Tagesarchiv für den 22. November 2010

Die Winterturbulenzen beginnen

22. November 2010

Bastian Reinhardt ist ein ehrlicher Mensch. Und so selten das in der Profi-Fußball-Branche ist, bei ihm lege ich mich fest. Schon deshalb überraschte es mich nicht, dass der ehemalige Verteidiger und heutige Sportchef auch die Situation beim HSV nicht zu beschönigen versuchte. „Wir müssen uns neue Ziele setzen, sie der Situation bis zur Winterpause anpassen.“ Sagt Reinhardt. Und das sagt schon alles. Denn was alle seit Wochen formulieren, ist jetzt auch vereinsoffiziell: Der Misserfolg wird anerkannt, die Saisonziele werden korrigiert.

Einzig die Frage, wie sich alle Besserung erhoffen, die wusste auch Bastian Reinhardt nicht zu beantworten. Er umging die Antwort, er schwieg sie aus. Denn auch er weiß, dass der sportliche Misserfolg seine Folgen noch längst nicht alle aufgezeigt hat. Denn was passiert mit dem teuren Kader am Ende der Saison? Dass teure Spieler verkauft werden müssen, ist bekannt. Nur wer ist das? Heute sagte Reinhardt, dass der Vertrag mit Dennis Aogo aktuell verhandelt wird. Alle anderen Vertragsverlängerungen ruhen. Die von Armin Veh und Ruud van Nistelrooy sowie Zé Roberto sollen eh erst im Februar angegangen werden. Und auch die Verlängerung mit Piotr Trochowski, für die es bereits erste Gespräche gab, ruht.

Der HSV sortiert sich. Er muss sich neu sortieren. Zwar will keiner freiwillig gehen, allerdings wählt heute (Westphalen siegt mit 126:94 Stimmen gegen den ehemaligen Vorstand Christian Reichert) die Amateurabteilung ihren Aufsichtsratsdelegierten und macht damit den Auftakt für einen stürmischen Winter. Einen Winter, in dem sicher laut nach Schuldigen gesucht werden wird. Und ein Winter, der diesen HSV sicher auf eine harte Probe stellen wird.

Damit möchte ich heute nicht die Nörgler-gegen-Rosarote-Brille-Diskussion anschieben. Ich möchte mir einfach nur ein paar Gedanken dazu machen, wie es weitergehen kann. Denn eines ist klar, hinterfragt werden muss nach so einer Hinrunde jeder. Vom Spieler bis zum Vorstands-Vorsitzenden sind Fehler passiert. Das zeigt die Tabelle eindeutig. Und wie heißt es so schön im Fußball: Die Tabelle lügt nicht.

Fangen wir ganz oben an. Bernd Hoffmann zählt im Verein ganz sicher nicht zu den absoluten Sympathieträgern. Er gilt als cooler, eiskalter Geschäftsmann mit feinem Sinn für den wirtschaftlichen Erfolg. Und er gilt seit Dietmar Beiersdorfers Demission als Machtmensch Nummer eins im HSV. Nicht bei allen Mitgliedern und Fans, aber wohl bei vielen. Nach meinen Informationen hat sich die Opposition, die Bernd Hoffmann am liebsten als Ex-Vorstands-Vorsitzenden des HSV sehen möchte, bereits formiert. In der Presserunde bei Hamburg1 war am Sonntag bereits ein Vorgeschmack zu hören. Und die Mitglieder formieren sich. Gegen ihren ersten Vorsitzenden. Und der hat das natürlich gemerkt. Im Sommer (wie im Sommer davor) hat er versucht, durch Millioneninvestitionen per Vorgriff den sportlichen Erfolg schnellstmöglich wieder herzustellen. Bislang erfolglos. Jetzt ist das Geld knapp, Insider vermuten sogar, dass überhaupt kein Geld mehr da ist, um auf den aktuellen sportlichen Misserfolg entsprechend reagieren zu können.

Hinter vorgehaltener Hand war bereits jetzt zu vernehmen, dass die Opposition im HSV Bernd Hoffmann am liebsten schon bei der Jahreshauptversammlung im Januar den Stuhl vor die Tür setzen will. Da braut sich etwas zusammen, im nach außen hin noch vor sich hin schlummernden HSV.

Allerdings, das ist und bleibt so, ich werde hier keine Politik machen. Ich werde die Dinge so beschreiben, wie ich sie sehe, sie höre und für mich beurteile. Ich habe mehrfach betont, dass ich weder Hoffmann-Freund noch Hoffmann-Feind bin. Ich werde kritisieren, wie eben geschehen. Ich werde aber auch loben, wenn es angebracht ist. Und zu loben ist die Tatsache, dass sich Hoffmann die Kritik, er habe sich in den letzten Jahren kompetenzübergreifend zu sehr ins Sportliche eingemischt, gestellt hat. Heute ist er zu sportlichen Fragen öffentlich nicht mehr zu hören. Im Klartext: Bernd Hoffmann hält sich jetzt aus dem aktuellen Geschehen um die Bundesliga-Fußballer raus. Er hat sich rar gemacht in den letzten Wochen und Monaten, Ihr selbst müsst es auch längst bemerkt haben, dass er kaum noch einen Kommentar abgibt. Weder nach (den wenigen) Siegen, noch nach den Niederlagen und Misserfolgen. Die Frage, die sich mir im Zusammenhang mit Bernd Hoffmann allerdings stellt ist die: Hat der HSV-Boss zu spät gelernt? Hat er zu spät gemerkt, dass er sich aus den sportlichen Dingen besser heraushalten sollte? Die Antwort darauf wird es spätestens im Januar geben, wenn sich die Mitglieder und (ganz verstärkt) die Opposition zu Wort melden werden.

Wobei ich gespannt bin, wie sich der Aufsichtsrat dann aus der Affäre ziehen wird. Auch um die Herren Kontrolleure ist es (zum Glück) zuletzt ganz still gewesen, aber auch das wird sich im Januar ändern, denn dann werden sich die Räte neu formieren. Und das ist auch gut so. Ich bin gespannt, ob sich die Mitgliedschaft auf einen “Schickimicki-Aufsichtsrat” einlassen wird, oder ob diesmal Fußballer und Leute vom Fach gewählt werden.

Noch gespannter allerdings bin ich schon jetzt darauf, wie der HSV im Sommer 2011 aufegstellt wird. Die Mannschaft wird, soll und muss verändert werden. Fraglich ist nur, ob ein Riesenumbruch zustande kommen wird, oder einer mit Augenmaß. “Jeder Spieler hat nach wie vor die Chance, sich für eine Zukunft beim HSV zu qualifizieren.“ Sagt Bastian Reinhardt. Für den Winter sind dagegen weder Ein- noch Verkäufe geplant. „Wir können mit Dennis Aogo und Dennis Diekmeier in der Rückrunde ja zwei ´Neuzugänge´ begrüßen. Transfers sind aber nicht angedacht, in keine Richtung. Obwohl: Ganz ausschließen kann man das natürlich nie . . .“

Natürlich nicht. Denn wer weiß schon, wie sich die Personalien entwickeln. Beispiel Paolo Guerrero. Oder auch Guy Demel. Der Abwehrspieler hat bei Armin Veh im Moment offensichtlich ganz schlechte Karten. Demel ist in der öffentlichen Wahrnehmung vom Publikumsliebling („Giiiiiiiii“) zu einem der Hauptschuldigen degradiert worden. Und wer weiß, ob Mladen Petric nicht im Winter den nächsten Vorstoß wagen wird, gen Stuttgart zu wechseln? Die Schwaben sollen ihm weiterhin den Vierjahresvertrag bieten wollen, auf den er sich bereits im Sommer geeinigt hatte. Ein derartiges Ansinnen mochte uns Mladen zwar weder bestätigen noch dementieren, aber ich habe derartiges von einem Stuttgarter Kollegen vernommen. Obgleich die Stuttgarter ja sogar in noch größeren sportlichen Nöten stecken – aber vielleicht gerade auch deshalb.

Etwas beruhigter bin ich dagegen beim Thema HSV-Nachwuchs. Zumindest bei dem, der bereits jetzt bei den Profis mittrainiert. Muhamed Besic und Heung Min Son dürfen sich als die großen (und einzigen) Gewinner der Krise betrachten. Sie sind diejenigen, die Freude bereiten und auch Hoffnung machen. Und sie sind der Weg, an dem sich der HSV nicht nur orientieren sollte, sondern auch muss. Denn so wie jetzt, mit einer von alternden Stars durchsetzten Truppe, verbraucht dieser HSV den redlich erarbeiteten und verdienten Glanz der aufstrebenden letzten Jahre. Bei der Gelegenheit: Ein Kollege fragte mich in der vergangenen Woche noch, ob ich denn wüsste, an welcher Stelle der HSV denn aktuell in der europäischen Rangliste (welche?) rangieren würde? Ich dachte so an Rang 28 bis 30. Aber die Antwort verblüffte mich total: Platz zwölf. Und auf 13 steht wer? Real Madrid!

Welche Kriterien für eine solche Rangliste herhalten müssen, erschließt sich mir nicht ganz, aber es ist schon überraschend genug, dass es eine Rangliste mit dem HSV auf Platz zwölf gibt (geben soll).

Womit ich schnell noch eine Frage vom vergangenen Wochenende stellen möchte. Warum hat Elia trotz guter Trainingseindrücke – und die kann niemand leugnen – nicht eine Minute in Hannover gespielt? Natürlich hat Son gut gespielt, aber der Südkoreaner fiel zum Schluss ja in ein kleines Loch. Da hätte Elia gut gepasst. War es Vorsicht? Sollte sich der Flügelflitzer nicht gleich wieder neu verletzten? Oder war es ein Zeichen an den sich gern und schnell überschätzenden Niederländer? Gesagt hat Veh, dass Elia noch nicht bei 100 Prozent sei. Daran zweifelt niemand. Allerdings war dies ein Ruud van Nistelrooy auch nicht. Und der wurde für Guerrero eingewechselt.

Bleibt zu hoffen, dass Elia und “Van the man” bis zum kommenden Sonnabend gegen VfB Stuttgart der eigenen Topform noch ein Stück näher gekommen sind, und dass zudem doch noch der eine oder andere bislang verletzt fehlende Spieler zurückkommt. Denn während Marcell Jansen weiter fehlt und Joris Mathijsen (gute Besserung!) heute bereits operiert wurde (Rückkehr nicht vor Mitte Januar 2011), soll zumindest Frank Rost wieder ins Tor zurückkehren. Und der dürfte seinen Vorderleuten, so hoffe ich, schon während der 90 Minuten mal gehörig und lautstark seine Meinung kundtun, was er von ihrem Spiel (und dem Abwehrverhalten) so hält. Das hat, ganz klar (und ich schrieb es ja bereits), gefehlt.

Und um den Blog mal wieder mit einer guten Nachricht abzuschließen: Dennis Aogo trainiert wieder am Ball. Er mag selbst zwar noch keine Prognose abgeben, aber trotz anderslautender Meinungen scheint der Linksverteidiger doch noch vor dem Ende der Hinrunde fit zu werden. Das ist gut für ihn. Das ist gut für den HSV. Und das ist noch besser für Zé Roberto. Denn der Brasilianer, der für mich nach wie vor der Taktgeber beim HSV ist, könnte so endlich seine ungeliebte und zuletzt auch eher unglücklich gespielte Position hinten links verlassen. So könnte er endlich wieder seine Kreativität im Mittelfeld ausspielen.

Zwei Dinge noch in eigener Sache:
Ich bin bedrückt darüber, dass sich hier nun schon einige alteingesessene “Matz-abber” – salopp formuliert -”ausgeklingt” haben. Ihr, die dazu gehört, überlasst der Taut-Fraktion das Feld, und dann muss sich letztlich niemand, wirklich niemand mehr wundern, dass es hier so zugeht, wie es zuletzt zuging. Aber es ist wohl wie es ist. Schade. Gerade aber aus diesem Kreis hieß es früher (und auch heute noch): “Wir sind gegen ein Ausgrenzen, wir werden schon mit Taut und Co fertig.” Offenbar nicht.

Und dann zu jener Frage, die einige von Euch gestellt haben: Matz oder Scholz? Wer hat hat heute geschrieben. Ich kann allen versichern, die sich diese Frage hier öffentlich gestellt haben: Ihr habt in schöner Regelmäßigkeit daneben getippt. Wobei ich noch einmal betonen möchte: Selbst wenn Marcus Scholz einmal für mich beim Training ist oder andere Termine (in Sachen HSV) wahrnimmt – jeder Bericht wird entweder von mir geschrieben (mit seinen, mit Scholles Informationen), oder er wird von mir korrigiert, ergänzt – wenn er einmal geschrieben hat. Das kommt dann vor, wenn ich einmal unterwegs bin. Das ist zwar selten genug, aber es kommt eben doch gelegentlich vor.
Also, mein Fazit: Keine Angst, ich schreibe entwder selbst (zu 90 bis 95 Prozent), oder ich bekomme es vorgelesen und korrigiere und/oder ergänze.

20.41 Uhr