Tagesarchiv für den 19. November 2010

Aus der Not eine T(J)ugend machen

19. November 2010

So blöd es bei der prognostizierten Ausfallzeit von acht Wochen auch klingen mag, Joris Mathijsen hat noch Glück gehabt. Ich hatte mich mit einem ehemaligen HSV-Arzt über die Bilder unterhalten, wie Mathijsen gegen die Türkei umgeknickt war, und auch der studierte Mediziner hatte einen Knöchelbruch befürchtet. Sein O-Ton: „Wenn da nichts am Knochen ist, kannst Du auch das Pech haben, dass sämtliche Bänder durch sind.“ Dem ist nicht so. Es sind „nur“ zwei Bänder gerissen. Ob Joris jetzt operiert wird, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Klar ist aber, dass die Hinrunde für ihn gelaufen ist.

Und mit Muhamed Besic steht der Nachfolger bereit. Obwohl auch der junge Bosnier kurz um seinen Startplatz zittern musste, als sich Guy Demel zum Abschlusstraining plötzlich auf den Trainingsplatz begab. Allerdings dauerte es keine zwei Minuten und keine zwei Sätze von Co-Trainer Reiner Geyer, da war der Ivorer wieder verschwunden. Und obwohl sich Veh nicht zu dem Vorfall äußern wollte scheint klar, dass hier Ärger ins Haus steht. Schließlich hatte auch der HSV via Pressemitteilung bereits Demels Ausfall verkündet.

Und ich frage mich ganz ehrlich, was Demel wollte. Er verletzt sich in Dortmund und wird zehn Minuten vor Schluss ausgewechselt. Verletzt (!) wohlgemerkt. Und so angeschlagen wie er ist, reist er zwei Tage später zum Länderspiel und spielt über die volle Distanz von 90 Minuten! Wäre er heil zurückgekehrt, hätte vielleicht niemand etwas gesagt. Aber stattdessen klagt er seither über Achillessehnenprobleme. Am Donnerstag fiel er damit aus, auch heute scheint er dem Trainerteam vor der Einheit keine Besserung signalisiert zu haben. Und ganz ehrlich: sein Platzverweis von Geyer ist letztlich nur die Krönung von Guys bisheriger Saison.

Aber gut. Reden wir lieber über die, die mit nach Hannover reisen. Über die, die endlich wieder einen Dreier einfahren sollen. Und über die möglichen Startelfformationen. Denn die haben seit heute eine neue Variante. Ich hatte ja schon geschrieben, dass Änis Ben-Hatira in den letzten Tagen im Training auffällig agierte. Heute bekam der 23-Jährige dafür seine Quittung – in der freundlichen Form einer Startelfnominierung. Zuerst agierte er beim taktischen Training auf links in der Viererkette, wechselte aber bereits nach einer Minute mit Zé Roberto wieder ins Mittelfeld. Ob Veh ihn von beginn an spielen lassen will? „Es kann sich noch etwas ändern. Aber Änis hat die Woche über sehr gut trainiert“, lobte ihn Veh.

Und so sah es aus: Ben-Hatira spielte rechts neben den beiden Sechsern Trochowski und Jarolim, während Pitroipa auf der linken Mittelfeldseite agierte. Davor ließ Veh heute mit zwei Spitzen, Paolo Guerrero und Mladen Petric üben. Gut möglich erscheint allerdings, dass Ben-Hatira durch Heung Min Son ersetzt wird, der mit den restlichen Reservisten (Ruud van Nistelrooy, Robert Tesche, Eljero Elia, Maxim Choupo Moting, Tom Mikkel und Lennard Sowah) auf der zweiten Platzhälfte trainierte.

Dazu ließ Veh Tomas Rincon hinten rechts spielen. Und Muhamed Besic startet, wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert, neben Heiko Westermann in der Innenverteidigung. Wobei ich wirklich sehr gespannt bin. Auf der einen Seite ist Muhamed mit 1,80 Meter und gerade 77 Kilogramm körperlich für einen Innenverteidiger sicherlich nicht optimal. „Aber ich spiele mit Auge, gerade weil ich körperlich zu leicht weggeschoben werden kann“, sagt er selbst.

Ich muss wiederholt zugeben, der Junge imponiert mir. Heute saß er bei uns in der Presserunde und wurde mit Fragen ohne Ende bombardiert. Und Besic saß da, antwortete ruhig und gewählt. Er versuchte seine Nervosität zu überspielen. Was unnötig ist. Denn es ist eine Nervosität, die dazugehört. Immerhin steht er nach seiner Bundesligapremiere in Dortmund, seinem ersten Länderspieleinsatz (zehn Minuten gegen die Slowakei) auch vor seinem Startelfdebüt. „Ich werde versuchen, mir keinen Kopf zu machen“, sagt Besic. Das sei der Tipp seiner Mannschaftskameraden gewesen.

Ich wollte wissen, ob er wirklich so cool ist, wie er tut. Muahmed grinste leicht verlegen und gab zu: „Grundsätzlich ist das vielleicht eine Stärke von mir. Aber ich bin mir sicher, dass die Aufregung noch kommt. Aber es wäre auch komisch, wenn nicht.“

Besic’s Stärken liegen allerdings nicht nur in seinem Gemüt, sondern auf dem Platz auch eindeutig im fußballerischen Bereich. Der Bosnier, der vor 18 Monaten aus Berlin ins HSV-Internat wechselte, besticht durch kluges Aufbauspiel. Genau mit dem, was diesem HSV bisher etwas abging. Zudem ist Besic eher der Typ Instinktfußballer. Er ist kein Sprinter, aber er antizipiert gut.

Im Übrigen: Daher ist mir die Kombination mit Westermann auch fast noch lieber als die mit Mathijsen. Denn Joris, seine Konstanz in allen Ehren, ist auch kein Sprinter. Beide zusammen könnten läuferisch gegen quirlige Spieler wie jetzt Hannovers Didier YaKonan arge Schwierigkeiten bekommen. Deshalb setze ich darauf, dass Westermann den Abräumer spielt, seine Zweikampf- und Laufstärke einbringt und damit wenns nötig wird den einen oder anderen Fehler seines jungen Nebenmannes ausbügelt und Besic mit dieser Sicherheit im Rücken seine spielerischen Stärken entwickelt. „Ich werde mein Bestes geben“, sagt Besic, „auch wenn sicherlich noch nicht alles klappen wird.“

Gut möglich. Besic wird in Hannover der Spieler auf dem Platz sein, dem alles verziehen wird, was nicht so gut läuft. Das haben ihm seine Kollegen schon mitgeteilt. Auch Trainer Armin Veh. Besic soll nach Son und vielleicht ja auch mit Ben-Hatira zusammen stellvertretend für einen möglichen Umbruch stehen. Und dazu gehört Zeit. Dazu gehört Geduld. Mehr als man beim HSV zuletzt hatte. Das weiß auch Veh. „Wenn wir keine Ergebnisse liefern, interessiert sich später keiner dafür, wie das zustande gekommen ist.“ Da hat er wahrscheinlich Recht. Trotzdem freue ich mich, dass der Trainer den Mut hat, jetzt seine Jungen reinzuwerfen. Vielleicht entsteht ja so aus der Not eine T(J)ugend.

Zudem darf die Zahl von zehn Verletzten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bank wieder außerordentlich gut besetzt ist. Da sitzen talentierte Fußballer wie Choupo-Moting, wahrscheinlich Son sowie Ruud van Nistelrooy und Eljero Elia, die zwar noch nicht bei 100 Prozent sind, aber allemal das Zeug haben, auch nach einer Einwechslung ein Spiel allein zu entscheiden. Veh hat ein paar Asse in der Hinterhand.

Vielleicht entwickelt sich so endlich eine Mannschaft. Die schwierige Situation zum eigenen Vorteil nutzen, hatte Veh seine Hoffnung formuliert. Und er hat ein klares Zeichen gesetzt, nicht auf Biegen und Brechen seine alte Garde aufzubieten. Egal wie angeschlagen sie ist. Leidtragender war diesmal Guy Demel. Hoffentlich mit der richtigen Wirkung. Zum Wohle der Mannschaft. Zum Wohle des Vereins. Und zu unserer Freude.

Mit folgender Startel: Drobny – Rincon, Besic, Westermann, Zé Roberto – Ben-Hatira (Son), Jarolim, Trochowski, Pitroipa – Guerrero, Petric.

In diesem Sinne: Nur der (große) HSV!

18.35 Uhr