Tagesarchiv für den 17. November 2010

Wider die Ratlosigkeit – Typen sind gefordert

17. November 2010

Da saß er nun. Und er gab sich Mühe. Wie zuletzt eigentlich immer. Und ähnlich erfolgreich wie auf dem Platz, wusste Piotr Trochowski auch heute viele Fragen trotz des unüberseh(-hör)baren Versuches nicht zu beantworten. Im Gegenteil, der Mittelfeldspieler gab sogar offen zu, dass die Mannschaft ziemlich ratlos sei. Nicht, was vielleicht einige jetzt denken mögen, weil der Trainer sie nicht mehr erreicht. Nein. Vielmehr liegt es an der Mannschaft. „Wir haben momentan einen schlechten Flow“, sagt Troche. Sie hätten eben einen Lauf auf dem Platz, der sie entweder überragen oder eben untergehen ließe. „Wenn wir gut spielen, spielen wir uns in einen kleinen Rausch, ohne zu wissen, warum. Spielen wir aber nicht so gut, ziehen wir uns nicht mehr hoch. Weil wir nicht wissen, warum nichts geht.“

Ein hartes Zeugnis. Und ein ehrliches. In Dortmund sei die Mannschaft hoch motiviert ins Spiel gegangen. „Vor der Partie sind immer alle heiß. Wir sind gut vorbereitet, wissen, was zu tun ist. Aber auf dem Platz setzen wir es eben einfach zu selten um.“ So habe man in Dortmund den Gegner permanent unter Druck setzen und selbst offensiv auftreten wollen. „Und das Gegenteil war der Fall. Wir machen einfach grundsätzliche Fehler – wie in Dortmund mit unserem Stellungsspiel. Und plötzlich hing Mladen als Spitze vorn völlig allein und in der Luft.“

Troche gibt die Ratlosigkeit, die auch uns alle bei den Analysen immer wieder umgibt, offen zu. Er alarmiert sogar: „Vorher läuft alles wie immer. Die Vorbereitung ist gut, alle sind auf ihre Aufgaben eingestimmt und die Anspannung ist da. Allerdings transportieren wir das nicht mehr mit aufs Feld. Bei uns ist es enorm emotional, dass wir den Schalter einfach nicht mehr umlegen können. Plötzlich bricht bei uns dann alles zusammen und wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen.“ Ob die Mannschaft denn keinen echten Leader in der Mannschaft hätte, der den Weg vorgibt, wollte ich von ihm wissen. „Bei uns sind das viele. Einen einzelnen, wie sich die Leute das immer gern vorstellen, gibt es nicht. Bei uns nicht – und auch sonst gibt es solche Typen immer weniger.“

Dabei wimmelt es beim HSV nur so von erfahrenen Spielern. Selbst Trochowski in seinem sechsten Jahr beim HSV darf als ein solcher gewertet werden. Dazu noch so große, gestandene Spieler wie Frank Rost, Mladen Petric, Zé Roberto und allen voran Ruud van Nistelrooy. Und keiner fühlt sich in der Verantwortung. „Doch“, sagt Trochowski, und spricht wahrscheinlich den Hauptgrund der Misere an, „alle sollten Verantwortung übernehmen. Da muss man sich auch mal anbieten und unbequeme Situationen annehmen.“ Er selbst habe es versucht, wolle aber nicht über andere urteilen. Das stünde ihm nicht zu, sagt Trochowski. Allerdings wird klar, dass beim HSV zu viele Spieler ein bisschen Verantwortung übernehmen – aber keiner dabei ist, der vorwegmarschiert. Kein Effenberg, kein Breitner, kein Cruyff und schon gar kein Beckenbauer.

So ehrlich Trochowskis Worte auch sind, so alarmierend sind sie. Es fehlt Führung auf dem Platz, die Mannschaft agiert ohnmächtig – da fehlen gleich zwei elementare Bestandteile, die eine echte Gemeinschaft und somit eine wirklich gute Mannschaft ausmachen. Klar können wir jetzt sagen: Das haben wir doch schon die ganze Zeit gesagt, das haben wir doch gewusst. Aber ich denke dabei an den Trainer. Für den ist diese Situation kaum mehr zu lösen, ohne personell etwas zu verändern. Und das geht frühestens im Winter. Wenn ein Guter frei wird, was mehr als fraglich erscheint. Und wenn der HSV genug Geld hat, einen solchen zu kaufen. Was noch unwahrscheinlicher ist.

Auch deshalb war die immer wiederkehrende Antwort auf die Frage nach einem Weg aus der Krise: „Wir müssen uns in einen Rausch spielen!“ Nur wie soll das funktionieren, wenn die Mannschaft derart verunsichert auftritt? Verunsichert trotz der Erfahrung von Stars, die WM- und Champions-League-Endspiele hinter sich haben, trotz einer Mannschaft die zu 80 Prozent aus Nationalspielern besteht. Das kann nicht funktionieren. Es sei denn, die Mannschaft hangelt sich von einem Sieg zum nächsten und zieht allein aus den Erfolgen neues Selbstvertrauen. Dann kann es zumindest eine gewisse Zeit lang funktionieren.

Allerdings, und das bestätigt mich leider, das bestätigt auch viele von Euch und eben die Kritiker, die dem HSV bei der Kaderzusammenstellung immer wieder Vorwürfe machen: Das aktuelle Konstrukt HSV steht auf mehr als wackeligen Füßen. Dieser HSV ist ernsthaft gefährdet.

Und diesen Vorwurf muss sich der HSV selbst machen. Zum einen wegen der Kaderplanung. Zum anderen aber, weil sich die Spieler beim HSV gar nicht mehr entfalten dürfen. Und wagt es doch mal einer, wird von oberster Stelle abgestraft. Den Spielern, die mal dazwischenhauen, die sich mit unpopulären Aktionen streitbar machen aber so eben auch eine Form von Führung übernehmen wurden die Zähne gezogen. Und das Ergebnis ist eine mutlose Mannschaft, wo es im Training zwar oft sehr energisch ist, wo es aber nie kracht. Lasst es mich mal in Fußballdeutsch probieren: Da haut keiner den anderen um, um mal ein Zeichen zu setzen. Da werden dem einen oder anderen nicht die Leviten gelesen. Weder ex- noch intern. Diese Mannschaft hat keine Reibung, Nicht mal hinter verschlossenen Türen, wie erzählt wird.

Dabei hatte ich gedacht, dass wenigstens mal ein Ruud van Nistelrooy dazwischenhaut. Der sympathische Niederländer hatte am Anfang seiner HSV-Zeit, als es nicht so lief, intern des Öfteren das Wort an die Mannschaft gerichtet. Er hatte Tunay Torun beim Euro-League-Spiel in Anderlecht in der Halbzeitpause sogar mal so lange fest angepackt, dass der Deutsch-Türke weinte. Das klingt böse, das klingt martialisch, es ist individuell betrachtet mit Sicherheit auch nicht immer richtig, aber es demonstriert den unbedingten Willen. Es demonstriert genau das, was diese Mannschaft nicht mehr zu wissen scheint: Dass man Spiele auch gewinnen kann, wenn man einfach mal (entschuldigt bitte meine Wortwahl!!) ein Arsch auf dem Platz ist und alles dem Erfolg der eigenen Mannschaft unterordnet. Wenn man dem Gegner mal 90 Minuten lang demonstriert, dass für ihn gegen diesen HSV an genau diesem Tag nichts, aber auch rein gar nichts zu holen ist. Zumindest nicht, ohne dafür einen wirklich teuren Preis zu bezahlen…

Und jetzt kommt Hannover. Besser: es geht für unseren HSV nach Hannover. Zum „kleinen HSV“ wie man den Hannoverschen Sportverein von 1896 e. V. in als Hamburger HSV-Fan gern nennt. Ein Pflaster, auf dem sich der HSV bislang nahezu immer schwer tat. Nur zwei Siege gelangen dem HSV in den letzten zehn Partien beim „kleinen Namensvetter“, der zuletzt nach einer herben 0:4-Niederlage daheim gegen Borussia Dortmund beim letztwöchigen Tabellenzweiten in Mainz gewinnen konnte. „Aber Hannover ist kein Angstgegner“, sagt Trochowski, „ganz ehrlich nicht. Wir wissen, dass wir in Hannover gewinnen müssen.“

Nicht dabei sein wird Frank Rost, der gestern wieder pausierte und ein separates Aufbautraining absolvierte. Für ihn steht Jaroslav Drobny erneut im Kasten. Ob sein Einsatz schon definitiv sei? „Fragen sie den Trainer. Ich bin bereit.“ Dafür sagte der Tscheche sogar ein Länderspiel in Dänemark ab. „Ich wäre hinter Petr Cech nur die Nummer zwei und habe zum Nationaltrainer gesagt, dass ich nicht komme, wenn ich nicht auch spiele.“ Eine Entscheidung, die Tschechiens Nationaltrainer Michal Bilek akzeptierte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich in Hamburg um die Nummer eins kämpfen will. Und er hat mich verstanden.

Trainer Armin Veh indes nicht. Zumindest hatte der ja klar gesagt: „Wenn Frank wieder gesund ist, ist er wieder die Nummer eins. Und dazu stehe ich.“ Worte, die Drobny mit einem Achselzucken zur Kenntnis nimmt. „Im Fußball kann sich alles ganz schnell ändern.“

Das hofft auch Eljero Elia, der im Training weiter sehr überzeugende Arbeit abliefert. Und auch zwei junge Spieler machten heute bei dem durch Länderspielabstellung arg dezimierten Mannschaftstraining auf sich aufmerksam: Tunay Torun und Änis Ben-Hatira. Besonders Letztgenannter wusste mit Einsatz und technischen Kabinettstückchen beim Abschlussspiel zu gefallen. „Ich bin froh, bei den Profis mitmachen zu können“, so der Offensivspieler, „aber ich habe Geduld und warte auf meine Chance.“ Vernünftige Worte eines einst überzogen selbstbewussten Spielers, der als Beispiel herangezogen werden darf, wenn es um die Bestätigung der These geht, dass Reibung erzeugende Worte nicht aus jedem Mund auch ihre gewünschte Wirkung erzielen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass sich beim HSV endlich die Spieler wieder aus ihrem (verordneten?) stillen Kämmerlein hervorwagen. Ich hoffe darauf, dass sich ein Ruud van Nistelrooy hervortut. Spielerisch wie als Leader. Und ich hoffe darauf, dass sich ein Frank Rost wieder traut. Denn bevor der Vorstand der halben Mannschaft und vor allem ihm in den letzten 18 Monaten immer wieder über den Mund gefahren ist, hatte die Mannschaft deutlich mehr Profil. Und das braucht eine Mannschaft, um Erfolg zu haben. Darauf hoffe ich.

Nur der (große) HSV!

17.45 Uhr

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