Tagesarchiv für den 16. November 2010

Elia wie in besten Tagen

16. November 2010

Kommt ein älterer Herr mit grauem Schnauzbart zum Training. Zu seinen Füßen ein Hund, und dieser trägt einen ganz dicken Knüppel im Maul. Der Knüppel war in etwa so dick wie Pitroipas rechtes Bein (hat „Devildino“ spontan gesagt). Und das Herrchen herrschte seinen Hund an: „Wenn die hier wieder nicht laufen, dann werde ich die mit dem Knüppel verdreschen . . .“ Musste er nicht, denn die HSV-Profis liefen. Morgens bei zwei Spielchen, nachmittags, in der zweiten Schicht, ohne Ball. Es wurde und es wird also etwas getan, im Volkspark, um sich bestens auf das Sonnabend-Spiel bei Hannover 96 zu präparieren. Und sollte einmal Bedarf sein, würden sicher einige Trainingskiebitze noch einmal nach dem Hund mit dem Knüppel im Maul rufen.

Erst die Aufwärmphase, dann ein wenig Ballarbeit, dann das erste Spiel. Und das gab es noch nicht so oft zu sehen. Es lief unter der Regie von Michael Oenning wie folgt: Sieben gegen sieben wurde gespielt, und zwar auf einem Viertel des Platzes. Ein Team spielte mit Tom Mickel, Lennard Sowah, Ruud van Nistelrooy, Robert Tesche, Piotr Trochowski, Heung Min So und Paolo Guererro gegen Jaroslav Drobny, Ze Roberto, David Jarolim, Eljero Elia, Tomas Rincon, Änis Ben-Hatira und Tunay Torun. Das Besondere daran: Auf Höhe Mittellinie gab es eine markierte Zehn-Meter-Linie (von rechts nach links), und in dieser Zone wartete jeweils eine Spitze auf das Zuspiel der Kollegen. Diese Spitze stand dort einsam und verlassen, wurde auch nicht manngedeckt. Erhielt diese Spitze den Ball, so stand sie zwar allein vor dem Tor, doch sie durfte nicht auf das Tor schießen. Sinn der Übung war, dass die Kollegen nachrückten und sich anspielen ließen. Aufrücken war also das Stichwort. Genau das hatte in Dortmund zuletzt überhaupt nicht stattgefunden. Diesmal klappte es, wobei sich auf der einen Seite Ruud van Nistelrooy (durch seine herrlichen Abschlüsse) und auf der Gegenseite Eljero Elia hervortaten.

Ja, die beiden Niederländer waren zum ersten Mal wieder im Mannschaftstraining, und sie beeindruckten auf Anhieb. Wobei die „Matz-abber“ „Trainerglück“ und Devildino“ unisono feststellten: „Der beste Mann bei dieser Einheit war Elia.“ Dem war nichts hinzu zu fügen. Elia war unglaublich aktiv, er war schnell, trickreich und schoss wie in seinen besten Tagen. Als er im genau 10.56 Uhr sein erstes Tor, einen wunderschönen und knallharten Schrägschuss in die lange Ecke, unhaltbar für Tom Mickel, platzierte, da habe ich so für mich gedacht: „Elli ist am Sonnabend zu 100 Prozent im Kader für das Hannover-Spiel.“ Da waren schon mal wieder jene „Raketen-Ansätze“ zu erkennen, die Elia vor etwas mehr als einem Jahr zeigte und damit ganz Hamburg begeisterte. Er wirkt wie von einer Last befreit, er lachte viel, er hatte ganz offensichtlich Spaß an seinem Job – er wirkte auch ungehemmt. Da kommt doch Freude auf. Bleibt nur die Hoffnung, dass er das auch in den nächsten Tagen und Wochen bei den Spielen in der Bundesliga umsetzen kann. Und wird.

Im zweiten Spiel ging es darum, dass jeweils eine Mannschaft auf drei Tore – ein großes und vom Torhüter bewachtes, zudem zwei Ein-Meter-Tore links und rechts – spielte. Das Spielfeld wurde dazu noch einmal um etwa die Hälfte verkleinert, das bedeutete viele Ballkontakte und viele Zweikämpfe – und es ging tatsächlich hart und temporeich zur Sache. Kein Vergleich mehr mit dem Dortmund-Spiel, diesmal zeigten die Herren Leben. Tatsächlich. Die „Matz-abber“ an meiner Seite sind die Zeugen.

„Wenn ich keine Schmerzen mehr habe, dann kann ich auch Gas geben – und ich habe keine Schmerzen mehr“, sagte Eljero Elia nach dem Vormittag. Nach der Einheit ließ er sich zwar erneut behandeln, aber das hat in dieser Phase nur noch vorbeugende Wirkung. Elia sagt nämlich: „Zu 99 Prozent ist die Verletzung verheilt, ich habe keine Probleme mehr.“ Dann lobte der Flügelflitzer HSV-Reha-Trainer Markus Günther: „Er hat mich in den letzten Wochen super trainiert, viel im Wald gelaufen – jeden Tag dreimal. Das war gut.“ Motivieren muss Günther den Niederländer nicht, denn Elia sagt: „Ich habe mich selbst motiviert, wollte wieder mit der Mannschaft trainieren. Markus Günther hat mich nur gepiesackt, hat mich immer mit Holland gegen Deutschland angestachelt.“

Am Sonnabend will er in Hannover mithelfen, drei Punkte nach Hamburg zu holen. Er sagt: „Wenn der Trainer sagt, dass ich dabei bin, dann bin ich dabei.“ Mehr nicht? Will er denn nicht auch von sich unbedingt spielen? „Natürlich, natürlich, ich will immer spielen.“ Klingt gut. Sehr gut sogar. Wie schön wäre es, wenn Eljero Elia nun endlich sein wahres Können zeigen würde (und könnte) – und das möglichst an einem Stück bis zum Saisonende.

Für ihn, so sagt „Elli“ selbst, ist es jetzt ein Neu-Start beim HSV: „Mit dieser Mannschaft ist noch alles drin, man kann noch alles gewinnen, aber man kann auch alles verlieren. Wir müssen nur mental stärker werden, und wir müssen mehr mit Herz spielen. Manchmal sah es so aus, als spielten wir nicht mit dem Herzen, darüber haben wir uns auch in der Kabine unterhalten.“ Was für ihn denn Fußball mit Herz bedeuten würde? Elia: „Wenn man extra Meter macht. Zum Beispiel Ruud van Nistelrooy, der als einzige Spitze auch viel nach hinten arbeitet und viele Zweikämpfe gewinnt.“ Elia will seinem Team in Zukunft helfen, und zwar mehr durch Taten auf dem Rasen als durch Worte: „Ich sage zwar auch hin und wieder etwas, aber da gibt es andere Spieler, die mehr sagen. Ich möchte nur, dass der HSV wieder international spielt.“

Und wenn nicht? Sollte das nicht klappen, würde er dann Hamburg verlassen? Elia: „Wir müssen abwarten. Darüber müssen wir uns später unterhalten.“ Immerhin führt er an: „Ich bin ja auch in dieser Saison beim HSV geblieben, ich bin glücklich hier zu spielen.“ Aber es gab ja auch den Vertrag, der einst geschlossen wurde. Der hat ganz sicher auch dafür gesorgt, dass Elia hier geblieben ist. Oder? Er sagt: „Ich hätte ja auch Probleme machen können, zum Beispiel als der VfL Wolfsburg mich haben wollte. Für den HSV wäre es dann ja auch vielleicht besser gewesen, mich zu verkaufen, als mich als unzufriedenen Spieler zu halten . . .“

Schnee von gestern. Heute soll und will Elia nur noch Gas geben. Und damit könnte er am besten schon am Sonnabend beginnen. In Hannover schaffte er übrigens vor einem Jahr sein erstes Kopfballtor. Mach’s noch einmal, Elli.

Noch nicht ganz so weit wie Eljero Elia ist in diesen Tagen Tunay Torun. Obwohl auch er von Markus Günther auf das Mannschaftstraining vorbereitet wurde. Der junge Türke mischt nach seinem Kreuzbandriss im Training zwar schon wieder tüchtig mit (Armin Veh lobend: „Er ist ein frecher Hund!“), aber er ist noch lange nicht so weit, um ein Bundesliga-Spiel von Beginn an bestreiten zu können. Torun hat vier Kilo abgenommen, wirkt beweglicher, aber er sagt auch, dass er immer noch ein bisschen Angst bei einigen Zweikämpfen hat. Erst einmal will er sich Spielpraxis in der Zweiten holen, und für die hat er ja auch zuletzt gegen Havelse ein Tor erzielen können. Er sagt rückblickend: „Ein wunderschönes Gefühl für mich.“

Torun ist schmerzfrei, er fühlt sich gut, aber er will auch nichts überstürzen: „Ich weiß, dass ich noch nicht bei 100 Prozent bin, aber ich mache mir keinen Druck, ich will nichts kaputt machen.“ Armin Veh hat ihn für sein Regionalliga-Tor am Sonnabend gelobt, aber ein Gespräch wurde zwischen dem Coach und dem Stürmer noch nicht geführt: „ich denke, dass das in den nächsten Wochen einmal kommen wird.“ Auch schon deshalb, weil am Saisonende der Vertrag zwischen Torun und dem HSV auslaufen wird. „Ich bin glücklich, hier beim HSV zu sein, aber wie es konkret weiter geht, das weiß ich nicht. Abwarten. Gas geben, 100 Prozent haben, dann wird man sehen“, sagt Tunay Torun.

Übrigens: Marcell Jansen, Jonathan Pitroipa, Collin Benjamin und Eric-Maxim Choupo-Moting liefen an diesem Vormittag gemeinsam durch den Volkspark, am Mannschaftstraining nahmen sie nicht teil. Derweil war wenigstens Frank Rost wieder am Ball. Er trainierte allerdings noch separat mit Torwarttrainer Ronny Teuber. Von Dennis Aogo war – leider – erneut nichts zu sehen.

Am Mittwoch wird im Volkspark um 10 Uhr trainiert, danach folgen am Donnerstag und Freitag zwei 15-Uhr-Einheiten. Und am Sonnabend dann noch einmal drei. Drei Punkte. Ab 15.30 Uhr.

17.56 Uhr

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