Tagesarchiv für den 27. November 2010

Torun war die Entdeckung!

27. November 2010

Der freie Fall ist gestoppt! Das war wichtig. Der HSV schafft endlich mal wieder einen „Dreier“ und besiegt den VfB Stuttgart mit 4:2. Es war ein temporeiches Spiel, in dem fast alles geboten wurde, was den Fußball so sehenswert macht. Armin Veh hatte mit seiner Aufstellung viel riskiert, wäre es schief gegangen, dann hätten viele HSV-Fans wohl seinen „Kopf“ gefordert, aber seine Maßnahmen ging gut. Der Coach hatte Tunay Torun statt Ruud van Nistelrooy oder Paolo Guerrer gebracht, und diese Hereinnahme war ein wahrer Glücksgriff. Kompliment, Herr Veh! Einziges Manko bei diesem Spiel: Der HSV vergab einen weitaus höheren Sieg, die Großchancen dazu waren vorhanden.

Das war diesmal schon ein sensationeller Start, es begann bei Minusgraden unglaublich heiß. Der HSV brannte, der VfB wollte – es ging hin und her. Vom Anstoß weg. Und es gab auch gleich ein Tor – für die „richtige“ Mannschaft: Zweimal hintereinander Tunay Torun mit starken Szenen. Er legte den Ball zurück auf Piotr Trochowski, der zog aus 19 Metern mit links ab – drin. Ein herrliches Tor. Aber die Freude hielt nicht lange an. Bei einem Eckstoß für den VfB, den Boa von links zur Mitte brachte, waren sich Robert Tesche und Mladen Petric nicht einig, Marica köpfte ein. Auffällig: Am ersten Pfosten stand – wie zuletzt immer – kein HSV-Spieler. Und: Petric hätte Marica wohl bewachen müssen, so sah es von oben aus. Tesche, der eigentlich auch wegen seiner Kopfballstärke (so er die hat) hinten rechts spielte, sah aber auch nicht gerade glücklich dabei aus. Es war das sechste VfB-Tor nach einem Eckstoß, und das erste Gegentor für den HSV nach einer Ecke (9.).

Die Sturm- und Drangzeit des HSV dauerte aber an. Auch weil Marica Rot sah. Er meckerte so lange mit Schiedsrichter Wolfgang Stark, bis der die Karte aus der Gesäßtasche zig. Der VfB-Stürmer hatte „Arschloch“ gesagt. Wieso sich der Rumäne so aufregte, ist unverständlich, denn zuvor hatte sich Niedermeier ein böses Foul gegen Petric geleistet. Ein Tritt von hinten die Füße des HSV-Stürmers, dieses Foul allein hätte schon Rot nach sich ziehen müssen. Schade, dass sich die Schiedsrichter dazu nicht entschließen können, obwohl es diese Anweisung ja eigentlich schon so lange gibt: Foul von hinten – Rot.

Es blieb nach diesem Platzverweis munter. Und es folgte das 2:1. Ze Roberto legte auf David Jarolim quer, der zu Jonathan Pitroipa , endlich einmal kühlen Kopf bewahrt – ein Lupfer über Torwart Ulreich, Innenpfosten, 2:1 (29.). Pitroipa hätte in der ersten Halbzeit noch „Torschützenkönig“ werden können, denn er vergab mindestens noch zwei weitere „Hundertprozentige“. Leider.

Beim HSV spielten in dieser Phase zwei Mann überragend: Piotr Trochowski sprühte nach seinem Tor vor Spiellust, und Tunay Torun war überhaupt nicht „einzufangen“. Was der kleine Türke spielte, war „erste Sahne“. So stark habe ich Torun, der überraschend den Vorzug gegenüber Paolo Guerrero und auch Ruud van Nistelrooy (leicht angeschlagen) erhalten hatte, noch nie gesehen, so stark hätte ich ihn auch nie erwartet. Torun spielte großartig, oft direkt, er hatte glänzende Ideen, war quirlig, beweglich, kämpfte – und er attackierte alles was sich in der Stuttgarter Hälfte bewegte. Natürlich nur fair. Torun lief und lief und lief. Und erinnerte dabei an den heutigen Bayern-Profi Ivica Olic. Mein Gott, Tunay, das war ja sensationell. So kannst Du jede Woche spielen, dann kannst Du gar nicht mehr aus der Mannschaft genommen werden.

Torun legte nach dem 1:0 auch das 3:1 vor. Er schickte Petric, der lupfte die Kugel über Ulreich und schoss ein (36.). Eine traumhafte Kombination. So, als würden sich Torun und Pettric schon seit Jahren „blind“ verstehen.

Es lagen sich „wildfremde“ Fans nach dem dritten Tor in den Armen, aber es war eben doch noch nicht alles Gold, was da glänzte. Sekunden nach dem 3:1 stand Cacau allein vor Frank Rost, zum Glück abseits. Aber der Keeper machte das, was vorher von ihm erwartet worden war, er sprach Tacheles. Rost ereiferte sich über die rechtes Seite, er schrie Jarolim an – und hätte sich auch Tesche noch vorknöpfen können, denn beide hatte zuvor nicht kompromisslos genug verteidigt. Auch wenn der Ton die Musik macht, es war schon wichtig, dass Rots dabei war – und dass er den Mund deutlich hörbar aufgemacht hatte.

Diese Szene aber offenbarte auch eines: So richtig souverän ist die Defensivarbeit des HSV nicht. Natürlich nicht, denn sie war es auch vorher nie (in dieser Saison). Man hat auf den Tribünenplätzen immer die Angst, dass etwas passieren konnte. Wann sich das wohl ändert? Wenn die Viererkette endlich einmal so richtig komplett ist, so wie vor der Saison angedacht?

Auffällig auch bei der jetzigen Konstellation: Ze Roberto schwächelt hinten links. Und zwar deutlich. Diesmal ließ er das „Auge“ nach hinten vermissen, er wurde einige Male recht einfach überspielt. In dieser Form würde wohl ein anderer „ungelernter“ Verteidiger (wie Tesche rechts), zum Beispiel Tomas Rincon, auch nicht schlechter spielen. Und Ze Roberto wäre endlich wieder für das Mittelfeld frei.

Und noch eines fiel mir auf: Mladen Petric war sehr viel unterwegs – und auch gut. Ich dachte so bei mir: Man, da hat sich die Aufbauarbeit des Trainers ja ordentlich bezahlt gemacht, denn in dieser Woche, ich schrieb es Euch schon, hat Armin Veh seinen Stürmer ja mächtig gestreichelt, ein Kollege von mir meinte sogar „gewindelt“. Aber: hat sich gelohnt.

Die Halbzeit zwei begann vor 53 055 Zuschauern ähnlich stürmisch wie der erste Durchgang. Aber diesmal nur für den VfB. Nach Sekunden hieße es nur noch 2:3. Fehler Tesche, Harnik scheiterte zunächst noch an Rost, um den Abpraller „kümmerte“ sich dann Gentner (sorry) – Tesche war immer noch nicht im Bilde. Insgesamt, das muss ich sagen, spielte Tesche höchst unglücklich, aber er hatte keine Spielpraxis, mehr hätte man von ihm nicht erwarten können (und dürfen). Immerhin: Er hatte auch zwei sehr gute Szenen, als er zweimal in höchster Not rettete. Aber ich gebe jedem Recht, der sagt: „Insgesamt war das zu wenig.“

Aufregend wurde es noch in der 58. Minute. Ruud van Nistelrooy kam für seinen „Sohn“ Heung Min Son, der diesmal merklich blass blieb (und teilweise naiv wie ein Jugendspieler agierte). Und Sekunden später traf „Van the man“ per Heber nach einem glänzenden Zuspiel von Petric. Aber was passierte danach? Van Nistelrooy jubelte nicht. Er lief zur Eckfahne und zeigte dabei keinerlei Gefühlsregung. Da stimmt doch etwas nicht.

Ich habe mich einmal umgehört. Im Spielerkreis. Da kommt seit einigen Tagen nicht so sehr gut an, dass in der Vereinsspitze von „Verjüngungskur“ gesprochen wird. Ich hörte: „gefaselt“. Da fragen sich die älteren Spieler schon mal, ob sie nur noch ungeliebtes Beiwerk sind? Und eventuell macht sich ja auch der „Rudi“ darüber so seine Gedanken. Weiß man es?

Stark beim HSV diesmal Trochowski und Torun, gut auch Petric sowie Westermann (ohne Fehler). Jarolim kann es sicher besser als er es diesmal zeigte, das gilt auch für Ze Roberto. Guy Demel hat seine Sache in der Innenverteidigung ordentlich gemacht, gelegentlich wirkte er auf mich gedanklich langsam, aber das kann ja noch werden. Rost war auf Anhieb „da“, hielt sehr gut. Mit den lautstarken Anweisungen sollte er gut dosiert und behutsam umgehen – alles zu seiner Zeit.

Jonathan Pitroipa setzte die Reihe seiner guten Auftritte fort, leider schmälert er seine Leistungen immer noch damit, dass er zu viele Chancen vergibt. Immerhin: Einmal getroffen und auch sonst für Wirbel gesorgt.

Insgesamt bleibt festzuhalten: So darf es ruhig weitergehen.

Und: Einen haben wir noch. Der Kollege “Scholle” (Marcus Scholz) hat nach dem Schlusspfiff bei Piotr Trochowski, der sein bestes Saisonspiel gezeigt hat, “vergesprochen” und ihn gefragt, ob wir bei “Matz ab” sein Trikot verlosen dürfen. Spontan zog “Troche” seine “15” aus und drückte sie “Scholle” in die Hand. Ihr dürft Euch noch bewerben, nicht im Gewinnspiel, sondern bei den “normalen” Beiträgen. Also, ein kleiner Hinweis von Euch, wer sich bewerben will – und wir melden uns dann mit dem (zusätzlichen) Gewinner.

17.36 Uhr

PS: Als Gast durfte heute auch der Vorsitzende des VfB-Aufsichtsrats, Dieter Hundt, das Spiel in Hamburg verfolgen. Was er zu dem Spiel sagte, kann hier im Video nachgesehen werden.