Spielraum. So wenig sogar, dass er heute seinem ersten Gedanken vom Sonnabend („Wenn wir im Winter für hinten einen passenden Spieler finden, sollten wir darüber nachdenken“) eine Forderung machte. „Wir haben nach dem Ausfall von Joris hinten nur zwei Spieler für die Innenverteidigung. Im Sommer wussten wir, dass wir mit damals noch drei Innenverteidigern ein hohes Risiko eingehen. Und wir merken, dass das auf Dauer nicht funktionieren kann.“ Ob Veh dem Vorstand seine Forderung schon unterbreitet hat? „Ich kann nur empfehlen, dass wir für die Innenverteidigung noch etwas machen. Wir schauen jetzt, wir müssen den Markt sondieren.“ Denkbar wäre auch ein Leihgeschäft.

Wobei sich mir natürlich sofort die Frage stellte, was mit Muhamed Besic ist, warum der 18-Jährige keine Alternative sein soll. „Er ist definitiv noch nicht soweit“, legt sich Veh fest, „ihm fehlt für einen Innenverteidiger das Kopfballspiel.“ Worte, die Besic nicht gern hören wird, die aber leider stimmen. Im Training weiß Besic weiterhin durch Einsatz, gutes Stellungsspiel und eine gute Spieleröffnung zu gefallen. Allerdings ist der sympathische Bosnier in der Luft ein absolutes Leichtgewicht. Schuld daran soll eine Kopfverletzung in Besics Jugend gewesen sein, wegen der er 18 Monate nicht hat köpfen dürfen. Sagt Veh. „Mo ist ein richtig guter Junge, der arbeiten will. Hier muss er noch einiges aufholen. Und das schafft er auch.“

Härter arbeiten müssen auch Paolo Guerrero und Eljero Elia. Während sich der Peruaner durch schwache Spiel- und Trainingsleistungen ins Hintertreffen gebracht hat, hat sich Elia aus selbigem noch gar nicht hervorgearbeitet. „Er war unter meiner Regie noch nie richtig fit und hat die ersten Spiele nicht zu meiner Zufriedenheit gespielt“, kritisiert Veh den alles andere als unumstrittenen Niederländer, dessen Verkauf im Winter längst nicht mehr ausgeschlossen ist. „Für Eljero wird es immer Angebote geben“, weiß Veh, „er ist ja auch eines der größten Talente überhaupt.“ Ob ein Verkauf im Winter Sinn machen könnte? Veh zögert, zuckt mit den Schultern und überlegt kurz, ehe er antwortet: „Wir müssen auch an die Finanzen denken. Und offensiv können wir immer etwas anbieten, da sind wir fast überbesetzt. Trotzdem ist Eljero keiner, den wir unbedingt abgeben wollen.“

Das klingt zumindest interpretierbar. Denn klar ist, dass man in Hamburg alles andere als zufrieden ist mit dem extrovertierten Jungstar. Schließlich fiel Elia in seiner Zeit beim HSV in 18 Monaten schon für 17 Spiele ausfiel, zudem in der vergangenen Saison nach dem Noveski-Foul in Mainz an ihm, nie wieder richtig in Form kam. Außerdem, und das könnte seine Halbwertszeit in Hamburg am stärksten beeinträchtigen, kokettiert der niederländische Nationalspieler immer wieder mit großen europäischen Topklubs. Zuletzt, als er vor zwei Wochen bei uns in der Fragerunde saß, wurde er nach einem möglichen Wechsel im kommenden Sommer befragt und antwortete ausweichend: „Das ist noch kein Thema.“ Eben nur „noch“ nicht. Wobei es sehr schade wäre. Denn ich bin mir sicher, dass der HSV mit Pitroipa rechts und Elia links eine der stärksten – und ganz sicher: schnellsten – Flügelzangen Europas stellen könnte.

Womit ich zu einem heikleren, schwer aufzulösenden Thema komme. Immer wieder werden momentan Zahlen lanciert. Zahlen, die Besorgnis erregen. Wenn sie denn stimmen. So wurde mir die Zahl 11000000 Euro genannt. So groß soll das Minus sein, dass der HSV nach Beendigung des Geschäftsjahres aufzuweisen hat. Grund genug, bei Katja Kraus nachzufragen, die sich sogleich mit dem Herrscher der HSV-Zahlen, Cay Dingworth zusammengesetzt hat. „Fakt ist“, so Kraus, „dass wir mit einer Schwarzen Null planen. Diese Zahl ist nach oben hin sogar noch positiver gestaltbar.“ Sollten alle Stricke reißen, drohe lediglich ein geringes, einstelliges Millionenminus.

Unstrittig ist allerdings, dass der HSV am Saisonende fast alle Raten für abgegebene Spieler eingenommen, dafür noch Restzahlungen offen hat. Zudem fehlen diese Saison internationale Einnahmen und einige teure, ausgeliehene Spieler (David Rozehnal, Alex Silva und Marcus Berg) sind noch nicht verkauft, würden zur kommenden Saison also wieder zu 100 Prozent vom HSV bezahlt werden müssen. Aber, um meiner Sorgfaltspflicht gerecht zu bleiben, werde ich mich hier nicht weiter in Spekulationen ergeben sondern gespannt auf die Bilanz im Januar warten. Spätestens dann wird sich zeigen, wie dieser HSV aufgestellt ist.

Unverkäuflich ist trotz allem Heiko Westermann. Auf jeden Fall für Armin Veh. Nicht nur wegen der aktuellen Knappheit an Innenverteidigern und trotz der anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten des deutschen Nationalspielers. „Heiko hatte am Anfang einige Abspielfehler“, räumt Veh ein, „aber ich habe von ihm auch den risikoreicheren Pass gefordert, da passiert so was. Inzwischen ist Heiko nicht nur einer der zweikampfstärksten Spieler der Liga“, lobt Veh, „sondern im Kopfballspiel ist auch kaum einer in der Bundesliga besser als er.“ Schon deshalb wiederholte Veh heute, an seiner Entscheidung, Westermann zum neuen Kapitän zu machen, noch immer nicht zu zweifeln. Im Gegenteil: „Heiko hat einen Fünfjahresvertrag und wird noch besser werden. Er wird hier eine ganz große Säule sein. Da sollten wir mal langfristig denken.“

Machen wir. Und wir hoffen, dass Veh Recht behält. Auf jeden Fall, was Westermann betrifft. Aber sehr gern auch, was Piotr Trochowski betrifft. Denn den lobt Veh seit Wochen. Genau genommen, seitdem er ihn nach dessen Fehler im Spiel in Bremen noch auf dem Platz vor laufenden Kameras zusammengestaucht hatte. „Früher wäre der Spieler nach so einem Ding bei mir unten durch gewesen“, sagt Veh, „heute bin ich nicht mehr nachtragend. Das habe ich mir abgewöhnt. Zum Glück.“ Denn gerade Trochowski hätte schon am Sonntag nach dem Spiel in Bremen super trainiert. „Seitdem ist er gut“, freut sich Veh, der allerdings noch mehr von dem dribbelstarken Rechtsfuß erwartet. „Ein Spieler mit einer derart ausgeprägten Schussstärke muss in jedem Jahr sieben oder acht Tore mindestens machen. Troche muss also ganz sicher noch torgefährlicher werden.“

Zum Schluss noch etwas aus der Kategorie „kurios“. Folgender Leserbrief erreichte uns heute. Darin schildert Andreas Witte seine Erfahrungen beim Spiel des FC St. Pauli in Bremen. Warum das hier stattfindet? Schaut und lest selbst. Für mich ist das ein Unding….

“Hallo Herr XXXXX,

am vergangenen Sonntag war ich als Besucher des Spiels Werder Bremen – St.Pauli im Bremer Weserstadion. Die Karte hatte mir kurzfristig ein Arbeitskollege vermittelt.

Seit Jahren bin ich als Dauergast im Volksparkstadion bei den Heimspielen des HSV dabei (Stehplatz Nordtribüne Block 22 A).
Hin und wieder reisen wir auch mit einer kleinen privaten Gruppe zu Auswärtsspielen des HSV, ich trage sowohl bei den Heim – als auch Auswärtsspielen immer neutrale Kleidung (keine Kutte usw. höchstens mal einen Supporters-Schal).
Mit meinen 47 Lebensjahren habe ich somit auch schon einige Stadien als Zuschauer erlebt.
Ich bezeichne mich als friedlichen normalen Fan des Fussballs.

Das Erlebnis vom Wochenende in Bremen zählt für mich leider zu den Höhepunkten im negativen Sinne:

Ich habe für das Sitzplatzticket 40 Euro bezahlt – dafür erhalte ich einen Platz in einem Käfig.
Die Einnahme von Speisen und Getränken ist in diesem Hochsicherheitstrakt ebenfalls strengstens untersagt – dies empfinde ich zudem als Diskriminierung , da in allen anderen Bereichen des Stadions diese Einschränkung nach meinem Kenntnisstand nicht existiert.

Bitte schauen Sie sich einmal die beiden Fotos an – das ist der tatsächliche Ausblick von den Sitzplätzen Block 113 Reihe 1, Platz 7 und 8.

Würde mich freuen, wenn sie diesen Missstand veröffentlichen würden.

Für eine Rückinfo bedanke ich mich im Voraus,

Grüße aus Seevetal,

Andreas Witte”

Ich bin mir sicher, dass sich der werte Nordrivale da etwas einfallen lassen muss. Zumal auf den Tickets für 38 Euro nicht ein einziger Hinweis auf eine bestehende Sichtbehinderung vorhanden ist.
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In diesem Sinne: Nur der HSV!