Tagesarchiv für den 15. November 2010

Veh: “Wir haben drei Punkte zu wenig”

15. November 2010

Um den Abend mit einer weiteren Hiobsbotschaft zu beginnen: Gojko Kacar fällt höchst wahrscheinlich für den Rest der Bundesliga-Hinrunde aus. Die Verletzung des serbischen Nationalspielers aus der Partie bei Tabellenführer Borussia Dortmund erwies sich nach einer Kernspintomographie wie erwartet als Bänderriss im rechten Sprunggelenk. Der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler muss mindestens vier Wochen pausieren. Damit verschärft sich beim HSV die Personalnot weiter. Derzeit fehlt der Veh-Truppe ein halbes Dutzend Stammspieler, unter anderem Torhüter Frank Rost, Torjäger Ruud van Nistelrooy, Marcell Jansen (der auch in dieser Woche noch pausieren wird), Dennis Aogo und Eljero Elia. Rost, van Nistelrooy und Elia aber könnten bereits an diesem Dienstag bereits wieder einsteigen, ausgeschlossen ist das jedenfalls nicht.

Es wäre wahrscheinlich sehr hilfreich für den HSV.

Für Jaroslav Drobny aber könnte es bedeuten, dass er seinen Platz zwischen den Pfosten schon am Sonnabend wieder wird räumen müssen. Trainer Armin Veh hatte in den letzten Wochen bereits mehrfach Frank Rost als Nummer eins bestätigt, und so bleibt es natürlich auch. Veh: „Wenn ich etwas sage, dann stehe ich auch dazu.“ Der Coach lobte Drobny aber auch noch einmal: „An ihm lag es am wenigsten, er hat seine Sache ordentlich gemacht. Er hat auch keinen unsicheren Eindruck gemacht.“

Kein Herz, keine Leidenschaft? Nach der desolaten Vorstellung in Dortmund hatte Armin Veh seiner Mannschaft allerhand Vorwürfe gemacht. Völlig zu recht, ganz nebenbei. Heute stellte Veh aber klar: „Das habe ich anders gemeint. Mit Herz meinte ich auch, dass ich nach vorne gehe, dass ich mit dem Ball nach vorne gehen will und das Spiel auch gewinnen will. Das meinte ich mit Herz. Denn in Dortmund wäre für uns sehr wohl etwas möglich gewesen.“ Dann ergänzte Veh noch: „Bei aller Disziplin, die wir hinten gezeigt haben, und wir haben ja erste Halbzeit nichts zugelassen, haben wir einfach nicht das Herz gehabt, vor den Ball zu kommen, wenn wir in Ballbesitz waren. Ich habe den Eindruck, dass wir immer nur daran denken, dass wir hinten nichts rein bekommen, aber wir haben dann nicht das Herz, aus der sicheren Defensive nach vorne zu spielen. Wir haben einfach viel zu mutlos nach vorne gespielt, und das will ich einfach nicht sehen. Wir haben alle hinter dem Ball gestanden, aber nach vorne nichts versucht.“ Genau das war das Trostlose an diesem Spiel – aus HSV-Sicht.

Der HSV-Coach ist in diesen Tagen und Stunden auf Ursachenforschung. Warum verliert der HSV? Veh hat wohl einige Erklärungen dafür. Eine ist die: „Wir haben vielleicht auch die Angst, dass wir dieses Spiel verlieren könnten, anstatt zu denken, dass wir dieses Spiel unbedingt gewinnen wollen. Wenn ich aber nur einmal in 90 Minuten auf das Tor schieße, dann ist das zu wenig. Viel zu wenig. Wir hätten zeigen müssen, dass wir dem Gegner auch einmal wehtun wollen, aber wir haben es nicht getan. Obwohl wir es könnten, denn wir haben doch die Qualität. Davon bin ich nach wie vor total überzeugt, wir haben die Qualität, selbst dann, wenn uns viele Spieler verletzt fehlen.“

Dann ging Veh sogar noch ans „Eingemachte“, indem er zugab: „Ich habe der Mannschaft extra zwei Tage freigegeben, weil ich auch für mich Ruhe haben wollte, um dieses Spiel noch einmal ganz genau zu analysieren. Unmittelbar nach dem Spiel stehe ich noch unter einem ganz anderen Einfluss, auch nach dem Spiel will ich dieses Spiel immer noch gewinnen. Mich kotzt es dermaßen an, wenn wir ein Spiel gewinnen könnten, es aber nicht tun. Und ein HSV-Sieg wäre an diesem Freitag in Dortmund möglich gewesen, denn so gut war der Tabellenführer am diesem Abend nicht . . .“

Armin Veh voller Emotionen. Er, der während der 90 Minuten meistens ganz ruhig an der Außenlinie sitzt (Kritiker meinen zu ruhig!), kaum einmal spontan aufspringt um etwas zu bemängeln, zu kritisieren oder umzustellen und zu ändern, steht unter Strom. Die bisherige Saison stimmt auch ihn natürlich nicht zufrieden, aber zur letzten Niederlage seines Team befindet der Trainer abschließend: „Dortmund ist jetzt vorbei, das kann ich nicht mehr ändern. Dieses Spiel muss ich aufarbeiten für mich, ich muss es analysieren, und dann muss ich einen Weg finden, dass wir einen künftigen Gegner dominieren können.“

Veh stellt sich dann in seinen weiteren Ausführungen selbst vor die Frage „Aber wie kommen wir dorthin? Dorthin, dass wir einen Gegner dominieren? Und dementsprechend viele Torchancen heraus zu spielen, um letztlich das Spiel zu gewinnen. Wie kommen wir dorthin? Jetzt kommt Hannover 96 als Gegner. Da sage ich, dass wir in dieses Spiel selbstbewusster hinein gehen müssen. Und nicht immer daran denken, was wir verlieren könnten, was wir alles wieder schlecht machen können. Dass man daran denkt, was wir alles gut machen können, und das wir nach wie vor noch eine gute Saison spielen können. Das ist mein Weg, den ich jetzt gehe.“ Diese Sätze sagte uns heute Armin Veh in einem längeren Gespräch. Der Coach denkt nur noch an Hannover, er hat Dortmund schon abgehakt – und um es mit „Olli“ Kahn zu sagen: „Weiter, weiter, weiter – es geht immer weiter.“

Zwei Drittel der Saison steht dem HSV noch bevor. Wohin führt der Weg? Nach oben? Nach unten? Oder bleibt der Dino im grauen Mittelmaß? Armin Veh sagt: „Im Prinzip haben wir jetzt drei Punkte zu wenig. Wenn mir einer vor der Saison gesagt hätte, dass wir 21 Punkte nach zwölf Spieltagen hätten, dann hätte ich das unterschrieben. Weil ich auch weiß, dass die Konkurrenz entsprechend stark ist. Dass Dortmund so weit weg ist, ist ja nicht normal. Aber mit 21 Punkten wären wir drei Punkte hinter dem Tabellenzweiten, das wäre dann ganz okay.“

Die Knute will der Coach trotz der bisher nicht gerade gut verlaufenden Saison nicht herausholen. Er sagt: „Ich halte nichts von solchen extremen Sachen. Ich mache jetzt 20 Jahre diesen Job, immer wenn ich solche extremen Dinge gemacht habe, dann haben sie nichts gebracht, rückblickend ist es wirklich so, dass so etwas keinen Sinn macht. Ich glaube schon, dass man eine gewisse Sachlichkeit braucht, um Dinge wieder zu ändern.“ Ein anderes Extrem wäre aber auch, wenn sich die Mannschaft zu schnell in ihr Schicksal ergeben würde. Motto: „Wenn es heute nichts mit einem Sieg wird, dann eben beim nächsten Mal“. Kommentar Veh: „In Harmonie zu verlieren, das ist zum Kotzen. Wenn sich nach einem verlorenen Spiel jeder in den Armen liegt, dann kotzt mich das nur an. So bin ich, so werde ich immer sein, das werde ich auch nie ändern, selbst wenn ich 70 Jahre alt bin würde ich noch so denken. Ich ärgere mich maßlos, wenn ich sehe, dass wir ein Spiel verlieren, das wir eigentlich hätten gewinnen müssen.“

Zur allgemeinen Situation in der Liga fügt Veh noch in einer Art Selbsttrost an: „Wenn man sieht, wer da alles in der Krise steckt: Werder, Schalke, Stuttgart, Wolfsburg. Die stehen doch auch nicht besser als wir, haben aber auch ein riesiges Potenzial . . .“

Das stimmt. Leider. Leider deswegen, weil der HSV auch in diesen Regionen (langweiliges Mittefeld) herumhängt. Aber das muss eben wieder geändert werden. Sofort. Jetzt. Die Spieler müssen sich ändern, müssen sich eine andere Mentalität zulegen. Was leicht zu schreiben (und zu fordern) ist, aber wie soll das gehen? Und wer hilft den Spielern dabei? Etwa ein Psychologe? Den lehnt Armin Veh strikt ab: „Ich bin der Trainer dieser Mannschaft, ich bin dafür verantwortlich, ich bin gut bezahlt, das ist mein Job.“ Er will den Spielern wieder Freunde und Spaß am Spiel vermitteln, daran soll jetzt verstärkt gearbeitet werden. Der Druck soll minimiert werden.

Das alles ließe sich sogar noch bewerkstelligen. Dazu könnten viele Gespräche beitragen, auch Erfolgserlebnisse im Training. Nur, und das habe ich Armin Veh in diesem Gesprächskreis auch entgegnet, die fehlende Schnelligkeit einiger seiner Spieler, die lässt sich wohl kaum noch durch ein noch so intensiveres Training beheben. Der Trainer dazu: „Dafür bin ich jetzt nicht da, um zu sagen, was wir alles nicht können . . .“ Natürlich, das ist ja nachvollziehbar, aber diese Defizite, die in dieser Saison wieder einmal überdeutlich zu Tage treten, regen eben viele HSV-Fans enorm auf. Und genau diese Dinge haben eben nichts – oder nicht nur – mit Armin Veh zu tun. Wer ist an dieser HSV-Mentalität nicht schon gescheitert – als Trainer? Es waren hier in Hamburg doch nicht alles nur Nichtskönner am Werk!

Und wie war das im Sommer 2010? Hat Armin Veh nicht auch von einem HSV geträumt, der wie Phönix aus der Asche aufsteigt? Bei dieser so guten und auch namhaften Mannschaft. Der Trainer gibt zu: „Ich habe das Ziel ganz klar gehabt: Ich komme nach Hamburg und möchte mit dieser Mannschaft in den internationalen Wettbewerb, ganz klar. Das ist mein Ziel. Immer noch.“
Dann habe ich den Coach noch gefragt (in Anlehnung an meinen Beitrag vom Sonntag), ob es vorstellbar für ihn wäre, selbst die Brocken zu schmeißen. Veh: „Ich glaube nach wie vor an diese Mannschat, an die Qualität dieser Spieler. Wenn es so wäre, dass ich daran nicht mehr glauben würde, wenn ich der Meinung wäre, dass es hier etwas Neues geben muss, dann wäre ich keiner, der das nicht sagen würde. Wenn es Sinn machen würde, dann würde ich das auch sagen.“

Genau so schätzte ich Armin Veh von Beginn an ein. Der Mann ist geradeaus, bei ihm gibt es kein Herumgeeiere.

So, schnell noch einmal zum Schluss eine erfreuliche Nebensache: Die Gewinner der HSV-CD des NDR („Tooor für den HSV“), die die Hörfunk-Kollegen Claudia Hoogestraat und Lars Pegelow zusammengestellt haben, sollten heute bekannt gegeben werden, und sie werden natürlich auch bekannt gegeben. Zuvor sei aber noch einmal für die überragende Beteiligung gedankt, von Freitag bis heute liefen um die 350 Lösungen ein. Gefragt wurde nach Günter Netzer, wobei dieser Günter tatsächlich ohne „h“ geschrieben wird.
Gewonnen haben Marcell Neu aus Borgentreich, Karl-Heinz Dornieden aus Bokel und Achim Hälsig aus Elmenhorst. Herzlichen Glückwunsch. Die CD wird den Gewinnern in den nächsten Tagen per Post ins Haus kommen. Und eventuell bekommen wir „Matz-abber“ sogar noch ein, zwei oder drei nachgereichte Exemplare vom NDR (im Moment ist die erste Auflage schon fast vergriffen! – die würden dann natürlich auch weitere Gewinner finden, die ihre (richtige) Lösung ebenfalls abgegeben hatten.

PS: Vielfach werde ich aufgefordert, den einen oder anderen User, der hier einfach nur für Stunk sorgen will (und sorgt), zu sperren. Das würde nur nicht nützen, wie der Herr Architekt seit über einem Jahr eindrucksvoll beweist. Der als „Bruno Taut“ ans Werk gegangene „HSV-Fan“ schreibt inzwischen unter dem wohl 127. Namen. Ein Stehaufmännchen eben. Da würde nur die Registrierung helfen, aber bislang kämpfe ich darum noch vergeblich. Das sei allen schnell noch einmal gesagt, die sich schon intern beschwert haben.

Am Dienstag ist zweimal Training im Volkspark: 10 und 15 Uhr.

18.53 Uhr

Nächste Einträge »