Tagesarchiv für den 13. November 2010

So macht Fußballgucken keinen Spaß

13. November 2010

Ich gebe es zu, Fußball gucken macht keinen Spaß. Zumindest nicht heute. Nicht nach einem so enttäuschenden HSV-Spiel am Freitagabend. So schön und entspannt ich die Konkurrenz nach einem HSV-Sieg beobachte, so verstimmt bin ich jetzt. Nicht, weil in Dortmund verloren wurde. Das kann bei deren Formstärke passieren. Aber dieses kleine Fünkchen Hoffnung aus dem Hoffenheim-Spiel, dass sich diese Mannschaft fängt und eine Serie starten könnte – es wurde so brutal zerstört. Bonjour Tristesse…

Der HSV wird von seinen eigenen Schatten eingeholt. Es wurden namhafte Verstärkungen im Sommer geholt. Eingeschlagen hat bislang allerdings maximal Drobny. Große Namen? Ja! Eine große Mannschaft? Nein. Obgleich ich der Mannschaft den Versuch nicht absprechen will. Gelaufen sind sie. Sie waren sogar fleißig – zumindest ein Großteil. Aber genau in dieser Relativierung liegt das Fatale: Wenn wir uns schon darüber unterhalten müssen, ob die Mannschaft wollte oder nicht, dann ist es zu spät. Charakterfragen wurden gestellt. Fast schon wöchentlich. Und sie wurden beantwortet: Diese Mannschaft hat Charakter, das kann man ihr nicht pauschal absprechen. Aber dieser Anhäufung guter Namen fehlt die Siegermentalität. Kurz: diese Mannschaft hat zu wenig Eigenmotivation.

Und körperlich Probleme. Schon gegen Hoffenheim war deutlich geworden, dass dieser HSV zu langsam ist. Der Mannschaft fehlt es an Tempo. Zwar wurde das durch eine spielerisch sehr überzeugende zweite Halbzeit samt 2:1-Sieg kaschiert, aber die jungen Wilden aus Dortmund haben die alte Wunde, die alte Verletzbarkeit neu aufgerissen. Zu keiner Phase des Spiels wirkte es, als könne sich der HSV offensiv behaupten. Im Gegenteil: immer wieder musste bei den schnellen Kagawas, Barrios‘ und Co. Schlimmstes befürchtet werden. Ein Pitroipa (was das Tempo betrifft) allein reicht eben einfach nicht.

Das Fehlen schneller Spieler wie Eljero Elia, von dem man auch mal eine überraschende Eins-gegen-eins-Situation erwarten darf, macht sich deutlich bemerkbar. Dieser HSV war offensiv einfältig, ideenlos und ohne Esprit. Guerrero und Pitroipa (dem ich nach den letzten Wochen allerdings ein schwaches Spiel wie jetzt absolut zugestehe) waren nie als Stürmer unterwegs. Ich hatte das gestern schon erwähnt, aber ich habe mir den Gruselkick heute Mittag noch mal in Teilen angesehen. Ich wollte wissen, warum dieser HSV so ungefährlich war. Und ob es wirklich der letzte Schritt in die Mittelmäßigkeit war.

Und die Antwort macht mich nicht glücklich. Ein 4-3-3-System war es nur auf dem Papier. Im Spiel war es ein Petric vorn – und der war allein, ungefährlich und wirkungslos. Dahinter „arbeiteten“ Kacar, Trochowski, Guerrero, Pitroipa und Jarolim Bälle weg. Allerdings war keiner von ihnen in der Lage, offensiv gefährliche Szenen einzuleiten. Kreativität? Fehlanzeige.

Mehr als ein längeres Mithalten beim Tabellenführer war so nicht drin. Und diese Passivität hatte zur Folge, dass die erste Halbzeit so bitter langweilig war. Denn auch die Dortmunder wirkten lange Zeit nicht so frisch wie angekündigt. Klopps Ausraster mit dem 4. Offiziellen (die beiden standen Nase an Nase) war eher auf die eigene Unzufriedenheit zurückzuführen als auf die tadellose Leistung von Schiedsrichter Deniz Aytekin.

Aber bleiben wir bei unseren Problemen. Von denen haben wir leider mehr als uns lieb sein kann. Und dazu immer weniger Lösungsansätze. Deshalb mussten mal wieder die vielen Verletzten als Grund herhalten. Frei nach dem Motto: Daran liegt‘s, oder kannst Du mir das Gegenteil beweisen? Nein, kann ich nicht. Aber ich kann sagen, dass das ständige Erwähnen dieses Umstandes nie eine Lösung sein wird. Es wird immer nur ein Grund für den langsamen Abstieg sein.

Vielmehr muss die aktuelle Situation der Ansporn sein, in der Kaderzusammenstellung etwas Neues zu probieren. Denn dass ein Marcell Jansen und ein Collin Benjamin verletzungsanfällig sind, ist bekannt. Dass Elia noch immer nicht richtig fit ist, wussten alle schon vor Saisonbeginn. Ebenso musste einkalkuliert werden, dass ein Ruud van Nistelrooy immer wieder mal Pausen – ob vom Trainer gegeben oder von Verletzungen erzwungen – brauchen wird. Bleiben von den Verletzten nur noch Frank Rost, der durch Jaroslav Drobny gut vertreten wird, und Dennis Diekmeier, der als Backup für die Position des Rechtsverteidigers eingeplant worden war. Was also überrascht uns so? Nein, ganz ehrlich, die Verletzten sind als Erklärung zu einfach.

Und genau hier muss jetzt der neue Sportchef ansetzen. Ich bin kein Freund von populistischen Forderungen nach mehr Jugend, nur weil es in Dortmund und Mainz gerade mal ganz gut passt. Aber ich glaube, dass diesem HSV genau das fehlt. Zumindest auf dem Platz. Son zeigt immer wieder sehr gute Ansätze, Besic durfte in Dortmund ein trauriges Debüt feiern. Änis Ben-Hatira trainiert zwar mit den Profis, scheint aber keine ernsthafte Alternative zu sein. Dafür aber Eric Maxim Choupo-Moting, der vernünftig trainiert. Genau wie Tunay Torun, der für frischen Wind sorgen kann. Zumindest macht der Deutsch-Türke das seit einiger Zeit im Training.

Es wird aber so kommen. Dieser HSV wird auf Jugend setzen müssen. Müssen, weil die Verantwortlichen in den letzten Jahren vorfinanziert haben. Klubboss Bernd Hoffmann hatte vor dieser Saison noch mal die Kasse geöffnet, um die Kaderqualität teuer zu verbessern und den dringend notwendigen internationalen Wettbewerb zu sichern. Sollte dieser aber verpasst werden, müssen Einschnitte gemacht und Spieler verkauft werden. Das hatten Bernd Hoffmann, Bastian Reinhardt und Aufsichtsrats-Boss Horst Becker unlängst (mehrfach) zugegeben. Und dann wird der HSV schon aus wirtschaftlichen Gründen auf noch unbekannte, weil somit kostengünstige Talente bauen müssen. Ich kann nur hoffen, dass der HSV sein Scoutingsystem im Jugendbereich bis Saisonende optimiert hat. Er wird es nötig haben.

Und noch etwas ist klar: Es werden unruhige Tage und Wochen kommen. Das wird sich wohl kaum verhindern lassen. Die Mitgliederversammlung steht bevor. Dort werden viele wichtige Entscheidungen getroffen. Und, das hat die Vergangenheit gezeigt, je unruhiger die sportliche Situation, desto emotionaler sind eben diese Wahlen oft. Das wiederum erhöht nicht unbedingt die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende auch die vernünftigsten Lösungen gefunden werden. Da steht Politik und Egoismus dem Gesamtwohl nicht selten im Weg.

Aber genug gejammert. Egal wie, der HSV muss sich selbst heilen. Aus sich selbst heraus. Jetzt. Und dabei ist es unabdingbar, interne Missstände klar anzusprechen. Egal, welche Namen in diesem Zusammenhang genannt werden müssen, Armin Veh darf keine Kompromisse eingehen. Wer nicht mitzieht, wird ersetzt. Gnadenlos. Und wenn dies den Wechsel eines erfahrenen Paolo Guerrero gegen den jugendlichen Heung Min Son, Guy Demel gegen Muhamed Besic oder auch Mladen Petric gegen Eric-Maxim Choupo-Moting bedeutet – einen anderen Weg gibt es nicht. Nicht mehr. Das haben die bisherigen zwölf Bundesligaspiele deutlich gemacht.

Ich bin gespannt.

19.21 Uhr