Tagesarchiv für den 28. November 2010

Das Fazit nach dem Stuttgart-Spiel

28. November 2010

Egal wie! Das hatte HSV-Kapitän Heiko Westermann vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart gesagt und damit einen möglichen Heimsieg gemeint. Und irgendwie sagten später doch einige der 53 055 Zuschauer auf dem Nach-Hause-Weg: „Egal wie! Hauptsache gewonnen!“ Um einmal die nackten Fakten sprechen zu lassen: 14:15 Torschüsse (also für den VfB), 6:7 Eckbälle (also für den VfB), 6:7 Flanken (VfB), – aber dann wird es: 64 Prozent Ballbesitz für den HSV, 53:47 Prozent Zweikämpfe gewonnen, 9:18 Fouls und 4:2 Tore. Letztere sind dann eben auch ausschlaggebend dafür, dass der HSV ein wenig mehr zur Ruhe kommen wird – in dieser Woche. Nur der Trainer und seine Mannen sollten und dürfen sich nicht großartig ausruhen, denn „egal wie“, es gab in diesem Spiel auch viele Dinge, die noch immer nicht so passten, wie sich das alle Hamburger vorstellen. Besonders die Defensivarbeit ist nach wie vor sehr kritisch zu betrachten, da greift noch lange nicht ein Rad ins nächste. Im Grunde muss man zu jeder Sekunde Angst haben, dass etwas passiert – ein Gegentor zum Beispiel. Sicherheit ist etwas anderes.

Aber, ich kann mich ja auch einmal daran machen, was gut und was schlecht lief in diesem Spiel. Ich bin selbst gespannt, zu welchem Ergebnis ich komme. Fangen wir also einmal an.

Gut war:

Tunay Torun, der wie Kai aus der Kiste kam und alle mit einer großartigen Leistung beeindruckte.

Piotr Trochowski, der auch dank seines frühen Tores in glänzender Spiellaune war und sein bestes Saisonspiel ablieferte.

Frank Rost, der gut hielt und seinen Mund einige Male seinen Mund sehr weit aufriss – um so für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Heiko Westermann, der an seine solide Vorstellung von Hannover anknüpfte und wieder sehr gut spielte. Dass er als eine Art Abwehr-Chef auch dafür steht, das Chaos in Grenzen zu halten, steht für mich auf einem anderen Blatt, denn er allein wird diese Aufgabe ganz sicher nicht meistern können. Das halte ich schlichtweg für unmöglich.

Guy Demel, der zentral tatsächlich besser spielte, der defensiv kaum einen Fehler beging.

Das Offensivspiel insgesamt. Ist Euch aufgefallen, wie oft Piotr Trochowski auf engstem Raum gesucht und auch angespielt wurde? Oft in letzter Sekunde, weil seine Nebenleute nicht mehr wussten wohin mit dem Ball Und der Nationalspieler wusste sich immer zu helfen, verlor höchst selten den Überblick (und damit den Ball).

Mladen Petric, der deutlich aktiver war, diesmal auch mehr lief und zudem bemüht war, auch an die Nebenleute zu denken.

Jonathan Pitroipa, der endlich einmal wieder ein Tor schoss, auch wenn er etliche Großchancen ausließ.

Änis Ben-Hatira feierte sein Comeback, als er in der 79. Minute für Torun kam. Ich gebe zu, dass ich Ben-Hatira-Fan bin, der Junge könnte alles (oder sehr viel), er muss sich dessen nur wieder bewusst werden. Und Gas geben, Gas geben, Gas geben. Dies ist vielleicht seine letzte Chance.

Das sind neun Personalien und Dinge, die gegen den VfB Stuttgart gut gelaufen sind.

Schlecht war:

Das Defensivverhalten ist immer noch erschütternd. Einige von Euch verteilten dafür das Prädikat: Zweitliga-Niveau. Besonders zu nennen die beiden Außenverteidiger, Robert Tesche und Ze Roberto, die zu viele Fehler (im Abspiel und vor allem im Stellungsspiel) begingen.

Die Chancenverwertung. Das richtige Resultat für diese Partie wäre wohl 8:4 gewesen. Es wird sich in ganz engen Spielen bitter rächen, so fahrlässig mit solchen Möglichkeiten umzugehen. Warum Jonathan Pitroipa mit seiner Schnelligkeit und seiner Dribbelstärke nicht einmal versucht hat (auch in anderen Spielen nicht), den Torwart zu umspielen und dann den Ball ins Netz zu schicken, bleibt mir schleierhaft.

Heung Min Son, fand diesmal keine Einstellung zum Spiel. Ich möchte den jungen Mann nicht zu hart kritisieren, ich möchte gewisse Schwächen des Teams auch nicht an ihm festmachen, aber er war diesmal gar nicht richtig dabei, sondern wirkte wie ein Fremdkörper auf mich. Aber solche Tage muss man einem so jungen Talent ganz einfach mal auch zugestehen.

David Jarolim war diesmal nicht der große Balleroberer, und als er noch in der ersten Halbzeit von Frank Rost „zusammengefaltet“ worden war, lief so recht gar nichts mehr bei dem Tschechen. Da muss der Keeper auch etwas vorsichtiger agieren, es gibt eben Spieler, die etwas sensibler reagieren (ich gehörte früher auch dazu, obwohl ich zugeben muss, dass ich eher ein Rost-Typ war – auch wenn sich das in Euren Augen beißen mag).

Ruud van Nistelrooy kam rein, machte Sekunden danach „sein“ Tor – und trat in einen „Jubelstreik“. Über die Gründe war nichts zu erfahren, der Niederländer spricht zurzeit nicht (mit uns), und Trainer Armin Veh weiß nichts: „Zu mir ist er wie immer.“

Die tiefe Schlafphase zu Beginn der zweiten Halbzeit. So baut man Gegner, die eigentlich (mit zehn Mann) am Boden liegen, wieder auf, und das ist Wahnsinn. Warum kann man sich da nicht zusammenreißen? Das ist viel zu sorglos, passt aber ins Bild dieser Saison.

Das Überzahlspiel war teilweise anfängerhaft. Von der 16. Minute an spielte der HSV mit einem Mann mehr, aber das war nur in ganz seltenen Fällen einmal so richtig zu merken. Da muss ganz einfach, das darf man von einer so erfahrenen (HSV-) Truppe ganz einfach erwarten, mit mehr Durch- und Überblick gespielt werden. Sicherer am Ball, mehr Ruhe, mehr Ideen im Abspiel, bessere, viel bessere Laufarbeit in Sachen Freilaufen. Als Stuttgart noch komplett war, hat die Mannschaft engagiert und lauffreudig gespielt, ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn Marica nicht vom Platz geflogen wäre.

Schade war, das Muhamed Besic wieder in der „Versenkung“ verschwunden ist. Ich hätte mir sehr, so sehr gewünscht, dass Veh ihn zur Pause (für Tesche) gebracht hätte, denn da die Stuttgarter nur noch zu zehnt spielten, wäre dieser Wechsel sicherlich kein so großes Risiko gewesen – und Besic hätte noch einmal (mehr) Bundesliga-Luft schnuppern können. Was dem jungen Abwehrspieler geholfen hätte (für die Zukunft), und dem HSV sicherlich auch. Schade, diese Chance wurde vertan.

So, das sind acht in meinen Augen gravierende Sachen, die dringend abgestellt werden müssen, sollte es doch noch einmal in Angriff genommen werden, Anschluss nach (ganz) oben zu finden. Wobei ich ganz nüchtern feststellen möchte (ohne davon zu träumen): Bis Platz drei sind es gerade mal fünf Punkte, die fehlen. Und wenn ich da noch einmal an Köln und Hannover erinnern möchte, an jene sechs Punkte, die in der Fremde ganz einfach liegen gelassen wurden.

Kommen wir zur Analyse von Trainer Veh. Die Aufstellung von Tunay Torun war nicht nur überraschend, sondern eine kleine Sensation. Ich denke da noch an den „Ben-Hatira-Effekt“, über den ich nach dem Abschlusstraining am Freitag berichtete. Und das ein „Matz-abber“ sich dem Sinn nach mokierte: „So leicht kann man Matz verunsichern . . .“ Als wäre doch sonnenklar, dass Ruud van Nistelrooy sowieso spielen würde – und Torun eben nicht. Und dann diese Nominierung. Die hatte schon was. Für mich ein deutliches Zeichen, dass Armin Veh nicht nur über Trainingseindrücke, die für ihn entscheidend für eine Aufstellung sind, locker-flockig spricht, sondern seine eigenen Vorgaben auch umsetzt. Nochmals Applaus, Herr Veh! Der sagte: „Ich hatte mit Ruud gesprochen, er fühlte sich für 90 Minuten noch nicht fit. Und da man nicht nur über Trainingseindrücken sprechen soll, sondern auch danach gehen sollte, habe ich Tunay Torun gebracht. Der hatte die ganze Zeit schon hervorragend trainiert.“ Was sich übrigens mit „Scholles“ und meinen Eindrücken total ergänzt, wenn ich das einmal am Rande einfließen lassen darf. Vehs Lob an Torun: „Er hat ein unheimliches Engagement gezeigt, er hat in meinen Augen ein ordentliches Spiel gemacht.“

Zum Thema Frank Rost befand Armin Veh: „Wir sind eine Mannschaft, die zu wenig kommuniziert, daran arbeiten wir. Wir müssen mehr miteinander reden, mehr anweisen, wir müssen besser führen. Wir tun das zu wenig, und deswegen ist es wichtig, dass Frank da hinten drin auch mal laut ist. Auch wenn es der eine oder andere Spieler mal nicht hören will – aber es ist notwendig.. Und deswegen ist es wichtig, dass er da hinten drin steht.“ Rost hat aber auch nach dem Spiel seinen Mund recht kräftig aufgemacht. Im ZDF sagte er – sauer: „Spektakel und Theater kann man bei Real Madrid machen.“ Und in der ARD legte er zuvor mächtig vor: „Man hat gesehen, dass noch viel fehlt. Wir haben gegen zehn Mann zu viele Chancen liegen gelassen und selbst zu viele zugelassen. Das kriegt man gegen andere Gegner dann nicht gebacken, immer vier, fünf Tore zu schießen.“ Rost weiter: „Ziel des Spiels ist es, zu gewinnen, das haben wir gemacht, das ist die Hauptsache, da freuen wir uns alle, aber wir müssen schon gucken, dass wir weniger Tore rein bekommen. Ich will mich daran nicht gewöhnen, dann müssen sie einen anderen reinstellen. Also, wenn man sich daran gewöhnen soll, jedes Mal die Bude voll zu kriegen und Chancen zuzulassen, gegen zehn Mann – daran will ich mich nicht gewöhnen. Dann müssen sie wirklich jemand anderen reinstellen.“ Harter Tobak.

Von Armin Veh aber indirekt unterstützt, denn der Coach sagte: „Ich habe noch kein Spiel hier erlebt, seit ich hier bin, wo ich sage: Jetzt setz ich mich mal in und bin völlig ruhig. Bei uns kann immer etwas passieren. Wir kriegen unsere Abwehrleistung insgesamt nicht so hin, dass man mal ganz ruhig sitzen kann. Das war diesmal doch auch so. Das 2:3 darf doch im Leben nie passieren . . .“ Veh weiter: „Das hat natürlich auch was mit Qualität zu tun, keine Frage. Das muss man ansprechen, zeigen, verbessern, das muss auch immer wieder angesprochen werden.“ Wobei Veh auch sagt: „Es hat natürlich auch damit etwas zu tun, dass wir immer wieder wechseln müssen, wir haben keine Konstanz in Sachen Aufstellung. Wir haben doch noch nicht einmal mit der Mannschaft spielen können, mit der wir vor der Saison auch spielen wollten.“ Immerhin sah der Coach auch etwas Positives: „Was die Leidenschaft betrifft, die ich nach dem Spiel in Dortmund gefordert hatte, die war in Hannover zu sehen, und die war auch diesmal zu sehen. Wir haben gut angefangen, haben richtig gut gepresst – obwohl wir dann aus dieser Leidenschaft diesmal auch wieder zu wenig gemacht haben.“

Und noch etwas Positives hatte Armin Veh zu loben: Piotr Trochowski hat ein riesiges Laufpensum absolviert, hat für mich ein richtig gutes Spiel gemacht.“ Dann sagte der Coach aber auch: „Er wird aber nie ein richtig guter Sechser werden.“ Weil er nach hinten Schwächen hat, auch in Eins-gegen-eins-Duellen nicht die Robustheit hat, die man als „Abräumer“ eigentlich benötigt. Veh: „Aber es ehrt ihn, dass er auf dieser Position jetzt spielt und sich in den Dienst der Mannschaft stellt.“ Abschließend befand Veh: „Insgesamt hat Piotr sich immer wieder gezeigt, hat Verantwortung übernommen, wollte immer wieder den Ball haben – hat sich nie versteckt. Er hat seit dem Bremen-Spiel mit am konstantesten für mich in unserer Mannschaft gespielt.“

Das wird auch Tunay Torun zeigen müssen, wenn er weiter im Team bleiben will. Aber auch für ihn gab es Trainer-Lob: „Er war unheimlich engagiert, und das hat er sehr gut gemacht. Wichtig ist, dass wir vorne schon attackieren, dort Zweikämpfe gewinnen. Und da hat auch Mladen Petric sehr gut mitgeholfen. Das verlange ich von ihm, er kann das auch, das hat er gegen Stuttgart gezeigt.“ Im Gegensatz zu Paolo Guerrero, der 90 Minuten zusehen durfte, wie man sich als Stürmer auch bewegen kann. Nicht nur schön spielen, sondern auch laufen, kämpfen, beißen, attackieren. Davon ist der Peruaner zurzeit meilenweit entfernt. Veh: „Paolo hat mich zuletzt nicht so überzeugt, wie der Kleine. . . „ Mit „der Kleine“ war Torun gemeint.

Auf die vielen Fragen (aus Euren Reihen), ob sich der HSV denn noch in der Winterpause (defensiv) verstärken wird, antwortete Armin Veh offen und ehrlich: „Das kann immer sein. Wenn wir etwas bekommen, wo wir sagen dass er uns weiterhelfen kann, dann müssen wir das schon machen. Ich weiß nämlich nicht, wie lange Joris Mathijsen ausfallen wird. Man sagt so acht Wochen, aber weiß man das genau? Da muss man aufpassen.“ Gilt das nur für einen Innenverteidiger? Wahrscheinlich, denn Armin Veh sagt auch: „Rechts kommt ja irgendwann auch mal Dennis Diekmeier zurück, den habe ich auch noch nicht so oft bei uns spielen sehen. Aber der war ja dort auch mal geplant.“ So wie links Dennis Aogo oder/und Marcell Jansen. Aber bei diesen beiden Spielern besteht ja durchaus noch die Chance, dass da noch etwas bis Weihnachten passiert.

Immerhin, dieser 4:2-Sieg wird einige Gemüter ein wenig beruhigen. Zeit zum Durchatmen, zum Besinnen (passend zur Zeit) – und zum Lernen. Für Freiburg. Damit es dort kein böses Erwachen a la Dortmund gibt.

17.27 Uhr