Tagesarchiv für den 26. November 2010

Was läuft da mit van Nistelrooy?

26. November 2010

Es war sechs Minuten nach 16 Uhr, als ein HSV-Mitarbeiter an diesem Freitag die Loge des „Hamburger Weges“ betrat. Ich saß vor dem Computer, konnte nicht auf den Rasen sehen und fragte: „Was macht die Mannschaft in diesem Augenblick?“ Die Antwort kam ein wenig lakonisch: „Der HSV tritt auf der Stelle.“ Das musste ich mir dann doch ansehen. Also stand ich auf und sah: Die Spieler liefen in der Ecke Süd/West unter Anleitung von Leistungsdiagnostiker Manfred Düring tatsächlich auf der Stelle.

Später, beim Abschlussspielchen A gegen B, da hatte Armin Veh dann noch eine besondere Überraschung parat: Tunay Torun stürmte in der Stammformation, in der B-Elf aber hieße das Angriffsduo Ruud van Nistelrooy/Paolo Guerrero. Was ist da denn los? Spielt der kleine Türke im Angriff morgen gegen den VfB Stuttgart an der Seite von Mladen Petric? Das wäre in der Tat ein dickes Ding, aber ich glaube nicht dran. Zur Erinnerung: Am vergangenen Freitag hatte Veh beim Abschlussspiel vor der Partie in Hannover auch so eine kleine Unsicherheit für den Gegner (und für die Medien) präsentiert, indem er Änis Ben-Hatira im A-Team spielen ließ. In der AWD-Arena war es tags darauf dann aber Heung Min Son, der auf der linken Seite spielte. Immerhin aber sorgte die Vehsche Variante für einige Verwirrung – und auch der VfB Stuttgart dürfte sich nun einige Gedanken machen, die er sich vorher ganz sicher nicht gemacht hat. Zum Beispiel: Wer ist dieser Tunay Torun? Und wie spielt er? Wie ist er zurzeit drauf?

Das bleibt sein Geheimnis. Und ein kleines Rätsel bleibt für mich die Personalie Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer trainierte zwar mit, wie schon während der gesamten Woche, aber er wirkte dabei auf mich absolut uninspiriert. Schickte ihn Veh, der das ganz sicher auch erkannt hat, ihn deswegen in die Reserve? Auf jeden Fall ist das nicht mehr der „Ruud“, den ich vor einigen Wochen noch über den grünen Klee gelobt habe. Weil er erstens sehr gut spielte, zweitens sehr gute Analysen über das Spiel des HSV abgab, drittens von einer erfolgreichen Zukunft sprach – für sich selbst und für den Klub. Und nun lässt er den Kopf hängen . . . Eine charakteristische Szene: Nach dem Spielchen jonglierte van Nistelrooy für sich allein mit dem Ball vor sich hin. Langsam ging er in Richtung des Tores, das von Jaroslav Drobny bewacht wurde. Mit dem Fuß (!) legte sich der Niederländer die Kugel auf den Elfmeterpunkt. Als die Lage des Balles nicht so war, wie er es wünschte, korrigierte er – wieder mit dem Fuß, nicht mit der Hand oder den Händen. Das sah alles lustlos aus. Immerhin: Drei Elfmeter schoss van Nistelrooy, und alle waren drin.

Dennoch bleibt für mich eine Frage zurück: Was ist da passiert? Mental? Ruud van Nistelrooy startete voller Elan in die Saison, war gut drauf, traf auch einige Male – und er wollte Torschützenkönig der Bundesliga werden. Davon ist in diesen Tagen nichts, aber auch absolut nichts zu erkennen. Resignation? Weil er verletzt war und ist (die Wade soll zwicken)? Oder weil der HSV so spielt wie er spielt? Oder weil andere Torjäger inzwischen schon weitaus mehr getroffen haben als er?

Ich mache mir durchaus Sorgen. Auch deshalb, weil ich diesen Ausnahmefußballer gerne noch ein wenig länger hier in Hamburg sehen würde. Ob man da schon heute auf morgen (und den nächsten Sommer) schließen sollte? Besser nicht. Drei Euro für diesen Satz: Bis dahin fließt noch viel Wasser die Elbe herunter.

Ansonsten bleibt es bei jener Aufstellung, die ich zuletzt schon angekündigt habe. Frank Rost im Tor, rechts Robert Tesche, daneben Guy Demel, Heiko Westermann, links dann Ze Roberto. Wobei Demel heute einige ganz gute Szenen hatte, die darauf deuten könnten, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat, dass er nun besser werden will, dass er mehr investiert. Hoffentlich. Jetzt denke ich schon wieder voller Sorgen, dass „draußen“, an den Computern dieser Welt, schon wieder gelästert wird: „Matz wie immer – Friede, Freude, Eierkuchen beim Training. Und was ist mit dem Sonnabend-Spiel . . ?“

Ja, was? Wir werden es erleben. So oder so.

„Das Hannover-Spiel haben wir vergessen, abgehakt, es ist aufgearbeitet worden“, sagt Heiko Westermann. Der Kapitän hatte an der Leine vielleicht, so meinte einige Experten, sein bestes Spiel für den HSV gemacht. Kurios war nur, dass er von einigen (oder vielen?) HSV-Fans nach dem Schlusspfiff ausgepfiffen worden war. Westermann hat das in dieser Form nicht so wahrgenommen, sagt aber auch: „Wir haben dort verloren, und dann sind die Fans natürlich unzufrieden. Was soll auch sonst sein?“

Natürlich herrscht nach Niederlagen tiefer Frust. Dennoch muss objektiv auch eine gute Leistung (eines Spielers) anerkannt werden, selbst wenn nur verloren wurde. Definitiv hat Westermann in Hannover viele Lücken in der HSV-Defensive geschlossen, und er hat endlich einmal verbal „Gas gegeben“. Anweisungen, Motivation. Daran haperte es nicht nur zuletzt, daran hapert es schon seit Jahren beim HSV. Viel zu wenige Spieler machen während der Partie den Mund auf, um sich so gegenseitig helfen zu können. Das ist schon „ewige Zeiten“ ein großes Manko in Hamburg.

Nun kehrt mit Frank Rost ein weiterer Spieler zurück, der ebenfalls ein sprachgewaltiger Dirigent ist. Rost war zuletzt sogar oft der einzige, der während des Spiels redete. „Das ist auch gut so. Frank strahlt dieses Sieger-Gen aus, er will immer gewinnen, er lebt es vor, er hat den unbedingten Willen, als Sieger vom Platz zu gehen. Deswegen ist seine Präsenz auch wichtig für uns. Uns hilft es, wenn wir viele Spieler auf dem Platz haben, die viel reden“, sagt Heiko Westermann und sagt über sich: „Ich kann nicht ruhig sein, ich gebe immer Anweisungen während der 90 Minuten. Und weil wir von dieser Sorte Spieler nicht so viele haben, müssen eben die, die es können, ein wenig lauter sein.“

Der ehemalige Schalker war es auch schon in dieser Woche beim Training. Und er wird es wohl auch am Sonnabend wieder sein. Endlich sein, denn zu Beginn seiner Zeit in Hamburg war er es noch nicht. Was auch nur logisch scheint, denn als neuer Kapitän kannte er seine Mitspieler ja noch gar nicht (richtig), und dann verhält man sich eben ein wenig leiser. Gut nur, dass diese Zeiten nun der Vergangenheit angehören (sollen).

Dass Westermann mit Demel nun wieder einen neuen Mann an seiner Seite in der Innenverteidigung erhält, das ist für ihn nicht besonders gut, aber es ist wohl auch nicht zu ändern. Er lobt dann auch den neuen Mann an seiner Seite: „Guy ist zweikampfstark, ist ein Brocken, und der wird uns sicher auch bei Kopfballduellen helfen können.“

Wir werden abwarten müssen, wie sich die zentralen Abwehrspieler zurechtfinden, an diesem Sonnabend. Wenn es gut läuft, wird es dieses Duo bis Weihnachten richten müssen. Und wenn dazu aus Eurem Kreis nach Muhamed Besic gefragt wird, dann kann ich nur entgegnen: Dessen Lieblingsposten ist nach eigener Aussage die rechte Position in der Viererkette. . .

„Wichtig ist für uns, dass wir gegen Stuttgart als Sieger vom Platz gehen werden, egal wie das Spiel auch ist. Wir müssen drei Punkte einfahren, denn man ist ganz, ganz schnell auch mal in einem Strudel, der einen nach unten zieht. Da müssen wir aufpassen, deshalb müssen wir alles geben“, sagt Heiko Westermann zum Abschluss. Hoffen wir, dass sich alle diese Sätze zu Herzen nehmen und dementsprechend zur Sache gehen. Ein schmutziges 1:0 würde da ja schon reichen – und das ist auch mein Tipp.

Übrigens: “Abendblatt-Chefredakteur Claus Strunz hat übrigens auf seinem Facebook-Account ein 2:2 gegen den VfB Stuttgart getippt.”

Und noch ein PS: Dass es diese Trennungszeichen gab oder gibt in diesem Bericht, das liegt daran, dass das HA ein neues System bekommen hat. Und ich habe noch kleinere Anpassungsprobleme, bin aber damit nicht ganz allein. Danke für Euer Verständnis.

17.43 Uhr