Tagesarchiv für den 24. November 2010

Elia fällt für Stuttgart aus

24. November 2010

Erst stand die hohe Ballschule auf dem Programm, dann folgte ein Spielchen auf sechs Ein-Meter-Tore, zum Abschluss ging es dann elf gegen elf. Und es ging zur Sache. Auf die kleinen Tore war beinahe noch mehr Leben in der Bude: David Jarolim wurde gecheckt und senste daraufhin den Gastspieler aus der Zweiten um, und zwar Daniel Nagy. Dann wälzten sich Mladen Petric und Änis Ben-Hatira am Boden, Piotr Trochowski traf auf Muhamed Besic, und Heung Min Son beförderten den zweiten Gast-Spieler aus der Zweiten, Florian Brügmann, mit äußerst rustikal Einsatz einem zu Boden. Auffällig dabei: Keiner der beiden Regionalliga-Spieler beschwerte sich oder machte aus dem jeweiligen Tritt einen „Kurz-Film“. Beide traten kurz auf (Motto: „Unten wohnt ja keiner“), und schon gingen sie zur Tagesordnung über: Kampf und Spiel – und tüchtig zur Sache.

Am Rande des Geschehens trainierten die beiden Rekonvaleszenten Dennis Aogo und Miroslav Stepanek; von Marcell Jansen war an diesem Mittwoch (leider) noch immer nichts zu sehen. Ebenfalls nicht zu sehen: Eljero Elia. Was für ein Pech! Gerade von ihm hatte ich mir im Hinblick auf Sonnabend viel, nein, sogar sehr viel versprochen, denn: Wenn etwas beim VfB Stuttgart so richtig schön schlecht ist, dann ist es die rechte Abwehrseite. Wenn da der Gegner über einen pfeilschnellen und dribbelstarken Spieler verfügt, dann wackeln die Schwaben mächtig. So aber sieht es ganz danach aus (zu 99 Prozent), dass der Niederländer am Sonnabend nicht zur Verfügung stehen wird, er hat sich (s)eine Grippe genommen. Nun gut, mein Trost ist, dass es dann Heung Min Son wie schon in Hannover erneut über links versuchen wird. Und das war ja nicht ganz so schlecht anzusehen.

Beim heutigen Abschlussspiel hat das mit dem Südkoreaner (erneut) ganz gut geklappt. Auch wenn andere Spieler an diesem Tage eher im Blickpunkt standen. Da wäre zunächst einmal Guy Demel zu nennen. Der Mann von der Elfenbeinküste dürfte am Sonnabend sein (geschätztes) 78. Comeback in der HSV-Mannschaft feiern, diesmal allerdings nicht als Rechtsverteidiger, sondern als Innenverteidiger (neben Heiko Westermann). Muhamed Besic verteidigte unterdessen am Vormittag eine geraume Zeit auf rechts, bevor er während einer Spielpause von Robert Tesche abgelöst wurde – natürlich auf Wunsch des Trainers. Da scheint sich noch bis zum Wochenende ein ganz besonderer Zweikampf anzudeuten: Besic oder Tesche? Wen bringt Veh?

Hinten links blieb und bleibt Ze Roberto, auch wenn Armin Veh natürlich die Augen tränen dürften. Er ist ja nicht allein damit, aber ich wüsste im Moment auch keine bessere Lösung. Obwohl ich auf der Fahrt vom Training in die Redaktion noch gedacht habe: Ob Tomas Rincon das auf der linke Seite so wie auf der rechten Seite packen würde und könnte? Im Mittelfeld spielten an diesem Mittwoch David Jarolim und Piotr Trochowski – beide auffällig, „Troche“ traf zum 2:0, zuvor hatte Ruud van Nistelrooy das 1:0 erzielt. Es blieb beim 2:0, ein Petric-Tor wurde aus dem Abseits heraus erzielt und wurde nicht gegeben (so denke ich).

Zwei auffällige Personalien gab es noch „vorne“ zu registrieren. „Van the man“ hängt in der Tat (nach meinen Beobachtungen) zurzeit ein wenig durch. Woran das liegt? Ich habe keine Erklärung dafür. Es ist eben so wie es ist. Er sagt wenig, er lacht so gut wie gar nicht mehr, er zeigt kaum Temperament – ich ziehe daraus (für mich) folgenden Schluss: Ruud van Nistelrooy geht die Kickerei, die sich der HSV in jüngster Vergangenheit geleistet hat, wohl etwas auf die Nerven. Ich habe es schon zu Beginn des Jahres einmal (hier und damit öffentlich) vermutet: Eventuell denkt der ehemalige Weltstar (oder bleibt man immer ein Weltstar, wenn man mal einer war?) still und heimlich bei sich: „Mein Gott, diese Stümperei! Wo bin ich hier nur rein geraten?“ Ich bin da ganz bei Eva (?), die hier heute schrieb: „Im Moment macht sich Ruud van Nistelrooy sicherlich keine Gedanken darüber, ob er hier bleiben wird . . .“ Denke ich ebenfalls. Oder liegt es noch immer an seiner Verletzung, die ihm zuletzt eine kleine Zwangspause eingebracht hatte? Was nur für eine vorübergehende „Feuer-Pause“ von van Nistelrooy sprechen könnte, das war nach dem Training zu sehen: Der Torjäger fuhr nach Hause, und neben ihm saß ein ganz junger Mann: Lennard Sowah. So ist der „Ruud“ dann eben immer noch, er denkt trotz allem mannschaftsdienlich und fährt einen blutjungen Kollegen nach Hause (oder in Richtung Heimat). Kompliment.

Wobei ich schon zu Mladen Petric komme. Sportchef Bastian Reinhardt hat ja erst kürzlich gesagt, dass ein Petric-Wechsel während der (kurzen) Winterpause überhaupt kein Thema sei. Ich sage dazu nur: abwarten. Obwohl: Nach dem heutigen Trainingsspiel könnte ich mir auch vorstellen, dass Petric das „Paradies“ in Hamburg und beim HSV gegen kein Geld der Welt eintauschen will und wird, denn: So viel Lob vom Trainer hat wie heute, das gab es für den Kroaten wohl selten einmal zuvor in seiner Karriere. Jedenfalls im Volkspark. Armin Veh lobte hier und lobte da, er lobte „seinen“ Mladen über den grünen Klee. So bauen Trainer gelegentlich und ganz gerne Selbstvertrauen auf. Ob es hilft? Das werden wir alle schon mal am Sonnabend sehen können.

Bei der Gelegenheit: Heiko Westermann erhielt heute nach einem Katastrophen-Fehlpass von Veh einen richtig schönen und lauten Rüffel. Denoch: Der Kapitän, das wird immer offensichtlicher, ist jetzt gewillt, auch verbal mehr Verantwortung zu übernehmen. Das war schon in Hannover während des Spiels erkennbar, das war auch heute zu sehen und zu hören. Er dirigiert und gibt lautstark Anweisungen – nicht immer, aber eben immer öfter. Jetzt kommt es darauf an, ob sich die Teamkollegen dieser Worte auch annehmen. Da habe ich meine Zweifel – noch meine Zweifel. Aber vielleicht wird es ja doch noch was – es wäre gewiss zum Vorteil einer dann (besser) funktionierenden Mannschaft.

Da Tomas Rincon heute in der „Reserve“ mitmachen musste, gehe ich davon aus, dass er gegen Stuttgart wieder auf die Bank muss. Was sicherlich nicht mit dem 2:3-Tor von Hannover begründet werden kann, so denkt Armin Veh ganz gewiss nicht. Obwohl dieses Hanke-Tor schon kurios war. Rincon gibt zu: „Es tut noch weh, wenn ich daran denke. Ich habe einen Fehler gemacht. Er hat mich berührt, ein wenig an der Schulter gezogen. Ich habe mir diese Szene immer und immer wieder im Fernsehen angeschaut, aber ich gebe zu: Es war kein Foul, kein Thema. Hanke hat aber auch zugegeben, dass er mich ein wenig berührt hat. Er war eben ein bisschen cleverer in dieser Szene.“ Zum Leidwesen vieler (oder aller) HSV-Fans. Nun träumt Rincon davon, dass er demnächst selbst einmal ein Tor erzielen wird. Für den HSV. Obwohl: Der Mann aus Venezuela hat in seiner bisherigen Karriere im Herren-Fußball erst ein Tor erzielen können. Für seinen ehemaligen Klub San Cristobal. Er erinnert sich: „Ein Schuss aus 30 Metern. Vielleicht auch nur aus 25 Metern, aber es war ein Strich.“ Davon träumen hier doch alle. Nicht nur er selbst.

Und wo wir gerade bei Toren und den dazugehörigen Schützen sind: Was fällt Euch zu diesem Thema und Jonathan Pitroipa ein? Wenn Ihr dabei auch noch an die Chance denkt, als er mit links am 96-Gehäuse vorbei . . . Und in der Mitte stand Mladen Petric und hätte den Ball mit einem Ohrläppchen über die Torlinie bringen können? „Piet“ über diese Szene: „Ich habe Mladen nicht gesehen, ich wollte ein Tor schießen, ich wollte gewinnen.“ Und: „Ich denke, dass ich das ganz gut gemacht habe, aber mir fehlte dabei einfach auch ein bisschen Glück.“ Sei es wie es sei: Trotz allem ist Pitroipa die HSV-Entdeckung dieser Saison. Er spielt reihenweise Gegenspieler Knoten in die Beine – hoffentlich auch am Sonnabend den Abwehrspielern des VfB. Zu seinem derzeitigen Höhenflug sagt „Piet“: „Ich habe viel gelernt, seit ich in Hamburg bin, und ich bin im Kopf stärker geworden.“ Mental ist er nun voll auf der Höhe. Und weil dieser Trainer jetzt uneingeschränkt hinter ihm steht, dribbelt der 62-Kilo-„Bomber“ so auf wie zuletzt.“ Aus dem einstigen „Eichhörnchen“ und „Zappelphilip“ ist ein Leistungsträger und ein Stürmer von internationaler Klasse geworden. Nur: Wann klappt es mal wieder mit einem Tor? Pitroipa: „Ich weiß, dass ich Tore schießen kann, und ich werde auch wieder Tore schießen. Ich muss nur meinen Kopf frei bekommen, denn viele fragen mich immer, wo denn meine Tore bleiben.“ Das belastet vielleicht auch. Und deswegen tröstet er sich damit: „Wenn wir gewinnen, dann ist es doch egal, wer die Tore schießt. Und wenn ich ein Tor vorbereite, dann ist das für mich fast so gut wie selbst ein Tor zu schießen.“ Wenn „wir“ gewinnen . . . Wenn.

„Piet“ stand, so ganz nebenbei, einst auch auf der Einkaufsliste des VfB Stuttgart. Zu jener Zeit war Armin Veh Coach der Schwaben. Er stand also schon vor Jahren sehr auf den dünnbeinigen Flügelflitzer, der heute einer seiner Lieblingsschüler geworden ist. An der Elbe scheinen sie sich endgültig gefunden zu haben. Und sie könnten jetzt den Stuttgartern am Sonnabend gemeinsam ein Bein stellen. „Für uns geht nach oben immer noch etwas, wir können immer noch unter die ersten drei Klubs in der Bundesliga kommen – wenn wir zum Beispiel die Rückrunde sehr gut spielen. Wir haben noch alle Chancen, etwas zu erreichen, zum Beispiel einen internationalen Startplatz“, sagt Pitroipa ganz optimistisch.

Dann aber sollte irgendwann einmal eine Siegesserie gestartet werden. Am besten schon am Sonnabend. Wie schön das wohl wäre, wenn Tomas Rincon und Jonathan Pitroipa zu den HSV-Torschützen gehören würden. Aber: Der Fußball schreibt ja schon die kuriosesten Geschichten, doch für so viel Phantasie wird es dann wohl doch nicht ganz reichen. Deswegen wäre ich ja schon froh, wenn einer von beiden HSV-Profis den 1:0-Erfolg herausschießen würden. In diesem Sinne: Morgen (Donnerstag) ist um 15 Uhr Training im Volkspark.

17.43 Uhr

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