Tagesarchiv für den 25. November 2010

Kleine Sorgen um van Nistelrooy

25. November 2010

Ein Spaß. Es war nur ein Spaß. Sagt Armin Veh. In der vergangenen Nacht ging es hier ja hoch her, denn auf SAT.1 hatte der HSV-Trainer im Scherz zu Vorstandsmitglied Katja Kraus über seine Zukunft als HSV-Trainer geunkt: „Wenn ich dann noch da bin . . .“ Es ging um die Weihnachtszeit – die nun kommende. Um es einmal klar und deutlich zu sagen: Armin Veh wird nicht nur diese Weihnachtszeit als HSV-Trainer erleben, er wird seinem Job noch viel, viel länger in Hamburg nachgehen. Eine Trennung ist überhaupt kein Thema. Weder von der einen, noch von der anderen Seite. Und das, das sage ich auch klar und deutlich, ist auch gut so, denn: Veh leistet beim HSV gute Arbeit, an ihm liegt der derzeitige schlechte Tabellenstand ganz sicher nicht. Und wenn es hier noch Stimmen gab, die dem HSV einen miesen Konditionsstand bescheinigen (oder andichten) wollen: In Hannover gab es zwar das späte 2:3 in der Nachspielzeit, ansonsten aber hat der HSV, so besagt es eine Statistik, zehn Punkte in den letzten Spielminuten in dieser Saison gewonnen! So viel wie keine andere Mannschaft. Das zum Thema Kondition.

Ansonsten bin ich immer wieder sehr, sehr erstaunt, wenn hier HSV-Fans über HSV-Spieler so urteilen, als würden diese Profis bei Bayern München, Werder Bremen oder beim FC St. Pauli spielen. Wie hier einige Spieler von ihren Fans “vernichtet” oder „geschlachtet“ werden, das ist für mich immer wieder unfassbar, aber solche User soll es eben auch geben. Nur: Daran gewöhnen werde ich mich nie.

Wo ich gerade beim Thema bin: Robert Tesche wird am Sonnabend, wenn nichts mehr dazwischen kommt, tatsächlich rechts verteidigen. „Veh raus!“ Ich höre sie jetzt schon wieder . . . Aber Veh, ich schrieb es bereits, wird nicht raus-gesetzt. Dafür erwischt es gegen den VfB Stuttgart wohl Muhamed Besic. Nicht weil der junge Mann in Hannover das 0:1 verschuldet hat, auch nicht, weil er schlecht gespielt oder trainiert hat, sondern aus spieltaktischen Gründen. „Veh raus!“ Nein! Veh hat richtig gut überlegt. Wenn ich es Euch einmal näher bringen darf: Stuttgart hat groß gewachsene Spieler in seinen Reihen. Solche Spieler sind meistens auch kopfballstark. Besic ist ein eher kleiner Spieler, besonders auf seinem Posten in der Innenverteidigung. Und, was viele nicht wissen (auch die „Veh-raus“-Gröler wohl nicht): Muhamed Besic hatte in seiner Jugend eine Erkrankung am oder im Kopf, er durfte deshalb eineinhalb Jahre nicht köpfen. Diese 18 Monate fehlen dem Talent nun (in Sachen Kopfballtechnik), auch deswegen hat er in der Vergangenheit oftmals Sonderschichten am Kopfballpendel geschoben. Er soll und will aufholen. Nur hilft das dem HSV im Moment herzlich wenig, denn Stuttgart wird darauf erstens nicht warten und zweitens keine Rücksicht nehmen. Deswegen soll nun der fast einen Kopf größere Tesche in Sachen Kopfballspiel helfen.

Demnach, auch das steht so gut wie fest, wird Guy Demel auch in der Innenverteidigung aushelfen. Was ihm ganz entgegen kommt, denn hinten rechts war er zuletzt doch eher ein Sicherheitsrisiko. Innenverteidigung ist zwar auch nicht sein Lieblingsposten, aber schon eher: „Das ist zentral, und ich spiele zentral eben am liebsten. Ideal wäre die Sechs für mich, aber das geht nicht, deswegen bin ich mit der Innenverteidigung zentral schon zufriedener.“ Und er sagt schon in Richtung Stuttgart: „Ich versuche dort mein Bestes zu geben, obwohl ich das lange nicht mehr gespielt habe. Wir haben aber große Personalnot, also spiele ich da, wo mich der Trainer hinstellt.“

Als Demel vor fünf Jahren aus Dortmund nach Hamburg wechselte, kam er zunächst auf der Sechs zum Einsatz, gelegentlich auch in der Innenverteidigung, bis er – aus der Not heraus – auf die rechte oder auch manchmal die linke Verteidiger-Position geschoben wurde. Sehr zu seinem Leidwesen, aber so war es nun einmal. Rechts hinten spielt er deshalb auch in der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste, zuletzt in diesem Monat bei der 0:2-Niederlage in Polen.

Dieses Spiel hatte übrigens zu einigen Irritationen (beim HSV) geführt. Ihr werdet Euch erinnern: In der Schlussphase des Dortmund-Spiel meldete sich Guy Demel verletzt ab, wurde ausgewechselt. Am Mittwoch darauf spielte der das Länderspiel. Abgemacht war, dass Demel nur eine Stunde zum Einsatz kommen sollte – wegen der Wadenverletzung. Er spielte aber durch. Und verletzte sich erneut, diesmal die andere Wade. Deswegen gab es dann Ärger in Hamburg. Als Demel am Freitag trainieren wollte, durfte er nicht, er wurde vom Platz zurück in die Kabine geschickt. Und pausierte auch in Hannover.

Nun aber soll alles wieder im Lot sein. Mit den Waden und mit dem HSV. So dass einem Einsatz gegen den VfB wohl nichts mehr im Wege stehen dürfte. Es sei denn, die Wade (eine von beiden) meldet sich wieder zur unpassenden Zeit. Als dick, gezerrt, zumachend oder verklebt – oder was sonst noch möglich ist. Abwarten.

Zur Situation um die National-mannschaft befand Guy Demel übrigens: „Jeder Fußballer setzt sich Ziele, er will so viele Meisterschaften, Weltmeisterschaften und Länderspiele wie nur möglich haben. Das ist normal. Deswegen habe ich das Länderspiel gegen Polen auch nicht abgesagt. Und dass ich nicht, wie abgesprochen, nach einer Stunde vom Platz geholt wurde, lag nur am Nationaltrainer, nicht an mir. Ich kann mich ja nicht selbst auswechseln.“

Apropos. Auswechseln ist das Stichwort. Zuletzt lief es bei „Giiiiiiiiiiiie“ ja alles andere als rund, ihm wurde von allen Seiten eine schlechte Form bescheinigt. Wie sieht er das? „Ich habe gut begonnen, in dieser Saison, Schalke, Frankfurt. Mir fehlt aber die Konstanz. Was nützen zwei gute Spiele, wenn es danach wieder schlechter wird? Das ist mein Problem, ich bin auch nicht zufrieden. Ich will der Mannschaft helfen, aber das kann ich ja nur, wenn ich gut spiele, das weiß ich auch.“

Bis 2012 läuft sein Vertrag noch in Hamburg. Er macht sich aber jetzt noch keine Gedanken um seine Zukunft. Selbst wenn es eine vorzeitige Trennung geben sollte. Demel: „Das könnte, das weiß ich auch, natürlich mal passieren. Das muss man dann als Profi akzeptieren. Fußball ist Geschäft.“ Dann sagt er weiter: „Ich fühle mich wohl beim HSV und in Hamburg, wenn man nicht zufrieden sein sollte mit mir, dann muss man mir das sagen. Das wäre kein Problem. Ich wünsche mir dabei nur absolute Ehrlichkeit. Wenn man ehrlich zu mir ist, dann ist das alles okay, damit kann und werde ich dann leben.“

Guy Demel sagt es ganz offen heraus. Er redet Klartext, er weiß, wie die Situation derzeit für ihn und auch für den Klub ist. Er sagt dann auch: „Mir tut es sehr leid für den HSV, denn dort, wo er zurzeit steht, gehört er nicht hin. Der HSV gehört nach ganz oben. Obwohl ich weiß, dass es natürlich leicht ist, so etwas zu sagen – es gehört schon mehr dazu. Die Qualität aber ist da, diese Mannschaft könnte ganz oben stehen, denn dieser Verein bietet uns allen sehr viele und sehr große Möglichkeiten. Deswegen tut es mir leid für die Fans, dass wir nicht oben mitspielen – aber wir haben noch viele Spiele vor uns, wir können noch immer in den internationalen Wettbewerb kommen.“

Dazu gehört eine gute Rückrunde. Und dazu gehört auch ein Sieg über den VfB Stuttgart. Beim HSV wird Frank Rost wieder zwischen den Pfosten stehen, das hat Armin Veh schon verkündet. Vor dem Keeper wird dann Guy Demel stehen und seine Abwehrarbeit verrichten. Zu diesem Thema stellte ein Mopo-Kollege eine sehr interessante Frage: „Bist du froh darüber, dass Frank Rost wieder spielt?“ Demel diplomatisch: „Wenn ich das sagen würde, dann würde ich etwas gegen Jaroslav Drobny sagen, und das hat er nicht verdient, denn er ist auch ein sehr guter Torwart.“ Dann kam die Nachfrage: „In einem Fernseh-Interview hast du gerade gesagt, dass Frank Rost wichtig für die Mannschaft ist.“ Demel: „Das stimmt ja auch. Er ist eine große Persönlichkeit. Das sage ich, obwohl wir fast nie miteinander reden. Er denkt, dass ich ihn nicht mag, aber Frank ist eine wichtige Person in der Kabine und für die Mannschaft.“ Dann wird es noch interessanter, denn Guy Demel fügte noch hinzu: „Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass wir, Frank und ich, nie miteinander reden. Wir sind zu unterschiedliche Charaktere. Aber wir sind auch Profis genug, um das zu verdrängen. Für mich ist er der beste Torwart, den ich hier beim HSV gehabt habe, er ist aber auch als Mensch wichtig für die Mannschaft.“

Rückblickend zu Drobny befand Demel noch: „Er hat Pech gehabt, weil er ins Tor kam, als die Mannschaft nicht so gut spielte. Ich bin aber überzeugt davon, dass er noch sehr wichtig wird für den HSV. Drobny spielt ja noch lange hier und wird noch ausreichend zeigen können, dass er ein sehr guter Keeper ist.“

Gegen Stuttgart aber ist nun wieder Rost gefragt. Und diese Aufgabe wird ganz sicher nicht leicht, denn die Offensivabteilung der Schwaben mit den brandgefährlichen Cacau und Marica, dazu noch der Hamburger Martin Harnik (einst bei Vier- und Marschlande groß geworden) und Pavel Pogrebnyak, das ist schon eine sehr gute Qualität. Deswegen sagte Guy Demel auch: „Stuttgart ist eigentlich eine sehr gute Mannschaft, es wird schwer für uns. Wir müssen als Mannschaft auftreten, aggressiv sein und die individuellen Fehler vermeiden, dann könne wir den VfB besiegen.“

Womit wir wieder beim Thema wären: Mannschaft. Ein Team, eine Gemeinschaft, ein verschworener „Haufen“. Das war der HSV zuletzt nicht, das war der HSV in diesem Jahr ganz, ganz selten einmal. Profis eben, die professionell miteinander umgehen. So wie Demel es gerade mit dem Teamkollegen Rost geschildert hat. Es wird nicht leicht für Veh, den Teamgeist wieder auf Vordermann zu bringen. Immerhin aber gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Heiko Westermann gab in Hannover schon (mehr) lautstarke Anweisungen, und er setzte das nun auch im Training fort. Zum Wohle der Mannschaft – und des Trainers. Armin Veh: „Heiko war neu, musste sich erst eingewöhnen, spielte mit einer neuen Abwehr zusammen, musste sich auch erst finden, er war teilweise auch mit sich selbst beschäftigt – aber nun ist er gefragt. Wer soll es sonst richten? Jetzt sind die erfahrenen Spieler gefragt.“ Der HSV-Coach weiter: „Und auch wenn man mal den einen oder anderen Fehlpass spielt ist es notwendig, dass man sich nicht zurückzieht. Motto: Jetzt lasse ich mal die anderen. Es muss in einer Mannschaft immer eine gewisse Hierarchie geben, da muss man auch voran gehen. Auch wenn es mal nicht gerade so gut läuft.“ Veh dann ergänzend: „Wenn man in der Mannschaft keinen mehr hat, der redet, dann hat man auf jeden Falle in großes Problem, aber das hat Heiko Westermann nun besser gemacht.“

Weiter so. Und Westermann wird ja auch Unterstützung verbaler Art bekommen, denn der Mann im Tor wird seinen Mund schon aufmachen. Dazu sagt auch Armin Veh: „Frank Rost ist ein Typ, dem man schon ansieht, dem man auch anmerkt, dass er gewinnen will.“ Und das wird er seinen Mannen vor ihm schon noch rechtzeitig mitteilen . . .

Sollte der HSV aber am Sonnabend trotz allem verlieren, dann wird es ganz, ganz eng. Dann wäre der Anschluss nach oben wohl total verpasst. Und dann? Sollten dann die Blicke aller eher nach unten gehen? Abstiegskampf? Veh: „Nein, aber man muss immer hellwach sein und aufpassen, zumal wir ja keine stabile Situation haben. Das muss man ja sehen. Man kann nicht immer nur nach oben schauen, das wäre zu gefährlich.“

Kleine Sorgen personeller Art gibt es beim HSV noch um den Einsatz von Ruud van Nistelrooy, der noch leichte Probleme mit der Wade hat. Noch aber sind zwei Tage Zeit, um diese Probleme beheben zu können. Wäre nicht ganz unwichtig, denn wer erinnert sich nicht an den Beginn dieses Fußball-Jahres? „Van the man“ feierte gegen den VfB einen sensationellen Einstand, denn er schoss zwei herrliche und fast unglaubliche Tore für den HSV. Mach’s noch einmal, Ruud!

Bei der Gelegenheit: Eljero Elia wird in keinem Fall gegen den VfB Stuttgart auflaufen, für Armin Veh ist der Flügelflitzer weiterhin krank. Grippe. Die hat Elia sich nicht genommen, die hat ihn heimgesucht. Trotz allem aber stand er heute am Nachmittag auf dem Trainingsplatz und trainierte mit dem Team. Für Veh aber hat Elia eben noch viel zu wenig mit der Mannschaft trainiert, als dass er eine Chance hätte, gegen den VfB zu spielen.

So, ganz zum Schluss noch um den Aufreger Netzer. Der “Blonde mit dem Riesen-Schuh” sollte, so war es zu lesen und zu hören, dem HSV helfen, wieder in die sportliche Spur zu kommen. Ein ehrenwertes Unterfangen. Aber daraus wurde nichts. Weil Günter Netzer nicht will. Er hat mir schon zu Beginn des Jahres einmal gesagt, dass er kein Amt mehr in einem Verein übernehmen will und wird. Und der HSV hat es ihm auch so nicht angedient. Netzer sollte, so er dannLust gehabt hätte, beratend zur Seite stehen. Auf jeden Fall sollte er nicht “Vorgesetzter” von Sportchef Bastian Reinhardt sein und werden, dieses Angebot hat der HSV dem ehemaligen HSV-Manager Netzre nicht gemacht. Obwohl auch ich sage: Schade, dass Günter Netzer keine Zeit mehr dafür opfern mag, denn er ist für mich absolut der Größte. Wo auch immer Netzer etwas in Saceh Fußball gesagt hat – ich hing an seinen Lippen. Der Mann hat es einfach drauf, und zwar so wie kein anderer. Da kommen auch die Herren aus München nicht mit – aber leider, leider werden wir darauf verzichten müssen. Schade.

Training am Freitag um 16 Uhr, in der Arena, also, das wissen Insider, unter Ausschluss der Trainingskiebitze.

16.59 Uhr