Tagesarchiv für den 20. November 2010

Eine einfach nur bittere Niederlage

20. November 2010

Ich wollte eigentlich mit Schlusspfiff bloggen. Aber ich muss zugeben, ich weiß noch immer nicht so recht, wie ich dieses Spiel deuten soll. In Hannover verloren, das darf nicht der Anspruch sein. Klar. Aber wenn ich mir ansehe, wie dieses Spiel verloren wurde, muss ich relativieren. Denn dieses Spiel war eine klare Steigerung zur Vorwoche, es war teilweise sogar richtig ansehnlich. Die Mannschaft wollte auch, das war deutlich zu erkennen.

Aber der Reihe nach.

Am Anfang war ich einfach nur froh, dass es die Reportertaste bei Sky gibt. Denn was sich der werte Sky-Kommentator da in der ersten Halbzeit abgekniffen hat, war unterirdisch. Son schlecht zu reden, nachdem der allein in den ersten fünf Minuten schon drei Riesenszenen hatte – unfassbar. Dann auch noch Pitroipa in genau den zehn Minuten zu loben, in denen er kurzzeitig abgetaucht war, das passte da nur ins Bild. Aber egal. Das Spiel war besser als der Kommentator, zum Glück.

Es war ein typisches HSV-Spiel. Wieder feldüberlegen und mit mehr Ballbesitz fangen sie sich einen Treffer ein, der individueller nicht sein kann. Ausgerechnet Debütant Besic, der mir ansonsten sehr gut gefiel, schießt als letzter Mann Stindl an und der rennt allein auf Drobny zu, zielt – und trifft. 1:0 für den kleinen HSV, der bis dahin kaum stattgefunden hatte.

Allerdings hatte der Gegentreffer nicht die verheerenden Folgen, die viele erwartet hätten. Im Gegenteil. Der HSV bäumte sich auf. Der heute starke Westermann nahm sich Besic, munterte ihn auf. Eine Szene, die ich bislang in dieser Saison so noch nicht gesehen hatte. Endlich ein Anzeichen von Teamgeist. Zumal Westermann auch insgesamt mehr als sonst den Mund aufmachte. Er dirigierte, er forderte und er stellte seine Leute. Er war endlich DER Kapitän. Der Abwehrchef. Wobei ich nicht verschweigen will, dass auch Besic viel dirigierte und motivierte – allerdings diente das wahrscheinlicher eher ihm selbst als der Mannschaft.

Und so war es auch wenig verwunderlich, dass der HSV noch vor der Pause zum Ausgleich kam. Pitroipa setzte sich über links gleich gegen zwei Hannoveraner durch, zog bis auf die Grundlinie und passte unkonventionell in die Mitte, wo Son den Ball über die Torlinie stochern konnte (40. Minute).

Und der HSV legte sogar noch nach. Nach einigen kleinen Problemen gegen stürmisch beginnende Niedersachsen setzte sich wieder Pitroipa durch – diesmal über die rechte Seite – und seine Flanke findet in Son einen dankbaren Abnehmer. Und wie! Der Südkoreaner steigt am zweiten Pfosten hoch und legt den Ball per Kopf wunderschön an 96-Keeper Fromlowitz vorbei ins lange Eck (54.). Ein traumhaft schön herausgespieltes Tor.

Allerdings hielt die Führung nicht lang. Schulz sorgte nur fünf Minuten später mit einem Fallrückzieher für den erneuten Ausgleich. Ein Treffer, bei dem zuerst die gesamte Abwehr (weil sie Schulz völlig ungedeckt ließ) und anschließend auch Torwart Jaroslav Drobny schlecht aussahen. Der Tscheche, der gegen Stuttgart am kommenden Sonnabend mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder vom wieder genesenen Frank Rost ersetzt wird, stand hierbei zu weit vor seinem Kasten und wurde schlicht überlupft. Das 2:2.

Aber leider noch nicht der letzte Treffer. In der Nachspielzeit war es Mike Hanke, der per Kopf das 3:2 für Hannover besorgte. Zuerst sah es so aus, als hätte Hanke seinen Gegenspieler Tomas Rincon umgerissen. Aber bei genauerem Hinsehen wurde deutlich, dass sich der Venezolaner, den ich bis dahin ganz stark gesehen hatte, einfach verschätzte. Bitter. Bitter für Rincon. Und bitter für den HSV, der ein Spiel verliert, das er nie und nimmer verlieren darf. Ganz im Gegenteil. In diesem Spiel war (im Gegensatz zur Dortmund-Partie) mehr drin.

Angefangen bei Heiko Westermann, der vielleicht sein bestes Spiel bislang für den HSV machte, über Besic, der nur einen einzigen Fehler im Spiel hatte. Selbst Rincon spielte nach zehn Minuten Anfangsschwierigkeiten sehr stark – bis kurz vor Ende. Ebenso dramatisch war das Spiel für Drobny, der eine Flanke unterlief und einmal zu weit vor seinem Kasten stand. Ansonsten hielt er, was zu halten war. Er rettete zudem in der 85. Minute sensationell gegen Hanke. Aber wie bei Besic und Rincon wurden seine wenigen Fehler bitter bestraft.

Mann des Spiels war trotz der zwei Tore von Son für mich Jonathan Pitroipa. Zehn Minuten Pause gönnte er sich in der ersten Halbzeit, aber die restlichen 80 Minuten war er brandgefährlich. Er bereitete beide Tore mustergültig vor. Allerdings muss er auch das dritte Tor machen, als er sich in der zweiten Halbzeit super durchsetzt und allein vor Fromlowitz mit links knapp verzieht.

Und während Petric sowie van Nistelrooy nach dessen Einwechslung einfach nur unauffällig blieben, machten David Jarolim und Piotr Trochowski ein unauffälliges, aber gutes Spiel. Während Jarolim sich wieder eine Fleißnote erarbeitete, zudem durch viele Ballgewinne bestach, scheint Trochowski langsam zu begreifen, dass er nicht immer das Besondere machen muss. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass er bemüht war, sachlich zu spielen, das Spiel nicht durch seine für ihn typischen Drehungen um die eigene Achse zu verschleppen. Er spielte effizient.

Auffälliger war dagegen Guerrero. Allerdings am meisten, als er sich nach dem 2:1-Führungstreffer von verschiedenen Hannoveranern provozieren ließ. Schiedsrichter Dr. Jochen Drees hatte ihn gefragt, ob er vor dem 2:1 Hand gespielt hätte. Er hatte. Aber er gab es nicht zu, was die Hannoveraner Spieler aufbrachte. Es kam zur Rangelei, Guerrero und Schlaudraff erhielten Gelb. Die fast logische Folge war Guerreros Auswechslung (ohne mit Trainer Veh abzuklatschen) und im Ergebnis eine eher schwache Partie des Peruaners.

Besser war dagegen Youngster Son. Der Südkoreaner begann bärenstark, tauchte eine ganze Weile ab aber war an fast jeder gefährlichen Szene beteiligt. Addiert man seine zwei Tore hinzu bleibt unter dem Strich ein starkes Spiel auf der linken Seite, die er sich mit Zé Roberto teilte. Der Brasilianer, der erneut auf der ungeliebten Linksverteidigerposition auflief, enttäuschte dagegen. Einem guten Sololauf standen heute etliche unnötige Ballverluste und ein ungewohnt schwaches Zweikampfverhalten entgegen. Ich weiß nicht, was mit Zé heute los war, aber das wirkte schon sehr müde, fast lustlos.

Trotzdem möchte ich diesen ob der Niederlage natürlich enttäuschenden Nachmittag positiv beschließen. Denn neben Besic und Son konnte heute noch ein dritter Junger überzeugen. Und zwar Tunay Torun. Der Deutschtürke steuerte beim 3:0-Erfolg der U23 gleich zwei Treffer bei und untermauerte seine gute Form.

In diesem Sinne: Kopf hoch, HSV!

18.22 Uhr